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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

16. Sonntag nach Trinitatis/Erntedankfest, 01.10.2017

Lass dein Herz finden
Predigt zu Jesaja 58:7-12, verfasst von Wibke Klomp

Erntedank, liebe Gemeinde,

ist wie kaum ein anderer Feiertag im Kirchenjahr ein Fest für unsere Sinne: Unsere Kirchen sind mit Erntegaben geschmückt. Wir können sie sehen, riechen und vielleicht nachher auch ein wenig schmecken. Das Erntedankfest lässt uns innehalten, dass die Fülle der Schöpfung, die wir hier in unserer Region erleben, nicht selbstverständlich ist. Es steht viel, oft sehr harte Arbeit unserer Landwirte dahinter. Aber ihre ganze Mühe wäre umsonst, wenn die Beschaffenheit der Böden nicht so wäre wie sie ist und das Klima bei uns nicht das richtige Maß zwischen Sonnenschein und Regen hätte. Selbst der Frost hat seinen eigenen Nutzen gegen mancherlei Schädlinge. Unser Tisch ist reich gedeckt, Tag für Tag können wir wählen, was und wie viel wir essen möchten. Das ist ein enormes Geschenk und das sollten wir uns immer wieder bewusst machen. Denn einen so reichlich gedeckten Tisch hat man nicht überall auf der Welt. In vielen Regionen der Erde hoffen die Bauern zurzeit auf Regen, der seit Monaten ausgeblieben ist. Das Klima hat sich in den vergangenen Jahren gewandelt. In Kapstadt am Kap der Guten Hoffnung in Südafrika wurden im vergangenen halben Jahr strenge Wasserrestriktionen[1] eingeführt, weil die Wasservorräte der Stadt bedrohlich niedrig sind. Überall finden sich Schilder in der Stadt, die die Bewohner dazu auffordern, Wasser zu sparen. Man will es nicht wirklich glauben, schließlich liegt die Stadt direkt am Atlantischen Ozean. Und in der Stadt sieht alles aus wie in einer unserer Großstädte: Blühende Blumenbeete, volle Regale in den Supermärkten, ganz normaler Alltag. Auf dem Land, ein paar hundert Kilometer weiter, sieht es schon anders aus: Die traditionellen Schafbauern warten seit Monaten auf Regen, ihr Land bringt nicht einmal mehr das notwendige Futter für die Tiere hervor. Die Menschen erleben in Südafrika, dass für sie bisher Selbstverständliches auf einmal gar nicht mehr selbstverständlich ist. Noch ist es kein wirkliches Problem in Südafrika, weil man ja das Wasser von anderen Orten in die Stadt transportieren kann, oder man für die Tiere einfach Futter dazu kauft. Aber an anderen Orten in Afrika kann man diese Probleme nicht mehr mit Geld lösen. Die Bauern bemühen sich wie unsere, sie arbeiten hart, aber allen ihren Bemühungen sind Grenzen gesetzt. Ausbleibender Regen und starker Sonnenschein lassen die Böden dauerhaft erodieren. Es kommt zu großen Hungersnöten. In Äthiopien, Kenia, Somalia und Uganda ist nach Angaben der Welthungerhilfe die Ernährung von zurzeit rund 12,8 Millionen Menschen sehr stark gefährdet. Und so spricht der Predigttext aus dem 58. Kapitel des Propheten Jesaja heute quasi für sich:

7 Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! 8 Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des Herrn wird deinen Zug beschließen. 9 Dann wirst du rufen und der Herr wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich. Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, 10 sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag. 11Und der Herr wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt. 12 Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange wüst gelegen hat, und du wirst wieder aufrichten, was vorzeiten gegründet ward; und du sollst heißen: »Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, dass man da wohnen könne«. (Jes 58,7-12)

 

