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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

6. Sonntag nach Trinitatis, 23.07.2017

Mehr als nützlich
Predigt zu Deuteronomium 7:6-12, verfasst von Sven Keppler

I. Am letzten Dienstag vor den Sommerferien schiffe ich mich mit den Konfirmandinnen und Konfirmanden ein. Von Hamburg aus geht es auf große Fahrt. Über den Atlantik. Nach Tagen kommt ein Sturm auf. Der Kapitän weicht auf eine nördlichere Route aus. Aber es zieht Nebel auf. Nachts dann die Katastrophe: Wir kollidieren mit einem Eisberg. Das Schiff sinkt. Anders als bei der Titanic gibt es jedoch genügend Rettungsboote. Am nächsten Tag werden wir an eine einsame Insel gespült. Auch viele andere Passagiere können sich dorthin retten.

Die Tage vergehen. Erstaunlicherweise werden wir nicht entdeckt. Die ersten Spannungen treten auf. Decken verschwinden. Auch Nahrungsmittel. Einige Männer geraten aneinander. Ein altes Ehepaar braucht Hilfe, aber keiner hat Zeit für sie.

Mit den Konfis berate ich, welche Aufgaben zu verteilen sind. Und welche Regeln auf unserer Insel gelten sollen. Da gibt es schnell Einigkeit: Nicht stehlen. Nicht haben wollen, was anderen gehört. Nicht lügen. Keinem die Freundin oder den Freund ausspannen. Keinen verletzen oder sogar töten. Die Älteren versorgen.

Das ähnelt erstaunlich den 10 Geboten. Die sind natürlich auch unser Thema. Aber vorab habe ich das nicht verraten. Sogar auf den Feiertag kommen sie von selbst: Es muss einen Tag geben, an dem man frei hat. Damit man sich erholen kann. Schön wäre auch, wenn alle am selben Tag frei hätten. Damit man gemeinsam etwas unternehmen kann. Nur die nötigsten Dienste müssen an diesem Tag trotzdem gewährleistet werden: die Wachen, das Signalfeuer, die Pflege der Kranken.

Einer meint sogar, es müsse einen Pfarrer für die Leute geben. Aber auf das erste und das zweite Gebot kommt keiner: Keine anderen Götter haben. Sich kein Bild von Gott machen und seinen Namen nicht missbrauchen. Jedes Jahr gehe ich mit den jeweiligen Konfis auf Seereise. Jedes Jahr kollidieren wir mit dem Eisberg und landen auf der Insel. Aber nie nennt eine Gruppe das erste Gebot als Regel, die auf der Insel nötig ist! Woran liegt das bloß?

 

II. Offensichtlich gibt es zwei Arten von Regeln. Einmal die, die nützlich sind. Auf die man von selbst kommt, wenn man nachdenkt. Die einem das Gewissen sagt. Und auf die sich irgendwie alle verständigen können. Letztlich beruhen sie alle auf der Goldenen Regel: Wie die Menschen sich dir gegenüber verhalten sollen, so musst du auch mit ihnen umgehen. Oder andersherum: Was du nicht willst, das man dir tu …

Aber daneben gibt es auch noch eine andere Art von Regeln. Sie gelten anscheinend nicht, weil sie praktisch sind. Weil man von sich aus darauf kommt. Oder weil sie mir dadurch nützen, dass die anderen dann so mit mir umgehen, wie ich es wünsche. Diese andere Art von Regeln tritt mir gegenüber. Mit einem Anspruch, der mich herausfordert: Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir!

Die erste Art von Regeln funktioniert auch in einer gott-losen Gesellschaft. Aber wie ist das mit der zweiten Art? Wenn es nach den Konfis geht, sollte man das erste Gebot auf der Insel anders formulieren. Es könnten ja schließlich auch Moslems oder Hindus auf dem Schiff gewesen sein. Auf der Insel müsse es deshalb heißen: Jeder soll den Gott haben dürfen, an den er glaubt.

Solch ein Recht gehört zu den Geboten der Goldenen Regel: Wenn ich will, dass ich meinen Glauben ungestört ausüben darf, dann muss ich das auch den anderen zugestehen! Aber so ist das erste Gebot nicht gemeint. Es trifft mich unbedingt: Gott fordert von mir, dass ich ihm allein die Ehre gebe. Dass ich nicht nur nicht mit anderen Frauen liebäugle, sondern erst recht nicht mit anderen Göttern. Egal ob sie nun Allah heißen, Gesundheit oder Bayern München. Worin gründet dieser Anspruch? Scheinbar ja nicht in meinen eigenen Interessen.

 

III. Der heutige Predigttext hilft, das alles besser zu verstehen. Er steht im 5. Buch Mose, im 7. Kapitel. Ich lese die Verse 6-12.

