Göttinger Predigten

deutsch English español
português dansk Schweiz

Startseite

Aktuelle Predigten

Archiv

Besondere Gelegenheiten

Suche

Links

Gästebuch

Konzeption

Unsere Autoren weltweit

Kontakt
ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

12. Sonntag nach Trinitatis, 03.09.2017

Große Vision für den „kleinen“ Alltag
Predigt zu Jesaja 29:17-24, verfasst von Uland Spahlinger

17 Nicht wahr? Nur noch eine kleine Weile, dann ver­wandelt sich der Libanon in einen Baumgarten, und der Karmel wird dem Wald gleich geachtet.

18 Und die taub sind, werden an jenem Tag die Worte des Buchs hören, und befreit von Dunkel und Finster­nis werden die Augen der Blinden sehen.

19 Und die Armen werden sich wieder freuen über den HERRN, und die Ärmsten der Menschen werden ju­beln über den Heiligen Israels.

20 Denn es ist aus mit dem Tyrannen, und der Schwätzer ist am Ende, und ausgerottet werden alle, die auf Unheil aus sind,

21 die in einer Rechtssache Menschen zur Sünde verlei­ten und dem, der sie im Tor zurechtweist, eine Falle stel­len und den Gerechten mit Nichtigem verdrängen.

22 Darum, so spricht der HERR, der Abraham erlöst hat, zum Haus Jakob: Nun wird Jakob nicht mehr zu­schanden werden, und sein Angesicht wird nun nicht mehr er­bleichen.

23 Denn wenn er seine Kinder, das Werk meiner Hände, in seiner Mitte sieht, wird man meinen Namen hei­lig halten, und man wird den Heiligen Jakobs heilig halten, und vor dem Gott Israels wird man sich fürchten.

24 Und die irren Geistes sind, werden erkennen, was Er­kenntnis ist, und die Nörgler werden lernen, was Ein­sicht ist. (Jes. 29,17-24, Zürcher Bibel 2007)

 

Liebe Gemeinde,

vor ein paar Wochen, besuchten uns Freunde aus Mün­chen. Andreas (in Wirklichkeit heißt er anders) merk­te auf einmal, dass er sein Heuschnupfenmittel brauchte, das er daheim vergessen hatte. Also ging er zur Apothe­ke und kaufte sich ein neues Päckchen.

 

So einfach geht das bei uns. Nicht dass wir uns falsch verstehen: Andreas soll sein Mittel haben, das ihm die gewünschte Linderung verschafft. Gar keine Frage – ich gönne ihm ja alles Gute dieser Welt.

 

Aber: wir haben uns daran gewöhnt, dass das der Stan­dard ist. Wenn ich ein Heuschnupfenmittel brauche, dann gehe ich zur Apotheke. Und die hat das vorrätig. Wenn nicht, kann sie es bestellen. Und das dauert – ich habe mich erkundigt - im schnellsten Fall drei Stunden, aber normalerweise nicht länger als einen halben Tag. Egal ob es sich um ein lebenswichtiges Herzpräparat handelt oder eben um ein Heuschnupfenmittel.

 

Wehe aber, es klappt nicht.....

 

Wir haben uns sehr daran gewöhnt, dass solche Dinge selbstverständlich funktionieren. Wir erwarten, dass das klappt. Fragen Sie mal Menschen, die selten Bahn fah­ren. Sie werden fast immer Klagen auf hohem Ni­veau hören. Weil etwas schief geht, weil ein Zug Verspätung hat oder der Zubringerbus oder weil der Schaff­ner un­freundlich war oder der Passagier vor mir sich beim Ein­steigen ungeschickt angestellt hat oder weil einfach zu viele Leute am Bahnsteig sind. Unser Leben ist eng getaktet. Verzögerungen schaffen Krisen, Ärger, Panik, Frustrationen. Wir erwarten, dass alles nach unseren höchst eigenen Plänen wie am Schnür­chen funktioniert, und wenn nicht: dann sind wir ungehalten. Spielen Sie nur mal ein paar Situationen durch: wir bewegen uns wirklich auf hohem Niveau, und viele von uns neigen dazu, in ihren Erwartungshaltungen ganz schön um sich selbst zu kreisen. Und wie leicht verschieben sich dann die Wahrnehmungen und die Maßstä­be von „wirklich wichtig“ und „na ja, eher zweitrangig“.......

