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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

6. Sonntag nach Trinitatis, 23.07.2017

Predigt zu Deuteronomium 7:6-12, verfasst von Luise Stribrny de Estrada

Liebe Geschwister im Glauben!

 

„Wer bin ich?“, diese Frage stelle ich mir immer wieder in verschiedenen Phasen meines Lebens. „Wer bin ich eigentlich, wer möchte ich sein? Was macht mich aus?“ Es gibt Antworten, die schnell zur Hand sind: Ich bin Pastorin, Mutter, Frau und so weiter. Ich kann mich über meinen Beruf und meine Familie verorten. Aber wer bin ich wirklich, im Inneren meines Herzens? Das ist viel schwieriger herauszufinden… Eine weitere Frage kommt dazu: „Wohin gehöre ich? Wer sind die Menschen, die mir besonders wichtig sind?“ Da gibt es Menschen, die mich auf einem bestimmten Abschnitt meines Lebensweges begleiten und die ich begleite: Meine Eltern und Geschwister, meine eigene Klein-Familie, Freunde, Menschen, mit denen ich über die Arbeit verbunden bin… Ich gehöre zu verschiedenen Gruppen: Wo fühle ich mich aufgehoben, geschätzt und geliebt?

 

Es gibt immer wieder Zeiten in meinem Leben, in denen ich mir diese Fragen stelle und Antworten darauf suche. Die Antworten variieren, sie sind verschieden je nach Lebensphase. Die wichtigen Menschen in meinem Leben bleiben nicht immer gleich, und dadurch, dass ich mit jemandem enger zusammen bin, verändere ich mich selbst und werde zumindest ein bisschen anders.

 

Wer bin ich und wohin gehöre ich?, sind Fragen, die in dem Bibeltext eine Rolle spielen, über den wir heute gemeinsam nachdenken wollen. Der Text steht im Alten Testament und ist diesem Taufsonntag zugeordnet. Hören wir nun, was Mose im Fünften Buch zu seinem Volk sagt:

 

6 Du bist ein heiliges Volk dem HERRN, deinem Gott. Dich hat der HERR, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind. 

7 Nicht hat euch der HERR angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern –,

8 sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat. Darum hat der HERR euch herausgeführt mit mächtiger Hand und hat dich erlöst von der Knechtschaft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten. 

9 So sollst du nun wissen, dass der HERR, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten, 

10 und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen, und bringt sie um und säumt nicht, zu vergelten ins Angesicht denen, die ihn hassen. 

11 So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust.

12 Und wenn ihr diese Rechte hört und sie haltet und danach tut, so wird der HERR, dein Gott, auch halten den Bund und die Barmherzigkeit, wie er deinen Vätern geschworen hat. Amen.

 

Mose richtet sich an das Volk Israel. Er spricht davon, dass gerade dieses Volk von Gott als sein Volk erwählt wurde. Meine erste Reaktion ist: Was hat das mit uns Christen zu tun? Das ist doch ein urjüdischer Text, der uns nicht betrifft! Aber beim zweiten und dritten Lesen komme ich ins Nachdenken: Durch Jesus, den Juden, unseren Christus sind wir mit dem jüdischen Glauben eng verbunden. Wir sind in die besondere Beziehung Gottes mit seinem Volk hineingenommen. Wir Christen sind Dritte im Bunde geworden. So sind die Worte des Predigttextes auch an uns gerichtet. Sie betreffen uns – die verheißungsvollen Worte wie auch die schwierigen.

 

Da ist zunächst das, was mich anrührt: Hier spricht ein Liebender. Gott ist der Liebhaber, er erwählt sein Volk - einfach so. Es sticht unter den Völkern nicht hervor, es hat nichts besonders Großartiges getan, und trotzdem fällt Gottes Liebe gerade auf dieses Volk. Unerklärlich, unverdient. So geht es zu, wenn sich jemand verliebt: Da springt ein Funke über, und Außenstehende können gar nicht begreifen, wieso. Wie jeder Liebende wartet Gott auf eine Antwort. Ohne dass der andere Ja dazu sagt, wird es keine Beziehung. Gott ist darauf angewiesen, dass das Volk sich entscheidet und sagt: „Ja, Gott, ich will dich auch lieben. Ich möchte, dass wir ein Paar werden.“ Das Zeichen dafür ist, dass es in den Bund mit Gott einstimmt und sich an die Zehn Gebote hält, die Gott aufgestellt hat. Wenn beide Liebende wissen, wie das Zusammenleben geregelt ist, dann wird es funktionieren. Der Bund, den Gott und das Volk eingehen, ist wie eine Ehe. Sie gründet in der Liebe, die gegenseitig ist, und dem Bund seine besondere Würze gibt. Sie hat auch eine rechtliche Seite, damit der Alltag Regeln hat und einer vom anderen weiß, was er erwarten kann und was verboten ist. Im Bund sind die Regeln wichtig, aber die Liebe ist das, was trägt.

