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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

16. Sonntag nach Trinitatis/Erntedankfest, 01.10.2017

Predigt zu Die Klagelieder Jeremias 3:22-26.31-32, verfasst von Winfried Klotz

22 Die Güte des HERRN ist's, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende,

23 sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß.

24 Der HERR ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen. Ps 16,5; 73,26

25 Denn der HERR ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt.

26 Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des HERRN hoffen.     Röm 8,25

(27 Es ist ein köstlich Ding für einen Mann, dass er das Joch in seiner Jugend trage.

28 Er sitze einsam und schweige, wenn Gott es ihm auferlegt,

29 und stecke seinen Mund in den Staub; vielleicht ist noch Hoffnung.

30 Er biete die Backe dar dem, der ihn schlägt, und lasse sich viel Schmach antun.)     Mt 5,39)

31 Denn der HERR verstößt nicht ewig;                (31-32) Jes 54,8

32 sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte.

Liebe Gemeinde!

Der Herrgott hat es nicht besonders gut gemeint mit mir, so sagte eine ältere Bauersfrau zu mir im Rückblick auf ihr Leben. Der Ehemann starb noch keine 60 Jahre alt, der Sohn, der den Hof weiterführte, noch keine 50. Den Vater hat sie bis zu seinem Tod über Jahre gepflegt, die Mutter war dement. Jetzt ist sie in den Siebzigern, lebt allein im Haus und hat gerade einen Herzinfarkt hinter sich. Zum Glück kümmert sich ihre Tochter um sie.

Der Herrgott hat es nicht besonders gut gemeint mit mir, das ist die Summe eines Lebens, die Überschrift im Rückblick auf ein Leben mit großen Enttäuschungen und Belastungen. Da ist nur wenig positive Lebensperspektive übrig geblieben.

Auch die Klagelieder halten Rückblick, Rückblick auf die Katastrophe eines Volkes und einer Stadt, und dieser Rückblick bietet nur wenige Hoffnungsfenster, eines ist unser Predigttext aus dem dritten Kapitel, andere deuten sich an in der Anrufung Gottes (2, 19f, 5, 19ff) dem Bekenntnis der Schuld (1, 14. 20; 4, 6. 13) und dem, was man die Rechtfertigung des göttlichen Handelns nennen könnte (1, 18).

Rückblick halten bedeutet immer auch die Zukunft bestimmen. Wer auf eine Katastrophe zurückblickt wie es die Eroberung durch das babylonische Heer und die Zerstörung des Tempels 587 vor Christus für das kleine Königreich Juda mit Jerusalem als Hauptstadt war, wer vor Augen hat, wieviel Menschen damals umkamen, wer davon erzählen kann als Teil der eigenen Familiengeschichte, wer gewaltsam aus seiner Heimat in ein fremdes Land mit anderer Sprache und anderen Göttern vertrieben wurde, der trägt eine schwere Last mit sich, der ist in der Tiefe seiner Seele verletzt, der malt nicht nur seine Vergangenheit sondern auch seine Zukunft mit dunklen Farben.

Genauso geschieht es im Buch der Klagelieder; Vergangenheit und Gegenwart werden mit dunklen Farben gemalt. Der Dichter der Klagelieder sieht keine helle Zukunft für sein Volk. Was bleibt ihm, was bleibt den Geschlagenen, Entwurzelten, tief Verwundeten? Bleibt nur die Selbstaufgabe, der völlige Untergang im Elend der Gegenwart?

Auffällig, ja erstaunlich ist, dass der Dichter der Klagelieder die Katastrophe der Vergangenheit und das Leid der Gegenwart immer wieder in einen Zusammenhang mit Gott bringt und aus der klagenden Beschreibung der Not immer wieder ein Aufschrei zu Gott und ein Bekenntnis der Schuld wird. Anschaulich wird diese Blickrichtung in Kapitel 1, Verse 11-14:

„11 Alle Bewohner der Zionsstadt stöhnen, verzweifelt suchen sie nach Nahrung. Sie geben ihren Schmuck für ein Stück Brot, damit sie sich am Leben erhalten.