 

Als ich mir die ersten Gedanken zu dieser Predigt ge­macht habe, tobte die Verbalschlacht zwischen dem amerikanischen Präsidenten und dem nordkoreanischen Diktator: wer wird wen zuerst angreifen, wer wird wie zurückschlagen? Eine irrwitzige Spirale kriegslüsterner Rhetorik tat sich auf, von der wir meinten, sie sei in un­seren Zeiten überwunden. Jemand sagte mir neulich: „Es klingt wie das Säbelrasseln vor dem ersten Weltkrieg – nur viel, viel schlimmer!“ Ich konnte dem nur zustimmen – und zwar vor allem deshalb, weil die beiden Kontrahenten dafür standen, dass die verbale Drohung atomare Wirklich­keit werden könnte. An der Schraube wird in der laufenden Woche weiter gedreht.

 

Und selbst wenn erfahrene Analytiker des internationa­len Geschehens abwiegeln – mir macht dieses Waf­fenklirren Angst. Denn wer weiß, wann der Punkt erreicht ist? Hoffentlich nie!

 

Wenn die Dinge aus dem Ruder laufen, dann schreiben Journalisten oder Politiker gern einen „Zwischen­ruf“: eine deutliche Beschreibung einer Schieflage oder einer Bedrohung, eine robuste Warnung. Etwa so klingt für mich der Einwurf des Jesaja: ein Zwischenruf aus ferner Vergangenheit in unsere heillose Gegenwart. Wäre unse­re Gegenwart nicht an vielen Stellen und in vielen The­menbereichen so bitter ernst, ich hätte lachen kön­nen, als ich den Satz gelesen habe: „Und die irren Geis­tes sind, werden erkennen, was Erkenntnis ist, und die Nörgler werden lernen, was Einsicht ist“ (V. 24). Ja, will ich da schreien, gebe Gott, dass die Einsicht Raum ge­winnt!

 

Jesaja sagt sehr genau, welche Einsicht hier gemeint ist: die Gerechtigkeit wird über das Unheil siegen, weil sie Gottes Sache ist. Und die Gerechtigkeit Gottes soll zu al­lererst denen zugute kommen, die bislang von den Ty­rannen und Schwätzern unterdrückt wurden.

 

In Jesajas Worten schafft sich die Sehnsucht nach Gottes Reich Raum. Sie sind ein Gegenentwurf zum Vorfindlichen. Ob sich die Mächtigen, die Tyrannen, die Schwätzer, die irren Geister und die Nörgler da­von an­rühren lassen, mag mancher wir bezweifeln. Es ändert aber nichts daran, dass Jesajas Gegenentwurf uns errei­chen will, unsere Herzen, unseren Verstand und un­sere Einsatzkraft.

 

Damit aber scheinen wir hier in Deutschland in unseren Tagen etwas Mühe zu haben. Wir haben uns sehr daran gewöhnt, dass wir, aufs Ganze gesehen, in einer Kom­fortzone leben. Ich will damit nicht die Not derer weg­wischen, die in Not sind.

Der Kommentator hat wohl recht, der vor ein paar Wochen über Jungwähler in Deutschland schrieb, sie seien die wohl unpolitischste Nachkriegsgeneration. Viele haben sich daran ge­wöhnt, dass für sie entschie­den und für sie gesorgt wird. Dass sie selbst eigentlich keinen Einfluss haben auf den Lauf der Dinge. Dass aber auf der anderen Seite die Versorgung stimmen soll, jetzt, sofort und genau wie ich es brauche. Das Zauberwort mit zwei „t“ heißt schon lange nicht mehr „bitte“, sondern „aber flott“.

Und wenn es nicht passend gemacht wird, dann melden sich die Beschwerden, da kommt gar militanter Protest auf – der dann oft im Nachhinein und daran gemessen, was mir selbst nicht passt oder unangenehm oder störend erscheint. Strom ja, Stromtrassen nein – jedenfalls nicht bei uns. Flüchtlinge: klar müssen die untergebracht werden, aber doch bitte nicht in unserer Nachbarschaft. Saubere Luft? Ja schon, aber nicht zu Lasten der eigenen Bewegungsfreiheit.

Meine Interessen und mein Wohlstand dürfen keinesfalls Schaden nehmen. Ein bisschen kommt mir das so vor wie die Sache mit dem Heuschnupfenmittel, das ich zu jeder Zeit und überall bekommen können will.

 

Ich weiß natürlich auch, dass wir bei weitem nicht nur „Nörgler“ oder Menschen „irren Geistes“ bei uns ha­ben (um mit Jesaja zu sprechen). Hilfsbereitschaft, gutes nachbarschaftliches Miteinander, Netzwerke der Solidarität und der gegenseitigen Unterstützung, die vielfältige professionelle Hilfe für Menschen, die Hilfe und Unterstützung brauchen, die kleine Hilfe von Haus zu Haus: ohne all diese Ausdrucksformen der Nächs­tenliebe würde das Zusammenleben nicht so funktionieren wie es das tut.

