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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Michaelstag, 29.09.2017

Die Alternative “Freund oder Feind?” - nicht alternativlos
Predigt zu Josua 5:13-15, verfasst von Michael Plathow

  1. “Alles wirkliche Leben ist Begegnung”, heißt es in Martin Buber “Ich und Du”.

Wir erleben, liebe Gemeinde, auf unseren Wegen Begegnungen, weil uns jemand oder ein Ereignis begegnet. Wir machen Erfahrungen auf unserem Lebensweg, weil uns etwas widerfährt an einem Ort, wo wir die uns gegebene Zeit lesen und deuten von etwas, das Deutungsmacht hat für uns.

Als Gemeindepfarrer erzählten mir Männer bisweilen von ihrem Kriegserlebnis. Wenn wir unter vier Augen sprachen, berichteten sie auch - dann nicht selten in gesetztem Ton - , als der Torpedo ihr Schiff traf und sie mit einigen wenigen aus den Fluten gerettet wurden, als die Granate die Kameraden neben sich in den Tod rissen, sie aber wie durch ein Wunder am Leben blieben. Ich fragte dann, wie sie dies besondere Erlebnis jetzt verstehen und welche Bedeutung es für ihren Lebensweg bekommen hat. Sie sprachen dann manchmal von Bewahrung durch einen, den sie nicht fassen können, oder vom Ahnen des “ganz Anderen”, des “Unsichtbaren”, das über “Zeit und Raum” hinausreicht, oder von einem Unbedingten, das auch sie umfange, eben vom Transzendenten, Göttlichen, vom Herrgott, der sie rettete. Es sei eine Bewahrung, um nun für andere, für Familie und Gesellschaft, Gutes, vor allem Frieden zu wirken. Der Glaube an Gott sei ihnen dadurch wichtig geworden.

 

  1. Auch der heutige Bibelabschnitt zum Michaelstag erzählt, wie Gott an einem bestimmten Ort ins Leben eines Menschen einbricht und das Wirklichkeitsverständnis verändert. Wir hören , liebe Gemeinde, und lassen zu uns sprechen Josua 5, 13 - 15:

 

“Und es begab sich, als Josua bei Jericho war, dass er seine Augen aufhob und gewahr wurde, dass ein Mann ihm gegenüberstand und ein bloßes Schwert in seiner Hand hatte. Und Josua ging zu ihm und sprach zu ihm: Gehörtst du zu uns oder zu unseren Feinden? Er sprach: Nein, sondern ich bin jetzt gekommen. Da fiel Josua auf sein Angesicht zur Erde nieder, betete an und sprach zu ihm: Was sagt mein Herr seinem Knecht? Und der Fürst über das Heer des Herrn sprach zu Josua: Zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn die Stätte, darauf du stehst, ist heilig. Und so tat Josua.”

 

Eine merkwürdige Geschichte von der Beheimatung Israels im verheißenen Land.

Der Alttestamentler Rainer Albertz zeigt aus der neueren Forschung, dass der Redaktor des Hexateuchs die Gründungsgeschichte Israels als Einheit vom 1. bis 5. Buch Mose und dem Buch Josua geschildert hat, bevor die 5 Bücher Mose als Pentateuch ausgegliedert wurden. Nachweislich hat der Redaktor die Exodus- und Landnahmegeschichte parallelisiert. So weist unsere Erzählung, in der Josua den Heerführer Jahwes trifft dort bei Jericho, auf Moses Begegnung mit Jahwe am brennenden Busch dort vor der Befreiung aus Ägypten (Ex 3, 5). So stimmt auch der Fremde mit dem gezückten Schwert überein mit dem Engel, der Bileam bei seiner Reise hin zu Balak in den Weg trat (Num 22, 23, 31).

