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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

4. Sonntag nach Trinitatis, 09.07.2017

„Healing Of Memories“ - eine alttestamentliche Perspektive
Predigt zu Genesis (1. Buch Mose) 50:15-21, verfasst von Uland Spahlinger

15 Die Brüder Josefs aber fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war, und sprachen: Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben.

16 Darum ließen sie ihm sagen: Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach:

17 So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben. Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Va­ters! Aber Josef weinte, als sie solches zu ihm sagten.

18 Und seine Brüder gingen hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: Siehe, wir sind deine Knech­te.

19 Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt?

20 Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk.

21 So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er tröstete sie und re­dete freundlich mit ihnen.

 

Liebe Gemeinde!

Vielleicht erinnern Sie sich aus dem Religionsunterricht an die Geschichte von Josef und seinen Brüdern – oder Sie haben Thomas Mann gelesen oder eine Verfilmung gesehen....

 

Josef, der Lieblingssohn Jakobs, ein Träumer – manche würden vielleicht sagen: ein Spin­ner – in jungen Jahren, ein bisschen eitel, geht seinen Brüdern auf die Nerven. Sie wollen ihm eine Lekti­on erteilen , sperren ihn in einen ausgetrockneten Brunnen und verkaufen ihn schließlich an Sklaven­händler, die ihn weiter nach Ägypten verschaffen. Dort wird er, weil er klug und anstellig ist , im Hause des Potifar, eines hohen Offiziers des Pha­rao wohl aufgenommen – aber halt als Sklave. Er gewinnt das Vertrauen seines Herrn, aber auch das Interesse von dessen Gattin. Seine Weigerung gegenüber dieser zieht die Rachsucht der Herrin nach sich – Folge: Josef lan­det im Gefängnis. Dort kommt es zu der berühmten Geschichte mit der Deutung der Träume des Pharao über die sieben fetten und die sieben mageren Jah­re. Josefs Deutung und seine Vorschläge zur Vor­sorge vor der Hungersnot bringt ihm nicht nur die Freiheit, sondern die Hochachtung des Pharao ein: er wird zum zweitmächtigsten Mann Ägyptens und setzt seine Fähigkeiten fortan zum Wohl des Volkes ein.

Und in diese Situation – Jahre nachdem sie ihn in die Sklaverei verkauft hatten – kommen nun seine Brüder, denn auch in Israel herrscht Hunger. Sie wollen Getreide kaufen. Den mächtigen Beamten er­kennen sie zuerst gar nicht. Und als sie ihn dann doch wiedererken­nen, ist sie wieder da: die alte Geschichte ihrer Schuld, ihres Verbrechens am ei­genen Bruder.

 

Wenn wir diese Geschichte in ihren Stationen an­schauen, dann ist es zunächst eine Elendsgeschich­te, wie es so viele Elendsgeschichten gab und gibt auf der Welt: über Neid und Missgunst in Familien, über Folter und Gewalt und Mobbing, über Kinder­soldaten und Kriegskinder und Zwangsprostituierte und Haushaltssklaven damals wie heute.

Aber der Akzent liegt hier anders.

 

„All is well that ends well“, sagt ein englisches Sprichwort. Glaube ich so nicht. Kann mir keiner weismachen. Der angelsächsische Utilitarismus (das lann man vielleicht mit „Philo­sophie der Nützlichkeit“ oder „des praktischen Nutzens“ übersetzen) zeigt hier seine schwächste Seite. Denn es würde ja bedeuten, dass vom guten Ergebnis her beurteilt würde, dass der Zweck die Mittel geheiligt hat. Anders gesprochen: wenn das Produkt sich verkauft, ist es wurscht, unter welchen Bedingungen es hergestellt wurde. Wenn das Kind „Jugend musiziert“ gewinnt, dann hat es keinen Belang, wie viel Tränen geflossen sind, wie oft mit Liebesentzug gedroht wurde oder ob es bis in die Pubertät nachts ins Bett ge­macht hat.

Es würde auch keine Rolle gespielt haben, welche Ängste Josef aushalten hat müssen, als seine Brü­der ihn an diese fremden Sklavenhändler verkauf­ten.

 

Nein, wir brauchen noch einen anderen Schlüssel zu der alten Geschichte. Sie ist eine Weisheitsge­schichte, die Josefsgeschichte, eine Geschichte, die auf ein ganz bestimmtes Ziel hin komponiert ist; auf zwei, um ganz genau zu sein. Zum einen erzählt sie natürlich, wie die Israeliten nach Ägypten kamen (wo sie ihrerseits später das Schicksal von Sklaven erlitten); zum anderen aber erzählt sie von einem, der mit Gottes Hilfe aus tiefster Tiefe heraus große Karriere macht, Überschrift: Mit Gottvertrauen und mit Gottes Hilfe kannst du es weit bringen.