Laut klagt die Stadt: »HERR, sieh mich doch an! Sieh doch, wie sehr man mich verachtet!«

12 Allen, die vorübergehen, ruft sie zu: »Nichts dergleichen möge euch treffen! Schaut her, wo gibt es solche Qualen, wie ich sie jetzt erleiden muss? Der HERR hat sie mir auferlegt am Tag, an dem sein Zorn mich traf. 13 Von oben her schickte er Feuer auf mich, das in mir wütete und mich bezwang. Er spannte sein Netz aus, um mich zu fangen; ich lief hinein und stürzte zu Boden. Er hat mich völlig zugrunde gerichtet und mich für alle Zukunft krankgemacht.

14 Alle meine Sünden hat er genommen; ein Joch hat er daraus gemacht, das hat er mir auf den Nacken gelegt und ich bin darunter zusammengebrochen.“

Diese Blickrichtung zu Gott hin, der Aufschrei aus der Not auf IHN gerichtet und das Bekennen der Schuld verhindern Selbstaufgabe und endgültigen Untergang. Die Blickrichtung zu Gott hin ermöglicht Worte des Trostes und der Hoffnung, so wie wir sie in unserem Predigtabschnitt finden, auch wenn die Lebenswirklichkeit sich noch nicht zum Guten verändert hat.

Kunstvolle Dichtung sind die Klagelieder, in unserem dritten Kapitel beginnen immer drei Verse mit dem gleichen Buchstaben, also z. B. Vers 22. 23. 24 mit einem Chet. Das zeigt schon, dass hier nicht aus unmittelbarer Betroffenheit, sondern aus verarbeiteter Betroffenheit geschrieben ist. Es ist der Rückblick eines Menschen, für den die Katastrophe noch Gegenwart ist, der intensiv mitleidet, auch wenn er kein Zeitgenosse des Jahres 587 v. Chr. sein mag.

Unser Predigtabschnitt schließt an die Klage eines Einzelnen an. Den Übergang bilden die Verse 18-21 direkt vor dem uns gegebenen Wort:

                „18 Ich sprach: Mein Ruhm und meine Hoffnung auf den HERRN sind dahin.

19 Gedenke doch, wie ich so elend und verlassen, mit Wermut und Bitterkeit getränkt bin!

20 Du wirst ja daran gedenken, denn meine Seele sagt mir's.

21 Dies nehme ich zu Herzen, darum hoffe ich noch: 22 Die Güte …“

Die Anrede Gottes im Gebet, das Wagnis des „DU“ öffnet die Tür zur Erinnerung. Jetzt tritt ins Bewusstsein, was der Klagende gelernt hat, was ihm von Kindes Beinen an eingeprägt ist und was Bestand hat, weil mit Gott zu rechnen ist (V.22-24):

                „Die Güte des HERRN ist's, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß. Der HERR ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen.“

Nicht Disziplin und Pflicht richten den tief Verwundeten auf, sondern Erinnerung an Gottes Wort und Handeln in der Vergangenheit, die ihm lebendig werden können, weil Gott der Lebendige ist. Auch die Gerichtspropheten wie ein Jeremia wussten eindringlich von Gottes durchhaltender Güte und Liebe zu seinen Menschen zu reden; Jer. 31, 3f (Gute Nachricht Bibel):

                „Von weit her ist der HERR seinem Volk erschienen; er sagt: »Ich habe nie aufgehört, dich zu lieben. Ich bin dir treu wie am ersten Tag, Israel, meine Geliebte! Ich gebe dir einen neuen Anfang.“

Zerbrochen sein und trotzdem Gottes durchhaltende Güte und Treue erkennen und bekennen, welch ein Halt, welch ein Trost, welch eine Kraft! Das ist nicht einfach Erinnerung an bessere Zeiten oder an Zusagen des Heils, diese Worte quellen aus dem beständigen Suchen nach Gott in Klage, Schuldbekenntnis und der Sehnsucht nach einem von Gott geschenkten neuen Anfang. (Vgl. Klgl. 5, 21f- Sach. 7, 1-6+8, 19) Es ist ein radikaler Weg: Der Rest an Lebensmöglichkeit wird erkannt und gepriesen als Zeichen der Güte und Barmherzigkeit Gottes. Möglich wäre auch höchste Unzufriedenheit und die Abwendung von Gott. Möglich wäre es, unter all die Erfahrung von Leid einen Schlussstrich zu ziehen und als Summe festzustellen: Diesen Gott, der mich/uns so schwere Wege führt, will und brauche ich nicht! Dieser Gott bietet mir nicht den nötigen Schutz und die mir zustehende Lebenserfüllung. Es spricht manches dafür, dass es in dieser Notzeit auch Verhärtung und Abwendung von Gott gab (vgl. Jesaja 48, 1-11). Aber unser Wort geht einen anderen Weg:

