Göttinger Predigten

deutsch English español
português dansk Schweiz

Startseite

Aktuelle Predigten

Archiv

Besondere Gelegenheiten

Suche

Links

Gästebuch

Konzeption

Unsere Autoren weltweit

Kontakt
ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

20. Sonntag nach Trinitatis, 29.10.2017

Predigt zu Genesis (1. Buch Mose) 8:18-22, verfasst von Rainer Stahl

„Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus,

die Liebe Gottes

und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes

sei mit Euch allen!“

 

 

Liebe Leserin, lieber Leser!

Liebe Schwestern und Brüder!

 

Der Bibeltext für die heutige Predigt stellt vor besondere Herausforderungen und Schwierigkeiten:

 

Die erste besteht darin, dass er uns zwingt, die Naturkatastrophen unserer Zeit ernst zu nehmen: So erinnere ich die äußerst starken Monsunregen im August, die in Indien, Nepal und Bangladesch zu unvorstellbaren Überschwemmungen geführt und Millionen von Menschen ihrer Heimat und ihres Ackerlands beraubt haben: „In Nepal, Indien und Bangladesch sind bislang mehr als 1.200 Menschen ums Leben gekommen. Insgesamt sind in den drei Ländern 40 Millionen Menschen betroffen. Zehntausende Häuser wurden zerstört“

(Glaube und Heimat, Gemeindezeitung der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Nr. 37, 17. September 2017, S. 14).

Am 3. September hatte ich im Gottesdienst für alle diese betroffenen Menschen zu beten versucht.

Oder der Hurrikan „Harvey“ aus dem Golf von Mexiko tritt wieder in unsere Erinnerung, der weite Flächen von Texas unter Wasser gesetzt und unvorstellbare Schäden verursacht hat.

Ein Beispiel aber möchte ich besonders in unser Bewusstsein heben: Anfang September bildete sich der Hurrikan „Irma“ im mittleren Atlantik und traf dann auf die Karibischen Inseln, auf Kuba und auf Florida. Am 7. September verwüstete er die Insel Barbuda, wo 60 % der Bevölkerung ihre Häuser verloren hat. Auf dem französischen Teil der Insel Saint Martin wurden 95 % der Häuser zerstört, auch der Flughafen. Viele Touristen, die sich auf diesen „Paradies-Inseln“ erholen wollten, saßen nun fest. Ein Ehepaar soll – wie in Nachrichten zu hören war – € 13.000,00 für den Rückflug bezahlt haben. Immer wieder sind Plünderer ausgezogen und haben versucht, sich ungeschütztes Eigentum Evakuierter anzueignen. Am 8. September werden auch für Florida und Georgia Evakuierungen angeordnet. Man rechnet mit „maximum damage“. In der Nacht vom 9. September auf den 10. September kommt der Hurrikan mit viereinhalb Meter hoher Wasserflut und 290 Stundenkilometern in den USA an – nachdem er schon auf Kuba schlimmste Verwüstungen angerichtet hat. 6 Millionen (!) Menschen mussten in Notunterkünften aufgenommen werden. Am 12. September habe ich im Internet nach Nachrichten gesucht und unter dem Vielen, was dort nachgelesen werden kann, „bild.de“ angeklickt. Dort standen unter der Überschrift „Bürgermeister aus Key West warnt Hurrikan-Flüchtlinge“: „»Kommt bloß noch nicht zurück!« ++ 6,5 Mio. Haushalte ohne Strom ++ Hurrikan hinterlässt Miami als Geisterstadt ++ Opferzahl steigt auf 42 ++ 12.000 Flüge abgesagt ++ Überflutungen ++ Atomreaktor abgeschaltet ++ Bis zu 100 Milliarden US-Dollar Schaden befürchtet“ (www.bild.de/news/ausland/hurrikan-irma..., Zugriff am 12.9.2017).

Oder der Hurrikan „Maria“, der ab dem 19. September auf die Karibik zurast und am 20. September die Insel Puerto Rico mit 260 Stundenkilometern getroffen, Zerstörungen und Überschwemmungen bewirkt und dazu geführt hat, dass alle Einwohner ohne Strom sind. Am 22. September wurde in den Nachrichten berichtet, dass alle Häuser zerstört seien...