 

Für die Zivilisten in Mossul; für die Hinterblie­benen der Opfer des Hochhausbrandes von London; für die, die durch ein Selbstmordattentat das Le­ben oder Angehörige oder die Ge­sundheit verloren; für die Väter und Mütter in Ostafrika, die ihre Kinder verhungern sehen: für sie alle ist diese Art von Weisheit nix. Für sie bleibt nur der erste Teil der Einsicht Josephs: „Ihr gedachtet es schlecht zu machen“, nein: ihr habt es schlecht gemacht, ihr macht es schlecht, ganz schlecht: – hinausgeschrien gegen Armeen oder Baufirmen, die sparen wollten, oder gegen tote Terroristen oder eine taube Weltöffentlich­keit: Die Opfer haben nicht einmal eine Adresse, an die sie ihren Schmerz und ihre Klage richten können.

Josef hatte wenigstens seine Brüder, denen er großmütig gegenübertreten konnte und die sich dann vielleicht ein bisschen schämten.

 

Es ist aber trotzdem nicht die milde Arroganz des Mächtigen, die Josef seinen Brüdern ge­genüber zeigt. Und das macht mir diese Geschichte – bei allem Bemühen, das ihr abzu­spüren ist – doch sym­pathisch: Da sind echte Gefühle im Spiel: die Freude, nach langer Zeit wieder mit der Familie vereint zu sein; die Sehnsucht, die Erfüllung ge­funden hat, viel­leicht auch die Erinnerung an die ganzen Elendserfahrungen, die wieder hochsteigt und einschießt in die Gedanken. Wer weiß? Das Schöne ist: da ist viel Raum für Hobbypsy­chologen, und trotzdem können wir aus der Geschichte etwas bleibend Gültiges gewin­nen.

 

Lassen Sie mich das so formulieren: Nehmen wir diese Geschichte um das Schicksal des Josef und seiner Brüder nicht als Weisheitsnovelle, sondern als Abschnitt aus einer Famili­ensaga über mehrere Generationen (etwa nach dem Motto: „schaut mal her, der Josef, dem ist es so und so ergangen in seinem Leben, und er hat in dieser und jener Weise im­mer Kontakt gehal­ten. Da gibt es einen Zusammenhang“), dann haben wir die Möglichkeit, das ganz entspannt in einen Beziehung zu setzen mit unseren eigenen Lebenserfahrung­en. Dann kann die eine sagen: „Ah ja, so etwas kenne ich auch“; ein anderer: „also das mit Gott, davon kennt meine Geschichte gar nichts“; ein dritter vielleicht: „ach wäre das schön, wenn zwischen uns Geschwistern auch so eine Großzügig­keit und Vergebung möglich wäre“.... Und so wei­ter.

 

Vor allem aber: Unsere Geschichte ist eine Versöhnungsgeschichte. Sie erzählt davon, wie der Kreislauf von Rache und Vergeltung überwunden wird. Und bringt – ganz elegant und fast im Vorbeigehen – zwei Din­ge auf den Punkt: Es braucht zur Vergebung die Ein­sicht in das geschehene Unrecht und die Bereit­schaft, über dieses Unrecht hinauszuge­hen, nicht dabei stehen zu bleiben, nicht den anderen als den Schuldigen darauf festzuna­geln. In unserer Ge­schichte scheint das relativ einfach zu sein: Tä­ter waren die Brüder, Opfer war Josef. Das Opfer vergibt den Tätern, nachdem diese ihre Schuld einge­standen haben.

 

Ich glaube, das ist für das Thema „Schuld und Ver­gebung“ ganz elementar: Damit Schuld vergeben wer­den kann, muss sie eingesehen und ausgesprochen werden: Ja, so war es. Und zwar von den Tätern ge­genüber den Opfern. Und es müssen die Opfer sein, die ver­geben.

 

Wir wissen alle, wie schwer es ist, solche Prozes­se zu eröffnen und durchzuhalten. Es braucht die Bereitschaft, miteinander überhaupt zu sprechen; Scham spielt vielleicht hin­ein; die Frage wird ei­ne Rolle spielen: sehe ich das, was ich getan ha­be, überhaupt als Schuld an? Bin ich bereit, die eigene Verantwortung für ein Unrecht, ein Verbre­chen zu ak­zeptieren? Und wie ist das, wenn – was ja durchaus oft der Fall ist – auf beiden Seiten Schuld zu finden ist?

