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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

8. Sonntag nach Trinitatis, 06.08.2017

Da muss Hitze in den Schrott!
Predigt zu Jesaja 2:1-5, verfasst von Manfred Mielke

Liebe Gemeinde,

rechts ein Obstbaum, links ein Weinstock, in Händen frisches Brot und ein Getränk – so mag ich mich in diesem Sommer fotografieren. Was aber müsste sich ändern, damit jeder Erdbewohner sich „ohne Schrecken“ so fotografieren kann? Bis dahin müsste sich vieles ändern. Dafür müsste die Welt von Grund auf geheilt werden. Zu singen: „Nur noch kurz die Welt retten“ 1) greift zu kurz und zeugt von „Größenwahn“. Eher bräuchten wir einen stark anhaltenden Schub, der die Welt heilt und jeden von uns mit. Ein anderer Liedermacher hat vom Heilwerden der Welt so gesungen: „Lasst uns eine Welt ohne Ängste erschaffen, damit wir gemeinsam Tränen des Glücks weinen. Und schau mal, wie die Nationen ihre Schwerter zu Pflugscharen verändern!“ Das war Michael Jackson, der seine CD „Dangerous“2) nannte, also Gefahr, und darauf die Hymne: „Heal the world“ also Weltheilung. Sein Zitat „Schwerter zu Pflugscharen“ stammt aus der Bibel, aus der Zeit Israels vor der Verschleppung nach Babylon. Die Propheten Micha und Jesaja warnten vor der Gefahr, nur aufs Militär zu setzen und doch global in „Schwert, Hunger und Pest“ unterzugehen. Das Genesungsprogramm Gottes dazu predigte der junge Jesaja so: Zuletzt wird unser Tempelberg über alle Hügel erhaben sein und alle Heiden werden herzulaufen … und sagen: Lasst uns zu Gott in seinem Hause gehen, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen! … Und er wird … zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen. Kommt nun, … lasst uns wandeln im Licht Gottes! (Jesaja 2, 1-5 i.A.)

Gott soll uns lehren, und wir wollen lernen, das sind die beiden Vorgänge, die jeden von uns genesen lassen und die Völkerfamilie auch. Alle Nationen kommen zur Vollversammlung auf Gottes Berg, er soll als Impulsgeber und Schiedsrichter handeln, und jeder von uns und jedes Volk wird von dort aus verändert überleben und weiterlernen. Das ist ein mutiges Bild, denn die Realität sah und sieht anders aus. Wir verteidigen jeden Hügel mit Feuer und Schwert. Uns machen die Erfolgskurven der Konkurrenz aggressiv. Wir erteilen - mit einem Wort aus dem Radrennsport - ständig Bergwertungen über andere. Jeder will - mit einem Bild aus dem Garten - stolzer Gockel auf dem eigenen Misthaufen sein. Von daher ist es schon ein erster Schritt in Richtung Umkehr und Weltheilung, wenn wir und die Nationen die Trutzburgen verlassen und zu Gottes Tempelberg ziehen, um in seinem Sinn radikal anders weiter zu leben. Auch geographisch stimmt was nicht, denn der Tempelberg ist niedriger als seine Nachbarberge. Gemeint ist also nicht die Arroganz der Gipfel, sondern ihre Nähe zum Himmel. Das, so spüre ich es, ist eine doch intime und höchst weltverändernde Aufgabe: Gib Deinen Gipfelstolz her als Schnittstelle für Gottes Initiative. Genau da, wo Deine Arroganz zum Siedepunkt hochkocht, genau da ist der Schmelzpunkt Gottes. Da lass ihn dich schmieden. Das meint der junge Jesaja, wenn er sagt: „Vom Zionsberg wird Gottes Weisung ausgehen - für alle und für jeden.“

 

Liebe Gemeinde,

des Jesaja‘ Vision eines umfassenden Heils hat uns aufbrechen lassen. Wir konnten unsere Trutzburgen verlassen und von Gott sowohl personalisiert als auch zwischenstaatlich beides bekommen: Schiedssprüche und Zielvorgaben. Ebenso hat uns Jesaja bereit gemacht für den langen Weg zurück in den Alltag. Herunter vom Berg, hinein in die „Mühen der Ebene“3). Was geschieht dort? Dort wird „kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen!“ Gott geht es um die folgenreiche Kehrtwende weg vom Erlernen der Kriegskunst, in allen Ländern und allen Lebensstationen. Von der Kinderkrippe bis zum Altenheim verlassen wir die Lernfelder der Aggression. Anstelle immer noch intelligenterer Waffen erlernen wir die Techniken der Wohlfahrt. Und privat bauen wir die eingeübte Niedertracht um zu spontanem Zutrauen. Fangen wir an. Denn aus dem ganz anderen Lernen folgt eine neue Handhabung. Symbolisch wird sie jedes Jahr bei den Ostermärschen in Leipzig vorgeführt. Zwei junge Burschen entfachen im Hof der Nikolaikirche ein Feuer und schmieden mit Funkenflug und Hammerschlägen aus Schwertern Sicheln.4) Sehr anschaulich. Mir gefällt an dem Bild zweierlei. Das Eine ist, dass das gleiche Können ein zweites Mal ansetzt. Da muss Hitze in den Schrott, das gefällt mir. Ich schaue gebannt zu, wenn auf Mittelalter-Märkten die Nagelprobe gemacht wird, ob also der Lehrling aus einem Eisenklumpen einen kompletten Nagel schmieden kann, der zB Eichenbalken in einem Dachstuhl über Jahrhunderte halten wird. Das Umschmieden von Waffen in friedliche Gerätschaften braucht keine Langweiler, sondern kraftvolle Künstler. Das Andere ist, dass „Pflugscharen und Sicheln“ landwirtschaftliche Werkzeuge sind. Mit „Sichel“ und „Pflug“ sind wohl ein Winzermesser und eine Grab-Hacke5) gemeint, wir werden somit also im Weinanbau angelernt. Das ist gut so, denn Schwert und Spieß würden uns ja zu Beerdigungskuchen und Kriegsgräberpflege zwingen, Winzermesser und Weinberghacke jedoch zu einer erheblich anderen Stimmungslage. Mir gefällt auch, dass nicht nur zwei Metallgegenstände konvertiert werden. Unsere Seelen- und Sozialgefüge ändern sich, wenn wir sie umsetzen: Gottes Initiative zur Umkehr und Weltheilung.

