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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Michaelstag, 29.09.2017

Predigt zu Josua 5:13-15, verfasst von Th.-M. Robscheit

Im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

 

Liebe Gemeinde!

 

„Star Wars“, liebe Gemeinde, hat mich nie interessiert und bis heute kann ich mir kaum vorstellen, was so vielen Menschen an den Weltraumschlachten und den Jedi-Rittern mit ihren bunten Laserschwertern gefällt. Vor 40 Jahren kam der erste „Star-Wars“ Film in die Kinos, an seiner Beliebtheit hat er kaum eingebüßt, obwohl die Effekte und Kulissen doch reichlich altbacken wirken.

Nein, „Star-Wars“ hat mich nie begeistert, ganz anders sah das allerdings bei „Herr der Ringe“ aus. Ich erinnere mich noch deutlich an den Sog, den diese Bücher auf mich ausübten. Ich hatte mir als junger Mann die Bände mit nach Italien in den Urlaub genommen ohne den Klappentext zu lesen. Meine Oma hatte mal gesagt, dass man die unbedingt einmal lesen müsse. Ihre Literaturempfehlung war mir Gesetz und ich hatte bei der bürgerlich hochgebildeten Frau so etwas wie die Buddenbrooks erwartet. Nun, Sie können sich meine Überraschung vorstellen, als ich plötzlich in eine Welt voller Hobbits, Magier und Elben eintauchte. Ich habe die fünf Bände verschlungen und nur mit Überwindung Siena und Florenz wahrgenommen. Als dann Jahre später der erste Film im Kino war, konnte ich mir kaum vorstellen, wie ich die Zeit bis zum zweiten und dritten Teil, die jeweils mit einem Jahr Abstand erschienen, aushalten sollte.

 

Nach meiner ersten Begeisterung habe ich versucht etwas nüchterner auf den Stoff zu blicken. Ist das nicht martialisch? Das dauernde Töten und Kämpfen? Dazu die heroischen Reden: „Die Sonne geht rot unter, heute Nach wird Blut fließen!“ Wieso kann einen das so faszinieren? Und zwar durchweg positiv? Wieso spielen die zahlreichen Opfer -obwohl sie nicht verschwiegen werden!- kaum eine Rolle?

„Star Wars“ und „Herr der Ringe“, auf den ersten Blick ganz unterschiedlich und doch sind sich beide so ähnlich: es wird gekämpft, zum Teil in epischen Schlachten, es geht um Freundschaft und Loyalität, und vor allem um den Kampf zwischen Licht und Finsternis, Gut und Böse.

 

„Da werden Sie sicher recht haben!“, denken Sie jetzt vielleicht, liebe Gemeinde und fragen mich: „aber was hat das alles mit dem Engel Michael zu tun?“ Heute wird des Erzengels Michael gedacht, einer der wenigen Tage im Jahr, der auch die evangelische Kirche einen Namenspatron hat. Einen besonderen Gruß deswegen an alle Michaels und Michaelas und an die Großromstedter, denn ihre Kirche trägt Michaels Namen!

 

Dieser Engel Michael entspricht aber keineswegs dem Bild, das wir oft von Engeln haben: kleine niedliche Putten, auch keine anmutige, musizierende Engelfrau. Nein, Michael ist ein Kämpfer, er ist bewaffnet. Michael wird mit dem Schwert oder Spieß dargestellt. In der Bibel, genauer gesagt in der Offenbarung des Johannes, wird beschrieben, wie der Engel mit dem Drachen, der sinnbildlich für den Teufel, das Böse, steht kämpft. Nach der Überlieferung ist er es auch, der vor dem Paradies Wache hält, Michael steht Daniel bei, Israel am Schilfmeer und dem Mose und er erscheint Josua.

