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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

12. Sonntag nach Trinitatis, 03.09.2017

Chance verpasst?
Predigt zu Jesaja 29:17-24, verfasst von Hans-Otto Gade

Liebe Gemeinde!

Es war einmal ein Volk. Es war einmal ein Volk, das geteilt war. Ein Teil des Volkes lebte in relativer Freiheit und bescheidenem Wohlstand, der andere Teil des Volkes wurde fast 40 Jahre lang unterdrückt von einem großen Nachbarn aus dem Osten. Dieses Volk träumte 40 Jahre lang von der Wiedervereinigung und erwartete von diesem doch so unwahrscheinlichen Datum wahrhaft paradiesische Zustände für das ganze Volk…

Und siehe da: das Unwahrscheinliche geschah: das Volk wurde wieder vereinigt. Verwandte sahen sich nach 40 Jahren der Trennung wieder, Freunde konnten endlich wieder frei miteinander sprechen. Die große geschichtliche Wende war da, weil ein Machthaber im Osten das entscheidende Wort gesprochen hatte. Übergroße Freude herrschte im ganzen Volk!

Doch mit den Jahren wich diese Begeisterung einer tiefen Ernüchterung: Einige hatten an dieser Wiedervereinigung verdient, andere waren die Verlierer dieses geschichtlichen Datums. Die Enttäuschungen, die bitteren Enttäuschungen nahmen überhand in der Bevölkerung. Einige wenige, die an der Macht waren, scheuten sich noch nicht einmal, die sozial Schwachen noch schwächer und die Armen noch ärmer zu machen.

Gerechtigkeit und sozialer Friede waren ein Fremdwort geworden in diesem ihrem Lande.

 

Auch in der Kirche hatten die Bürger dieses Volkes nichts dazu gelernt. Zunächst, nach der überraschenden und völlig unerwarteten Wiedervereinigung, wurden großartige Festgottesdienste gefeiert. Gott, der Allmächtige und Barmherzige Gott wurde als der Retter gefeiert und Gottes Wirken in der Geschichte schien damit endgültig bewiesen.

Doch schon bald war der kirchliche Alltag eingekehrt, und Gottesdienste waren nur noch eine nette Gewohnheit, die oft auch zu einer unsäglichen Show ausarteten. Die wenigsten Christen erwarteten von Gott mehr, die wenigsten erwarteten von Gott ein Handeln in Geschichte, Gegenwart und vor allem in der Zukunft, die von Menschen nicht mehr verfügbar ist - bis hin in die Ewigkeit.

 

Also: in der Bevölkerung herrschten Resignation und Unsicherheit; die Regierenden und Mächtigen achteten wenig auf Recht und die Gerechtigkeit, und in der Kirche war fast jede Zukunftserwartung dahin geschmolzen, und die anfängliche Begeisterung einem großen Katzenjammer gewichen…

Liebe Gemeinde, sie haben natürlich längst gemerkt, von welchem Volk ich eben gesprochen habe: es ist natürlich das Volk Israel in der Zeit nach seiner Wiedervereinigung mit den Menschen aus dem babylonischen Exil im Jahre 538 v. Chr.…

… oder haben Sie etwa an ein anderes Volk gedacht bei der Beschreibung der Zustände nach der Wiedervereinigung?

 

In diese Stimmung des Volkes Israel hinein schreibt ein uns unbekannter Prophet folgende Sätze:

 

17 Wohlan, es ist noch eine kleine Weile, so soll der Libanon fruchtbares Land werden, und was jetzt fruchtbares Land ist, soll wie ein Wald werden.

18 Zu der Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buches, und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen;

19 und die Elenden werden wieder Freude haben am HERRN, und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels.

20 Denn es wird ein Ende haben mit den Tyrannen und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind, Unheil anzurichten,

21 welche die Leute schuldig sprechen vor Gericht und stellen dem nach, der sie zurechtweist im Tor (= vor Gericht), und beugen durch Lügen das Recht des Unschuldigen.

22 Darum spricht der HERR, der Abraham erlöst hat, zum Hause Jakob: Jakob soll nicht mehr beschämt dastehen, und sein Antlitz soll nicht mehr erblassen.

