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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

16. Sonntag nach Trinitatis/Erntedankfest, 01.10.2017

tägliche Wunder
Predigt zu Die Klagelieder Jeremias 3:22-26.31-32, verfasst von Thomas Jabs

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.

 

Klagelieder 3,22-26.31.31

Die Güte des Herrn ist's, daß wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß.

Der Herr ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen. Denn der Herr ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen der nach ihm fragt.

Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des Herrn hoffen.

Denn der Herr verstößt nicht ewig

sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte.

 

Liebe Gemeinde!

Mit einem täglichen Wunder will ich beginnen. Es ereignet sich in den Kuhställen dieser Welt.

Abends nach dem Melken sind die Euter der Kühe leer, schlaff und faltig. Doch am nächsten Morgen sind sie wieder glatt und voller Milch gut 20l.

An den Milchdrüsen fließen pro Liter Milch 500 Liter Blut vorbei also für unsere 20 l Milch 10000 l Blut. Für diese enorme Leistung frißt die Kuh 70 -80 kg Futter pro Tag.

Doch das ist längst nicht alles. Milch gibt die Kuh nur, wenn sie jedes Jahr ein Kalb zur Welt bringt, die Mühen der Trächtigkeit und dann die Schmerzen der Geburt. Das ist alles notwendig für die Milch.

Dann kommt die ganze Arbeit der Menschen dazu bis wir auf unserem Frühstückstisch Milch, Kefir, Butter, Käse, und all die leckeren Milchprodukte haben, jeden Morgen neu.

Als mir das klar wurde, verstand ich warum in den Klageliedern des Jeremia steht:

Der Herr ist mein Teil. Dieses Wort hat zwei Bedeutungen: neu machen und glatt machen wie ein glattes Euter oder ein neuer Weinschlauch  mit frischen Wein. (Ja ich denke da auch an ein Gleichniswort Jesu)

Die Güte, Barmherzigkeit und die Treue Gottes ist wie das Euter einer Ziege, schreibt uns Jeremia. Abends schlaff und leer aber an jedem Morgen neu durch einen großen Aufwand an Energie und mit großem Fleiß der Menschen wird dann Nahrung daraus. Auch von diesem Aufwand weiß er zu schreiben.

Denn der Herr ist freundlich dem, der auf ihn harrt,

Harren ist das Warten einer Kreissenden also einer Frau die in den Wehen liegt um ein Kind zur Welt zu bringen. Atmen, hecheln, drücken ausruhen, Schmerzen und dann das neue Leben.

Jeremia redete nicht von einem ruhigen abwarten, der liebe Gott wird schon helfen. Nein auf Gott warten, nach Gott fragen und forschen, das ist sehr aktiv und oft auch schmerzhaft. Der Lohn ist neues Leben, neues Glaubensleben, neuer Glaube an Gott und daraus folgend neues leben im Alltag.

 

Davon schrieb Jeremia, weil er davon ein Lied singen konnte:

Jeremia hatte Leid kennengelernt. Erst als Prophet Gottes. Er rief sein Volk zur Umkehr und wurde verspottet; er warnte die politisch Verantwortlichen und wurde dafür in einem Schlammloch eingesperrt.

Dann als Israelit, als Jude. Sein Volk wurde im Krieg besiegt, geplündert und geschändet. Seine Stadt zerstört und der Tempel Gottes entweiht. Wer von den oberen im Volk mit dem Leben davongekommen war musste fliehen oder wurde verschleppt.

Jeremia gehörte dazu.

Menschliches selbst erfahrenes Leid.

Davon weiß Jeremia ein Lied zu singen. Eben die Klagelieder. In den ersten beiden Versen des 3. Kapitels schreibt er: "Ich bin der Mann, der Elend sehen muss durch die Rute des Grimmens Gottes.

Er hat mich geführt und gehen lassen in die Finsternis und nicht ins Licht."

Entweder Gott war nicht der mächtigste und hatte gegen die Götter der Sieger nichts zu melden, hat sich versteckt und man musste nun ihre Werte, ihre Politik und ihre Wirtschaft übernehmen, die eigene Identität verleugnen oder:

Gott musste zürnen gegen sein ehemaliges Volk. Aber was sollte man dann tun, wohin fliehen?

Jeremia legt sich auf die zweite Antwort fest und kennt den Ausweg:

Vor Gott, gegen Gott zu Gott fliehen. Gott der Befreier und Erhalter Israels hat sich verborgen hinter seinem Zorn, weil er von Israel gesucht werden will.

Jeremia macht sich auf die Suche, nach dem Befreier und dem Barmherzigen Gott und ruft ihn an trotz und in seinem Zorn.

Und er findet den treuen Gott, der neue Hoffnung und Kraft schenkt.

Die Güte des Herrn ist's, das wir nicht gar aus sind.

 

Wir sind Besiegte, wir sind Verschleppte, wir sind wenige. Und doch sind wir Juden geblieben egal wo wir sind, egal was passiert ist, wir haben Gottes Worte und Gebote. Wir bleiben wer wir sind, weil er bei uns bleibt, seine Güte ist es, dass wir ihn und seine Gebote kennen. Seine Barmherzigkeit, dass wir noch am Leben sind.

Gottes Güte und Barmherzigkeit ist alle Morgen neu, wie ein glattes Ziegeneuter. So dichtete Jeremia mit der Kraft seiner Worte. Jeden Morgen wachte er wieder auf manchmal erholt vom Schlaf manchmal auch nicht nach durchlittener Nacht. Aber Gott schenkt ihm einen neuen Tag eine neue Möglichkeit zu leben.

