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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

12. Sonntag nach Trinitatis, 03.09.2017

Predigt zu Jesaja 29:17-24, verfasst von Th.-M. Robscheit

Friede sei mit Euch von Gott unserem Vater, Jesus Christus, unserem Bruder, und dem heiligen Geist, der uns Leben schenkt. Amen.

 

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern & Brüder!

 

„Träum´ weiter!“, wahrscheinlich haben Sie diesen Satz selber schon zu jemandem gesagt oder zumindest gedacht. An eine Situation, die nun schon Jahre zurückliegt, kann ich mich gut erinnern. Es war im Religionsunterricht. In der siebenten Klasse hatte ich erst wenige Stunden gehalten. Irgendwie sind wir auf das Thema Berufswunsch gekommen. Einer der schlechteren Schüler sagte, er wolle Pilot werden. Gesagt habe ich vermutlich: „Aha.“, gedacht habe ich, & daran erinnere ich mich sehr genau!,: „Träum´ weiter!“. Den Jungen, nennen wir ihn Marcel, musste ich nämlich in der Woche zuvor auf den Hof führen, fast tragen, weil er im Unterricht körperlich zusammengebrochen war. „Es hat alles gewackelt!“, erzählte er mir später & dass er eigentlich nur im Erdgeschoss sein könne. Zu Hause geht er niemals nach oben. Manchmal bekommt er solche Anfälle. Und nun wollte er plötzlich Pilot werden! Nein, nicht plötzlich. Eigentlich schon immer. - Träum weiter!

Wenn einem Fälle wie dieser begegnen, fragt man sich manchmal, wie jemand so unter Realitätsverlust leiden kann. Etwas völlig Unrealistisches als realistische Zukunft anzusehen! Ganz ähnlich ist unser heutiger Predigttext. Jesaja träumt von der Zukunft. Doch hören Sie selbst:

 

Text: Jes. 29, 17-24

Dieser Text steht bei Jesaja inmitten von angekündigtem Unheil. Zunächst wird der Untergang Jerusalems beschrieben, unserem Text folgt die Warnung vor einem Bündnis mit Ägypten. Jesaja ist da zutiefst politisch und äußert sich zur Bündnispolitik Israels zwischen den beiden damaligen Großmächten. Jesaja ist ein kluger Beobachter, der die politische Lage genau und richtig analysiert hatte! Warum steht Jesaja auf und redete: „Ich habe einen Traum,  es wird ein Ende haben mit den Tyrannen und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind, Unheil anzurichten “. „Träum´weiter!“

Als der Text aufgeschrieben wurde muss doch aufgefallen sein, wie unrealistisch diese Verse einer heilen Welt zwischen der düsteren Einschätzung der Wirklichkeit klingen:  Und die, welche irren in ihrem Geist, werden Verstand annehmen, und die, welche murren, werden sich belehren lassen! „Träum´weiter, Jesaja!“, möchte man rufen und das Kapitel umblättern.

Aber es lässt einen nicht so richtig los. Dieser unrealistische Gedanke ist in der Welt, in unserem Kopf. Wie schön wäre es, wenn das pöbelnde Murren aufhörte und Menschen sich belehren ließen! Wenn die Irrenden den Verstand nutzen, den Gott ihnen geschenkt hat! Jetzt, wenige Tage vor der Bundestagswahl, ist das, was einem an öffentlicher Meinungsäußerung geboten wird, manchmal kaum zu ertragen. Wie schön wäre es, wenn die Irrenden Verstand annähmen & die Murrenden sich belehren ließen! Aber wir sind weit davon entfernt! Belehrung will niemand hören, Menschen sind taub für Argumente und blind für das Gute.

Das ist ein schöner Traum. Nicht Realität, leider. Nur die Vision eines längst gestorbenen Propheten, die nichts mit der politischen, sozialen oder wirtschaftlichen Situation seiner Zeit oder unserer Tage zu tun hat!

Oder doch?

„Ich habe einen Traum“, vor fast genau 54 Jahren hatte einer von seinem Traum erzählt und 250.000 Menschen haben zugehört. Der Traum von einem Land, in dem nicht nur alle Menschen gleiche Rechte haben, sondern in dem sie miteinander versöhnt sind. Ein Traum von einem Land, in dem Menschen nicht nach ihrem Äußeren, sondern nach ihrem Charakter beurteilt werden.

Auch dieser Traum Martin Luther Kings war weit weg von jeder politischen Realität. Und vielleicht wird manches auch immer ein Traum bleiben, aber die Welt hat sich dadurch zum besseren geändert! Sie hat sich geändert weil einer von seinem Traum erzählt hat! Das war der erste Schritt! Es gibt immer noch Rassismus in den USA, aber Farbige haben das Wahlrecht erhalten, sie können politische Ämter übernehmen und sind auch mehrheitsfähig. Völlig undenkbar damals am 28. August 1963 in Washington!

Martin Luther King hatte einen Traum, eine Vision. Vieles davon ist Wirklichkeit geworden. Aber diese Veränderungen sind nicht vom Himmel gefallen! Nein, es hat unzählige Menschen gegeben, die ihn gehört haben und festgestellten, dass sie den selben Traum und die gleiche Vision hatten. Sie haben das Unglaubliche geglaubt, sind mutig kleine Schritte gegangen, und haben damit die Welt verändert!

Und die, welche irren in ihrem Geist, werden Verstand annehmen, und die, welche murren, werden sich belehren lassen! - das ist, liebe Gemeinde, die Vision einer Welt mündiger Bürger. Menschen, die hören und sehen, die sich eine eigene Meinung bilden und nicht verblendet in die Irre gehen. Denen Fake-News ebensowenig etwas anhaben können wie Angst- oder Neiddebatten Ein schöner Traum!

Ein schöner Traum, der in unserer Realität wächst, wenn Menschen ihn leben: miteinander reden und diskutieren, offen und gespannt sein auf andere Ansichten, Bildung als hohes Gut begreifen und weitergeben. Vielleicht Andersdenkende ansprechen und sich mit deren Weltsicht auseinandersetzen, die auch die Mühen der Demokratie tragen. Wer Visionen hat, der gehört eben nicht zum Arzt, sondern in die Öffentlichkeit! Träume und Visionen verändern uns und können so die Welt zu einem besseren Ort machen!

„Und Marcel?“, werden Sie vielleicht fragen. Ist der Pilot geworden? Ich weiß es nicht. Seit etlichen Jahren habe ich ihn nicht mehr gesehen. Aber ich erinnere mich noch an eine weitere Begebenheit: Ein neues Schuljahr hatte begonnen. Marcel hat mir von seinen Ferien berichtet. Er war fast jeden Tag auf dem Flugplatz und hat dort gearbeitet: „Und“, so berichtete er mir ganz stolz und wie selbstverständlich: “ich bin ein paar mal geflogen!“ „Du?“- „Ja, ich!“

 

Der Friede Gottes, der größer ist als all unsere Vernunft und Vorstellungskraft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen



Pfarrer Th.-M. Robscheit
Kapellendorf und Apolda
E-Mail: thm@robscheit.de

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