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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

12. Sonntag nach Trinitatis, 03.09.2017

Predigt zu Jesaja 29:17-24, verfasst von Dietz Lange

Liebe Gemeinde! Wir Deutschen sind in der Welt bekannt für unsere Neigung zur Schwarzmalerei. Der Dieselskandal bedroht die Wettbewerbsfähigkeit unserer Autoindustrie. Der Zusammenhalt der europäischen Union ist durch die unterschiedlichen Mentalitäten in Nord- und Südeuropa schon länger gefährdet, und jetzt kommt noch der Brexit dazu. Die USA steigen aus dem Pariser Klimaabkommen aus und gefährden durch Drohgebärden gegenüber Nordkorea den Weltfrieden. Der Rechtsextremismus wird in unserem Land immer stärker und bringt die innere Sicherheit ins Wanken. Den deutschen Parteien gehen die Ideen aus und es fehlt in unserem Volk an politischem Engagement. In unseren Kirchen steht es nicht besser. Sie werden immer leerer, sie vermögen nicht mehr zu begeistern. Und so weiter. Sie kennen solche Litaneien zur Genüge. Ich will die tatsächlichen Probleme gar nicht kleinreden. Natürlich gibt es auf vielen Gebieten erheblichen Handlungsbedarf. Aber Ihnen werden sicher auf Anhieb auch positive Gegenbeispiele einfallen. Wahr ist auch: Wir leiden auf enorm hohem Niveau. Da kann ein Blick zurück helfen, in eine ganz andere Zeit, von der unser heutiger Predigttext handelt. (Textlesung)

Diese Worte gehören in eine späte Phase des Jesajabuches. Dem Volk Israel droht eine neue Fremdherrschaft. Die Babylonier haben es besiegt. Jerusalem ist noch heil geblieben, aber es droht die Entführung der Oberschicht. Und innerhalb des eigenen Landes steht es noch schlimmer: Die öffentliche Ordnung funktioniert nicht mehr. Das Recht wird gebeugt. Ungerechtigkeit und Bestechung herrschen. Es geht den Leuten viel schlechter als uns Deutschen heute. Sie beklagen sich, sie „murren“, heißt es da. Sie haben wirklich Grund dazu. Der religiöse Trost der Geistlichen erscheint ihnen unglaubhaft. Dass Gott sein Volk nicht verlässt, mögen sie nicht mehr hören. Es sieht doch gar nicht danach aus. Im Gegenteil: Wir fühlen uns alleingelassen, schutzlos ausgeliefert, mögen sie gesagt haben.

Darauf reagiert der Schreiber unserer Zeilen in ganz überraschender Weise. „Nur noch eine kurze Zeit, dann wird alles besser werden.“ Das hat vermutlich viele damals empört. Solch eine billige Vertröstung, ohne jeden Anhalt an der Wirklichkeit. Das hätte uns gerade noch gefehlt.

Aber der Redner meint mehr und anderes. Er sagt nichts Konkretes voraus, etwa dass die Feinde übermorgen wieder abziehen werden. Stattdessen spricht er in Gleichnissen. „Das verödete Libanongebirge soll wieder zu Gartenland werden, und daraus soll dann noch ein dichter Wald werden.“ Damit deutet er an, dass es ihm nicht um irgendeine kleine politische Korrektur geht, die im Wechselspiel der Ereignisse schon bald wieder zurückgedreht wird. Eine tiefgreifende Veränderung der Natur bedeutet: Da wird etwas grundlegend anders.

Dabei geht der Redner merkwürdigerweise auf die politische Großwetterlage überhaupt nicht ein. Anders werden soll das politische Klima im Lande selbst. Korruption und Ungerechtigkeit sollen aufhören, die innere Sicherheit wird sich verbessern. Gott selbst wird das bewirken. Er wird für inneren Frieden im Land sorgen. Dann werden die Leute sich erinnern, wie Gott schon in grauer Vorzeit dem Abraham geholfen hat. Wer bisher auf dem religiösen Ohr taub war, wird begierig hören, was Gott alles für sein Volk getan hat, und wird sich davon überzeugen lassen. Wer bisher blind war für Gottes Taten, wird sie nicht länger leugnen, sondern begeistert anderen gegenüber davon sprechen. Die Menschen werden wieder Ehrfurcht vor Gott haben und keine losen Reden mehr über ihn führen. Es wird Eintracht der Menschen untereinander und mit Gott geben wie nie zuvor. Ja, und dann werden auch die Feinde von außen sich zurückziehen, kann man ergänzen. Das steht zwar nicht da. Aber nach altisraelitischem Glauben war Feindschaft und Unterdrückung von außen immer als Strafe Gottes für den Ungehorsam des Volkes zu verstehen. So wird die Geschichte zu einem glücklichen Ende kommen, und das schon bald. Das ist wie im Paradies, könnte man sagen. Oder mit den Worten, die Jesus gebraucht hat: das ist das Reich Gottes auf Erden.

