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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

10. Sonntag nach Trinitatis, 20.08.2017

Der Weg in die Freiheit
Predigt zu Exodus (2. Buch Mose) 19:1-6, verfasst von Matthias Wolfes

„Im dritten Monat nach dem Ausgang der Kinder Israel aus Ägyptenland kamen sie dieses Tages in die Wüste Sinai. Denn sie waren ausgezogen von Raphidim und wollten in die Wüste Sinai und lagerten sich in der Wüste daselbst gegenüber dem Berge. Und Mose stieg hinauf zu Gott. Und der HERR rief ihm vom Berge und sprach: So sollst du sagen dem Hause Jakob und verkündigen den Kindern Israel: Ihr habt gesehen, was ich den Ägyptern getan habe, und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und habe euch zu mir gebracht. Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein. Und ihr sollt mir ein priesterlich Königreich und ein heiliges Volk sein. Das sind die Worte, die du den Kindern Israel sagen sollst.“ (Jubiläumsbibel 1912)

 

 

Liebe Gemeinde,

 

die Auszugsgeschichte ist Kern und Stern der jüdischen Überlieferung. Sie ist die Grundlage für alles religiöse und glaubensgeschichtliche Nachdenken des Judentums in all seinen Facetten. Wer immer sich der jüdischen Gemeinschaft, sei es als Religions- oder als Kulturgemeinschaft, zurechnet, wird im „Exodus“ das eine, schlechthin zentrale Motiv für das finden, was überhaupt „Jüdisch“ bedeutet. Die Exodusgeschichte ist das Symbol für Glaube und Dasein des Jüdischen.

Leicht wäre es, das Bild des Exodus, wie es die alttestamentliche Erzählung vom Auszug des Volkes Israel zeichnet, zugleich zu einem Grunddatum der westlichen Kulturgeschichte überhaupt zu erklären. Es ist viel schwerer, das nicht zu tun, so dicht ist an dieser Stelle die ganze Verwebung von Emanzipation, Revolution und menschheitsgeschichtlichem Freiheitsdrang mit der biblischen Chiffre. Es ist ja nur eine säkulare Variante, wenn das „Prinzip Hoffnung“ als Inbegriff und zugleich als eine Art Handlungsmaxime des modernen Bewußtseins ausgegeben worden ist. Was in der westlichen Kultur und Politik als „Fortschritt“ aufgefaßt worden ist, geht, so unterschiedlich die Konzepte im einzelnen ausfallen mögen, von der Exodus-Idee aus.

 

 

I.

 

Unser Text bezieht sich auf das erfolgte Geschehen zurück. Er schildert es nicht, sondern resümiert es und ist insofern schon einen Schritt weiter. Wir befinden uns „im dritten Monat nach dem Ausgang der Kinder Israel aus Ägyptenland“. Das Symbolhafte steht hier im Mittelpunkt; jedes einzelne Wort hat Gewicht. Es geht nicht mehr um die Sachverhalte, die sich mit dem Auszug verbinden und die zu erinnern sich die Überlieferer in anderen Zusammenhängen so angelegentlich gewidmet haben. Es geht vielmehr darum, was dieser Auszug als ganzer, als Befreiungsakt, bedeutet. Jetzt erst wird klar, daß es sich um ein epochales Ereignis gehandelt hat. Jetzt erst wird denen, die es selbst erlebt haben, der Rahmen nachgeliefert, innerhalb dessen sie es zu verstehen haben, und nicht nur sie, sondern alle späteren Tradenten gleichfalls.

Dieser Deutungsrahmen ist seinerseits von nicht zu überbietender Bedeutsamkeit. Deshalb ist es auch Gott selbst, der ihn setzt: „Der HERR rief ihm [dem Mose] vom Berge.“ „Und Mose stieg hinauf zu Gott.“ „Und der HERR sprach.“ Es ergebt ein Verkündigungsbefehl an das „Haus Jakob“; der zu verkündigende Gegenstand wird in einem Satz zusammengefaßt: „Ihr habt gesehen, was ich den Ägyptern getan habe, und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und habe euch zu mir gebracht.“ Nun aber kommt das Entscheidende: Die göttliche Rettungstat begründet einen „Bund“, und aus ihm erwächst ein Anspruch des Retters an die Geretteten: „Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern.“ Im Bund mit Gott, dem Herrn der Welt, zu stehen heißt aber, einer besonderen Forderung zu unterliegen: „Ihr sollt mir ein priesterlich Königreich und ein heiliges Volk sein.“ Dies sind die Worte, die Mose „den Kindern Israel“ „sagen“ soll.

 

 

II.