 

Die zweite Herausforderung, die sich zwangsläufig ergibt, kann in die Frage gefasst werden: Sind Fluterfahrungen Vergangenheit? Nein, sie sind immer wieder Gegenwart! Aktuelle Lebenserfahrung vieler, zu vieler Menschen! Grund zu Klage und Protest gegenüber Gott: Hattest Du nicht verheißen, dass „solange die Erde steht, nicht aufhören soll Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht“ (Genesis 8,22), dass Du „hinfort nicht mehr die Erde verfluchen willst [...] und nicht mehr schlagen willst alles, was da lebt“ (Genesis 8,21), dass „hinfort nicht mehr alles Fleisch ausgerottet werden soll durch die Wasser der Sintflut und hinfort keine Sintflut mehr kommen soll, die die Erde verderbe“ (Genesis 9,11)?

 

Aber allein in diesem Jahr haben Millionen von Menschen gegenteilige Erfahrungen machen müssen. Ackerböden, Straßen, Brücken, Häuser, Autos, Schiffe, Tiere haben sie verloren. Trotz dieser biblischen Zusage – „hinfort keine Sintflut mehr“ – haben sie Sintflut erlebt!

 

Liebe Schwestern und Brüder, natürlich ist unsere Lutherübersetzung merkwürdig statisch: „solange die Erde steht“. Wir alle wissen, dass die Erde nicht steht. Sie fliegt im Kosmos um unsere Sonne herum und dreht sich dabei um sich selbst. Nur deshalb entsteht doch der die Sinne täuschende Eindruck, dass die Sonne „aufgeht“ und „untergeht“. Aber, obwohl die judäischen Verfasser unseres Bibelabschnitts von dieser doppelten Bewegung unserer Erde noch nichts wussten, vielmehr der Meinung waren, dass die Erde als Scheibe „fest gegründet“ sei (zum Beispiel: Psalm 119,90) und die Sonne um diese Konstruktion wandere, sagen sie das hier gerade nicht. Hier formulieren sie lediglich: „Noch / weiterhin: Alle Tage der Erde / Über die Existenzdauer der Erde: Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht – nicht sollen diese ruhen / feiern.“ Dies im erstaunlichen Unterschied zu der anderen Aussage im Schöpfungsbericht, mit der etwas Wesentliches zu Gott festgehalten wird: Dass Gott am siebenten Tag des Schöpfungsgeschehens „ruhte / feierte“ (Genesis 2,3)!

 

Was in unserer Lutherbibel mit „Sintflut“ wiedergegeben wird, ist nicht leicht zu verstehen: מבול – „Mabbul“. Es bezeichnet das Eintreffen der finalen Katastrophe, der Überschwemmung des Lebensraumes „Land“ durch die Wasser des Himmelsozeans und durch die Wasser der Unterwelt, durch die Urflut. Was nach der Vorstellung des Schöpfungsberichts an Wassermassen durch eine „Feste“ voneinander geschieden wurde (Genesis 1,6), so dass „Land“ als Trockenes Lebensraum für die Landtiere und die Menschen anbietet und darüber „Luft“ als Lebensraum für die Vögel entstehen konnten (Genesis 1,9 und 20), wird vollkommen von Wassermassen gefüllt sein. Das meint die Aussage, die wir traditionell mit „Sintflut“ übersetzen!

 

Hier ist also eine Katastrophe vorgestellt, der man mit keinem Flugzeug entkommen könnte – auch nicht um einen Flugpreis von € 26.000,00... Ja, hier ist eine Katastrophe vorgestellt, die entsprechend unserer naturwissenschaftlichen Kenntnisse unmöglich ist, die ganz in den Bereich des Mythos, nicht in den Bereich der Geschichte gehört. Das heißt nun, dass die erfahrenen Katastrophen, die erlebten Katastrophen Unregelmäßigkeiten, schlimme Ereignisse sind, die aber den Bestand der Erde nicht gefährden, Ereignisse, die zu der Existenzdauer der Erde, die zur Zeitangabe „alle Tage der Erde“ – so erschreckend das ist – hinzugehören. Außerhalb solcher Katastrophen und nach ihnen gilt weiterhin die Festlegung: „Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht – nicht sollen diese ruhen / feiern“!

