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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

8. Sonntag nach Trinitatis, 06.08.2017

Leben im Licht des Herrn
Predigt zu Jesaja 2:1-5, verfasst von Andreas Schwarz

Es ist der Montag, an dem 70.000 Menschen mit Kerzen in den Händen eine Diktatur aus den Angeln heben - ohne Gewalt. Die Montagsdemo am 9. Oktober 1989 in Leipzig löst die friedliche Revolution in der DDR aus. „Wenn man eine Kerze trägt, braucht man beide Hände. Man muss das Licht behüten, vor dem Auslöschen schützen“, erinnert sich später der evangelische Pfarrer Christian Führer. „Da kann man nicht gleichzeitig noch einen Knüppel oder einen Stein in der Hand halten.“

Montag für Montag versammeln sich Menschen in Leipzig zum Friedensgebet. Es wird gebetet und geredet. Offen, als gäbe es die Stasi nicht, deren Spitzel auch in der Nikolaikirche die Ohren offenhalten.

Je mehr die Nikolaikirche zum Kristallisationspunkt des Protestes wird, umso mehr macht der Staat Druck. Die Polizei versucht seit Mai 1989 die Zufahrtswege abzuriegeln. Montag für Montag werden Menschen verhaftet. Trotzdem kommen immer mehr. Im Herbst 1989 gehen die Betenden nicht mehr nach Hause; sie gehen auf die Straße. Zur ersten Montagsdemo am 25. September kommen 6000 Menschen. Am 7. Oktober 1989, beim 40-jährigen Bestehen der DDR, eskaliert die Situation. Zehn Stunden lang prügelt die Polizei auf Demonstranten ein.

In der Leipziger Volkszeitung erscheint ein Aufruf, die „konterrevolutionären Aktionen“ endgültig zu beenden. Nötigenfalls „mit der Waffe in der Hand!“ Entsprechend gespannt ist die Situation am Montag, 9. Oktober. Die Angst geht um vor der chinesischen Lösung: Wochen zuvor haben die chinesischen Genossen auf dem Platz des Himmlischen Friedens Panzer gegen die Demonstranten eingesetzt.

Die SED agiert verdeckt: Sie schickt ihre Genossen in die Kirche; für die Friedensbeter soll wenig Platz bleiben. Das Friedensgebet verläuft ruhig. Dann öffnen sich die Türen: „Den Anblick werde ich nie vergessen“, so Führer. Draußen stehen Zehntausende mit Kerzen.

Langsam ziehen 70 000 um die Innenstadt. „Und das Wunder geschah. Der Geist Jesu der Gewaltlosigkeit erfasste die Massen“, formuliert es der Theologe. Die Menschen verwickeln die Volkspolizisten in Gespräche. Alles bleibt friedlich. Doch die DDR ist am Abend nicht mehr dieselbe... Einen Monat später fällt die Mauer. SED-Zentralkomitee-Mitglied Horst Sindermann soll später gesagt haben: „Wir hatten alles geplant. Wir waren auf alles vorbereitet. Nur nicht auf Kerzen und Gebete.“1

 

Kommt nun, …, lasst uns wandeln im Licht des Herrn!

Von ihm erleuchtet.

Von ihm begeistert.

In seinem Sinn reden und handeln.

Nach seinem Wort gehen und leben.

Dann prügelt man nicht und wirft keine Steine.

Aber man bewegt sich.

Macht den Mund auf.

Zündet Kerzen an.

Weil man den Dingen nicht einfach seinen Lauf lässt – irgendwie wird es schon gehen.

Nein, irgendwie geht es nicht.

Der und die Einzelne können doch sowieso nichts beeinflussen.

Doch, können sie.

Denn das Licht des Herrn leuchtet und wird nicht ausgepustet.

Vor 28 Jahren in Leipzig nicht.

Und heute auch nicht.

 

Er hat es versprochen. Er hat es fest zugesagt.

Es steht nicht in Zweifel.

Es wird, sagt er.

Sie werden.

Und er wird.

Da bleibt kein Raum für Spekulation oder Sorge.

Da lässt uns der Herr selbst einen Blick in die Zukunft werfen.

 

Es wird nicht so bleiben, wie es ist.

Kinder verhalten sich in der Grundschule, und vielleicht sogar schon im Kindergarten so, dass sie Konflikte mit Gewalt lösen. Wer beleidigt, wird geschlagen.

Wer geschlagen wird, schlägt doppelt zurück.

Kinder erleben Gewalt und verinnerlichen das Muster.

Später kommen Waffen dazu, Messer, Baseballschläger.

Sie schauen Nachrichten und Filme, spielen am Computer und hören von Gewalt, von Schlägereien, von Attentaten, von Selbstmordanschlägen, von Bomben.

Sie sehen Flugzeuge und Panzer, Drohnen und Maschinengewehre.

Das ist unsere Welt.

Heute so voll von Gewalt wie früher.

Bloß heute sehen und hören wir mehr davon.

Kinder lernen es. Manchmal werden selbst sie benutzt in den kriegerischen Auseinandersetzungen.