 

Wir, die wir Christen sind, können den Text über die Liebe zwischen Gott und seinem Volk von der Taufe her lesen. Die Taufe ist ein Schlüssel, der den Text noch einmal anders aufschließt. Dann klingt er so: In der Taufe hat Gott gerade dich erwählt. Er meint dich und nennt dich bei deinem Namen. Du bist für ihn ein ganz besonderer Mensch. So, wie du bist, hat er dich gewollt – egal, ob du dich selbst schön findest oder nicht, ob du dich selbst annehmen kannst oder nicht. Gott sagt Ja zu dir. Gerade dich hat Gott erwählt, weil er dich liebt. Du brauchst für Gott keine besondere Leistung zu erbringen. Du musst dir seine Liebe nicht verdienen. Du bist gut, genau so, wie du bist.

 

Ich nehme meine Frage vom Anfang auf: „Wer bin ich?“ Ich bin von Gott geliebt, er hat mich erwählt, gerade mich. Er zeigt es mir in der Taufe. Das wird ein tragfähiger Grund, auf den ich bauen kann. Gott sieht mich liebevoll an, in seinen Augen werde ich schön. Dass ich gesehen werde, angesehen mit Augen der Liebe gibt mir ein neues Selbstbewusstsein.

 

Die Taufe meint aber nicht nur mich als einzelnen Menschen. Sie stellt mich in eine größere Gemeinschaft. „Wohin gehöre ich?“, hatte ich gefragt. Durch meine Taufe bin ich Teil des Volkes Gottes und gehöre zur großen Gemeinschaft derer, die an Gott glauben. Neben meiner Familie und meinen Freunden gibt es die Gemeinschaft der Christinnen und Christen, in der ich meinen Platz habe. In der Kirchengemeinde begegne ich Menschen, die wie ich an Gott glauben, denen die Nächstenliebe wichtig ist, die Menschen, die am Rand stehen, aufnehmen und aus der Vergebung leben. Sie setzen sich ein für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Überall, wohin ich komme, in fast jedem Land der Erde, habe ich einen Anknüpfungspunkt und finde Gleichgesinnte. Wir bilden alle zusammen Gottes Volk.

 

„Gott hat dich herausgeführt und erlöst aus der Knechtschaft“ (V.8), so heißt es in unserem Text. Er führt dich aus deinem alten Leben heraus und macht dich von dem frei, was dich eingeschränkt und belastet hat. Er befreit dich von den Sünden, von dem, was du falsch gemacht hast. Er löst deine Fesseln und stellt deine Füße auf weiten Raum. Du kannst das Alte hinter dir lassen und bekommst Mut, etwas Neues zu beginnen. Damit du dir das Neue vorstellen kannst, gibt Gott dir seine Gebote in die Hand, lebe danach! Achte deine Eltern, die dir das Leben gegeben haben. Bleib bei deinem Partner und sei ihm treu. Nimm anderen nicht weg, was ihnen gehört. Schaue nicht neidisch auf das, was andere haben. Halte dich an die Wahrheit, auch wenn das manchmal unbequem ist. Wenn du das tust, wirst du leben.

 

Ein Satz in unserem Bibeltext stellt sich quer. Gott belohnt zwar die, die ihn lieben, aber denen, die ihn hassen, vergilt er ins Angesicht und bringt sie um.“ (V. 10) Gott rächt sich an denen, die ihn hassen. Als wir in einem Gesprächskreis unserer Gemeinde über den Bibeltext sprechen, hakt eine spontan ein: „Diesen Satz finde ich schrecklich. Ich ertrage ihn nicht und würde ihn am liebsten streichen. Dieser Gott, der grausam Rache nimmt, kann doch nicht unser Gott sein. Mein Gott ist es jedenfalls nicht!“ Viele im Kreis stimmen ihr zu.

 

Mir erscheint es zu einfach, den Satz zu streichen. Dann müssten noch einige andere Sätze und Geschichten gleich mit gestrichen werden wie die Opferung Isaaks oder die Zerstörung Sodoms, bei dessen Anblick Lots Frau zur Salzsäule erstarrt. Wir können uns das Leben aber nicht schön reden, Grausamkeit und schreckliche Erlebnisse gehören dazu. Wie stellt sich Gott dazu? Gott hat auch Seiten, die wir nicht verstehen, die uns entzogen und verborgen sind. Sie gehören zu ihm dazu. Wir können nur akzeptieren, dass es so ist, und das als Teil seiner Souveränität ansehen. Aber wir sollen und dürfen uns an Gottes liebevolle Seite halten, wie sie uns Jesus Christus vor Augen geführt hat. Durch ihn gehören wir zu Gott dazu und sind Teil seines Volkes, das unter seinem Schutz steht.

 

In dem Lied, das wir gleich im Anschluss singen, wird ausgemalt, was es bedeutet, dass wir durch die Taufe in das Volk Gottes hineingenommen sind. Es heißt dort:

 

„Wohl dem, der einzig schauet / auf Jakobs Gott und Heil! / Wer dem sich anvertrauet, / der hat das beste Teil, / das höchste Gut erlesen, / den schönsten Schatz geliebt; / sein Herz und ganzes Wesen / bleibt ewig unbetrübt.

 

…Jedoch weil ich gehöre / gen Zion in sein Zelt, / ist’s billig, dass ich mehre / sein Lob vor aller Welt.“                                                                          (EG 302,2+8)

Amen.



Pastorin Luise Stribrny de Estrada
Lübeck
E-Mail: pastorin.stribrny@gmx.de

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