Göttinger Predigten

deutsch English español
português dansk Schweiz

Startseite

Aktuelle Predigten

Archiv

Besondere Gelegenheiten

Suche

Links

Gästebuch

Konzeption

Unsere Autoren weltweit

Kontakt
ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

16. Sonntag nach Trinitatis/Erntedankfest, 01.10.2017

Menschlichkeit liegt in der Luft!
Predigt zu Jesaja 58:7-12, verfasst von Gert-Axel Reuß

Liebe Gemeinde,

 

viele Kirchen sind heute prächtig geschmückt. Im Hochzeitskleid sozusagen. Blumen in leuchtenden Farben schmücken die Altäre. Konfirmandinnen und Konfirmanden haben eine Erntekrone in die Kirche getragen, die uns an alte Zeiten erinnert.

 

Äpfel und Birnen, junge Kartoffeln und Mohrrüben – was sich heute in den Regalen der Supermärkte türmt, haben wir früher selbst geerntet. Und am Erntedanktag in die Kirche gebracht und gesungen: „Wir pflügen und wir streuen den Samen auf das Land, doch Wachstum und Gedeihen steht in des Himmels Hand. Der tut mit leisem Wehen sich mild und heimlich auf und träuft, wenn heim wir gehen, Wuchs und Gedeihen drauf.“ (Matthias Claudius, Evangelisches Gesangbuch Nr. 508)

 

Heute feiern wir die Fülle des Lebens. Heute danken wir Gott „für alle gute Gabe“. Für das Brot, das wir essen, für ein Dach über dem Kopf. Wir danken ihm auch für das Auto in der Garage, für die monatliche Gehaltszahlung (oder Rente). Und für einen erholsamen Sommerurlaub im sonnigen Süden, für einen anregenden Besuch im Kino und für die Musik.

 

Brot meint alles, was wir zum Leben brauchen, schreibt Martin Luther im Kleinen Katechismus: Essen und Trinken, Kleider und Schuhe … und gute Freunde und Nachbarn auch. Und dass Gott uns dies erkennen lasse, wenn wir beten „Unser täglich Brot gib uns heute.“

 

Denn so selbstverständlich, wie wir oft meinen, ist das alles nicht. Meistens erkennen wir das erst dann, wenn uns etwas davon fehlt: Wenn wir krank sind, wird die Gesundheit zum kostbarsten Gut. Wenn Streit in der Familie herrscht, bemerken wir, dass Gerechtigkeit und ein fairer Ausgleich der Interessen nicht vom Himmel fallen. – Oder eben doch: Dass das alles ein Himmelsgeschenk ist. Wir sehnen uns danach, dass wir als Person mit unseren Bedürfnissen und Fähigkeiten wahrgenommen und gebraucht werden. Wie sehr wir davon abhängig sind, spüren wir meistens dann, wenn es anders ist.

 

Aber Erntedank ist nicht die Schule des Mangels nach dem Motto „Not lehrt Beten“. Heute feiern wir, wie großzügig Gott uns beschenkt. Wir schmecken das Wasser, das sauber ist und uns erfrischt. Und den Wein, den gibt es obendrauf. Wir brechen das Brot, das uns sättigt und nährt. Und leckeren Käse und Fleisch, die kosten wir auch. Oder Honig und Marmelade, Eier und Obst.

 

Unser Tisch ist reich gedeckt. Und die Natur um uns herum ist ein Paradies. Dass Gott uns dies erkennen lasse, darum bitten wir in diesem Gottesdienst.

Dann – davon bin ich fest überzeugt – bestimmt nicht Eigensinn unser Denken, Fühlen und Handeln, sondern Phantasie, Großzügigkeit und Hilfsbereitschaft. Dann kommt es nicht darauf an, dass meine Scheune reich gefüllt ist, sondern dass auch die Nachbarn gut durch den Winter kommen. Dann bestimmen nicht Polemik und Beleidigungen die politische Debatte, sondern Verantwortungsbereitschaft und Gemeinsinn.

 

Dass die Welt um uns herum eine andere ist, erfüllt alle mit Sorge. Dass uns diese Sorge nicht auffrisst, nicht lähmt - darum bitten wir in diesem Gottesdienst. Und dass wir – die Bundestagswahl mag ausgegangen sein, wie sie nun einmal ausgegangen ist; die Schwierigkeiten in Europa sind nicht verschwunden, wenn wir nur kräftig blinzeln, und der amerikanische Präsident ist auch morgen immer noch derselbe – dass wir uns dadurch nicht entmutigen lassen, auch dafür steht diese geschmückte Kirche.

 

Wir feiern, dass Gott uns reich beschenkt.

Und dazu gehört nicht nur das gute Essen auf unserem Tisch, sondern auch Selbstbewusstsein und Tatkraft, wache Sinne und die Begabung, einander beizustehen, zu helfen. Das alles kommt aus Gottes großer Schatztruhe. Dazu – sozusagen wie die Kirsche auf der Sahne – das Gottvertrauen, dass sich am Ende auch Nächstenliebe lohnt. Sicher nicht in dem Sinn, dass wir im Reich Gottes am Tisch Nr. 1 sitzen werden. Sondern so, dass wir an dem Tisch, an dem wir zu sitzen kommen, wirkliche Gemeinschaft, Freude und Glück erfahren.

 

Wir feiern, dass eine Ahnung all dessen wie der Geruch eines Festessens schon diese Welt durchzieht. Und wir immer wieder beglückende Momente erleben und Freude erfahren. Und davon beseelt selbst Dinge in die Hand nehmen und Gemeinschaft stiften helfen.