Und je älter sie werden, um so selbstverständlicher ist die Gewalt geworden. Die Schwellen sinken, die Brutalität scheint grenzenlos.

Menschen werden Treppen heruntergetreten, vor die U-Bahn geschubst. Einfach so.

Geht es so immer weiter?

Nimmt es nie ein Ende?

Gibt es keinen anderen Weg?

 

Kommt, lasst uns hinaufgehen zum Berg des HERRN, zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen!

Es gibt andere Wege, die wir lernen können.

Gottes Wege, die mit Gewalt nichts zu tun haben.

Die sich den Wegen hier widersetzen, ihnen entgegenstehen, anders sind.

Wege, die verbinden und nicht trennen.

Wege, die zusammenführen und nicht voneinander entfernen.

Kaum vorstellbar gerade in diesen Tagen und Wochen, dass solches verbindende Wort von Jerusalem ausgehen wird. Gerade Jerusalem.

Kaum eine Stadt, die heftiger umkämpft ist, in der so viele Auseinandersetzungen stattfinden, soviel Gewalt, so viele Waffen. So viele Steine. So viel Hass und Misstrauen.

Gerade von dort werden befriedende Worte gesagt;

Worte, die zusammenführen, die den Menschen vom Frieden erzählen und ihre Füße auf Wege des Friedens setzen.

Vom Berg wird seine Stimme zu hören sein. „Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen.“

Und am Kreuz vor der Stadt wird er sagen: „Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“

Worte aus einer anderen, als unserer Welt.

Worte, die unsere gewalttätige Welt verändern.

Menschen hören sie und vertrauen darauf.

Seine Jünger haben diese Worte weitergesagt.

Gegen alle Anfeindungen.

Durch die Jahrhunderte hindurch wurden die Worte weitergesagt.

Menschen haben sie gehört und wurden bewegt.

Es gibt etwas anderes, als die Worte dieser Welt.

Worte des Hasses und der Rache, Worte der Gewalt und der Waffen.

Es ist etwas Anderes möglich, als der Macht der Waffen zu vertrauen.

Menschen haben im Wort Gottes durch den Propheten Jesaja von diesem Frieden gehört.

Sie haben von Jesus gehört, wie er die Friedensstifter seligpreist.

Sie wurden bewegt und haben sich bewegen lassen.

Aufeinander zu und nicht immer nur gegeneinander.

Nach dem 30-jährigen Krieg gab es in Europa eine lange Zeit des Friedens; nach den beiden Weltkriegen erleben wir in Europa seit über 70 Jahre Frieden.

Menschen dienen dem Frieden mit ihren Gebeten, mit ihren Worten und Taten, mit ihrem Einsatz als Ärzte und Helfer.

Das hilft den Menschen, fördert Verständnis und wehrt dem Krieg.

Viel besser, als Waffen herzustellen und zu verkaufen; viel besser, als den Verteidigungsetat zu erhöhen.

Kerzen und Gebete können die Welt verändern. Im Sinne des Friedens, von dem Jesaja erzählt. Weil Menschen sich bei Gott und nicht bei den Mächtigen dieser Welt Weisung und Rat einholen. Weil sie Jesus Christus vertrauen und nicht dem Recht des Stärkeren. Odem dem mit den meisten und größten und modernsten Waffen.

 

Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln.

Zu Beginn der 80er Jahre hat das die christliche Friedensbewegung in der DDR zu ihrem Motto gemacht. Aufkleber wurden aus fadenscheinigen Gründen verboten; aber die Menschen ließen sich nicht mundtot machen, nähten sich das Zeichen aus Stoff auf Jacken.

Die Botschaft sollte gesehen und gehört werden.

Im Vertrauen auf Gott werden wir die Angst vor Waffen überwinden.

Gott, dem Herrn gehört das Leben und die Zukunft.

Darum wird es Waffen für den Frieden und die Sicherheit nicht mehr brauchen. Was die Menschen benötigen, sind Acker- und Erntegeräte. Hilfen, damit alle Menschen ausreichend ernährt werden und leben können, damit sie haben, was sie zum Leben brauchen. Nicht kämpfen und nicht flüchten müssen.

Wir sind davon weit entfernt.

Jesajas Worte klingen wie ein Märchen.

Und doch beschreiben sie, was Gott mit uns vorhat.

Eine Veränderung, die wir nicht einmal ahnen können.

Und die doch wahr wird.

Er hat es versprochen.

Wir glauben ihm.

Wir vertrauen ihm.

Und deswegen wandeln wir im Licht des Herrn.

Folgen dem, der gesagt hat, ich bin das Licht der Welt.

Darum zünden wir Kerzen an.

In jedem Gottesdienst.

Zuhause.

Und manchmal auch auf der Straße.

Die Welt wird nicht so bleiben, wie sie ist.

Gott sei Dank. Amen.

1 Aus: Westfälische Nachrichten vom 13.05.2009



Pfarrer Andreas Schwarz
Pforzheim
E-Mail: p.andreas.schwarz@gmail.com

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