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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

16. Sonntag nach Trinitatis/Erntedankfest, 01.10.2017

„Erntedank - Hürden überwunden“
Predigt zu Die Klagelieder Jeremias 3:22-26.31-32, verfasst von Manfred Mielke

Liebe Gemeinde,

ich beginne mit einem Beispiel aus dem Sport, das ich dann übertrage aufs Menschsein generell. Damit nehme ich Kurs auf zum heutigen Predigttext. - Es war im Schulsport. Unser neuer Lehrer zeigte uns sein Können als Hürdenläufer, denn darin war er mal Studentenmeister. Viele von uns machten zwar Sport, aber dieses komische Hüpfrennen kannte keiner von uns. Er erklärte uns seine Bewegungen in Zeitlupe und wir glaubten ihm die auch. Doch nachdem er uns über ein paar niedrigere Hindernisse sprinten ließ, konnte er sich 25 blauangelaufene Kniepaare aufgereiht ansehen.

Hürden überwinden ist ja nicht nur eine Sportart. Jeder von uns hat Bedenken, ist zögerlich, hat Hemmungen. Im Umgang mit sich, in der Beziehung zu Gott, im Zwischenmenschlichen. Doch schon nach der ersten Hürde atmen wir auf und trauen uns alsbald die nächste zu. - Heute kommt es mir so vor, als ob der biblische Erzähler einige überwundene Hürden in der Rückschau umschreibt. Er sagt: Die Güte Gottes ist's, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß. Gott ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen. Denn Gott ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt. Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe Gottes hoffen. - Denn Gott, der HERR, verstößt nicht ewig; sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte. (Klagelieder 3, 22–26. 31–32)

 

Liebe Gemeinde,

die zuletzt überwundene Hürde lautet: „Gott verstößt nicht ewig; sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte.“ (V31f) Wer das sagen kann, hat eine schwere Krise überwunden. Dessen „Betrübnis“ hatte sich durch Gottes Erbarmen aufgehellt, denn der verstößt nicht „für immer und ewig“. Ich erkenne in meinem Leben Situationen, in denen ich mich wie von Gott weggeschubst fühlte. Da trafen bei mir die biblischen Bilder zu von der matten Seele, den verschmachteten Knochen, der rissigen Kehle. Ich fühlte mich wie eine umgestoßene Hürde, die erst langsam wieder hochkam. Von daher bin ich dankbar, dass Gott seinen Zorn auslaufen ließ und seine Güte die stärkere Kraft wurde. Meine Rückschau nach Betrübnis und Bauchlandung lässt mich also mitsprechen: „Gott hatte sich quergestellt, aber im Rückblick hat er mir darüber hinweggeholfen!“

 

Liebe Gemeinde,

die davor überwundene Hürde lautet: „Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe Gottes hoffen.“ (V26) Das sind aufmunternde Worte. Ich kann Lebensabschnitte bei mir markieren, die waren ungenießbar. Da ist mir so schäbig mitgespielt worden, dass mir das Nichtstun auf den Magen schlug. Ich musste mein Abwarten umbauen zum Verlangen nach Gottes Eingreifen. Wir straucheln und stolpern doch lange, bis wir Gottes Methoden mit unseren Streitzielen aussöhnen. Erst wenn unsere Ungeduld mit Gottes Beharrlichkeit eins wird, verändert sich die Problemlage. Weil Gott uns dabei mit seinem kräftigen Schalom entgegenkommt, bemerken wir innen wie außen ein köstliches Wohlgefühl. Ja, „es ist ein köstlich Ding, fokussiert auf die Hilfe Gottes zu hoffen.“

 

Liebe Gemeinde,

wir feiern heute Erntedank als Sieg über eine Hindernisstrecke. Beinahe wären wir auf der Strecke geblieben, z.B. im Schweigen. Im Schweigen mit uns selbst, in der Sprachlosigkeit unserer Liebe, im Verstummen Gottes. Was aber hat uns geholfen, bis wir heute sagen können: „Gott ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt“? (V25) Gott kennt dieses Schweigen. Er überwand ja das Tohu-wa-Bohu mit seinem energischen „Es werde“. Und die Grabesstille auf Golgatha mit seinem energischen: „Christus, komm heraus!“ Und unser stummes Versteckspiel im Paradies mit seinem energischen: „Mensch, wo bist Du?“ - Gott beendet mit seinem Schöpferwort unser Schweigen. Unsere Genesung beginnt, indem wir auf sein Angebot zur „Dialogannahme“ eingehen. „Gott weckt mir selbst das Ohr und mit seinen Worten begrüße ich das neue Licht!“ So umschrieb Jochen Klepper 1938 seine Seelenstabilität trotz Nazi-Verfolgung. Und auch wir genesen mit dem Ziel: „Gott wird freundlich, wenn wir nach ihm fragen!“

 

Liebe Gemeinde,

unser Dank speist sich aus der Rückschau auf überwundene Krisen. Gott sei Dank! - Er hat seinen Zorn zurückgezogen. Gott sei Dank! - Sein Eingreifen beendete unsere Hilflosigkeit. Gott sein Dank! - Er brach das Schweigen. Noch eine weitere Krise scheint überwunden zu sein, wenn es heißt: „Gott ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen!“ (V24) Mit ein wenig Abstand erkennen wir die Trostlosigkeit unserer Wegstrecken, auf denen wir Gott raushalten wollten. Wo wir ihn ausgrenzten, wurden wir seelenlos, und alles andere um uns herum auch. Unser Heilungsprozess begann aber, als wir Gott als Anteilseigner unserer Seele ausprobierten. So hilft uns unsere zurückschauende Dankbarkeit auch für einen Blick nach vorne. Unsere Welt heilt besser, wo wir und unsere Methoden beseelt sind durch Gottes Ideale und Anteile.

