Göttinger Predigten

deutsch English español
português dansk Schweiz

Startseite

Aktuelle Predigten

Archiv

Besondere Gelegenheiten

Suche

Links

Gästebuch

Konzeption

Unsere Autoren weltweit

Kontakt
ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

6. Sonntag nach Trinitatis, 23.07.2017

„Wer die Wahl hat ...“
Predigt zu Deuteronomium 7:6-12, verfasst von Dörte Gebhard

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn, Jesus Christus. Amen.

 

Liebe Gemeinde

 

Wer die Wahl hat, hat die ...?!

Aber wer hat die Wahl?

 

Wir hören den Predigttext aus dem 5. Buch Mose, aus dem 7. Kapitel in der Übersetzung des jüdischen Gelehrten Moses Mendelssohn1 (1729-1786). Er lebte im 18. Jahrhundert in Berlin.

 

Denn du bist ein dem Ewigen, deinem Gott, geheiligtes Volk. Dich hat der Ewige, dein Gott, erwählt, sein leibeigenes Volk zu sein, aus allen Völkern, die auf der Erde sind. Nicht weil ihr etwa zahlreicher als andere Völker wäret, hat euch der Ewige angenommen und erwählt, denn in Wahrheit seid ihr die wenigsten unter allen Völkern, sondern bloß, weil der Ewige euch liebt und den Eid halten will, den er euren Eltern geschworen hat, hat er euch mit starker Hand aus Mizrajim geführt und aus dem Sklavenhause, von der Hand Pharaos, des Königs zu Mizrajim, errettet. Erkenne also, dass der Ewige, dein Gott, wahrer Gott sei, ein treuer Gott, der seinen Bund hält und Gnade erzeigt denen, die ihn lieben und seine Gebote halten, bis in das tausendste Geschlecht. Seinen Hassern aber vergilt er vor ihren Augen (auf der Stelle) und reibt sie auf. Er trägt es seinem Hasser nicht lange nach, sondern vergilt ihm vor seinem Angesicht. Beachte also das Gebot, die Gesetze und Rechte, die ich dir jetzt zur Ausübung vorschreibe.

 

            Wenn ihre diese Rechte annehmt, sie beachtet und ausübt, so wird der

Erfolg sein, dass der Ewige, dein Gott, auch den Bund und die Gnade halten

wird, die er deinen Eltern geschworen hat. 

 

Liebe Gemeinde

 

Gott hat die Wahl.

Gott wählt das Volk Israel.

Aber wie wählt Gott?

 

I

Gott erwählt das Volk Israel – und fällt dabei keinen Mehrheitsentscheid, im Gegenteil.

Gott geht nicht nach der Grösse, der Menge, der Stärke, der Kräfte, der Berühmtheit, im Gegenteil. Es wird richtig eingeschärft:

Nicht weil ihr etwa zahlreicher als andere Völker wäretdenn in Wahrheit seid ihr die wenigsten unter allen Völkern.

 

Wir sind ganz andere Entscheide gewöhnt. Wir haben auch unsere eigenen Praktiken. Wir behängen Bäume und Laternen und Wände mit den grössten Gesichtern und den kürzesten Sprüchen.

Im Augenblick stehen sie wieder bevor, die Kreuze! –

Möglichst von vielen sollten Kreuze gemacht werden!

Gemeint sind natürlich solche auf den Wahlzetteln. Da geht es schon Wochen und Monate vorher um Quantitäten und Qualitäten. Hoffentlich. Wenn es denn ein gerechter und aussagekräftiger Wahlkampf ist.

 

Gott wählt anders.

Er entscheidet auf globaler Ebene, Israel sei ein heiliges, ein besonderes Volk.

Das ist eigentlich nicht zu begreifen. Aber über die Jahrhunderte und Jahrtausende ist es immer besser nachzuvollziehen. Gerade in der Gegenwart ist es gut zu sehen. Ein einfacher Vergleich genügt:

Kaum etwas für das Museum ist geblieben von den Gottheiten der Edomiter, Hethiter, Moabiter, Ammoniter, Jebusiter, Kanaaniter und Philister. Fast ganz zu schweigen von diesen Völkerschaften. Zur interessanten Vergangenheit gehören auch die Götter der Midianiter, der Babylonier, der Assyrer, der alten(!) Perser, Griechen und Römer und mit den Göttern auch die Staaten, die Weltreiche, die sie einst waren.

 

Die Zeiten überdauert, in stetigem Wandel, hat das jüdische Volk.

Gott wählt und erhält das jüdische Volk. Es überstand den Holocaust, den wohl grössten und grausamsten Versuch der Menschheitsgeschichte, eine Religion samt Volk auszurotten.

 

Gott erwählt das Volk Israel – und hat dabei nicht das Los geworfen, sondern seine Liebe zur Welt bekannt gemacht.