Das Gebot ist also nur der zweite Schritt. Gott tritt nicht einfach vor mich und fordert etwas von mir. Er stellt auch keine Bedingung: Wenn Du mich verehrst, dann schenke ich Dir meine Zuwendung. Sondern Gott selbst hat längst den ersten Schritt gemacht.

Gott hat uns angenommen. Gott hat uns erwählt. Uns hat er das Leben geschenkt. Uns hat er eine Welt gegeben, in der wir leben können. Uns lässt er jeden Tag neu die Sonne aufgehen. Auch wenn wir ihm schon oft die kalte Schulter gezeigt haben. Auch wenn wir uns weder durch besondere Frömmigkeit noch durch besondere Güte hervortuen. Uns hat er erwählt. Nicht, weil wir großartiger wären als andere. Sondern: Weil er uns liebt!

Gott hat diese Worte zu seinem Volk Israel gesagt. Deshalb erinnert er an das Schlüsselerlebnis dieses Volkes: Wie er die Israeliten zum ersten Mal in die Freiheit geführt hat. Auch im ersten Gebot spielt deshalb diese Erinnerung eine Schlüsselrolle: Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.

Zu Israel hat Gott diese Worte zuerst gesagt. Und durch Jesus Christus hat er sie neu gesagt. Sowohl zu den Israeliten. Als auch zu allen anderen Menschen. Letztlich hat Gott alle seine Geschöpfe berufen. Jeder Mensch darf sich angenommen und erwählt fühlen von Gott. Das gilt. Ohne wenn und aber.

 

IV. Gott macht immer den ersten Schritt. Dadurch stehe ich vor der Wahl: Reagiere ich auf diesen ersten Schritt? Versuche ich, dem entsprechend zu leben? Oder hat dieser erste Schritt Gottes keine Konsequenzen für mich? Lasse ich ihm keinen entsprechenden zweiten Schritt folgen?

Und wenn ich nun meinerseits einen Schritt tun will – worin soll er bestehen? Auf diese Frage antworten die 10 Gebote. So, wie es im Predigttext heißt: So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust. Und wenn ihr diese Rechte hört und sie haltet und danach tut, so wird der Herr, dein Gott, auch halten den Bund und die Barmherzigkeit, wie er deinen Vätern geschworen hat.

Ist also doch auch das erste Gebot von der nützlichen Sorte? Halte ich es, weil es so praktisch ist für mich? Denn wenn ich es halte, dann wird schließlich auch Gott seinen Bund halten? Die Goldene Regel auch hier? So einfach ist es dann doch nicht.

Vor allem das erste Gebot sagt, wie ich auf Gottes ersten Schritt antworten soll. Ich soll an Gott glauben! Hab keine anderen Götter, das heißt: Glaube an Gott! Vertraue ihm! Ihm allein! Verlass dich darauf, dass er dir das Leben schenkt und es gut mit dir meint, jeden Tag neu. Dass er dich trägt und bewahrt, in guten und in schlechten Zeiten. Und vertraue darauf, dass er gnädig mit dir ist. Dass er dich in Jesus Christus zu seinem eigenen Kind gemacht hat.

Das ist das Vorzeichen für alle anderen Gebote. Dadurch werden auch sie zu etwas Neuem. Mit dem Vorzeichen des ersten Gebots sindsie nicht mehr bloß Spielarten der Goldenen Regel.

Du sollst andere nicht nur deshalb nicht töten, weil du selber am Leben gelassen werden möchtest. Sondern weil du an Gott glaubst, sollst Du seine anderen Kinder lieben wie er selbst. Deshalb sollst du sie nicht töten. Deshalb nicht ihr Eigentum stehlen oder mit ihren Partnern fremd gehen. Deshalb sollst Du sie ehren und nicht verleumden. Und nicht bloß, weil dieses Verhalten nützlich für dich ist.

 

V. Im Grunde heißt das erste Gebot: Du sollst an Gott Glauben. Also: Du sollst Gott fürchten, lieben und vertrauen. So hat es Martin Luther in seinem Kleinen Katechismus formuliert. Wenn Luther die anderen Gebote erklärt, dann beginnt er jedesmal mit diesen Worten: Wir sollen Gott fürchten und lieben. Damit zeigt Luther: Die anderen Gebote folgen letztlich aus dem ersten. Dadurch sind sie viel mehr als goldene Nützlichkeitsregeln.

Du sollst an Gott glauben. Und mit deinem Glauben darauf antworten, dass Gott dich erwählt hat. Amen.



Pfarrer Dr. Sven Keppler
Versmold
E-Mail: sven.keppler@kk-ekvw.de

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