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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

16. Sonntag nach Trinitatis/Erntedankfest, 01.10.2017

‚Trümmerfrauen .Trümmermänner ‘
Predigt zu Die Klagelieder Jeremias 3:22-26.31-32, verfasst von Jochen Riepe

                                                                                 I

Es gibt Sätze, fromme Sätze, die können unglaublich schlicht , fast zu schlicht und abgestanden klingen … Und die gleichen Sätze können unglaublich stark und lebendig sein. Hoffnung lernen : ‚Die Güte des Herrn ist’s , daß wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende‘.

                                                                                 II

Ein anderes Wort für ‚sich etwas zu Herzen nehmen‘ : etwas bedenken und erwägen und annehmen, etwas sich aneignen und wichtig machen, sich zur Hoffnung (er-)ziehen lassen , ja auch : endlich etwas anpacken . Aus der Nachkriegschronik einer Kirchengemeinde : ‚Mit welchem Eifer waren Pfarrer, Handwerker und Gemeindeglieder dabei, Schutt abzufahren , Steine zu picken und Baumaterial durch gute Beziehungen zu beschaffen. Viele haben mitgeholfen , den Wiederaufbau von Kirche , Gemeinde- und Pfarrhäusern zu gewährleisten‘.*  Auferstanden aus Ruinen…

                                                                                III

Die Güte des Herrn ist’s , daß wir nicht gar aus sind‘. Mit ‚Wermut und Bitterkeit getränkt‘ (3,15) sitzt der Beter der Klagelieder in den Ruinen Jerusalems. Die Stadt ist gefallen und zerstört. ‚Die Säuglinge und Unmündigen verschmachten auf den Gassen der Stadt‘ (2,11). In diesem biblischen Buch - ‚Ach!‘- ist das sprachlos Machende sprachlose Sprache , wenn man so will : endlose Klage geworden – die Schmerzen , die Tränen , die Lähmung und Stummheit einer ‚Zeit danach‘ : Was ist übrig ? Wer lebt noch? Wo bleiben wir heute ? Was essen wir?  ‚Ach, wie liegt die Stadt so verlassenAlles Volk seufzt und geht nach Brot, es gibt seine Kleinode um Speise, um sich zu erhalten!‘ (1,1.11) – verstört , illusionslos , vorwurfsvoll , gar abgebrüht und gemein geworden taxieren die Überlebenden ihre Chancen.

Es sind gewiß gänzlich andere Voraussetzungen und Umstände , aber was die Menschen in Jerusalem damals , was wir Deutschen im und nach dem 2. Weltkrieg , was die Iraker, Kurden und Syrer , die Menschen in den Trümmern von Aleppo , Homs  und  Mossul  heute erleben, es ist einander ähnlich. Der blanke Lebenskampf.

                                                                                  IV

Natürlich : Wenn in der Bibel geklagt wird, endlos, ermüdend , den Leser erschöpfend , dann hat das mit Gott zu tun. Es wird vor und zu Gott geklagt. Ja, der Herr wird angeklagt , ‚ohne Erbarmen‘ (2,17) habe er zerstört , und es wird gebangt und geahnt , daß dieser Gott für sein Volk nicht mehr da  , mehr , daß er sein Feind sei . Gotteskrise .

Wenn man in den Ruinen des Tempels sitzt , dann wird die Frage nach Gott , dem Ursprung des Lebens , nach dem Gott , der dem Volk doch Bestand und Zukunft versprochen hatte , anders , gebrochener, ratloser , vielleicht wird sie auch ganz verstummen und vergessen : Der Mann ‚sitze einsam und schweige und stecke seinen Mund in den Staub‘ (3,29) . Ist noch Hoffnung für uns ? fragt der Beter und trotz aller düsteren , deprimierenden Bilder und Stimmungen , scheu und vorsichtig um Worte ringend schenkt er sich selbst und denen , die mit ihm klagen , ein Wort : ‚Vielleicht‘. Eine kleine Öffnung , eine  Lücke ,die einen Weg weist : ‚Vielleicht ist noch Hoffnung , denn der Herr verläßt nicht ewig‘ (3,31).

                                                                                         V

Ein anderes Wort für ‚ sich etwas zu Herzen nehmen‘ : dem Sog der Klage ins Endlose widerstehen; die Stimmen derer hören , die vor uns da waren; Distanz gewinnen zum eigenen Leiden; das Selbstmitleid überwinden : ‚Dies nehme ich zu Herzen, darum hoffe ich noch : Die Güte des Herrn ist’s, daß wir nicht gar aus sind…‘  Der Chronist der Nachkriegszeit findet Worte , die gewiß in vielen Gemeindechroniken stehen : ‚Hoffnungslos? Nein!! Die Gemeinde war in den Jahren1945 – 1948 solidarisch im Helfen , Geben und Opfern. Willige Gemeindeglieder wurden Maurer, Handlanger , Schreiner , Anstreicher und haben freudig und tatkräftig  mitgeholfen‘.