„Der HERR ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen.“

Ähnlich redet ein Beter in Psalm 73:

„Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil (V. 26).“

Anteil an Gott als Grund der Hoffnung! Wie hoch schwingt sich einer da auf!? Nein, es geht nicht um religiöse Selbststeigerung, sondern es gilt das, was Gott einmal Aaron und seinen priesterlichen Nachkommen versprochen hat, übertragen auf das ganze Volk:

                „Ich bin dein Anteil und dein Erbgut inmitten der Israeliten.“ (4. Mose 18,20b)

Der Herr ist mein Teil, wir können das mitsprechen, wenn wir auf Jesus den Gekreuzigten sehen, der uns in seinem Mahl Anteil gibt an sich, an seinem Sterben und Auferstehen, der uns mit Gott versöhnt und verbindet.

Der Herr ist mein Teil, das bedeutet in der von den Klageliedern beschriebenen Situation aber auch, Gott ist mein einziges Gut, ER allein ist mir geblieben, aber gerade deshalb habe ich Hoffnung. Für uns kann das heißen: Hoffnung hat, wer an Gott teil hat durch Jesus Christus! Die äußeren Umstände mögen besser oder schlechter sein.

Ich will noch einen Blick auf die folgenden Verse werfen:

                „25 Denn der HERR ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt. 26 Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des HERRN hoffen.“

Hier heißt es nicht: „Hoffen und harren macht manchen zum Narren“, was durchaus für Erwartungen gilt, die auf Erfüllung im hier und jetzt gerichtet sind, sondern wer auf Gott wartet erfährt seine Freundlichkeit; es ist gut geduldig zu sein und auf Gottes Hilfe zu hoffen. Geduldig sein widerspricht dem Impuls auf schnelle Hilfe in uns, erst recht, wenn es um lebenswichtige Dinge geht. Geduldig Leid zu ertragen, dazu sind wir nicht gemacht. Wir lernen es aber im Vertrauen auf Jesus Christus, wenn wir uns ihm zu eigen geben und damit rechnen, dass er helfen kann.

Die letzten beiden Verse beschreiben eine Erfahrung, die wir nur schwer begreifen und akzeptieren können.

                „31 Denn der HERR verstößt nicht ewig; 32 sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte.“

Kann ein liebender Gott sich abwenden von seinen Menschen? Diese Erfahrung machen nicht nur Menschen, für die Gott scheinbar nicht so wichtig ist; die – so beschreibe ich diese Gruppe mal- nur an Weihnachten in die Kirche kommen. Auch Leute, die nahe dran sind an Glaube und Gemeinde, machen die Erfahrung, dass Gott zu manchen Zeiten unerreichbar scheint; es häufen sich die Schwierigkeiten; Krankheit, Streit, Zurücksetzung, unbefriedigende Lebensbedingungen; wir wissen nicht mehr, wie es sich anfühlt glücklich zu sein. Das entspricht ungefähr dem, was ich am Anfang aus einem Gespräch zitiert habe: „Der Herrgott hat es in meinem Leben nicht besonders gut gemeint mit mir.“

Ich lasse die Frage unbeantwortet, ob ein liebender Gott sich abwenden kann; jedenfalls machen wir eine solche Erfahrung. Entscheidend aber ist, dass wir auch die Erfahrung machen, dass Gott sich unser wieder annimmt, uns neuen Mut schenkt und uns tröstet. Er erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte, spricht uns der letzte Vers zu. Etwas später in unserem Kapitel (V. 57f) wird das beschrieben als hautnahe Begegnung mit Gott:

                „57 Du nahtest dich zu mir, als ich dich anrief, und sprachst: Fürchte dich nicht! 58 Du führst, Herr, meine Sache und erlöst mein Leben.“

Mit unserem Gott ist zu rechnen! Trauen wir ihm doch zu, dass er in Jesus Christus uns seine ganze Liebe und Freundlichkeit schenkt. Amen.

 



Pfarrer Winfried Klotz
Bad König
E-Mail: winfried.klotz@web.de

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