Moses Mendelssohn, ein jüdischer Gelehrter aus Berlin, übersetzt die begründete Wahl ziemlich klipp und klar:

... sondern bloss, weil der Ewige euch liebt.

 

II

Es ist blosse Liebe.

Blosse Liebe ist schutzlos und ohnmächtig – und doch die grösste Kraft, die wir Menschen erfahren können.

Es ist, wie die Geschichte der Menschheit und die Geschichten der Bibel zeigen, nicht selten auch eine einseitige Liebe – nach menschlichen Massstäben und durch die Zeiten hindurch.

 

Gott erwählt das Volk Israel – und veranstaltet aus Liebe keine Castingshow.

 

Dass man ohne Casting jemanden aussuchen könnte, sind wir fast nicht mehr gewöhnt.

 

Der Schöpfer der Welt sucht nicht weltweit nach dem Superstar, dem Könner, der Schönsten von heute für morgen. Wer sollte auch neben ihm in der Jury sitzen?! Das hat er nicht nötig. Überhaupt, er kennt die Talente, die er geschaffen hat. Er sieht sie, ehe wir sie bei uns selbst entdecken.

Gott sitzt nicht da. Er lächelt nicht herablassend und drückt irgendwann auf einen grossen roten Knopf und die Show ist aus.

Gott lässt sich überhaupt nichts vorführen.

 

Er führt sein Volk in die Freiheit.

Erwählung beginnt mit Befreiung.

 

Dazu hat er euch mit starker Hand aus Mizrajim geführt und aus dem Sklavenhause, von der Hand Pharaos, des Königs zu Mizrajim, errettet

 

Mizrajim ist das hebräische Wort für Ägypten.

 

Gott beäugt nicht erst, wer es sein könnte, sondern er befreit – aus freien Stücken. Ohne Leistungsnachweis.

Die Israeliten in Ägypten haben keinen Antrag gestellt, sich nicht beworben, sie haben wohl auch nicht demonstriert gegen die Missstände.

 

Gott kommt und befreit von Ausbeutung und Unterdrückung und Ungerechtigkeit und Gewalt und lebensgefährlicher Arbeit und von Gewohnheiten und vom Üblichen und von den Fleischtöpfen und vom lieblichen Anblick der Pharaonentochter auch.

Gottes Befreiung reicht weiter, als wir zu denken gewohnt sind.

 

III

Vor allem aber befreit Gott ein ganzes Volk, eine grosse Gemeinschaft.

Ich erwische mich regelmässig dabei, dass ich mir Freiheit als etwas sehr Individuelles und Persönliches vorstelle.

Was darf ich?

Was nicht?

Was wäre, wenn alle so dächten?

Was wäre, wenn alle so redeten?

Was wäre, wenn alle so täten?

Wovon wäre ich gern frei?

Was wäre ich gern los?

 

Und für andere meine ich auch oft zu wissen, was gut ist:

Wovon sollte er oder sie sich befreien?

Von seiner Sucht, von ihrer Krankheit,

von seinen Vorurteilen, von ihren Kindheitserlebnissen,

von seinen verschwiegenen Lebenserfahrungen, von ihren Schulden,

von ...

 

Diese Fragen sind weitreichend, aber greifen alle noch zu kurz.

 

Freiheit Gottes Freiheit ist etwas, dass alle zusammen betrifft, nicht nur diesen oder jene oder sieben Aufrechte oder den Gewinner oder die Siegerin ...

 

Gott befreit sein ganzes Volk.

 

Die Jüdinnen und Juden haben das Bewusstsein für ihre besondere Gemeinschaft bewahrt. Ganz zuerst trotz und dann wegen ihrer Zerstreutheit über die Welt.

 

Annette Böckler, eine in der Schweiz lebende jüdische Gelehrte der Gegenwart, schreibt über den Unterschied zwischen Christen und Juden:

Vor allem aber definieren sich Christen über ihr persönliches Glaubensbekenntnis, nicht über ihre Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft. Dies zeigt sich daran, dass jeder, der sich zum christlichen Glauben bekennt, Mitglied einer Kirche werden kann. Im Judentum aber entscheidet die jüdische Gemeinschaft ob jemand jüdisch ist oder nicht. Jüdisch wird man nicht durch die eigene Wahl, sondern durch die Mutter oder durch das Rechtsurteil eines Rabbinatsgerichts.“

 

Wir Christinnen und Christen fühlen uns ein bisschen geehrt, nicht wahr?!

Mit welcher Achtung und Anerkennung diese deutsche Jüdin von der Entscheidung, Christ zu werden, spricht. Auch bei uns bestimmt ja nicht ganz selten die Mutter, ob und wann ein Kind getauft wird ...

 

Aber sie hat Recht: Christen können ganz individuell entscheiden, dazuzugehören, Juden nicht. Auch dann nicht, wenn sie ihren Glauben gar nicht praktizieren.