So ist Gott. Auch wenn es einen Abend gab, und Menschen manche Leidensnacht durchleben, er wird gerade dann, gerade in solchen Nächten unsere Lebenskraft erneuern für einen neuen Morgen und einen neuen Tag. Dazu braucht er Menschen, die diese schwere Arbeit und die schmerzlichen Erfahrungen nicht scheuen.

Einer der das im letzten Jahrhundert so erlebte wie vor Jahrtausenden Jeremia war

 

Jochen Klepper.

An ihn will ich heute erinnern:

* 22. März 1903 in Beuthen an der Oder, heute Bytom Odrzański in Polen                     † 11. Dezember 1942 in Berlin

Ende März 1931 heiratete Klepper gegen den Willen seiner Eltern und als bewusstem Akt des Widerstandes gegen den heraufziehenden Nationalsozialismus die deutlich ältere jüdische Witwe Johanna Stein, die die beiden Töchter Renate und Brigitte in die Ehe einbrachte. Nach der Übersiedelung nach Berlin wurde er dort beim Rundfunk angestellt. 1932 erschien sein Roman Der Kahn der fröhlichen Leute. 1933 verlor er wegen seiner jüdischen Frau die Anstellung beim Rundfunk und wurde Lektor im Ullstein-Verlag, bis er 1935 aus demselben Grund auch diese Anstellung gekündigt bekam. 1937 erschien Kleppers bedeutender Roman Der Vater über den preußischen Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I., der ihm finanzielle Unabhängigkeit und vor allem in Kreisen des Militärs hohes Ansehen verschaffte. Die kleine Sammlung geistlicher Gedichte mit dem Titel Kyrie erschien 1938; sie enthält Liedtexte, von denen viele noch heute in hohem Ansehen stehen, weil sie in zeitgemäßer Sprache um die Beschwerden des Lebens wissen, aber voll Trost und Hoffnung sind.                                                          

In dieser Zeit wurde der Druck der Nationalsozialisten immer stärker, das beachtliche Vermögen seiner Frau wurde beschnitten.

Sie hatte ihrem Mann die Scheidung angeboten, um ihn von den Belastungen ihrer jüdischen Abstammung zu befreien, was Klepper energisch zurückwies.

1939 konnte die ältere Tochter nach England emigrieren. 1940 wurde Klepper zum Militär eingezogen, nach 10 Monaten aber als wehrunwürdig entlassen; damit hatte sich seine Hoffnung, als Soldat Frau und Tochter vor der Deportation bewahren zu können, zerschlagen.

Tochter Reni, Jochen und Frau Hanni auf der Terrasse ihres Hauses in Berlin-Nikolassee, in das sie im Mai 1939 eingezogen waren

Mit Hilfe von Bewunderern beim Militär kämpfte Klepper um eine Ausreisegenehmigung für die jüngere Tochter Renate; als diese Anfang Dezember 1942 endlich erteilt wurde, verbot Adolf Eichmann persönlich deren Emigration. Klepper und seine Frau mit Tochter Renate wählten angesichts des bevorstehenden Abtransports der beiden jüdischen Frauen ins KZ in der folgenden Nacht den Freitod.

Dieser Jochen Klepper hat sehr gelitten und seinen Glauben täglich neu geboren und gerade darum aus diesen tiefen Erfahrungen uns unter etlichen wunderbaren Liedern auch dies hinterlassen:    Er weckt mich alle Morgen; EG 452 5

  1. Er weckt mich alle Morgen,

er weckt mir selbst das Ohr.

Gott hält sich nicht verborgen,

führt mir den Tag empor,

dass ich mit seinem Worte

begrüß das neue Licht.

Schon an der Dämmrung Pforte

ist er mir nah und spricht.

 

  1. Er spricht wie an dem Tage,

da er die Welt erschuf.

Da schweigen Angst und Klage;

nichts gilt mehr als sein Ruf.

Das Wort der ewgen Treue,

die Gott uns Menschen schwört,

erfahre ich aufs neue

so, wie ein Jünger hört.

 

Liebe Gemeinde, wenn Sie morgens Butter aufs Brot schmieren oder Milch trinken oder Käse essen, dann denken sie hin und wieder daran wieviel Energie, Schmerz und Arbeit darin steckt und welch ein Genuss daraus entstanden ist.

So ist es mit jedem Morgen, den Gott uns schenkt.

Er hat ihn geboren für uns unter Schmerzen all die Schuld der Vergangenheit bewältigt und daraus mit viel Energie einen neuen Morgen für uns gemacht.

Jetzt können wir ihn nutzen nach Gott fragen, forschen und entdecken: Der liebe Gott ist kein Gott der seinen Menschen ein leichtes, schönes Leben garantiert. Der Liebe Gott ist der Gott, der uns reifen lässt auch durch Schuld und Leid, wenn wir an ihm festhalten, nach ihm fragen und bereit sind unter Schmerzen neues Leben, neuen Glauben, neue Überzeugungen und neue Taten der Barmherzigkeit, Güte und Treue in diese Welt zu bringen.

Kühe und Ziegen tun das jeden Morgen.

Amen

 

Und der Friede Gottes der höher ist als alle Vernunft, der be­wahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen



Pfarrer Thomas Jabs
Berlin
E-Mail: Pfarrer.Jabs@kirche-mahlsdorf.de

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