 

  1. Eine merkwürdige Geschichte, liebe Gemeinde: Josua, Nachfolger des Mose, der den Exodus Israels aus Ägypten leitete, ist es, der jetzt das Volk ins verheißene Land führt. Plötzlich bei Jericho tritt ihm ein Fremder aus dem Verborgenen entgegen. Ein gezogenes Schwert hat er in der Hand ganz wie der, der - für Bileam unfassbar - ihm mit dem Schwert den Weg versperrte. Für Josua ist es eine spannungsvolle Situation; leicht kann sie eskalieren. “Freund oder Feind?”, mit dieser Forderung will Josua den Fremden stellen. Die Antwort soll die Lage klären.

Für Josua - ein gottesfürchtiger Mann war er - ist wie zunächst auch für Mose dort am Dornbusch, der brennt und nicht verbrennt, die Situation unklar. Sein Blick ist getrübt. Seine Augen sind blind für das, was der Fremde repräsentiert und für den, dessen Bote er ist. So sind Bileams Augen verschlossen für den “unsichtbaren” Streiter; nur und allein die Eselin nimmt ihn, den Boten Gottes, wahr (Num 22, 27). So ist auch Tobias Blick nach der Tobitlegende gehalten und getrübt; wohl nur sein Hündchen erkennt den Begleiter als Engel “Rafael“, d. h. “Gott heilt” (Tobit 11, 4).

 

  1. “Freund oder Feind?” Die Alternative “Entweder - Oder!” scheint alternativlos, wie so häufig auch in uns und in unseren verschiedenen Lebenswelten, liebe Gemeinde. “Freund oder Feind?” kennzeichnet die Gesetzlichkeiten kriegerischer Konflikte feindlich und feindselig gegenüberstehender Mächte bis heute.

“Nein” ist die kurze Antwort des Fremden. Für ihn, den Boten - sagen wir es nun deutlich - den Engel Gottes gilt anderes.

 

  1. Die Engel - gut 200mal gibt die Bibel Zeugnis von Gottes Engeln - die Engel, liebe Gemeinde, erweisen sich als Diener Gottes und weisen immer über sich hinaus auf Gott selbst. Äonisch, Geschöpfe Gottes, nicht göttliche Emanationen, nicht “metaphysische Fledermäuse” (Carl v. Hase, 1827), nicht geistige Kräfte oder Ideen sind sie. Als “dienstbare Geister” werden sie bezeugt: sei es mit dem Antlitz von Menschen, die “keine Flügel haben” (Cl. Westermann), (in Apg. 6, 15; Gal 4, 14; Jak 2, 25; Hebr 13, 2), oder eben ganz anders, “himmlisch”, “unsichtbar” im Dienst Gottes, wie die altkirchlichen Bekenntnisse sagen (Nicaenum von 381).

 

  1. “Nein” ist die kurze Antwort des Boten Gottes. Wo der heilige Gott begegnet, gelten andere Gesetze und Weisungen, liebe Gemeinde. Nicht durch kriegerischen Einsatz wird in Gottes Heilsgeschichte und nach Gottes Heilswirken Jericho zum verheißenen Land und Erbe Israels. In diesem Sinn gehört mit den Seligpreisungen der Bergpredigt Jesu das Erbe des Gottesreiches den Sanftmütigen und Friedfertigen (Mt 5, 5, 9). Wo Gott begegnet, wird die Alternative “Freund oder Feind?”, die mich - in Bezug auf einen Menschen oder auf andere Gruppen - eben noch aufgeregt hat, zur Nebensache. Was Menschen gegen einander haben, wird relativ. Es weicht die Verbissenheit, der Fanatismus, das “Alles oder nichts”.

Nicht dass man konfliktlos lebte - wie schon der Bundestagswahlkampf zeigte mit den unterschiedlichen Parolen und Programmen sowie mit den verschiedenen Meinungsträgern. Solange die Erde besteht, bleiben Sachthemen und ihre jeweiligen Vertreter hart im Raum. Aber vor Gott verlieren unsere Konflikte die Steilheit des Unbedingten und werden nicht alternativlos.