23 Denn wenn sie sehen werden die Werke meiner Hände - in ihrer Mitte werden sie meinen Namen heiligen; sie werden den Heiligen Jakobs heiligen und den Gott Israels fürchten.

24 Und die, welche irren in ihrem Geist, werden Verstand annehmen, und die, welche murren, werden sich belehren lassen.

 

Ja, diese Sätze sind geschrieben worden aus der traurigen, der resignierenden Gewissheit heraus: Menschen lassen selbst die besten Chancen ungenutzt! Selbst so eine historische Wende wie die Wiederzusammenführung eines Volkes, die Wiedervereinigung mit den fast verloren geglaubten lässt ein Volk ungenutzt vorübergehen: es bleibt alles beim Alten; Ungerechtigkeiten und Unglaube folgen dem ersten Jubel ganz schnell in Verbindung mit dem Katzenjammer der Ernüchterung.

Das war damals im Volk Israel nach der Rückkehr des Teilvolkes aus der babylonischen Gefangenschaft genauso wie in unserem Deutschen Volk nach 1989/90.

 

Und gerade in solchen verpassten Gelegenheiten, gerade nach diesen historischen Glücksmomenten, die wir ungenutzt vorübergehen lassen, gerade nach solchen geschichtlichen Sternstunden merken wir umso mehr, wie sehr wir uns nach einem grundlegenden Wandel sehnen, nach einer Zeit des Ausgleichs zwischen Arm und Reich, nach dem endgültigen Durchbruch von Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Uns wird schmerzlich klar, dass unsere Sehnsucht auf so eine Zeit gerichtet ist, eine Zeit ohne den immer währenden Streit der Menschen untereinander, eine Zeit ohne die gegenseitige Anfeindung und den gegenseitigen Kampf um möglichst große Anteile an Wohlstand und Ansehen.

 

Diese Zeit, so der Prophet, diese Zeit ist zu haben! Sie ist sogar zweimal zu haben: auf jeden Fall wird sie eintreten in der Zeit, wenn Gott sein ewiges Reich aufrichten wird auf der Erde, in der Zeit, wenn Gott selbst König sein wird und allem menschlichen Kleinkrieg ein Ende machen wird.

 

Aber diese Zeit wird vermutlich niemand von uns erleben!

 

Deswegen gewinnt die zweite Deutung dieses Textes, die von vornherein mit enthalten ist, immer mehr an Bedeutung:

Die Zeit der großen Wandlung, der Anbruch einer besseren Welt ist zu haben, und zwar mit uns und durch uns. Diese Zeit bricht an, wenn die Tauben und Blinden wieder hören und sehen – gemeint ist: Diese Zeit bricht an, wenn die Menschen, die gegenüber dem Willen Gottes taub und blind sind, endlich Gottes Willen erkennen und danach handeln.

Diese Zeit bricht an, wenn wir Gottes Willen anbrechen lassen in unserer Welt. Diese Zeit bricht an, wenn wir werden wie die Armen und die Elenden in unserem Text: das sind die Menschen, die schon jetzt allein auf Gottes Wort trauen und Gott die Wandlung sogar eines versteinerten menschlichen Herzen zutrauen.

 

Eine bessere Welt wird anbrechen, wenn vor allem anderen das Recht der Rechtlosen beachtet wird, wenn die sozial Schwachen nicht noch weiter ausgebeutet werden und unser Recht der Gerechtigkeit entspricht.

Von dieser Zeit sind wir noch Ewigkeiten entfernt, so scheint es. Die Hoffnung darauf, dass Menschen ihre uneingeschränkte Hoffnung, ihr Vertrauen allein auf Gott setzen, scheint fast utopisch zu sein. Zu sehr sind wir einem Denken verhaftet, das immer nach dem größten Vorteil für mich selbst schielt.

 

Und doch gibt es Anfänge, Anfänge einer Zeit des Friedens und des gegenseitigen Verstehens.

