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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

12. Sonntag nach Trinitatis, 03.09.2017

Predigt zu Jesaja 29:17-24, verfasst von Christian Anders Winter

17 Wohlan, es ist noch eine kleine Weile, so soll der Libanon frucht­bares Land werden, und was jetzt fruchtbares Land ist, soll wie ein Wald werden. 18 Zu der Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buches, und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Fin­sternis sehen; 19 und die Elenden werden wieder Freude haben am Herrn, und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels. 20 Denn es wird ein Ende haben mit den Tyran­nen und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind, Unheil anzurichten, 21 welche die Leute schuldig sprechen vor Gericht und stellen dem nach, der sie zurecht­weist im Tor, und beugen durch Lügen das Recht des Unschuldigen. Jesaja 29, 17-22

Man wird ja noch träumen dürfen, so mag man bei diesen Worten des Propheten Jesaja versucht sein zu sagen. Denn das, was er in diesen wenigen Sätzen unseres Predigttextes als Vision umschreibt, das klingt ja wirklich wunderbar. Der Libanon soll wieder zum fruchtbaren Land werden, fruchtbares Land soll wieder zum Wald werden – was erst einmal irgendwie widersprüchlich klingt, das war für die Menschen der damaligen Zeit durchaus verständlich, ja: erstrebenswert. Denn das, was den Libanon einmal berühmt und wohlhabend gemacht hatte – die Höhen mit ihren schier endlosen Wäldern mit Libanonzedern –, das war schon längst der Holzgewinnung zum Opfer gefallen. Die gerade gewachsenen Bäume waren begehrt als Baumaterial und für den Schiffbau. Nun aber, in naher Zukunft – so sagt es der Prophet – soll alles wieder so werden, wie es einmal war, nämlich: gut. Und diese Veränderungen würden noch viel weiter greifen. Nicht nur die Natur würde in ihren ursprünglichen, fast paradiesischen Zustand zurückkehren; gleiches würde auch für die Menschen gelten. Zu der Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buches, und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Fin­sternis sehen; und die Elenden werden wieder Freude haben am Herrn, und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels. Tauben werden wieder hören, Blinde sehen, Elende sich freuen können, die Ärmsten werden endlich aufatmen können. All das werden sie wieder können, werden voll Freude sein, weil sie Gott nahe sind.

Und noch in einen weiteren Lebensbereich hinein wird sich dieser wunderbare Wandel auswirken; es wird ein Ende haben mit den Tyran­nen und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind, Unheil anzurichten, 21 welche die Leute schuldig sprechen vor Gericht und stellen dem nach, der sie zurecht­weist im Tor, und beugen durch Lügen das Recht des Unschuldigen – so schließt unser Predigttext. Unterdrückung und Unrecht, Lug und Trug – auch das soll nun zum Ende kommen.

Paradiesische Zustände, die Vision von etwas, was einmal sein wird, vom Propheten Jesaja hineingesprochen in eine Situation, die so ganz unparadiesisch ist. Das Volk hatte sich, mit König und Mächtigen und Priesterschaft an der Spitze, schon lange von Gott abgewandt, hatte vergessen, wie ein Leben nach Gottes Willen wohl aussehen möge. Politisch versuchte sich der König im Bündnis mit Ägypten von der assyrischen Herrschaft zu befreien (vergebens, wie wir wissen), hatte sich damit – so Jesaja es kurz vor und auch im Anschluß an unseren Predigttext kritisiert – von Gottes Plan für sein Volk abgewandt, hatte ohne Gott Pläne gefaßt und Bündnisse geschlossen, die ihm zum Verderben werden würden. Auch die Priesterschaft hatte ihren eigentlichen Auftrag vergessen, sie taumeln von starkem Getränk; sie sind toll beim Weissagen und wanken beim Rechtsprechen (Jes 28,7). All dies wird die Strafe Gottes, das Unheil, auf sich ziehen, so klingt es bei Jesaja immer wieder durch, und diese Strafe steht unmittelbar bevor. Aus der Geschichte wissen wir, daß damit dann die 2. Eroberung Jerusalems im Jahr 587 v. Chr. gemeint ist, die in die Deportation des Volkes in das Babylonische Exil mündet. Und doch bleibt ein letzter Hoffnungsschimmer; Gott wird seinem Volk nicht auf immer zürnen, es gibt ein Licht am Ende der Finsternis. Dieses Hoffnungsmotiv wird in den späteren Kapiteln des Jesajabuches erneut aufgegriffen und von denen, die im Namen des Propheten schreiben, immer wieder betont werden, aber selbst hier in dem dem „Original-Jesaja“ zugeschriebenen Text, klingt diese Hoffnung schon an.

