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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

10. Sonntag nach Trinitatis, 20.08.2017

Die Auserwählten
Predigt zu Exodus (2. Buch Mose) 19:1-6, verfasst von Bernd Giehl

Vielleicht haben sie sich ja in Auschwitz daran erinnert. Die, die die Selektion an der Rampe gleich bei der Ankunft des Zuges überlebt hatten, wo nur die Jungen und Starken zur rechten Seite gehen durften, während die Alten, Schwachen und Kranken gleich auf die linke Seite geschickt wurden, wo sie sich später ausziehen und alle gemeinsam, Männer, Frauen und Kinder in die Duschräume gehen mussten, aus denen sie dann nicht mehr herauskamen. Nicht lebend jedenfalls. Vielleicht haben die anderen sich an diese alte Geschichte erinnert. Die Geschichte von der Auserwählung ihres Volkes. Womöglich haben sie am Abend noch diskutiert, was das heißt, ein Auserwählter zu sein, einem auserwählten Volk anzugehören. Haben es noch diskutiert, falls sie am Abend noch die Kraft hatten. Und vielleicht hat ein Witzbold – falls es sie auch in Auschwitz noch gab, was ich aber nicht weiß – vielleicht hat ein Witzbold hinzugefügt: ein Auserwählter, der es bis nach Auschwitz geschafft hat.

Nein, ich war nicht dabei, und ich habe auch nichts davon gelesen, aber zumindest könnte ich mir vorstellen, dass sie die alten Geschichten, die von der Auserwählung ihres Volkes handelten, auch in Auschwitz erzählt haben. Und dass die einen sich daran geklammert und gesagt haben, wenn Gott unser Volk aus Ägypten herausführte und am Schilfmeer rettete, wenn er ihnen in der Wüste beistand und sie bis ins Gelobte Land führte, wo Milch und Honig fließt, dann kann er uns auch aus den Händen der Deutschen retten.

Und die anderen? Die, die nicht so bedingungslos an diesen Gott glaubten? Die haben wahrscheinlich gesagt: „Ja, wo ist er denn, dein Gott? Allmählich könnte er sich ja mal zeigen. Langsam wird es Zeit, dass er uns rettet, wenn wir nicht als Rauch in die Luft steigen sollen.“

   So jedenfalls stelle ich es mir vor.

 

*

 

Eine rätselhafte Geschichte. Eine Geschichte, die wir wohl nie ganz verstehen werden. Und mit der wir wohl auch nie so ganz zu Rande kommen. Der Anspruch ist ja nicht gerade gering. Warum musste es ausgerechnet dieses Volk sein, dass Gott sich erwählt? War das nicht von allem Anfang an eine Anmaßung? Was machte sie so besonders unter den Völkern? Weder kulturell noch auf militärischem Gebiet haben sie sich besonders hervorgetan. Es waren die Babylonier und die Ägypter, die die Schrift erfanden und damit erst die Möglichkeit des kulturellen Gedächtnisses schufen. Es waren die Ägypter, die die großen Pyramiden bauten, die bis heute Bewunderung hervorrufen. Es waren die Völker des Zweistromlands, die die damals bekannte Welt eroberten und für lange Zeit unterwarfen. Assyrer und Babylonier, deren Zeugnisse bis heute in den großen Museen der Welt zu sehen sind. Es war ein Grieche, Homer, der als erster die Gattung des Epos, der Heldengeschichte erfand, nämlich die Geschichte vom trojanischen Krieg und die Odyssee. Es waren ebenfalls griechische Dramatiker, die die ersten Stücke fürs Theater schrieben und so versuchten, den Rätseln des menschlichen Daseins auf die Spur zu kommen. Sie hießen Aischylos, Euripides und Sophokles. Ihre Stücke werden bis heute noch gespielt. Auch die Philosophie haben die Griechen erfunden.

Nichts von all dem zeichnet Israel aus. Zu seinen besten Zeiten war es eine Mittelmacht. Eine eigene Schrift hat es zwar auch relativ früh entwickelt, aber andere waren früher. Das einzige, was man sagen kann: Es hat relativ früh ein Gefühl für seine eigene Geschichte entwickelt und diese auch immer wieder reflektiert. Es hat seine Geschichte aufgeschrieben, durch all die wechselvollen Zeiten hindurch, von der Zeit der Einwanderung in Kanaan bis zur Unterwerfung und Eingliederung in die wechselnden Reiche der Babylonier, Perser und Griechen. Und es hat sie gedeutet als eine Geschichte des Abfalls vom wahren Gott Israels und als Strafe für ebendiesen Abfall.

Was also zeichnet sie aus? Was macht sie einzigartig? Die Antwort heißt: Sie waren das auserwählte Volk. Oder sind es vielleicht immer noch.

 

*

 

Ein Rätsel? Ganz sicher. Schon der Apostel Paulus hat lange darüber nachgedacht und ist doch zu keinem Ende gekommen. Auch er hat schon gesehen, dass es keinen logischen Grund dafür gab, dass Gott ausgerechnet dieses kleine Volk am Rand der Weltgeschichte zu seinem Volk wählte. Außer vielleicht der Tatsache, dass es die Patriarchen, Abraham, Isaak und Jakob zu seinen Stammvätern rechnete und dass auch die so etwas wie Gottes Auserwählte darstellten. Auch darin sah der Apostel, der von seiner Abstammung her selbst zu diesem Volk gehörte, eine Ableitung seiner These, dass kein Mensch vor Gott gerecht ist, sondern dass Gottes Gnade jeder menschlichen Leistung zuvorkommt. Was ihm aber noch viel rätselhafter vorkam, war, dass Israel Jesus Christus nicht als seinen Messias erkannt hatte und dass deshalb die Erwählung auf die Christen übergegangen war, auf Menschen aus Juden und Heiden also.