 

Liebe Gemeinde,

wie kamen wir eigentlich aus dem Frust heraus, dass wir unsern Lebenslauf nicht vollendet kriegen, dass alles nur Haschen nach Wind bleibt? Wie kommen wir zu unserem Erntedank-Rückblick, in dem wir bekennen: „Die Güte Gottes ist's, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß!“? (V22f) Am 13. August in London geschah es bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft: Der schnellste Mann der Welt, Usian Boldt, erlitt in seinem letzten großen Rennen einen Krampf und humpelte aus dem Stadion. Noch in der Nacht twitterte er weltweit: „Danke euch! Unendliche Liebe für meine Fans!“ Das ist für mich ein Beispiel für die Überwindung einer Krise. Gottes Barmherzigkeit hat kein Ende, sie geht auch nach dem Finale weiter. Seine Güte hält uns aufrecht, trotz Wadenkrämpfe und Blamage. Das ist die Ermutigung, die unser Schöpfergott in jeden Sonnenaufgang für uns einbettet. Seine Treue ist „mega“, seine Barmherzigkeit ist „infinitv“, seine Güte ist „permanent“. Das sind die Kraftlinien Gottes, die uns geholfen haben, den Parcour des Lebens zu durchqueren - inklusive Straucheln und Stolpern. So feiern wir heute Erntedank als Sieg über eine Hindernisstrecke.

 

Liebe Gemeinde,

ich hatte noch gar nicht gesagt, wo wir das heutige Evangelium in der Bibel finden. Wer lieh uns heute die Worte der Dankbarkeit angesichts überwundener Barrieren? Es ist der alttestamentliche Prophet Jeremia. Wir bewegen uns in den Versen seines zweiten Buches, den „Klageliedern Jeremias“. Doch wie passt heute unser Erntedank zu den Klagen dieses biblischen Weltmeisters? Und sind nicht die „Jeremiaden“ der heutigen Wutbürger glaubwürdiger? Waren unsere Schwächephasen nicht doch unverzeihliche Sünden? In der Tat kennt Jeremia dieses Zusammensacken unter der Faust Gottes. Das sagt er in den Versen zuvor. Aber nach seiner Genesung wird er dann Fenster und Türen aufreißen und Gott nach dessen Wut fragen angesichts der sozialpolitischen Katastrophen ringsum. Zu dieser Innenschau und zu diesem Weitblick spornt unser Erntedank auch uns an. Zuvor klagte Jeremia innerlich: „Gott hat mich mit Bitterkeit gesättigt und mit Wermut getränkt. Gott hat mich auf Kiesel beißen lassen, er drückte mich nieder in die Asche. Meine Seele ist aus dem Frieden vertrieben; ich habe das Gute vergessen. (V15ff) Dann kommt unser Predigttext, danach analysiert er folgende Skandale: „Wenn man alle Gefangenen auf Erden unter die Füße tritt und eines Mannes Recht vor dem Allerhöchsten beugt und eines Menschen Sache verdreht, – sollte das Gott nicht sehen?“ (V34ff)

 

Liebe Gemeinde,

ich halte die Verse vorher und nachher für wichtig, weil sie unsere Dankbarkeit hinlenken auf die Notstände, die sich vor unseren Haustüren türmen. Aus dem Schwung unserer Dankbarkeit heraus trauen wir uns zu, Menschen in psychischen Krisen zu begleiten. Durch Gottes Gnade sind wir ja die Experten geworden. Seine Heilungsqualitäten haben in jedem von uns gefruchtet. Wir leiten sie weiter zu Mitmenschen, die abgefüllt wurden mit Bitterkeit, die noch in der Asche sitzen und auf Kieseln beißen. Das ist die eine Hilfe, zu der wir befähigt wurden. - Die andere lenkt Jeremia auf das schreiende Unrecht ringsum. Wo in Internierungslagern, die an sich schon schlimm genug sind, Menschenrechte mit Füßen getreten werden. Wo Urteile gefällt werden, die mehr den Tyrannen huldigen und der Karriere des Richters dienen. Wo Menschen traktiert werden, bis sie nicht mehr wissen, wo ihnen der Kopf steht. Diese inneren und äußeren Krisen sind die Arbeitsfelder, für die uns unsere Dankbarkeit qualifiziert. Zum Dienst an Gottes Schalom, zum Dienst, in dem wir Verstoßene zurückholen. Darauf zielt Gott. Dazu hat er sein Schweigen gebrochen, seinen Zorn zurückgezogen und seiner Geduld Beharrlichkeit verliehen.

Wussten Sie eigentlich, dass Ihr persönlicher Hürdenlauf auch gültig ist, wenn sie alle 10 der 10 Hürden umgestoßen hätten? Sie werden zwar nicht als Erster im Ziel sein, ansonsten aber ist es egal, wie oft sie gestrauchelt sind! Sie haben den Hürdenlauf absolviert, herzlichen Glückwunsch! Sie sind aufgrund Ihrer Dankbarkeit qualifiziert zum Helfen bei anderen Hürden! Gott segne ihre Dankbarkeit!

Amen.



Pfarrer Manfred Mielke
Reichshof
E-Mail: Manfred.Mielke@ekir.de

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