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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

12. Sonntag nach Trinitatis, 03.09.2017

Kinder verändern die Welt!
Predigt zu Jesaja 29:17-24, verfasst von Christoph Rehbein

Liebe Gemeinde,

das ist heute mal etwas ganz besonderes: Ein Prophet aus dem Alten Testament, der sagt: Es geht aufwärts. Die Welt wird sich ändern – und das ganz bald!

Jesaja kann auch anders. Wie die meisten seiner Prophetenkollegen muss er in Gottes Namen laut schimpfen: Die Besitzenden sollen das einfache Volk nicht länger unterdrücken und ausbeuten!

Hier klingt seine Botschaft viel positiver. So wie in der Liedstrophe, die wir gerade gesungen haben:

Die Tore stehen offen. Das Land ist hell und weit. (EG 395/3)

In meiner Predigt will ich mich auf die 2 Sätze konzentrieren, die ich bei Jesaja am wichtigsten finde. Die lese ich jetzt noch mal (V.22b.23a):

Nun wird Jakob nicht mehr zuschanden werden, und sein Angesicht wird nun nicht mehr erbleichen. Denn wenn er seine Kinder, das Werk seiner Hände, in seiner Mitte sieht, wird man meinen Namen heilig halten.

Das ist also das Kennzeichen der guten neuen Zeit: Erwachsene fokussieren ihren Blick neu. Sie sehen die Kinder im Zentrum.

Angesprochen ist Jakob. Wer ist Jakob? Er war einer der so genannten Stammväter, Vater von 12 Söhnen, der „Stämme Israels“. Die Zahl 12 steht wie bei den Sternzeichen für die Ganzheit. Ganz Israel ist angesprochen, also auch wir Christen? Ja, auch wir Schwestern und Brüder in der großen Gemeinde, die sich christlich nennt. Denn durch Jesus Christus sind wir früheren Heiden integriert in Gottes unauflöslichen Bund mit Israel. Israel ist und bleibt Gottes erste Liebe – und wir kommen durch den Juden Jesus mit dazu.

Und eben der hat ja die gleiche Botschaft wie sein Vorläufer Jesaja, stellt Kinder in die Mitte seiner Aktivität. Wir haben das in der Lesung vorhin (Markus 10, 13-16) genau gehört. Jesus fordert sogar dazu auf, zu werden wie die Kinder.

Also stellen wir Erwachsenen Kinder in unseren Fokus, damit unsere Welt besser wird? Damit Baumgärten gedeihen, Blinde sehen und im Gegenzug Tyrannen aufgeben müssen?

Liebe Gemeinde, es wäre gut, wenn wir das täten.

Wissen Sie, was ein Elterntaxi ist? Wenn Sie morgens gegen 8 in der Nähe von Schulen unterwegs sind, dann ja. Denn dort stauen sich die Blechlawinen. Weil Eltern Sorge tragen, dass ihr Kind unversehrt in den Unterricht kommt. Wir wollen die Kleinen vor Verkehrsgefahren bewahren, verursachen durch das Blechgekutsche diese Gefahr jedoch selbst mit. Irgendetwas stimmt da ganz entschieden nicht. Die Albert-Schweitzer-Schule Hannover hat Elterntaxis das Halten auf ihrem Gelände kürzlich verboten – und siehe da, es zeichnen sich andere Lösungen ab für einen sicheren Schulweg. Es gibt ja auch noch das Fahrrad und die eigenen Füße – die Verkehrsmittel der Zukunft! Unsere Kinder bekommen immer Zeugnisse. Wir fiebern mit, dass sie gut ausfallen. Die lokale und die Berliner Politik bekommen bislang nur ein Armutszeugnis. Dafür, dass durchdachte Verkehrskonzepte der Zukunft so furchtbar lange brauchen. Und das in einer Zeit, wo vieles doch ganz schnell gehen kann...

Immer noch zu viele 20-30jährige sagen: In diese Welt wollen wir kein Kind setzen. Wegen der Klimakatastrohe, wegen der vielen Flüchtlinge, die noch zu uns kommen werden. Wegen des bevorstehenden Kampfes um sauberes Wasser auf einer überbevölkerten Erde.

Dabei ist es doch so: Wir brauchen die Kinder, um zu sehen, wie unsere Welt aussehen könnte. Jesaja malt sie aus, die positive Vision Gottes für unsere Zukunft:

Nur noch eine kleine Weile, dann verwandelt sich der Libanon in einen Baumgarten.

Wir könnten natürlich fragen: Was heißt hier eine kleine Weile?

Warum dauert das so lange? Jesaja war vor über 2 ½ Jahrtausenden. Was ist jetzt? Die Antwort heißt: es liegt an uns, an Gottes Volk. In Israel und im Libanon, in Syrien und all den Ländern des Nahen Ostens gelingt der Frieden nicht. Die Baumstämme sind noch immer verkohlt von vielen Brandbomben. Von den Menschenopfern ganz zu schweigen. Und wir, hier in Europa, im so genannten christlichen Abendland? Auch wir ziehen nicht mit, damit Gottes Visionen Gestalt gewinnen. Dabei braucht ER sein ganzes Volk aus Juden und Heiden als Partnerinnen und Partner. Denn unser Gott ist kein Marionettenspieler, der uns als Puppen tanzen lässt. Er will die Erde mit uns regieren.