 

Josua 5,13-15

 

Vor der Eroberung Jerichos erscheint dieser bewaffnete Engel dem Heerführer Josua. Dann berichtet die Bibel weiter von der Eroberung der Stadt und dem Gemetzel, das veranstaltet wird. Josua schließlich wird dafür gelobt und bewundert, dass er alle (außer der Hure Rahab und ihrer Familie) töten lässt, alles außer den Schätzen verbrennen lässt und alle verflucht, die jemals wieder die Stadt errichten wollen.

Wie kann so eine Geschichte in der Bibel stehen? So blutrünstig? So unmenschlich?

Es mag für unser humanistisch geprägtes Herz eine Beruhigung sein, dass archäologische Befunde gegen eine Zerstörung der Stadt durch die Israeliten sprechen. Die Stadt dürfte damals bereits unbewohnt gewesen sein. Die Erzählung von der Eroberung gehört in den Bereich der Legenden. Vor diesem Hintergrund rückt unsere Engelsgeschichte nun plötzlich ganz nah zu unseren modernen Legenden „Star Wars“ und „Herr der Ringe“. Den Kampf um Mittelerde gibt es in der Wirklichkeit eben sowenig wie den Kampf um Jericho; es gibt keine Laserschwerter mit denen man kämpfen kann und keine Posaunen, die Stadtmauern einstürzen lassen! Alles nur Phantasie!

 

Alles nur Phantasie, aber deswegen doch nicht unwirklich! Durch Phantasie und Legenden können wir Menschen eine Wirklichkeit erahnen, für die unser Verstand zu klein ist. Wir können in diese sonst verschlossene Welt eintauchen! Beobachten Sie Kinder, die mit einem bunten Plastikschwert gegen die Truppen des Imperiums kämpfen oder mit einem unsichtbaren Bogen geräuschvoll unsichtbare Pfeile auf Heerscharen von unsichtbaren Orks schießen und diese besiegen! Bei all dem geht es nicht um Morden, sondern um den Kampf zwischen Gut und Böse. Diesen Kampf, dieses Ringen können wir Menschen uns nicht als Diskussion vorstellen, nicht als eine Bundestagsdebatte.

Deswegen ist Michael bewaffnet.

 

Um uns herum findet dieser Kampf statt, immer aufs neue. Jeden Tag. Wie über Mordor sind dunkle Wolke am Rand unserer Demokratie aufgezogen. Bedrohlich grummelt es, die Horizonte grollen. Kann man im Auenland bleiben? Oder muss man losziehen? Seine Komfortzone verlassen, sich unbequemen Herausforderungen, Fragen und Diskussionen stellen?

Michael mit dem Flammenschwert steht bereit. Und auch wenn wir uns diesen Kampf für das Gute nur mit martialischen Bildern vorstellen können, so kann er in dieser Welt aber genau damit nicht geführt werden! „Wer das Schwert zieht, wird durch das Schwert umkommen“, erinnern Sie sich? Frieden kann man nicht durch Waffengewalt erkämpfen!

Der Zweck heiligt nicht die Mittel!

Eine Demokratie kann ich nicht mit undemokratischen Mitteln verteidigen und die Freiheit nicht durch die Begrenzung derselben.

 

Dieser Engel Michael steht für den Kampf des Guten gegen das Böse - und für den Sieg des Guten.

Eine Vision, ein Bild, eine Sehnsucht! Denn die Realität sieht anders aus. Noch ist ein ständiges Ringen nötig. Nicht nur die Michaels und Michaelas dieser Welt, können den Engel in diesem Kampf unterstützen, sondern jeder von uns kann & soll auf seine Weise dazu beitragen, diese Welt besser zu machen und das Übel zurück drängen: Michael ist nämlich auch Patron der Deutschen!

 

Am Michaelistag können wir uns daran erinnern und darauf vertrauen, dass das Gute mächtiger ist als das Böse und das Leben stärker als der Tod! Amen.

 



Pfarrer Th.-M. Robscheit
Kapellendorf und Apolda
E-Mail: thm@robscheit.de

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