Parallelen werden zu unseren anderen Lesungstexten deutlich – auch hier eröffnet sich eine neue Zukunft, eine neue Hoffnung, sei es in der Heilung des Taubstummen oder auch in der Bekehrung des Saulus. Beide Male werden hier Menschen, denen es die Sprache verschlagen hat, die von jetzt auf gleich erblindet sind, geheilt, geheilt durch Jesus selbst oder auf die Fürbitte des Hananias hin. Beide Male ermöglicht diese Heilung eine neue Zukunft, ein neues Leben. Der Taubstumme kann wieder am Leben der Menschen um ihn teilnehmen, als Gleicher unter Gleichen, nicht länger angewiesen auf Hilfe und Mitleid. Und Saulus – auch für ihn tut sich eine neue Zukunft auf. Er ist nun nicht mehr Saulus, der erbitterte Gegner der frühen Christen, sondern läßt sich taufen, bricht mit seinem alten Leben und wird künftig als Paulus, als einer der Apostel, selber das Evangelium in die Welt hinaustragen. Für beide ist ein Stück von dem, was Jesaja in seiner Vision beschreibt, schon wahr geworden…

Wo kann uns dieser Text aber ansprechen? Sind wir in einer vergleichbaren Situation wie das Volk zur Zeit von Jesaja, haben wir auch Gottes Willen und Weisung aus dem Blick verloren, laufen scheinbar blind dem Abgrund entgegen? Das ist ja etwas, was innerkirchlich – gerade aus den eher frommen Kreisen – oft gesagt bzw. als Vorwurf formuliert wird. Da ist dann von mangelnder geistlicher Tiefe die Rede, von einer übergroßen Hinwendung zu Tagespolitik und Zeitgeist die Rede. Ich will nun nicht darüber urteilen, ob dies nun zutrifft oder nicht; das mag letztlich jeder am besten für sich selber entscheiden. Sicherlich richtig ist aber, daß viel von dem, was Jesaja an Mißständen beschreibt, auch in der einen oder anderen Form in der Welt um uns herum zu beobachten ist. Aber wir Christen leben ja nicht nur in der Gegenwart, wir leben immer auch in der Hoffnung auf das, was einmal kommen wird, egal, ob wir das nun mit den Worten des Jesaja oder in den Worten, mit denen uns Jesus das anbrechende Gottesreich beschreibt, umschreiben wollen. Diese Hoffnung – wenn wir sie denn ernst nehmen! – kann unser Leben entscheidend verändern. Ja, es gibt die Spötter und Tyrannen – aber wir müssen nicht gemeinsame Sache mit ihnen machen! Ja, es gibt die, die Freude am Unheil haben, die mit Lügen und Gerüchten andere Menschen ins Unglück stürzen – aber wir können uns ihnen widersetzen! Wir können – wie Paulus – zu unseren Fehlern stehen und dabei auf Gottes Gnade und Vergebung hoffen, um unser Leben neu anzugehen und so ein Stück – und sei es nur im ganz, ganz Kleinen – mitzuarbeiten am Reich Gottes…

Dazu will uns Jesaja ermutigen. Auch, wenn vieles heute schlecht und ungerecht erscheint, wenn oft genug die niederen Instinkte zu siegen scheinen und das Recht des Stärkeren und Rücksichtslosen mächtig ist – dann dürfen wir darauf vertrauen, daß das letzte Wort dazu noch nicht gesprochen ist. Wir leben in einer Hoffnung, die uns niemand nehmen kann, weil sie von Gott selbst her kommt, und aus dieser Hoffnung heraus können wir uns bemühen, anders zu leben, dort gegen Unrecht und Gewalt einzuschreiten, wo es uns möglich ist, um so ein Stück von Gottes Liebe in die Welt zu tragen. Jesus kann uns dabei ein Beispiel sein, Paulus, aber auch viele ungenannte und unbekannte Menschen, denen wir im Laufe unseres Lebens begegnet sind und in denen für uns das Reich Gottes aufgeschienen ist. Gebe Gott, daß auch wir zu solchen Menschen für andere werden! Amen.



Dr. Christian Anders Winter

E-Mail: christian.winter@disanet.de

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