 

Die dritte und entscheidende Herausforderung besteht darin, das zu glauben, darauf zu vertrauen! Jetzt kann ich nicht für die Betroffenen von Katastrophen reden, auch nicht zu ihnen. Mit den Betroffenen müsste jetzt das geistliche Gespräch stattfinden. Aber auch wir, die scheinbar Unbeteiligten, die scheinbar nur Zuschauenden, bringen tiefes Verstehen mit. Wir brauchen nur an die Hochwassermarken entlang der Elbe zu denken – in Stadt Wehlen zum Beispiel –, zu denen ich im diesjährigen Wanderurlaub in der Sächsischen Schweiz hochsehen musste...

 

Aber Erlebnisse eines anderen Urlaubs seien ein persönlicher Beitrag zu dem Gespräch, das von diesen biblischen Texten aus nötig wäre: Im August vor zehn Jahren hatte ich die Möglichkeit, den Ararat in der Osttürkei zu besteigen.

 

Blick auf den Gipfel vom unteren Lager aus, aufgenommen am 10.8.2007.

 

Am 9. August 2007 sind wir – die Teilnehmer unserer Bergwanderung – um 2.40 Uhr vom oberen Lager auf etwa 4.000 Metern aufgebrochen. Gleichmäßig und ruhig setzen wir Schritt vor Schritt in dem engen Sichtfeld, das durch die Stirnlampe erhellt wird. Nach 6.00 Uhr wechseln wir aus dem felsigen Gelände auf den Gletscher und legen unsere Steigeisen an.

 

Direkt vor mir unsere Gruppe, schon näher am Gipfel zwei weitere Gruppen, aufgenommen am 9.8.2007.

 

Etwa 7.30 Uhr erreichen wir den Gipfel und stehen auf der Höhe von 5.165 Metern! Ich habe eine kopierte Bibelseite mit und lese uns Genesis 8,1-5 und 13-19 vor, also auch die ersten beiden Verse unseres Predigttextes: „Und die Brunnen der Tiefe wurden verstopft samt den Fenstern des Himmels [...]. So ging Noah heraus mit seinen Söhnen und mit seiner Frau und den Frauen seiner Söhne“ (Verse 2 und 18). Kurz nach 8.00 Uhr steigen wir wieder ab – zuerst in das obere Lager, in dem ich sogar etwas schlafen kann. Dann in das untere Lager, auf etwa 3.300 Metern Höhe. Nachdem die Zelte wieder aufgebaut sind, beginnt ein Gewitter mit Blitzen, Donner und schweren Regentropfen, das wir in den Zelten gut überstehen. Als das Gewitter nach Osten abgezogen ist, wölbt sich über der Bergflanke vor dem dunklen Himmel ein herrlicher Regenbogen: Wie für uns das Zeichen des Bundes Gottes mit uns Menschen!

 

Regenbogen am Berg Ararat, aufgenommen am 9.8.2007.

 

So fragil, so leicht sind die Zeichen für die Sorge und den Schutz von Seiten Gottes. Trotzdem – und das ist die Botschaft unseres Bibelwortes für uns heute – lädt uns Gott ein, darauf zu vertrauen, von daher trotz aller Unsicherheit und gegenteiligen Erfahrungen Gewissheit und Sicherheit zu gewinnen. Das nämlich heißt „glauben“:

 

            „Wenn ich auch gleich nichts fühle

            von deiner Macht,

            du führst mich doch zum Ziele

            auch durch die Nacht:

            so nimm denn meine Hände

            und führe mich

            bis an mein selig Ende

            und ewiglich!“ (Evangelisches Gesangbuch 376, Strophe 3) – wie es die Rigaerin Julie Hausmann, die in St. Petersburg in der Annen-Gemeinde gelebt hat, 1862 dichtete.

Amen.

 

 

„Und der Friede Gottes,

der höher ist als unsere Vernunft,

bewahre Eure Herzen und Sinne bei Christus Jesus, unserem Herrn!“



Pfarrer i. R. Dr. Rainer Stahl
Erlangen
E-Mail: rainer.stahl.1@gmx.de

Bemerkung:
Alle Fotos: © Rainer Stahl, Erlangen


(zurück zum Seitenanfang)