 

*

 

Womit es als sein Bewenden haben könnte. Streit hätte es natürlich auch weiterhin geben können, wer denn nun die von Gott Auserwählten seien; schließlich möchte keiner in der zweiten Reihe stehen, aber damit hätte es auch gut sein müssen. Oder man hätte es nach Lessings Ringparabel halten können, wo ein Vater drei Kinder hat, aber nur einen wundertätigen Ring, den er ihnen vererben möchte, und da er sich nicht entscheiden kann, wen er am liebsten hat, zwei weitere Ringe anfertigen lässt, die genauso aussehen wie der echte. Nach dem Tod des Vaters gehen sie zum Rabbi und wollen wissen, wer den echten Ring denn nun besitze. Und der Rabbi antwortet ihnen, das werde sich anhand der Taten, die sie tun, herausstellen. Wer am meisten Gutes tue, der besitze den echten Ring. Damit hätten sich Christen, Juden und Muslime zufriedengeben können; nur, dass sie diese Lösung nicht gewählt haben. Zumindest unter den Christen entstand ein schlimmer Hass gegen die Juden, sodass sie sie nicht in ihren Städten wohnen lassen wollten, sondern eigene Ghettos für sie errichteten, kleine und beengte Stadtvierte, in denen sie „ihre“ Juden zusammenpferchten und ihnen nur bestimmte Berufe erlaubten, den des Kaufmanns oder Händlers zum Beispiel. In Frankfurt sind die Überreste des Ghettos bis heute noch auf dem Gelände der Stadtwerke zu sehen. Aber selbst das reichte der christlichen Mehrheit noch nicht, sondern hin und wieder zogen sie mordend und plündernd durch die Ghettos, jagten die Bewohner und steckten ihre Häuser in Brand. Womöglich weil sie neidisch waren auf den relativen Erfolg der jüdischen Kaufleute und Geldverleiher oder vielleicht auch, weil der Stachel der „Erwählung“ der Anderen immer noch tief in ihnen steckte. Auch ein Martin Luther hat eine schlimme Schrift gegen die Juden geschrieben, weil sie sich nicht zum protestantischen Glauben bekehren lassen wollten und stattdessen verstockt an ihrem eigenen Glauben festhielten, der – wie Luther meinte – der falsche Glaube war. Er hätte es besser wissen können; hatte er doch am eigenen Leib erlebt, wie schlimm fehlende Toleranz gegenüber dem Andersgläubigen war. Und so ging es weiter über William Shakespeare, der in seinem Stück „Der Kaufmann von Venedig“ einen überaus unsympathischen blutlüsternen Juden auf die Bühne bringt, über Richard Wagner und die Antisemiten des 19. Jahrhunderts bis hin zum Mord an 6 Millionen Juden in Europa durch das deutsche Volk.

Und der Bund mit Gott? Er hat die Mörder nicht von ihrem Tun abgehalten, obwohl er doch hier in unserem Predigttext mit den Zehn Geboten begründet wird, die Israel halten soll, damit Gott ihm gnädig ist. Es ist eine Frage, ob Israel sie immer gehalten hat und die Propheten haben ihr eigenes Volk dafür kritisiert, wie wohl niemand kritisiert werden will. Natürlich kann man sich auf die Seite der Propheten stellen und sagen, den Bund gebe es nicht mehr, weil Israel die Gebote immer wieder übertreten habe. Aber dann muss man sich auch fragen, ob man nicht den Splitter im Auge des Anderen sieht, während man blind ist für den Balken im eigenen Auge. Oder wer kann von sich sagen, dass er die Zehn Gebote in jedem Augenblick seines Lebens gehalten hat? Wobei der Maßstab in diesem Fall ja immer noch viel zu klein gewählt ist, weil die Forderung ja heißt: das ganze Volk müsse die Gebote an jedem Tag halten.

Da kann einem schon ein wenig schummrig werden. Da fragt man sich, ob das nicht eine übermenschliche Forderung ist, die Gott da stellt und dann fängt man an, die Überlegungen des Apostels Paulus über Gesetz und Gnade noch einmal neu zu sehen. Die gehen bekanntlich ja dahin, dass niemand das ganze Gesetz halten könne und deshalb alle Menschen die Gnade brauchen.

 

*

 

Und was ist nun mit Israel? Und dem Bund den Gott mit den Juden geschlossen hat? An dieser Frage ist schon Paulus fast verzweifelt. Der Bund ist auf die Christen übergegangen oder er hat sie zumindest miteingeschlossen, davon war Paulus überzeugt. Im Übrigen hatte er seinen Charakter auch verändert, denn nun ging es nicht mehr um das Halten des Gesetzes, sondern um die Gnade Gottes, die der Einzelne annehmen oder verwerfen konnte. Aber war der Alte Bund damit nicht mehr gültig? Nach der Logik musste es so sein, aber selbst die Logik ist nicht alles. Wenn es so war, würde Gott nicht mehr zu seinem Wort stehen und das wiederum konnte auch nicht sein.

Im Grunde ist die Frage nicht zu lösen. Oder anders gesagt: Es bleibt Gottes Geheimnis. Was wiederum all die nicht verstanden haben, die die Juden ausgegrenzt und verfolgt haben. Wenn überhaupt jemand aus der Gnade Gottes gefallen ist, dann waren es die Verfolger und nicht die Verfolgten.

So leicht ist der Glaube jedenfalls nicht in ein logisches System zu verwandeln. Was uns aber im Übrigen nicht das Nachdenken erspart. Zum Beispiel auch darüber, wie es sich nun verhält mit dem Verhältnis von Juden und Christen.

 



Pfarrer Bernd Giehl
Nauheim
E-Mail: giehl-bernd@t-online.de

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