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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

4. Sonntag nach Trinitatis, 09.07.2017

Predigt zu Genesis (1. Buch Mose) 50:15-21, verfasst von Hilmar Mencke

Es hegt ja da – wie man so sagt – recht menschlich zu in dieser Geschichte - gleich von Anfang an.

Man kennt ja die Erzählung über den jungen Josef, der kein sehr liebenswerter Junge gewesen zu sein scheint: Wir er mit seinen Träumen vor seinen älteren Brüdern angibt – mit den Träumen, die ihn so sehr herausheben aus seiner Familie, ihn „überheben“, an die Spitze setzen; so, dass alle sich vor ihm beugen müssen – alle, sogar der Vater. Ein unleidlicher Angeber und Prahlhans – jedenfalls in den Augen seiner Brüder – na, ja, in unseren wohl auch, wenn wir in ihrer Situation gewesen wären…

Aber, die Brüder sind ja nun auch nicht gerade Vorbilder: Es reicht ihnen nicht, Josef einen Denkzettel zu verpassen – sie wollen ihn loswerden, im Grunde beseitigen, umbringen, sterben lassen.

Daraus wird dann der verkauf als Sklave nach Ägypten – besser immerhin, aber auch nicht gerade ausgesprochen geschwisterliches Verhalten!

Nicht vorbildliches Tun, bestenfalls noch gerade so verständlich; sowohl Josef als auch seine Brüder.

 

Nehmen wir doch einmal diese Geschichten als eine Art Karikatur, in der – überspitzt – menschliche Verhaltensweisen gezeigt werden: Kennen sie dann nicht auch Beispiele aus ihrer, unserer Lebenswelt, die vertraut sind? Das gibt es doch: Den übertriebenen Stolz auf Gaben und Begabungen die ja wie die Wörter schon sagen, Geschenke sind und nicht Verdienst – angeboren und nicht erworben, einfach schon da und nicht verdient

Und das gibt es doch auch: Neid und Rachsucht, Hass gegenüber dem Erfolgreichen, Intrige…

 

Und auch in unserem eigentlichen Abschnitt der Geschichte geht es in ähnlicher Weise zunächst einmal „sehr menschlich“ zu: Erst die Not hat die Brüder wieder mit Josef zusammengebracht – und jetzt fürchten sie – sicher nicht ohne Grund – dass er ihnen heimzahlen wird, was sie ihm antaten.

 

Josef aber tut nichts dergleichen . Wie oft würde ich mir wünschen, dass mehr Menschen so handelten auch in unserer Zeit und in meiner Welt! Aber selbst dieses ausgesprochen Positive ist nicht der eigentlich springende Punkt in dem Geschehen. Es ist die Begründung: Da ist – trotz der Tränen – nichts von Rührseligkeit und Gefühlsduselei, kein Happy End mit dem Himmel voller Geigen.

Da ist auch nichts von – wie soll ich es sagen? – von Familienideologie, von „Blutsbanden“, von dem Blut, das sprichwörtlich dicker sein soll als Wasser.

Da spielt auch die Genugtuung über die Demütigung der Brüder keine Rolle – nicht das angeblich so süße Gefühl der Macht über die, die einen ihre Macht einst spüren ließen – nichts von “Erst wenn sie auf Knien zu mir kommen…“

Die Begründung liegt in einem kleinen, manchen vielleicht unscheinbar erscheinenden Satz:

„Stehe ich denn an Gottes Statt?“

Für mich der wichtigste, der entscheidende Satz in dieser Erzählung, trotz der sicher vielen anderen wichtigen Sätze – deswegen, weil er für mich einer der wichtigsten Sätze überhaupt ist, den Menschen denken und sagen können.

„Ihr werdet sein wie Gott“ – das war der Anfang allen Elends, der Anfang vom Verlust des Paradieses – diese ach so reizvolle Aussicht, die uns Menschen von Anfang unserer Existenz an in das treibt, was die Bibel „Sünde“ nennt. Und wenn es auch niemals ein Mensch je geschafft hat und schaffen wird, so zu sein wie Gott, haben Menschen es immer wieder versucht und so getan, als sei aus dem leeren Versprechen des Versuchers Wirklichkeit geworden: Sie haben Mitmenschen unterdrückt, zu Sklaven gemacht, ihnen Würde genommen und Leben; sie lassen Menschen und ganze Völker hungern und verhungern um des Profits willen; sie treiben Völker und Volksgruppen in Bürgerkriege und Kriege.

Und es zeigt sich auch dort , wo es uns wohl näher ist als das: Wenn Eltern ihren Kindern nicht die Möglichkeit geben, sich so zu entfalten, wie es ihnen eigentlich möglich und angemessen wäre, sondern sie zu formen versuchen nach ihrem eigenen Bild - und nicht dem Bild Gottes!

Wenn im Konkurrenzkampf der Mitbewerber, die Kollegin auf der Strecke beleibe, damit ich selber vorwärts komme.

Wenn Partner in einer Ehe nur sich selbst durchsetzen wollen. Immer wenn wir nur an uns selbst denken und wenn wir den negativen Gefühlen Raum geben und Neid und Hass Taten folgen lassen…

 

Sind wir wirklich frei davon, was wir bei anderen sehen?

„Stehe ich den an Gottes Statt?“ – anders gesagt: „Kann ich über Wohl und Wehe anderer entscheiden? Habe ich dazu ein Recht? Habe ich dazu überhaupt die Fähigkeiten?“

 

Die Antwort darauf kann eigentlich nur ein klares „Nein“ sein (Und dazu muss ich nicht erst die Erfahrung von „Bruce Allmächtig“ machen!) . Nein, ich bin nicht wie Gott, ich kann es nicht sein.

 

Da ist dann wohl das, was die Bibel mit einem leider so unmodern gewordenen Begriff „Demut“ nennt, das Gegenteil von dem, was die alten Griechen – auch ohne die Kenntnis des Willens des Gottes Abrahams und ohne das Wissen um Jesus Christus – „Hybris“ nannten – Selbstüberhebung, Überheblichkeit …

 

Und trotzdem – ob wir wollen oder nicht – können wir immer wieder in unserem Leben in Situationen kommen, vor Entscheidung gestellt werden, in denen unser Verhalten entscheidend wird für das Leben anderer. Da geht es dann nicht an, den Satz „Stehe ich denn an Gottes statt“ so zu interpretieren, dass daraus ein schulterzuckendes: „Gott wird’s schon richten“ wird – heutzutage meist noch lakonischer „Schicksal“!

 

Josef entzieht sich seiner Verantwortung ja auch nicht mit diesem Satz – er entscheidet, er tut etwas – etwas, das sich an seinem, Wissen um seinen Gott orientiert: „Fürchtet euch nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er redet freundlich mit ihnen und tröstet sie.

Er stellt sich nicht an Gottes Statt, aber er handelt so wie er seinen Gott kennt: Als den freundlichen, den liebenden, den Gott der Gnade und Barmherzigkeit – den Gott des Lebens.

Amen



Superintendent i.R. Hilmar Mencke
Cadenberge
E-Mail: hhfjmenke@aol.com

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