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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

8. Sonntag nach Trinitatis, 06.08.2017

Predigt zu Jesaja 2:1-5, verfasst von Winfried Klotz

1 Dies ist's, was Jesaja, der Sohn des Amoz, geschaut hat über Juda und Jerusalem:

2 a Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des HERRN Haus ist, feststehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben, und alle Heiden werden herzulaufen, a) (2-4) Mi 4,1-3; Kap 19,23; Jer 3,17; Sach 2, 15

3 und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns auf den Berg des HERRN gehen, zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen! Denn a von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem. a) 5.Mose 4,6; Joh 4,22

4 Und a er wird richten unter den Heiden und zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen. a) Kap 9,4

5 Kommt nun, ihr vom Hause Jakob, lasst uns wandeln im Licht des HERRN!

Liebe Gemeinde!

Ein Bild von Zukunft malt uns dieses Bibelwort aus dem 2. Kapitel des Propheten Jesaja. Es ist kein realistisches Bild, eher ein Fantasiegemälde; ich könnte auch sagen: Jesaja erzählt einen hoffnungsvollen Traum. Er erzählt von einem Blick in die Zukunft, der kühn alle gegenwärtige Wirklichkeit hinter sich lässt. Alle Bedrohung Jerusalems durch äußere Feinde (vgl. Kap. 7/ 29/ 36) alle Abwendung von Gott im Inneren (vgl. die umstehenden Kap., bes. aber 28, 7ff). Jesajas Schau einer heilvollen Zukunft steht monolithisch, unverbunden, unmotiviert da, was im Buch des Propheten Jesaja aber nicht ganz ungewöhnlich ist (vgl. 4, 2ff/ 8, 23-9, 6 und Kap. 11 und 12). Jesajas Schüler, die seine Worte zusammengestellt haben (Kap. 8, 16-18), haben das vermutlich mit Bedacht so geordnet.

Ein Bild von Zukunft schaut Jesaja- wir finden diese Worte ähnlich beim Propheten Micha (Kap. 4), und wir fragen: Wann soll denn diese Zukunft sein? Wann soll eintreffen, was der Prophet schildert? „Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des HERRN Haus ist, feststehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben, und alle Heiden werden herzulaufen.“ Zur letzten Zeit? Dieser Termin steht nicht in unserem Kalender, diese Zeit ist allein Gottes Zeit. Und: was der Prophet beschreibt, lässt sich nicht ableiten aus beobachtbaren Entwicklungen. Es kommt, genauso wie das, was z. B. Matthäus von der Wiederkunft Christi und dem Ende der Welt erzählt, völlig überraschend (vgl. Mt. 24), nur das Matthäus von begleitenden Katastrophen berichtet. Noch einmal: die Wende zum Guten für alle Völker ist allein Gottes Sache. Sie beginnt in Jesajas Zukunftsgemälde damit, dass etwas sichtbar wird, was eigentlich nicht sein kann: der Berg, auf dem Gottes Haus steht, überragt alle anderen Berge. Wer schon in Jerusalem war weiß, dass der Ölberg das Gelände überragt, auf dem heute die beiden Moscheen stehen, zur Zeit Jesajas und Jesu aber der jüdische Tempel stand. Wir wissen auch: Traumbilder, oder besser: Zukunftsvisionen halten sich nicht an irdische Gegebenheiten und Möglichkeiten. Gottes Haus ragt empor über alle Berge, denn es ist Ort der Gegenwart des lebendigen Gottes. Aber wir haben noch eine Schwierigkeit: Heute steht an dieser Stelle schon lange kein Haus Gottes mehr, jedenfalls nicht der Tempel. Oder sollte das gleichgültig sein, da die Zukunft sowieso einer Welteinheitsreligion- vielleicht unter Führung des Islam gehört? Gleichgültig- oder besser notwendig, weil der später beschriebene Frieden ohne einen Ausgleich zwischen den Religionen unmöglich ist?

Wer solches vertritt, kann sich jedenfalls nicht auf unser Wort berufen. Da geht es um den Berg des Herrn und das Haus des Gottes Jakobs. Deutlich ist aber auch- und das ergibt sich nicht nur aus den Schwierigkeiten Jesaja 2 zu verstehen, sondern aus dem Zeugnis des Neuen Testament, dass Jesajas Zukunftsschau nicht geradewegs in unser Heute zu übertragen ist. Oder meinen wir den jüdischen Nationalreligiösen folgen zu müssen, die von der Wiedererrichtung des Tempels auf dem angestammten Gelände träumen? Nein, der jüdische Tempel wurde 70 nach Christus von den Römern zerstört, die neutestamentliche Gemeinde aber bezeugt Jesus als den Ort der Gegenwart Gottes. (Johannes 2, 21; 1, 51; vgl. die Tempelkritik im Hebr. 9,11. 24/ 12, 22) Durch ihn geschieht die Anbetung Gottes „im Geist und in der Wahrheit“ (4, 19-24). Unter dieser Voraussetzung verstehen wir die Zukunftsschau Jesajas für uns heute. Denn Christen lesen die Bibel von Jesus Christus her und bezogen auf das Heil, das Gott durch Jesus Christus geschaffen hat für alle, die glauben.

„Viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns auf den Berg des HERRN gehen, zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem“ (V. 3).

Ja, das Evangelium ist ausgegangen von Jerusalem zu allen Völkern. Im Gegensatz zu Jesaja sind die Völker nicht herzu gelaufen, sondern die von Jesus Gesandten zu ihnen gezogen. Das Heil kommt von den Juden (Joh. 4, 22b) durch den Juden Jesus. In IHM liegt Gottes Weisung für alle Völker.

Zweifelnd mag jemand fragen: Ist es erlaubt die Zukunftsschau des Jesaja so auf den Kopf zu stellen? Kann es nicht sein, dass noch eintritt, was Jesaja gesehen hat?

Ich sitze nicht in Gottes Ministerrunde und weiß nicht, welche Wege er Israel und die Völker zukünftig führen wird. Ich sage nur, wessen ich im Glauben gewiss bin, nämlich dass die Heil- und Friedlosigkeit der Menschen in der Verbindung mit Jesus überwunden, ihr Verlangen nach einem erfüllten Leben im Glauben an Jesus gestillt wird. Während in unserer Zeit viele eine Art irdisches Paradies fordern, die Wissenschaft, vor allem die Medizin soll es richten, und wehe dem Politiker, der nicht vor einer Wahl ein Füllhorn an fortschrittlichen, das Leben schöner, heiler, besser machenden Versprechungen auf Lager hat, während viele einer Religion der Unzufriedenheit huldigen, ihr Leben nach dem messen, was sie nicht haben oder unbedingt zu brauchen meinen, schenkt Gott allen, die ihm vertrauen durch Jesus seinen Frieden und birgt sie bei sich auch in Mangel und Unglück ihres Lebens. ER stellt ihr Leben vom Kopf, dem Kreisen um sich selbst, auf die Füße, den Dienst für Gott und die Nächsten. ER macht sie versöhnlich, denn sie sind durch Jesus mit Gott versöhnt.

„Und er wird richten unter den Heiden und zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.“

Christen lernen bei Jesus dem Frieden nachzujagen, was manchmal auch den Verzicht auf das eigene Recht nötig macht. Schauen wir in die Bergpredigt, von Jesus geht Weisung zum Leben aus!

Ich höre noch einen Einwand: Das hast Du alles schön individualistisch zurechtgestutzt, wo bleiben in Deiner Auslegung die Völker, die ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen?

Nach meiner Einsicht beginnt Frieden bei jedem Einzelnen. Jeder Einzelne soll, indem er in der Spur von Jesus geht, Frieden lernen, wenn denn durch Gottes Geist Ihr/ ihm die Vergebung ihrer/ seiner Schuld gewiss wurde und Gottes Liebe ihr/ sein Leben erfüllt (Rö. 5). Dieser Frieden Gottes wird Kreise ziehen, er bleibt kein versteckter Herzensfrieden. Vielleicht gelingt es dann da oder dort, dass dieser Frieden des Einzelnen auch zum Ausgleich zwischen Menschen, Gruppen - Völkern? führt. Wenn ich aber die markigen Worte mancher Machthaber höre oder lese, siehe zuletzt Chinas Präsident Xi Jinping bei der Parade zum 90. Jubiläum der Volksbefreiungsarmee, die die Wichtigkeit und Schlagkraft ihrerHeere preisen, dann wird mir ganz bange. Und es steigt der Verdacht in mir auf, dass mancher nur auf einen Anlass wartet, um seine Heere in den Krieg zu schicken. Auch Nordkoreas Diktator Kim Jong-un fällt auf durch ständige Drohungen und wird sich auch durch Überflüge amerikanischer Bomber über Südkorea nicht einschüchtern lassen. Die Friedlosigkeit unserer Welt stellt sich mir dar als unentwirrbarer Knoten, und ich wiederhole, was ich oben schon gesagt habe: die Wende zum Guten für alle Völker ist allein Gottes Sache. Gott hat sein Werk in unsere Hände gelegt, aber das Entscheidende, das, was die Not der Welt wendet, hat er durch Jesu getan und wird er auch in Zukunft allein tun. Wir werden unseren Christenglauben nicht darauf beschränken können, dass wir den Frieden Gottes schon haben und auch durch uns sich irgendwie und irgendwann die Welt schon zum Besseren verändern wird. Drängend bleibt die schwere Aufgabe des Betens ohne Unterlass: Dein Reich komme! Drängend bleibt die Fürbitte für Völker und Regierende. So haben wir Teil an Gottes Regieren. Und noch etwas: Hören wir auf, das liturgische Beten im Gottesdienst als genügend anzusehen; hin und her in den Häusern sollen wir beten! (Apg. 12, 5. 12)

Schließlich: „Kommt nun, ihr vom Hause Jakob, lasst uns wandeln im Licht des HERRN!“ Das ist unsere Aufgabe, dass wir wandeln im Licht Jesu im Vertrauen auf die Zukunft, die er schafft. Amen.

 

 



Pfarrer Winfried Klotz
Bad König/Odenwald
E-Mail: winfried.klotz@web.de

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