 

  1. Liebe Gemeinde, der Fremde öffnet sich nun, macht sich bekannt, verkündet, wer er ist: “Ich bin”, so stellt sich der heilige Gott dem Mose am brennenden, nicht verbrennenden Busch vor: “Ich bin. Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs” (Ex 3, 6). So spricht Jesus vollmächtig: Ich bin. Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben” (Joh 14, 6); “Ich bin das Brot des Lebens” (Joh 6, 15) “Ich bin der Weinstock” (Joh 15, 5). Der Fremde, der Bote Gottes, stellt sich vor: “Ich bin der Fürst der himmlischen Heerscharen”, d. h. der schützenden Engel (Ps 91, 11), der “guten Mächte, wunderbar geborgen” im Kraftfeld Gottes (D. Bonhoeffer). Und wir? Wir sind es, die antworten in der Verbundenheit durch Wort und Glaube mit der Bitte aus M. Luthers Morgen- und Abendsegen: “Dein heilige Engel sei mit mir, dass der böse Feind keine Macht an mir finde” und mit der Tenor-Arie aus J. S. Bachs Kantate zum Michaelstag “Es erhub sich ein Streit”: “Bleibt, ihr Engel, bleibt bei mir”.

 

  1. Der Michaelstag am 29. September will den geistlichen Kampf, der das Christenleben prägt, erinnern. Es handelt sich um die Auseinandersetzungen mit dem abtrünnigen Engel, der als Diabolus sich selbst zum “Fürst dieser Welt” macht gegen Gott: Gott oder Abgott als “Streit zwischen Glaube und Unglaube um die Wirklichkeit” (G. Ebeling). Wir aber sollen Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen. Und woran du dein Herz hängst, das ist eigentlich dein Gott (M. Luther).

An dieser Stelle nun verheißt der himmlische Heerführer der “guten Mächte, wunderbar geborgen” im Auftrag Gottes: “Ich bin jetzt gekommen “ - nach der Übersetzung der “Guten Botschaft” - “Jetzt bin ich da”. Gott löst seine Zusage ein: “Ich will mit dir sein; ich will dich nicht verlassen noch von dir weichen” (Josua 1, 5). “Siehe, ich sende meinen Engel vor dir her, der dich behüte auf dem Wege und dich an den Ort bringe, den ich bestimmt habe” (Ex 23, 20).

 

  1. Die Verheißung Gottes “Fürchte dich nicht. Ich bin bei dir” (Jes 41, 10) gilt uns, liebe Gemeinde, heute im Blick auf Jesus Christus, der gekommen ist, dass er die Werke des “Fürsten dieser Welt”, des Diabolus “, zerstöre” (1. Joh 3, 8). So wird der Michaelstag als Christusfest gefeiert; worauf auch das liturgische Weiß der Paramente hinweist.

Auf die Zusage “Ich bin jetzt gekommen“, “Jetzt bin ich da” fällt Josua auf die Knie und betet an und fragt schließlich “Was sagt mein Herr seinem Knecht?”

Da, wo heute Menschen im Namen Jesu versammelt sind, “wo das Evangelium recht verkündigt und die Sakramente nach dem Evangelium gereicht werden” (Augsburger Bekenntnis, Art. 7), da ist Gott gegenwärtig in der Gemeinde. “Gott ist gegenwärtig”, wo zwei oder drei zusammen sind unter seinem Wort oder wo viele staunen mit dem Wort über Gottes erhabene Kirchen und Dome. Da bricht Gott durch die Predigt seiner Gebote und Weisungen ein ins Leben von uns Menschen; da nimmt Gott uns “gegen unsere eigene unselige Art in Schutz” (G. v. Rad) durch sein Evangelium; da sehen wir den anderen nicht im Freund oder Feind-Schema.

Ja, vor Gott und durch Gott ist die Alternative “Freund oder Feind?” nicht alternativlos.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne und euer Tun im Glauben an ihn, der da ist und der war und der da kommt. Amen.



Michael Plathow

E-Mail: michael@plathow.de

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