Die Worte des Propheten, rund zweieinhalbtausend Jahre alt, sprechen eine klare Sprache: Halte die Augen offen und kümmere dich um Deine Mitmenschen, wenn sie in Not sind. Das gilt heute so wie damals. Nur, dass unser Blick heute weiter reichen kann und muss, weil wir nicht nur das Leid unserer Mitmenschen vor Ort sehen können, sondern, wenn wir uns darauf einlassen und unser Herz öffnen, auf der ganzen Welt. Natürlich überfordern uns die Bilder aus Ostafrika, aber sie entlassen uns nicht aus der Pflicht, dass wir uns vom Schicksal der Menschen dort berühren lassen. Durch die modernen Medien sind wir auf der Welt miteinander verbunden. Und nicht nur das, wir sind auch durch den weltweiten Handel verbunden. Vielleicht nicht immer auf den ersten Blick, aber ganz sicher auf den zweiten. Unser Obst und Gemüse im Supermarkt kommt aus der ganzen Welt zu uns, ebenso unsere Kleidung und viele seltene Erden und Metalle, die in unseren technischen Geräten verbaut sind. Wir stehen miteinander in Beziehung und vor allem stehen wir gemeinsam vor Gott und tragen so als seine Schöpfung auch Verantwortung füreinander. Jesaja ermutigt uns, diese Verantwortung bewusst zu wahrzunehmen, weil sie uns nicht etwas abverlangt, sondern im Endeffekt auch uns selbst viel schenken wird. „Wenn Du den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel sein wie der Mittag.“ Wer hilft, hilft also nicht nur dem anderen, sondern ein Stück weit auch sich selbst: Teilen macht Freude und das darf man durchaus spüren. Das belegen inzwischen mehrere Glücksstudien, in der Neuropsychologen herausgefunden haben, dass uns nicht mehr Geld glücklich sein lässt, sondern die Tatsache, dass wir uns anderen Menschen gegenüber großzügig zeigen und ihnen etwas von unserem Besitz zukommen lassen.

Es geht dabei nicht darum, den moralischen Zeigefinger zu erheben und dazu aufzufordern, das ein jeder von uns sein letztes Hemd geben möge, sondern darum, dass man beim Teilen tatsächlich sein eigenes Herz auf besondere Weise spüren kann und es einem sogar Freude schenkt. Jeder, der einmal etwas gegeben hat, kennt dieses Gefühl. Es tut gut, Gutes zu tun. Und, ja, es ist gut, Gutes zu tun. Dafür muss man sich weder rechtfertigen, noch schämen, noch verstecken. Auf dieses Gefühl hebt Jesaja ab: Wer gibt, dem eröffnet sich nach Jesaja gelungenes Leben. Dafür verwendet er Bilder, die uns guttun. Er spricht von einem Licht wie die Morgenröte, von Heilung, ja, vom bewässerten Garten und einer nicht versiegenden Wasserquelle. Es wird Dir selbst gut tun, Gutes zu tun. Oft tun wir uns gerade in unserer evangelischen Tradition mit solchen Zusammenhängen schwer, aber es ist so: Gott wünscht sich für seine Schöpfung nichts anderes als dass unser menschliches Leben gelingt und wir Freude daran haben. Und wenn wir aufeinander achten und ganz real und fassbar füreinander einstehen, kommen wir gelingendem Leben in der Tat ein kleines Stückchen näher. Erntedank kann so zu einem Fest werden, an dem wir das Leben feiern und uns für das Leben einsetzen. Dankbar schauen wir auf das, was harte Arbeit an Ernte hervorgebracht hat und nehmen dabei doch sehr bewusst war wie wenig der reiche Ertrag doch an uns liegt. Wir entdecken Gottes Güte und Liebe an uns, der uns unser tägliches Brot schenkt, dass weit mehr als nur Brot ist und sind bereit, es zu teilen. Denn wir spüren in unserem Dankbarsein, wo Gottes Schöpfung an anderer Stelle krankt, leidet und bedroht ist und unserer Pflege und Zuwendung bedarf. Darum liegt es an uns, aus dieser Erkenntnis etwas für andere wachsen zu lassen.Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, möge unsere Herzen und Sinne dafür nicht nur heute öffnen.

Amen

 

[1] http://www.capetown.gov.za/Family%20and%20home/residential-utility-services/residential-water-and-sanitation-services/make-water-saving-a-way-of-life



Pfarrerin Wibke Klomp
Walldorf
E-Mail: klomp@eki-walldorf.de

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