 

Warum ist ein solcher Fixpunkt wichtig? Das ist deshalb der Fall, weil es unabänderlich feststehende, unwandelbare kulturelle Identitäten nicht gibt. Dies gilt für „das Judentum“ genauso wie für „das Christentum, es gilt für jede langfristig bestehende kulturelle Größe, bis hin zum Verein und zur Partei, ja selbst für die einzelne Person in ihrer lebensgeschichtlichen Entwicklung. In der Exodustradition hat die jüdische Kultur ihren alles überstrahlenden identitätsbildenden Mittelpunkt.

Nun ist es nicht unsere Aufgabe, uns Gedanken über Charakter und Strukturmerkmale jüdischer Identitätsstiftung zu machen. Wir sind weder Juden noch Kulturhistoriker. Wir nähern uns diesen Dingen als Christen. Und da gilt es sich zu erinnern, daß ja auch die christliche Überlieferung voller Befreiungs- und Aufbruchsmotive ist. Eine der hervorstechendsten Erzählungen aus der frühkirchlichen Zeit ist der Bericht im zwölften Kapitel der Apostelgeschichte, die von der Befreiung des Apostels Petrus aus der Haft im herodianischen Gefängnis zu Jerusalem handelt (Apg 12, 1-12). Dies ist eine christliche Exodusgeschichte.

Liest man beide Erzählungen nacheinander, die große aus dem zweiten Buch Mose und die kleine aus der Apostelgeschichte, so werden wesentliche Übereinstimmungen sichtbar. Die Befreiung geschieht nicht ohne Mitwirkung der Befreiten. Der Gefangene muß sich erheben, damit er in die Freiheit geführt werden kann. Über dem ganzen Geschehen steht ein ausdrückliches „Erhebe dich!“ (Apg 12, 7). Wie bedeutsam dies „Erhebe dich“ ist, wird jeder wissen, dem die bleierne Trägheit nicht fremd ist, wie sie in manchen bedrückenden Momenten auf einem lastet.

Nach Durchquerung mancherlei Hindernisse kommt dann der Moment des Erwachens. Erst nachdem der Herausgeführte Zeit und Gelegenheit hatte, sich zu sammeln, wird ihm klar, was eigentlich geschehen ist. Er kommt zu sich und kann der Sache selbst ins Auge sehen.

Das Ziel jeder dieser Exodusgeschichten ist das Aufstehen und Zu-sich-kommen des Menschen. Beides fällt ineinander. In den Geschichte wird es dargestellt als ein Akt, der der Anleitung, der Hilfe und Führung bedarf. Wir sind schlechterdings in unserer eigenen Welt gefangen. Es besteht nicht die geringste Chance, daß wir uns vollständig aus den Verstrickungen befreien und entwinden könnten. Solche Hilfe leistet eine Macht außer uns, sei es Gott selbst oder ein von ihm gesandter Engel.

 

 

III.

 

Das ist es, was die Geschichte von der Herausführung sagt. Die Exoduserzählung sagt es allen, die der jüdischen Religions- und Kulturwelt angehören, andere, neutestamentliche Erzählungen sagen es uns. Man muß noch einmal betonen und alles Gewicht darauf legen: Der Auszug ist ein Befreiungsakt. Den Ausgangspunkt bildet das Wort: „Stehe behende auf!“ Mit ihm geht die Diagnose unseres Zustandes einher und wird uns klargemacht, wie wir in Banden liegen. Unfreiheit bestimmt unser Wesen.

Doch dabei bleibt es nicht. Vielmehr liegt in der Aufforderung auch die Zuversicht, daß wir uns eben doch bewegen, ins ungemessen Weite gelangen und frei werden können. Der Weg zu Gott, der Glaube und die Zuversicht an und zu ihm, ist der Weg in die Freiheit.

Auch der christliche Exodus ist eine Befreiung. Die Wahrheit Gottes ist der Mensch, das ist hier ganz handgreiflich zu sehen: Die Einsicht und Klarheit, die uns aus dem Glauben und Vertrauen an Gott erwächst, betrifft unser eigenes Wesen, die Art und Weise unseres Daseins. Wir kommen zu einer Einsicht in uns selbst. Aber der Sinn solcher Einsicht ist nicht das Versenken des Einsichtigen in sich, sondern der Weg der Freiheit. Ihr Sinn besteht in der Bewegung, die wir machen. Der Ewige zeigt nicht sich selbst, aber den Weg zu sich.

 

Amen.

 

 

Herangezogene Literatur:

Michael Walzer: Exodus und Revolution. Aus dem Amerikanischen von Bernd Rullkötter, Frankfurt am Main 1995.



Pfarrer Dr. Dr. Matthias Wolfes
Berlin
E-Mail: wolfes@zedat.fu-berlin.de

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