Und dennoch, seltsam, wird das überlagert: Es ist ein Gefühl des „Gegen­einanders“ anstelle des „Miteinan­ders“ und „Füreinan­ders“, das an vielen Stellen die Stimmung in unserem Land einfärbt. Und darauf bezo­gen greifen sie sehr wohl, die angriffigen Stich­worte, die Jesaja bemüht: wenn er vom „Tyrannen“ und vom „Schwätzer“ redet, von denen, „die auf Unheil aus sind“ und „die in einer Rechtssache Menschen zur Sünde verleiten … und den Gerechten mit Nichtigem verdrängen.“ Jesaja hat sehr genau beobachtet, was Eigen­sucht und Sozialneid anrichten können.

 

Im Kontrast dazu beschwört er einen anderen Geist, den prophetischen Geist Gottes, der nach unserer ge­staltenden Mitwirkung ruft. Dieser Geist Gottes soll und will eine Wirkung entfalten in unserem alltäglichen Zusam­menleben. Gottes Geist ist eben nicht nur eine Sache für das Jenseits; Gott – das ruft Jesaja uns ein­dringlich ins Gedächtnis – Gott beansprucht unsere Aufmerksamkeit für sein Wort und seine Weisung. Und – davon ist der Prophet zutiefst durchdrungen – Gott wird sein Recht und seine Gerechtigkeit durchsetzen.

 

Das ist in der Tat ein Gegenentwurf zu vielen Entwürfen, die unter uns Menschen im Schwange sind. Aber es ist kein Entwurf gegen uns Menschen. Gott will sein Recht und seine Gerechtigkeit für uns und mit uns ins Werk setzen.

Eines macht der Prophet dabei unmissverständlich deutlich: Es geht darum, wie wir unser Zusammenleben gestalten, in unseren Dörfern oder Städten, in der Nachbarschaft oder der Kirchengemeinde. Wen wir dabei in den Blick nehmen und im Blick behalten. Und so schwer das für manche auszuhalten ist: das hat immer eine öffentliche, eine politische Komponente. Unpolitisch geht es nicht. Egal wie wir uns verhalten. Entweder wir lassen andere ihre Interessen vorantreiben, dann werden die das tun. Oder wir nehmen den Faden auf, den der Prophet legt, machen uns kundig und lassen uns an­stiften, Fürsprecher von Gottes Gerechtigkeit und Barmherzigkeit zu werden.

 

Vergessen wir nicht: Jesus, der ein frommer und theolo­gisch hoch gebildeter Jude war, hat Jesajas Heilsge­danken der Gottesherrschaft zu seiner Sache gemacht. Er hat sehr genau darauf geschaut, wie Menschen ihr zusammenleben gestalten, ob gerecht oder ungerecht, barmherzig oder unbarmherzig, vergeltungssüch­tig oder vergebungsbereit. Immer wieder greift er dabei auf Gedanken der Propheten zurück. Und zwar nicht nur als allgemeine Erinnerung.

 

Nein, Jesus will, dass die klugen alten Gedanken aktuell werden. Dass sie Gestalt gewinnen im Hier und Jetzt. Seinen Zeitgenossen in Nazareth sagt er: „Heute ist dieses Wort erfüllt vor euren Ohren“ (Luk. 4,21). Ein Wort der Befreiung – auch bei Jesaja nachgelesen.

 

Heute. Das ist es. Darauf kommt es an. Das Wort der Gnade und der Ge­rechtigkeit will heute in unser Leben fallen. Auch das ist ein Zwischenruf zum scheinbar unaufhaltsamen „Immer weiter“ von Ausbeutung und Selbstsucht, Gewalt und Gegengewalt. Und in der Nachfolge Jesu ist diese Botschaft auch uns anvertraut. Und gerade weil sie aus so ferner Vergangenheit kommen, sind sie unverdächtig – sie verfolgen keine Inter­essen von heutigen Mitspielern. Und sie können uns aufmerksam machen, worauf es schon zu allen Zeiten angekommen ist, wie damals so jetzt. Und deshalb, liebe Schwestern und Brüder, deshalb lohnt es, unser Leben, unseren Alltag, unsere Entscheidungen immer wieder an ihnen zu prüfen.

Amen.



Dekan Uland Spahlinger
Dinkelsbühl
E-Mail: uland.spahlinger@elkb.de

(zurück zum Seitenanfang)