Jesus sagt, wir sollen wie die Kinder werden. Was ändert sich dann?

Erstens: Wir lachen mehr. Eltern wissen das: Kinderlachen steckt an. Und unsere Quote verbessert sich. Es ist nicht gerade zum Lachen, dass Kinder genau das mindestens 5x so oft wie wir tun!

Zweitens: Wer Kinder beim Spielen beobachtet, kann lernen. Jedenfalls solange sie noch nicht hinter Bildschirmen verschwinden und zu Virtuosen der Handy-Tastaturen werden. Kinder verlieren zwar genau wie wir nicht gern, aber sie können fast immer besser teilen und zusammenarbeiten.

Drittens: Kinder haben kaum Vorurteile. Andere Hautfarben und Sprachen im Sandkasten stören sie nicht, sondern wecken ihre Neugier.

Wenn Jakob Gottes Kinder in seiner Mitte sieht, dann wird Gottes Name heilig gehalten.

Dann kann das geschehen, was Inhalt der Prophetenvision ist: Die Ärmsten der Menschen werden wieder jubeln, mit Tyrannen ist es aus, Gerechte werden nicht länger als Gutmenschen verunglimpft. Irregeleitete kriegen wieder Verstand. Und alle Meckerfritzen und Meckerfriedas lernen plötzlich positives Denken.

Nur noch eine kleine Weile, bis der neue Baumgarten gedeiht? Ich stelle mir vor, viele unter Ihnen spricht dieser Wunsch auch an. Jeder Garten ist ein Ort, um Sehnsüchte auszuleben und zu gestalten. Mit der eigenen Kraft!

Letzten Sonntag beschäftigte sich im NDR eine ganze Radiosendung mit diesem Thema. Ich habe da sehr schöne Sätze gehört. Zum Beispiel diesen: Die Idee vom Paradies wurde in der Wüste geboren. Und ein persisches Sprichwort: Wer ins Paradies möchte, muss nicht erst sterben – solange er einen Garten hat. Immer mehr Menschen auch bei uns spüren: In unserer hochtechnisierten Welt brauchst du einen Ort, wo du selbst die Erde spürst. In ihr gräbst, an ihr riechst, in sie hinein säst und aus ihr unmittelbar erntest. Mit eigener Hand. Und dann erlebst du, dass der Garten fast immer etwas anderes hervorbringt las du es dir vorgestellt hast. Die Natur lässt sich nicht zähmen. So wie Kinder sich nicht zähmen lassen. Wer in einem Kindergarten arbeitet, weiß das. Das heißt leider inzwischen fast überall Kita – wo es doch das schöne Wort Kindergarten bis in die Weltsprache Englisch geschafft hat. Es würde sich lohnen, zu diesen beiden Hauptwörtern unseres Textes mal einen ganzen Gottesdienst mit Kindergarten-Mitarbeiterinnen zu machen...

Oder mit den Kinder-Bischöfen aus Nikolausberg, einem Stadtteil von Göttingen. Da werden an jedem 6. Dezember drei Kinder als Berater in den Ortsrat gewählt. Die mischen dann für ein Jahr in der lokalen Politik mit. Haben zum Beispiel einen beleuchteten Zebrastreifen vor der Grundschule durchgesetzt, nachdem es dort einen tragischen Verkehrsunfall gegeben hatte. So könnte es praktisch aussehen, wenn eine gut gemeinte Aussage tatsächlich umgesetzt würde. Die ich auf dem aktuellen Wahlplakat einer Partei las, von der ich das so nicht erwartet hätte. Sie wissen schon, was ich meine? Schulranzen verändern die Welt, nicht Aktenkoffer...

Wenn Jakob seine Kinder, das Werk meiner Hände, in seiner Mitte sieht, wird man meinen Namen heilig halten, und vor dem Gott Israels wird man sich fürchten.

Der letzte Satz irritiert. Wir wollen vor Gott keine Angst haben – so wie wir vor Kindern keine Angst haben. Gemeint ist auch etwas anderes. Es geht dem Propheten um die Ehrfurcht vor Gott. Vor Gott geht es nicht an, dass ein Präsident in der freien Welt sagt: My country first. Vor Gott geht es nicht, an das wir das bei uns nachplappern mit den blöden Formeln Deutschland den Deutschen oder Festung Europa.

God’s own country, das wäre nur das Paradies! Ein Ort ohne Mauern und Grenzen. Der Garten Eden, den wir mitgestalten können mit der Kraft unserer Hände und unserer Gedanken. Mit dem Blick auf unsere Kinder, die wir nicht selber herstellen. Die in ihrer Unverwechselbarkeit das Werk Seiner Hände sind.

Gott sei Dank! So halten wir Seinen Namen heilig. Im Englischen klingen zwei Formeln ganz ähnlich: Thanks a lot heißt: vielen Dank!

Thank the Lord heißt: Gott sei Dank. Das passt besser, dieser Dank hat eine Richtung: Gott sei Dank: Für unsere Kinder. Und das unsere Erde noch immer eine Chance hat, sich weiter zu drehen. Wir haben sie in Ehrfurcht vor Gott schließlich nur von unseren Kindern geerbt...

Und Gottes Friede, der weiter reicht als alle menschliche Vernunft, der wird unsere Herzen und Sinne bewahren in Christus Jesus.

Amen.



Pastor Christoph Rehbein
Hannover
E-Mail: christoph.rehbein@reformiert.de

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