 

Denken Sie nur an die kleineren und größeren Zwi­schenfälle in Familien, in der Nachbar­schaft oder im Freundeskreis. Wie schnell ist das Tischtuch zerschnitten, wie schwer ist es, unter dem Wust gegenseitiger Vorwürfe den Kern des Konfliktes hervorzuholen! Es wird Ihnen nicht schwerfallen, Beispiele zu finden.

 

Wie schwer aber ist das erst zwischen Völkern oder Gruppen, wenn Gewalt und Gegenge­walt sich über Jahre, vielleicht Jahrzehnte hochgeschaukelt ha­ben, wenn Hass und Ab­grenzung von Generation zu Generation weitergegeben wurde? Frankreich, der „Erbfeind“ - was für ein Wort? Das steckte tief in den Köpfen unserer Vorfahren. Oder: Der Frieden­sprozess in Kolumbien zwischen den Guerillas der FARC und der Regierung: Sie haben vielleicht die Nachrichten gehört vor wenigen Monaten, dass ein Friedensabkommen ge­scheitert ist und in einer Volksabstimmung durchfiel, weil nicht alle mit der Benennung von Schuld (die es auf allen Seiten dieser mörderischen Auseinandersetzung gegeben hatte) und den vereinbarten Konsequenzen zu­frieden waren – es musste nachverhandelt wer­den. 50 Jahre dauerte dieser Bürgerkrieg – von Genera­tion zu Generation wurde der Hass weitergegeben. Gewalt und Gegengewalt: in Südafrika, in Nordirland, auf dem Balkan, im Irak oder in Syrien......

 

Wo Menschen die bösen Erinnerungen festhalten, die Traumata, die Wunden in ihren See­len, da bleiben sie in unheilen, in heil-losen Verhältnissen gefangen. „Healing of mem­ories“ – das Heilen der Erinnerungen – so nen­nen die Fachleute das, was in solchen Si­tuationen nötig wird. Langsam, behutsam, gefasst auf Rück­schläge tasten sich ehemalige Gegner oder Feinde an die gemeinsame Geschichte heran, die sie so un­terschiedlich er­lebt haben. „Setz für eine Weile die Brille deines Gegenübers auf.“ - „Wie würdest du rea­gieren, wenn dir das gesagt würde, was du selbst gesagt hast?“ - „Was würdest du dir von deinem Gegenüber wünschen, das du selber auch hal­ten könntest?“ - „Was wäre für dich unverzichtbar, bevor du sagen könntest: jetzt ist Gerechtigkeit erreicht?“ - „Auf welche For­derung könntest du vielleicht verzichten?“ Und so weiter: Fragen die­ser Art sind die Weg­markierungen, an denen entlang der Weg zu einem Frieden, zu einer Versöhnung gegang­en werden kann.

 

Menschen, die auf die versöhnende und vergebende Kraft Gottes vertrauen, tun sich in solchen Fragen oft (wenn auch nicht immer) leichter. Was ist die Pointe bei Josef? Die Pointe ist: vergessen haben sie alle nicht, was vorgefallen war. Die Erinne­rung liegt auf ih­nen, bei den Brüdern die Schuld, bei Josef die unerfüllte Sehnsucht nach intakten Famili­enverhältnissen. Es musste ausgesprochen werden: Ihr gedachtet es böse mit mir zu ma­chen, aber Gott gedachte es gut zu machen; Gott – so kann Josef es zumindest sehen – Gott hat sogar ein Ziel damit verbunden: Die Söhne Jakobs sollen ge­meinsam ein großes Volk werden.

 

Und so konnte Josef Großmut zeigen. Ja, ihm war übel mitgespielt worden. Aber es gab in seinem Fall etwas, das mehr zählte. Und das gab ihm die Kraft zur Versöhnung.

 

Vielleicht ist das genau der Punkt: dass wir in unseren Konflikten und Auseinandersetzun­gen und in den kleinen und großen Streitereien uns auf die Suche nach dem machen, was vielleicht mehr zählt. Das kann sehr mühsam sein und uns manchmal viel abverlangen. Wir können es auch zu keiner Zeit von anderen verlangen. Und trotzdem, so scheint mir, hängt ganz viel an dem Winkel, aus dem wir die Welt anschauen. Mit der Geschichte des Josef gesprochen: Rache oder Vergeltung wäre zwar vielleicht süß gewesen, aber nicht für lange. Er hätte mit erneutem Verlust der Familie bezahlt. Die Zukunft – die gemeinsa­me Zukunft – eröffnet sich durch die Vergebung und die Versöhnung. Das mag der Weg sein, der alle Beteiligten mehr Kraft kostet, aber in ihm liegt die Verheißung einer gemein­samen Zukunft. Das ist es, was Gott gut zu machen gedachte.

 

Amen.



Dekan Uland Spahlinger
Dinkelsbühl
E-Mail: uland.spahlinger@elkb.de

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