 

Da kenne ich eine Frau, die immer wieder benachteiligte Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund zu sich nach Hause einlädt. Diese Frau versorgt mit anderen Frauen diese Kinder, spielt mit ihnen, spricht mit ihnen, gibt ihnen ein zweites Zuhause. „Ich muss doch so handeln weil Gott das von mir erwartet!“ so sagt sie.

Dieses Handel wäre an sich noch nichts Besonderes, viele Menschen handeln so aus einer humanistischen Verantwortung heraus, die an keine Glaubensüberzeugung gebunden. Aber diese Frau handelt so, weil sie sich im Auftrage Jesu Christi dem Gebot der Nächstenliebe verpflichtet weiß.

 

Wir fragen uns, wir Christen fragen uns: Was erwartet Gott jetzt von mir?

Ich nehme zwei aktuelle Beispiele.

Europa fürchtet sich vor dem Terror des IS, der aus seinem Verständnis des Korans heraus die „Ungläubigen“, d. h. die Christen, mit allen Mitteln bekämpft.

Es reicht nicht, wenn wir als Christen uns der allgemeinen Volksmeinung anschließen und den IS als Terror-Organisation verdammen.

Bevor wir Christen unsere Stimme gegen jemanden erheben, müssen wir zunächst einmal selbst einen klaren Standpunkt beziehen: Wir müssen klar bekennen: Ich bin Christ, und nichts kann mich scheiden von der Liebe Gottes ... siehe Paulus und Luther.

Nur wenn wir sehr deutlich sagen und zeigen, dass wir aus der Kraft des Glaubens an den Dreieinigen Gott leben, erst dann können wir unsere Stimme vollgewichtig erheben.

 

Der beste Schutz gegen die Ausbreitung aller möglichen und unmöglichen Glaubensrichtungen und Überzeugungen ist mein fester Standpunkt: Ich bin Christ!

 

Dazu gehört auch das andere:

Immer wieder lese und höre ich, dass sich Kirchengemeinden und andere christliche Einrichtungen und Personen an Demonstrationen „gegen Rechts“ beteiligen und auf die Straße gehen.

Nur demonstrieren? Nein – das ist zu kurz gegriffen. Wir als Christen haben eine andere Aufgabe: Es ist unsere Aufgabe, mit den „Rechten“ ins Gespräch zu kommen. Sie zu fragen, warum sie so denken, warum sie diesem Gedankengut anhängen. Warum sie so sind, wie sie sind.

Erst dann können wir tragfähige Antworten finden. Wenn wir mit „den Rechten“ ins Gespräch kommen und ihre Argumente ohne Vorbehalte anhören, dann können wir auf diesem Wege viel mehr tun und viel mehr bewirken als in oft plumpen Demonstrationen.

Ich bin der Meinung: Wenn wir denen zuhören, denen sonst niemand zuhört; wenn wir mit denen reden, mit denen sonst niemand redet, dann erfüllen wir Gottes Willen.

 

Denn Gott hat uns Menschen die Möglichkeit, die Chance gegeben, Frieden und Verständigung wahr werden zu lassen. Er hat uns die Sinne und den Verstand geschenkt, damit wir sein Reich der gegenseitigen Liebe und Verständigung, sein Reich des inneren und äußeren Friedens, der Gerechtigkeit und der Bewahrung der Schöpfung anbrechen lassen.

 

Das ist eine immense, eine riesige Aufgabe. Diese Aufgabe wird gelingen, wenn wir sie angehen mit dem Vertrauen, mit dem Glauben: Gott will uns auf diesem Weg begleiten; er will uns zur Seite stehen, wenn wir diesen Weg des Friedens gehen.

 

Jesus Christus hat uns zugesagt, dass er bei uns sein will auf den Wegen, die Gott uns vorzeichnet. Seine Zusage, seine Verheißung gibt uns Mut und Kraft auf diesem Weg hin zu einer wahren, echten Wandlung der Menschheit:

 

„Siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende!“

Amen

 

 

 

 

 

 

 



Pfarrer i.R. Hans-Otto Gade
Buxtehude
E-Mail: hans-otto.gade@ewetel.net

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