Solche Zukunftsvisionen haben im Lauf der Geschichte immer wieder Menschen beflügelt. Mit Träumen von ewigem Frieden, von harmonischem Zusammenleben haben sich die Menschen besonders dann getröstet, wenn die Wirklichkeit ganz hoffnungslos aussah. Dabei ist allerdings der religiöse Hintergrund immer mehr verloren gegangen. Die letzte große Zukunftsvision, der Kommunismus, ist uns noch ziemlich frisch im Gedächtnis. Da hat man die Religion Opium des Volkes genannt, ein Rauschmittel, mit dem man sich über die traurige Gegenwart hinwegmogelt. Das hat viele Menschen überzeugt. Sind nicht die religiösen Voraussagen immer wieder enttäuscht worden? Die Propheten hatten doch gesagt, Gott werde das alte Königreich Davids wiederherstellen. Stattdessen musste das Volk immer neue Leidenszeiten ertragen. Das kann einen schon ins Grübeln bringen. Uns Christen trifft das gleich mit. Denn auch wir glauben doch, dass Gott die Geschichte lenkt. Am Anfang dieser Predigt haben wir uns die Krisenherde unserer Zeit vor Augen geführt. Auch wenn man unsere deutsche Neigung zum Nörgeln abzieht, bleibt doch die Frage: Wo ist denn von Gottes Führung etwas zu spüren? Wie steht es mit der Zuversicht des alten Propheten in unserem heutigem Text: Wenn die Menschen die Taten Gottes sehen, dann werden sie Gott wieder mit Ehrfurcht und Gehorsam begegnen? Dabei leben wir doch von Hoffnungen, wenn wir ehrlich sind. Was wäre ein Leben ohne Hoffnung?

Das Neue Testament antwortet auf solche Fragen. Da predigt Jesus am Anfang seiner Laufbahn in der Synagoge seiner Heimatstadt Nazareth. Dabei hat er ein ganz ähnliches Stück aus dem Jesajabuch vor sich. Da heißt es: „Der Herr hat mich gesandt, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, den Blinden, dass sie sehen sollen.“ Jesus klappt das Buch zu und sagt: „Heute ist das erfüllt vor euren Ohren.“

Auf den ersten Blick erscheint eine solche Antwort gar nicht zu passen. Jesus war kein politischer Herrscher. Er hat nicht über die römische Besatzungsmacht triumphiert, sondern ist im Gegenteil von ihr hingerichtet worden. Die Herrschaft Gottes, die er in die Welt gebracht hat, spielt sich im Verborgenen ab, in den Herzen der Menschen, die an ihn glauben. Die alten Weissagungen sind jedenfalls ganz anders erfüllt worden, als man sich das vorgestellt hatte. Immerhin: Es sind wirklich die Tauben, die da etwas hören, und die Blinden, die da etwas sehen. Die nach menschlichem Ermessen Tauben und Blinden unter Juden und Nichtjuden nehmen Gottes Wirken wahr.

Aber ist das nicht nur eine raffiniertere Täuschung? Wird uns da statt Aufhebung des Elends, statt Gerechtigkeit und Frieden unter den Völkern nur ein innerer Frieden angeboten? Da könnte einer dann vielleicht sogar selbstzufrieden zuschauen, wie die böse Welt zugrunde geht, als ob ihn das gar nichts anginge.

Solche vermeintlich christliche Frömmigkeit hat es tatsächlich gegeben, gerade unter Lutheranern. Es ist zwar richtig, das Gottes Reich nicht von dieser Welt ist. Aber es wirkt durch die einzelnen Menschen in diese Welt hinein. Dadurch hat es Folgen auch für die Wirtschaft und die Politik. Daran erinnern uns die Visionen des Alten Testaments, auch wenn wir wissen, dass es einen ewigen politischen Frieden in dieser Welt nicht geben wird. Der innere Frieden mit Gott treibt uns an, für den äußeren Frieden etwas zu tun. Wir wissen, dass Gott ihn eigentlich will. Von ewiger Dauer ist er erst in einer anderen Welt.

Trotzdem handelt es sich nicht etwa um eine bloße Fata Morgana am Horizont. Gottes Führung hinterlässt durchaus sichtbare Zeichen in unserer Wirklichkeit, wenn wir sie denn lesen können. Wir Christen sind da oft ziemlich schwerfällig, und für manches Zeichen haben wir eine Lerngeschichte von Jahrhunderten gebraucht. Aber ich denke, die Entdeckung der Menschenrechte ist so ein Signal, ebenso die Versöhnung lange verfeindeter Völker wie Deutschland und Frankreich. Wir dürfen auch an die rasche Ausbreitung des christlichen Glaubens in den Ländern Afrikas und Asiens denken und sollten nicht immer nur auf sein Nachlassen in Teilen Westeuropas starren. Wer sagt denn, dass es unumkehrbar dabei bleiben muss?

Für eine solche Sicht gibt uns das heutige Sonntagsevangelium einen Wink. Da sagt Jesus dem Tauben ins Ohr: „Hephata, öffne dich“. Wir dürfen das im übertragenen Sinn an uns gerichtet verstehen. Der Glaube öffnet verschlossene Augen und Ohren für Gottes Wirken in unserer Welt, damit wir es nicht „murrend“ abweisen oder gar pessimistisch abschreiben. Er öffnet uns zugleich auch Mund und Hände, damit wir uns für Gottes Wirken in Anspruch nehmen lassen. In diesem Sinne lassen Sie uns das nächste Lied singen: „Jesus Christus herrscht als König, alles ist ihm untertänig.“

 

Amen.

 

 



Prof. Dr. Dietz Lange
Göttingen
E-Mail: dietzclange@online.de

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