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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

4. Sonntag nach Trinitatis, 09.07.2017

Was ist Glück oder Unglück?
Predigt zu Genesis (1. Buch Mose) 50:15-21, verfasst von Marion Werner

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.

 

Liebe Gemeinde!

Ein Bauer hatte sehr mageres Land zu beackern, nur einen Sohn, der ihm half, und nur ein Pferd zum Pflügen. Eines Tages lief ihm das Pferd davon. Alle Nachbarn kamen und bedauerten den Bauern wegen seines Unglückes. Der Bauer blieb ruhig und sagte: "Woher wisst ihr, dass es Unglück ist?"

In der nächsten Woche kam das Pferd zurück und brachte zehn Wildpferde mit. Die Nachbarn kamen wieder und gratulierten ihm zu seinem Glück. Wieder blieb der Bauer ruhig und sagte: "Woher wisst ihr, dass es Glück ist?"

Eine Woche später ritt der Sohn auf einem der wilden Pferde und brach sich ein Bein. Nun hatte der Bauer keinen Sohn mehr, der ihm helfen konnte. Die Nachbarn kamen und bedauerten sein Unglück. Wieder blieb er ruhig und sagte: "Woher wisst ihr, dass es Unglück ist?" In der folgenden Woche brach ein Krieg aus, Soldaten kamen ins Tal, um junge Männer mitzunehmen, mit Ausnahme des Bauernsohnes, der ein gebrochenes Bein hatte. – soweit die chinesische Parabel „Was ist Glück oder Unglück?“

 

Eigentlich könnte man die Josefgeschichte, deren Ende unser Predigttext entnommen ist, genau unter diesem Titel zusammenfassen – was ist Glück oder Unglück? Josef ist der Lieblingssohn des Vaters - ein Glück. Er hat Träume, in denen sich vor ihm Sonne, Mond und 11 Sterne verneigen, also seine ganze Familie – große Zukunftsträume und Visionen – ein Glück, denn wer hat die schon. Doch seine Brüder sind eifersüchtig, die Träume schüren den Neid und sie verkaufen ihn als Sklaven an eine vorbeiziehende Karawane - Unglück. Dem Vater sagen sie, ein wildes Tier hätte Josef gefressen.

Josef wird nach Ägypten verkauft, ins Haus des Potifar. Und weil Gott sein Tun segnete, wurde er bald der Vertrauensdiener seines Herrn – Glück. Dadurch fiel er aber der Hausherrin auf, die gern mit ihm ein Verhältnis eingegangen wäre. Josef weigert sich und wird prompt des versuchten Ehebruchs beschuldigt. Er kommt ins Gefängnis – Unglück. Im Gefängnis trifft er den Mundschenk des Königs und seinen Bäcker. Ihnen kann er mit Gottes Hilfe Träume deuten - Glück – denn der Mundschenk erinnert sich an Josef, als der Pharao Träume hat. Josef deutet sie und wird zum wichtigsten Vertrauensmann des Pharao. Indem er in Ägypten gut wirtschaftet und in den 7 reichen Jahren Vorräte ansammelt für die 7 schlechten Jahre, kann er auch seine Vater und seine Brüder vor dem Hungertod retten. Bei jedem der Schritte Josefs könnte man fragen – Glück oder Unglück? Das was zuerst als Glück erscheint verwandelt sich bald in Unglück und umgekehrt, so wie in der chinesischen Parabel.

Es sind uralte Erfahrungen und Weisheiten die in solche Geschichten einfließen – Glück, das nicht lange währt, Unglück, das sich wenden kann. Die Besonderheit der Josefgeschichte, die mit ihrem Auf und Ab unserem eigenen Leben und Alltag nahe steht, ist die Treue Gottes. In guten und schlechten Zeiten steht Gott Josef zur Seite und führt zum Schluss alles zu einem guten Ende, so dass jeder merkt: all das war nötig, damit seine Großfamilie überlebt. „Gott hat mich vor euch her gesandt, damit ihr überlebt“ – sagt Josef seinen Brüdern (1Mose 45,5). Damit wird alles Glück und Unglück in Gottes großen Plan eingebaut, dessen Einzelheiten der Mensch nicht immer versteht, den Gott selbst aber zu einem guten Ende führt. Gott begegnet in der Joseferzählung als der, der in die Tiefen des Lebens mitgeht und immer wieder am Ende segnend und rettend erfahren wird. Der eben auch auf krummen Wegen gerade schreiben kann. Und von dem Paulus viel später sagen kann „Wir wissen, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen“ (Römer 8,28). Die Josefgeschichte ist eine die Mut macht und Gottvertrauen schenkt.

 

Nachdem der große Plan Gottes klar geworden war, sehen Josef und seine Familie alles in einem andern Licht. Alles ergibt plötzlich einen Sinn. Dennoch… Das Verhältnis zwischen den Brüdern musste gesondert aufgearbeitet werden. Denn den von den Eltern verwöhnten Josef als Sklave zu verkaufen, war unverzeihlich. Und das wussten die Brüder.

Der Moment der Aufarbeitung kam, als Vater Jakob starb. Jetzt bekamen Josefs Brüder es mit der Angst zu tun. Würde er sich nun an ihnen rächen?