 

Haben wir, die wir heute leben, nicht unglaubliches Glück? Krieg ist zu einem Fremdwort geworden in diesem Teil der Welt. Auch wenn wir uns nicht alles leisten können – niemand muss hungern. Und ein Dach über dem Kopf haben wir auch.

 

In den Erzählungen meiner Eltern und ihren – von uns Kindern manchmal als unnötig streng erlebten – Erziehungsmethoden gibt es noch die Erinnerung an eine Zeit, als man froh war, wenn man sein Leben rettete. Wie gut, dass uns und unseren Kindern solches erspart geblieben ist. Aber wie machen wir ihnen klar, wie kostbar ein Leben in Freiheit und Wohlstand ist? Wie wird es uns selbst klar?

 

Ich vermute, dass Vorbilder und Erfahrungen unserer Dankbarkeit auf die Beine helfen. Menschen, die freiwillig eine Aufgabe übernehmen. Oft ohne viel Aufhebens davon zu machen und deswegen irgendetwas zu erwarten. Menschen, die im richtigen Moment zur Stelle sind. Uns aufmuntern, wenn wir Zuspruch gut brauchen können. Manchmal tun sie es beinahe unbewusst, es fällt ihnen augenscheinlich nicht schwer. Ich vermute, dass die meisten von uns schon Gastfreundschaft erfahren haben, eingeladen wurden von Menschen, von denen sie es gar nicht erwarten konnten. Und wie schön es war, dazuzugehören. Wie wohltuend es war, wahrgenommen zu werden: „Du bist uns wichtig!“

 

Und Sie, liebe Gemeinde, können das auch!

Sie können zum Klub der Optimisten gehören, die glauben, dass Gott diese Welt nicht sich selbst überlässt.

Sie können Mutmacher*innen sein, eine Stütze der Familie, der Gesellschaft.

 

Ja, Sie gehören längst dazu. Zu denen, die zuhören können. Die Trost spenden. Die die richtigen Worte finden und die Taten sprechen lassen.

 

Manchmal ist es schon ein bisschen her, dass wir das Gefühl hatten: „Wir werden gebraucht!“ Aber wenn Sie heute Mittag in Ihren Erinnerungen suchen, dann wird es Ihnen einfallen. Dass Sie auf der richtigen Seite stehen! Dass Sie ein Werkzeug Gottes waren. Nein, sind! Ein Mensch, der diese Welt ein kleines Stückchen besser gemacht hat.

 

Wir Protestanten haben das Problem, dass wir hinter jeder Ecke Stolz und Überheblichkeit wittern. Und deshalb mit Lob sparen und Demut einfordern. – Natürlich ist das Leben eine Gratwanderung, aber wer immer im dunklen Tal bleibt, wird die Sonne nicht sehen. Wird seine Möglichkeiten nicht entdecken, seine Begabungen nicht erforschen und einsetzen.

 

Wie könnte es gehen, das „richtige“ Leben?

Luther – so wie ich ihn verstehe – würde sagen: Im Beten „Unser täglich Brot gib uns heute!“ Es kommt darauf an, mit Gott im Kontakt zu bleiben.

 

Unsere Selbstwahrnehmung und das, was die Leute über uns denken und sagen nicht dadurch zu einem vernünftigen Ausgleich zu bringen, indem wir beides miteinander mischen, sondern alles sozusagen aus der Vogelperspektive zu sehen. Und da wir normalerweise nicht aus unserer Haut können, ganz einfach Gott zu fragen: „Was sagst Du dazu?“

 

Nun spricht Gott – wenigstens nach meiner Erfahrung – selten direkt zu mir. Aber ich lese in der Bibel. Und dort finde ich eine ziemlich direkte Ansprache (Jes 58, 7-12):

 

Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des Herrn wird deinen Zug beschließen. Dann wirst du rufen, und der Herr wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich. Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag. Und der Herr wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wir ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt. Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange wüst gelegen hat, und du wirst wieder aufrichten, was vorzeiten gegründet ward; und du sollst heißen: "Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, dass man da wohnen könne."

 

(Anm.: Eventuell lese ich nur eine Zusammenfassung des Textes.)

 

Liebe Gemeinde,

 

am Ende liegt es bei Ihnen, welche Schlüsse Sie ziehen. Ich will zum Schluss meiner Predigt nur noch diesen Hinweis geben: Da steht nicht „Seid Lückenbüßer“. Eine Lückenbüßerin wäre ja nur ein unzureichender Ersatz. Und genau dies seid Ihr nicht: Ersatzmänner und –frauen. Sondern ihr seid die, die es können. Die die Dinge in Ordnung bringen.

 

Wenn das Dach geflickt ist, das verstopfte Rohr freigespült, das zerbrochene Fenster ausgetauscht – dann rücken die Handwerker wieder ab.

 

So stellt sich der Prophet (Jesaja) die neue Welt vor, dass nicht wenigen Überforderten am Ende die Puste ausgeht, sondern dass jede, dass jeder von uns zu einem Ansteckungsherd der Menschlichkeit werden kann. Und dass dadurch eine Bewegung in Gang kommt, die auch uns durch die Tiefen des Lebens trägt.

 

Menschlichkeit liegt in der Luft!

 

Amen.

 



Domprobst Gert-Axel Reuß
Ratzeburg
E-Mail: reuss@ratzeburgerdom.de

(zurück zum Seitenanfang)