 

Liebe Gemeinde

Erwählung beginnt mit Befreiung.

Bleibende Erwählung erinnert immer wieder an die erste Befreiungstat, denn Gott ist treu.

 

Weil der Ewige euch liebt und den Eid halten will, den er euren Eltern geschworen hat ...

 

Erkenne also, dass der Ewige, dein Gott, wahrer Gott sei, ein treuer Gott, der seinen Bund hält und Gnade erzeigt denen, die ihn lieben und seine Gebote halten, bis in das tausendste Geschlecht.

 

Dieses Versprechen Gottes, der einmal getroffenen Wahl treu zu sein, reicht noch weit in die Zukunft hinein. Selbst wenn man es wörtlich versteht, ist die tausendste Generation noch unabsehbar weit vor uns in der Zukunft.

 

Liebe Gemeinde

Was wird aus uns, der Christenheit?

Für uns hat Paulus den Baum der Hoffnung gepflanzt und zu bedenken gegeben:

Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich! (Röm 11, 18).

 

Und die Wurzel trägt, nun auch im wahrsten Sinne von Worten.

Nach allem, was im 20. Jahrhundert geschah, ist es nicht selbstverständlich, dass das junge 21. Jahrhundert mit Hoffnung und Versöhnungsbereitschaft auf beiden Seiten startet.

Jüdische Rabbiner aus aller Welt, auch orthodoxe, haben vor anderthalb Jahren eine Erklärung zum jüdisch-christlichen Dialog veröffentlicht. Sie trägt den Titel: „Den Willen unseres Vaters im Himmel tun: Hin zu einer Partnerschaft zwischen Juden und Christen“.

 

Darin heisst es gleich am Anfang:

Nach fast zwei Jahrtausenden der Feindseligkeit und Entfremdung erkennen wir, orthodoxe Rabbiner, Leiter von Gemeinden, Institutionen und Seminaren in Israel, den Vereinigten Staaten und Europa, die sich uns darbietende historische Gelegenheit: Wir möchten den Willen unseres Vaters im Himmel tun, indem wir die uns angebotene Hand unserer christlichen Brüder und Schwestern ergreifen. Juden und Christen müssen als Partner zusammenarbeiten, um den moralischen Herausforderungen unserer Zeit zu begegnen.

 

Die Schoah endete vor 70 Jahren. Mit ihr hatten Jahrhunderte der Verachtung, Unterdrückung und Zurückweisung von Juden und die daraus folgende Feindseligkeit zwischen Juden und Christen den absurden Höhepunkt erreicht. ...

 

Wie Maimonides und Jehudah Halevi vor uns erkennen wir an, dass das Christentum weder ein Zufall noch ein Irrtum ist, sondern gö-ttlich gewollt und ein Geschenk an die Völker.“2

 

Leben wir mit dieser Glaubenszuversicht, dass der christliche Glaube ein Geschenk für die Völker ist!

 

Aber wenn wir doch nur so wenige sind und immer kleiner werden?

***

Gott geht nicht nach der Grösse, der Menge, der Stärke, der Kräfte, der Berühmtheit, im Gegenteil.

 

Warum tritt Gott nicht mächtiger und gewaltiger in Erscheinung?

***

Es ist blosse Liebe.

Blosse Liebe ist schutzlos und ohnmächtig – und doch die grösste Kraft, die wir Menschen erfahren können.

 

Aber wie wird man ein Geschenk für die Völker?

***

Keiner für sich allein. Keine im Alleingang.

Hätte er oder sie sich auch noch so sehr von allem Hinderlichen befreit.

Uns Christen ist gesagt:

Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen! (Gal 5, 1)

 

Paulus hat es weder zufällig noch irrtümlich im Plural formuliert. Nur gemeinsam werden wir in der Freiheit bestehen. Wenn wir in Frieden zusammenkommen, werden wir ein Geschenk für die Völker sein.

 

Oder mit den letzten Worten des Predigttextes:

Wenn ihre diese Rechte annehmt, sie beachtet und ausübt, so wird der

Erfolg sein, dass der Ewige, dein Gott, auch den Bund und die Gnade halten

wird, die er deinen Eltern geschworen hat.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, stärke und bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

1 Wesentliche Anregungen zu meiner Predigt verdanke ich: Annette Mirjam Böckler: 5. Mose 7, 6-12: Noblesse oblige, in: Junge Kirche 66 (2005), S. 58-61.

 

2 Den Willen unseres Vaters im Himmel tun: Hin zu einer Partnerschaft zwischen Juden und Christen, www.jcrelations.net vom 17. 7. 2017.

 



Pfarrerin PD Dr. Dörte Gebhard
CH-5742 Kölliken/Schweiz
E-Mail: doerte.gebhard@web.de

(zurück zum Seitenanfang)