Auferstanden aus den Trümmern , Enttrümmerungsarbeit - auch das nehmen wir Nachkriegsgeborenen ja staunend und dankbar oder auch verständnislos und  kopfschüttelnd zur Kenntnis : In den Ruinen meldet sich eine gleichsam ‚nackte‘ Vitalität , die etwas Reines und Unbelastetes hat , ein Abschütteln des Geschehenen und ein Anpacken-Wollen ‚trotz alledem‘. ‚Hoffnungslos?‘  fragt der Chronist und antwortet : ‚Nein!!‘ und macht  beteuernd gleich zwei Ausrufezeichen in seinem Bericht. Was ist die Kraft dieser Ausrufezeichen ? Wie und wo gehen sie ins Herz ?

                                                                                     VI

Es gibt Sätze , die können unglaublich schlicht sein. Eine Redensart , eine Lebensweisheit , ein frommer Spruch aus der Bibel. Und doch haben die gleichen Sätze zu ihrer Zeit einen Ort in der Wahrheit : ‚Gottes Barmherzigkeit ist alle Morgen neu…‘  Die historische Wissenschaft sagt : Der Beter greift an dieser Stelle auf ‚religiöses Traditionswissen‘** zurück , auf ein Israel lange vertrautes Bekenntnis , und die Bildwelt des Textes ist ja auch uns  geläufig . Die aufgehende Sonne über einer Ruinenlandschaft , das Licht des Morgens nach einer langen , dunklen Nacht … Der Volksmund sagt tröstend ‚Das Leben geht weiter – es muß ja weitergehen‘ und beruft sich darin gleichsam auf den Strom der Zeit , auf den verläßlichen Wechsel von Tag und Nacht.

Der Kläger der Bibel , der um sein ‚Vielleicht ist noch Hoffnung‘ ringt , ist da gebrochener , verstörter. Er weiß , daß Trauer der Zeit bedarf und das ‚Herz‘ , dieses Zentrum unserer Person, hier wo Wille, Lebensmut und Vitalität zu Hause sind, einer besonderen ‚Pflege‘ oder eben einer besonderen Erziehung  . Die aufgehende Sonne kann weiß und kalt sein – ‚Morgen-Grauen‘ - , auf jeden Fall wird sie gleich-gültig , ja: gnadenlos  das Ausmaß der Zerstörungen  vor Augen führen. Die Treue Gottes , auf deren einstige Erfahrung  der  Beter sich bezieht , dies , was er sich zu Herzen nehmen will , das ist ja etwas , was noch aussteht ,ein Vorgriff auf etwas, was ‚vielleicht‘ kommt und doch schon -gleichsam unter dem Gegenteil verborgen  - da ist : In den quälenden Fragen nach eigener Schuld , nach unserem , meinem Anteil an Zerstörung und Untergang : ‚Was murren denn die Leute im Leben? Ein jeder murre wider seine Sünde‘ ( 3,39).

                                                                                    VII

Ein anderes Wort für ‚ sich etwas zu Herzen nehmen‘ : Sich fassen. Wiederaufbauen. Schuld bekennen. Um Vergebung bitten. Vor Gott klagen , Gott fragen , sich selbst fragen , Offenheit aushalten , Ambivalenzen und Ungewißheiten ertragen  lernen … Es gibt , liebe Gemeinde, Zeiten in der Geschichte des Volkes Gottes, da dieses gleichsam vollmundig von der Hoffnung spricht . ‚Wo Gott ist , ist Hoffnung‘. Es gibt aber auch Zeiten , da greift die rätselhafte , abgründige Bemerkung von Franz Kafka : ‚Es gibt unendlich viel Hoffnung  , nur nicht für uns‘ .

Die Beter der Klagelieder sind Wartende ,  Vielleicht-Sagende, ja, und im gleichen Augenblick sind sie Trümmerfrauen und Trümmermänner , die sich der ‚Materialien‘ annehmen , der Glaubenssätze , die  Erfahrungen festhalten  , die Menschen mit dem treuen Gott gemacht haben.  So wie die Steineklopferinnen ,Maurerinnen und Zimmerleute alte Steine und altes Bauholz bereiten und verwenden , so kann sich auch das verzagte Herz zu seiner Stärkung und Kräftigung  , seinem Wieder-Aufbau, dessen bedienen, was ihm , wenn auch unter Schutt und Asche verborgen, bereit liegt.

                                                                               VIII

Am Ende sei der Chronist der Nachkriegszeit noch einmal zitiert : ‚Die ersten Gottesdienste fanden in einer Notunterkunft statt , wobei der stets überfüllte Raum den Verantwortlichen große Sorgen bereitete‘.

 Trümmerarbeit …  Hunger nach dem Wort (Amos 8,11), wieder ganz und heil werden : beten , lesen, hören , singen, miteinander das Brot teilen . Unter Tränen warten auf den kommenden Gott.

                                                                            

*beispielhaft für viele Gemeindechroniken der Nachkriegszeit :O. Wüster , Die Geschichte der Ev. St. Nicolai-Gemeinde ( in : Die St. Nicolai-Kirche Dortmund 1930-1980, S.31ff)

**Chr. Frevel , Die Klagelieder. Neuer Stuttgarter Kommentar Altes Testament,2017,S.227



Pfarrer i.R. Jochen Riepe
Dortmund
E-Mail: Jochen. Riepe@gmx.net

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