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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

16. Sonntag nach Trinitatis/Erntedankfest, 01.10.2017

Predigt zu Jesaja 58:7-11, verfasst von Hilmar Mencke

Wieder ist unsere Kirche festlich geschmückt. Ich wünsche mir, mehr Menschen könnten und würden es sehen - nicht nur die Erntegaben, auch die landwirtschaftlichen Geräte - historisch z. Teil und manchmal museumswürdig. Ein Fest für die Augen - sichtbare, fühlbare, erlebbare Dankbarkeit für die „Ernte” eines Jahres - nicht nur im eigentlichen Sinne des Wortes - für Obst und Gemüse, Getreide und Milch , sondern auch im übertragenen Sinn für allen Erfolg, für den Ertrag der Arbeit, für die Zuwendung, das Vertrauen, die Liebe der Nächsten und auch mancher nicht so Naher...

Und dann habe ich diesen Abschnitt aus der Heiligen Schrift vorzulesen, die Worte des Profeten - das heißt eigentlich die Worte Gottes durch den Mund des Profeten, die zunächst so gar nicht von Dank erfüllt, so wenig von Erfolgen sprechen, eher vom Gegenteil - nicht von denen, die reichlich und überreichlich Grund zur Dankbarkeit haben, eher von denen, die alles dankenswerte vermissen. Quer liegt dieser Bibelabschnitte zu dem, was der Schmuck unserer Kirche feiert und was mich bewegt.

Von Hungrigen spricht der Profet - und wieviel Hunger gilbt es, nicht nur nach Nahrung, sondern auch nach all dem, was der Mensch sonst braucht an menschlicher Nähe; von denen im „Elend” und das heißt ja ursprünglich von denen, die im Ausland, in der Fremde sind ohne die Umgebung, die ihnen vertraust ist und ohne die Menschen, die ihnen Sicherheit geben; ohne Obdach - ohne das Dach über dem Kopf, das vor mehr schützt als vor Regen und Wind, Kälte und Nässe; nackt - nicht allein ohne Kleidung, sondern entblößt, der Würde beraubt, der Scham preisgegeben - und das alles nicht nur Fremde, „Migranten” vielleicht, Vertriebene, Geflohene, sondern eigenes „Fleisch und Blut” - nicht Fremde allein, sondern auch „Nächste”. Unterjochte, Unterdrückte - gibt es sie auch in unserer Mitte? Vielleicht, Mit Sicherheit aber die, auf die man mit dem Finger zeigt - man oder wie?. Über die man übel redet. Ach ja.

Sie alle haben wenig Grund zur Dankbarkeit und stören die Feierlaune empfindlich.

Merkwürdig: In dieser Befindlichkeit treffen sich die, die bei der Wahl am letzten Sonntag die Abgrenzung, die Fremdenfeindlichkeit gewählt haben und die, die von ihnen abgelehnt werden - eine fast perverse Form der Solidarität, die sicher vielen gar nicht bewusst ist!

Schnitt: Was hat das mit dem Dankfest zu tun?

Ich erinnere mich an meine Schulzeit. Lateinische Sprache - von denen, die sie mochten als besonders präzise geschätzt - von denen, denen sie Beschwer machte als eher bürokratisch empfunden.

Sehen wir es einmal positiv. Dank hat im Lateinischen drei Bedeutungen - wir mussten sie so - ein wenig holprig finde ich - übersetzen:

  1. „Dank wissen”: Also nicht nur ein mehr oder weniger schwammiges Gefühl der Dankbarkeit, sonder eine recht genaue Begründung dafür; Wissen , warum, wofür und wem ich Dank schulde - heute:

Im vergangenen Jahr; Wer hat mein leben mitgetragen, wer hat es bereichert, schöner, lebenswerter gemacht? Und: Kann nicht jeder Mensch darauf eine Antwort geben, selbst dann, wenn sein Leben nicht so gut und schön und erfüllt war, wie das meine.

  1. „Dank sagen” - wenn ich um die Gründe zur Dankbarkeit weiß, dann kann und soll ich sie auch aussprechen. Lieber zehnmal zuviel Danke sagen, als einmal zu wenig. All denen, die mich ertragen haben und getragen haben in diesem Jahr, begleitet und gefördert, auch gefordert.
  2. „Dank abstatten” - es also nicht bei Gefühlen zu belassen, auch nicht bei Worten, sondern aus Worten Taten werden lassen. „Dank tuen”, so müsste es eigentlich heißen.

Und ich denke, da sind wir dann ganz nahe bei dem Fest des heutigen Tages und bei dem Predigttext dieses Sonntags:

Mit den Hungrigen sein Brot teilen - das „tägliche Brot”, das mehr ist als Essen und trinken - so wie Luther es sagt in seiner Erklärung zu Bitte des Vaterunsers: „Alles, was not tut für Leib und Leben, wie Essen und Trinken, Kleider, Schuh, Haus , Hof Acker , Vieh, Geld, Gut, fromme Eheleute, fromme Kinder, fromme Gehilfen, fromme und treue Oberherren, gute Regierung, gut Wetter, Friede, Gesundheit, Zucht, Ehre, gute Freunde, getreue Nachbarn und dergleichen - kurz all das Gute, das ich empfange teilen mit denen, die es brauchen wie ich und nicht haben.

Und das alles - bitte - nicht als lästige Pflicht und ungute Beschwernis, sondern - wie der Profet sagt - so, dass du sie „dein Herz finden lässt” - von Herzen also.

Dann werden wir zur Quelle, die sowohl uns tränkt als auch die, die uns brauchen - dann werden wir satt - trotz Dürre   - und unsere Mitmensch auch -  dann wird Gott uns führen - auch durch die Wüsten unseres Lebens - dann werden wir  mit seiner Hilfe die Trümmer in unserer Welt wieder aufbauen - und das nicht nur  dort wo Erdbeben  und Wirbelstürme die großen Schäden angerichtet haben, sondern in all den Verwüstungen, denen Leben ausgesetzt sein kann. - dann werden wie mithelfen können, die „Lücken „ im Leben  - in unserem und dem unserer Mitmenschen zu schließen und „Wege ausbessern”, so, dass sie wieder gangbar werden - wahrscheinlich werden es keine Autobahnen werden, die wir schaffen können - wahrscheinlich werden die Wege für manche steinig bleiben und uneben, steil und voller Schlaglöcher - aber wir werden die Wege mitgehen und wissen, dass Gott alle ihre  und alle unsere Wege mitgeht - so wie er in Jesus Christus den Menschenweg mitgegangen ist. Amen.



Superintendent i.R. Hilmar Mencke
Cadenberge
E-Mail: hhfjmenke@aol.com

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