 

TEXT: Genesis 50,15-21

 

Wieder suchen Josefs Brüder einen Ausweg. Die Lösung dieses Mal: sie schicken einen Boten zu Josef der ihn mündlich von einem Testament des Vaters in Kenntnis setzen sollte. Angeblich hatte der Vater als letzten Wunsch geäußert, Josef möge seinen Brüdern verzeihen! Die Brüder verstecken sich hinter der Autorität des Vaters und einem Mittelmann. Die Bindung an das Wort des Vaters sollte Josef wie in einer Schlinge einfangen und ihn den Brüdern gegenüber handlungsunfähig machen.

 

Wie reagiert Josef? Er sagt kein Wort. Er weint nur. Weil ihm ganz klar ist, was da abläuft. Schon wieder spielten seine Brüder ein falsches Spiel mit ihm! Vor Jahren hatten sie ihm Gewalt angetan und nun wollten sie ihn zur Vergebung zwingen, quasi auf Befehl des Vaters hin. Vielleicht war dieser Moment für Josef noch schmerzlicher als der feige Hass vor vielen Jahren.

 

Die Tränen und die Wehrlosigkeit Josefs, machen nun die Brüder wehrlos. Jetzt waren auch sie am Ende, an dem Ende, das allein einen neuen Anfang ermöglicht. Sie kommen nun selbst zu Joseph, voll Angst und Furcht. Endlich bereuen sie und stehen zu ihrer Schuld. Sie liefern sich ihm bedingungslos aus: "Siehe, wir sind deine Knechte." Sollte Josef tun, was gerecht war: Auge um Auge, Zahn um Zahn.

Doch Josef antwortet: "Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt?" Er verzichtete auf Rache. Er durchbricht den Teufelskreis der Vergeltung. Er vergibt. Er lässt los. Josef und seine Brüder reden miteinander. Das Schlimme, was getan worden ist, wird offen benannt. Reue der Brüder ist da. Aber auch die Hoffnung und der gute Wille es besser zu machen. Reue und Bekennen der Schuld. Die Bereitschaft die Konsequenzen zu tragen. Das alles führt zur Vergebung und zur Versöhnung zwischen den Brüdern.

 

Immer wieder redet die Bibel von Vergebung. Leicht ist es nicht zu vergeben. Aber ohne Vergebung kann ein Leben nicht gelingen. Ärger und Rachedanken und alte Verletzungen und Beleidigungen können unser Leben vergiften. Wenn Jesus uns aufruft zu vergeben, dann damit wir unseres Lebens wieder froh und glücklich werden. Vergebung gehört nicht nur zur Nächstenliebe dazu. Vergebung ist auch Teil der Liebe zu mir selbst.

Vergebung bedeutet nicht, alles unter den Teppich zu kehren. "Ich vergebe dir", ist nicht einfach ein: "Wird schon wieder". Zum Vergeben gehört, die Dinge auszusprechen und wenn möglich miteinander einen Weg zu suchen, wie zwei Menschen sich weiterhin in die Augen schauen können. Manchmal, so erleben wir es, ist eine Seite nicht willig sich zu versöhnen. Dann dürfen wir dennoch, an unser selber arbeiten, auf Vergebung hin, auf unserer Seite.

 

Verzeihen ist ein Akt der aktiven Lebensgestaltung, denn wir übernehmen damit Eigenverantwortung. Wer verzeiht, lässt nicht zu, dass andere Menschen oder Ereignisse das eigene Leben dauerhaft beeinflussen können. Wer vergeben kann, öffnet sich für Neues. Wer vergibt, muss nicht die Tat vergessen, also aus dem Gedächtnis streichen. Negative Erfahrungen machen uns ja vorsichtiger. Vergeben bedeutet auch nicht, dass man eine Tat nun „gut heißt.“ Vergeben heißt: ich entscheide mich dazu, nicht länger zuzulassen, dass eine Tat eines andern Menschen mein Leben dauerhaft negativ beeinflusst.

Einfach ist das nicht. Von Martin Luther ist dieses Gebet überliefert: „Siehe, mein Herr Christus, da hat mir mein Nächster Schaden zugefügt. Er hat mich in meiner Ehre gekränkt. Er hat sich an meinem Eigentum vergriffen. Das kann ich nicht ertragen. Darum wünsche ich ihm den Tod an. Ach mein Gott, lass dir das geklagt sein! Eigentlich sollte ich ihm verzeihen, aber ich kann es leider nicht! Siehe, wie ich so ganz kalt, ja, so ganz erstorben bin. Ach Herr, ich kann mir nicht helfen! Da stehe ich nun; machst du mich anders, so kann ich nach deinem Willen und nach deiner verzeihenden Liebe handeln. Wenn nicht, dann muss ich bleiben, wie ich bin. Ich kann nicht anders“.

 

Die Joseferzählung ist eine zutiefst menschliche Geschichte. In ihr begegnen sich Menschen in allem, dessen sie fähig sind: in abgrundtiefem Hass wie in liebender Vergebung. Und sie lässt uns erkennen, wie Gottes Handeln in tiefster Weltlichkeit verborgen ist, dass wir - auch wenn wir es nicht wahrnehmen - mitten in Gottes Heilsgeschichte stehen: in Glück und Leid, da, wo uns vergeben wird, da, wo wir vergeben.

Dietrich Bonhoeffer schrieb: "Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen ... Ich glaube auch, dass unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten."

 

Amen

 

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus unserem Herrn.

 

 



Pfarrerin Dr. Marion Werner
Zürich
E-Mail: pfarrerin@luther-zuerich.ch

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