 

Liebe Gemeinde,

der letztgültige Zustand der Welt macht uns große Hoffnungen, bei leichter Verlegenheit. Werden wir wirklich nicht mehr lernen, Krieg zu führen? Und wird anstelle dessen „jeder unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen, und niemand wird sie schrecken. Denn der Mund Gottes hat's geredet.“ So, wie es der Prophet Micha ergänzt!? (4,3f) Wir werden vermutlich neugieriger zu dieser Verheißung, wenn wir dem Impuls Gottes wirklich die Initialzündung zugestehen. Denn mit misstrauischer Gesetzlichkeit werden wir uns kaum dem neuen Himmel und der neuen Erde nähern. Wohl eher mit dem Mut der Propheten und dem Humor der Kabarettisten. Der Kabarettist Horst Evers geht davon aus, dass die meisten Waffen der Terroristen im Westen hergestellt werden, auch bei uns. Das könne man doch zu einem Trick nutzen. „Riebe man nämlich all diese Waffen, insbesondere die Kalaschnikows, während der Herstellung mit einem sehr hartnäckigen, intensiven, praktisch niemals abwaschbaren Schweinefettextrakt ein - dann dürften die Islamisten diese ja gar nicht berühren. Wegen ihrer Religion. Man würde sie quasi mit ihren eigenen Waffen schlagen. Die ja erfreulicherweise im Grunde genommen sowieso unsere sind.“ Dagegen spräche, so der Kabarettist, dass man dadurch „Menschen wegen ihres Glaubens den Zugriff auf moderne Schnellfeuerwaffen verbaue.“ Das wäre ethisch nur dann zulässig, wenn „auch … Christen den Gebrauch … als nicht mit ihrem Glauben vereinbar ansehen würden.“ Doch nur sehr wenige „Befürworter meinten, entsprechende Hinweise ließen sich durchaus im Neuen Testament finden.“6) Ich finde: Diese Comedy zielt wunderbar auf Prophetie!

Und wenn wir die Worte des jungen Jesaja als Beauftragung verstehen, dann werden die „entsprechenden Hinweise“ des Jesus uns noch unerschrockener handeln lassen. Von ihm hörten wir ja in der Schriftlesung: „Ihr seid das Licht der Welt. Also … lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen!“

Wir begannen also mit einem Selfie der Heile-Welt-Idylle im Obstgarten bzw Weinanbau – jetzt kommen noch weitere Motive hinzu. Sie bebildern unsere weiteren Schritte: „Geh auf den andern zu. Zum Ich gehört ein Du, um Wir zu sagen. Leg deine Rüstung ab. Weil Gott uns Frieden gab, kannst du ihn wagen.“7) Amen.

 

1) Tim Bendzko auf CD: Wenn Worte meine Sprache wären, 2011; zu „Größenwahn“ auch: Markus Vahlefeld und Henryk M. Broder: Mal eben kurz die Welt retten; Aschenputtel Mai 2017

2) Michael Jackson: Dangerous, 1991 Epic Records

3) Berthold Brecht in: Wahrnehmung 1949; vgl. auch Tom Segev zur Staatsgründung Israels

4) Die Ankündigung lautete auf „Leipzig-gegen-Krieg.de“: Ostersamstag 15.04.2017: 10-12 Uhr Nikolaikirchhof: Kundgebung, mit Sichelschmieden

5) siehe „Karst (Werkzeug)“ in Wikipedia, Abb. „Der Rebmann“; Amann, Das Ständebuch 1568

6) Horst Evers: Der kategorische Imperativ ist keine Stellung beim Sex, Berlin 2017, S. 156f

7) EG (RWL) 677,3 Die Erde ist des Herrn; Text: Jochen Rieß 1985



Pfarrer Manfred Mielke
51580 Reichshof
E-Mail: Manfred.Mielke@ekir.de

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