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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

20. Sonntag nach Trinitatis, 29.10.2017

Gottes Liebesgeschichte mit den Menschen in einer nicht perfekten Welt
Predigt zu Genesis (1. Buch Mose) 8:18-22, verfasst von Klaus Wollenweber

Text: 1.Mose 8, 18 – 22

 

Liebe Gemeinde,

vieles in unserem alltäglichen Leben ist so selbstverständlich: z.B. essen und trinken, schlafen und aufstehen, reden und schweigen, arbeiten und ruhen und anderes mehr. Wir gehen wie selbstverständlich auch davon aus, dass die elementaren Prozesse in unserem Alltag und in der Welt nicht aufhören, wie z.B. Tag und Nacht, Sommer und Winter, Frost und Hitze, Licht und Dunkelheit, - alles wird immer wiederkehren, zwar nicht ewig, aber so lange die Erde steht. Darauf verlassen wir uns wie selbstverständlich. Jedenfalls normalerweise.

Ich lese aus dem 1.Buch Mose, aus der Genesis, aus dem 8. Kapitel:

 

So ging Noah heraus mit seinen Söhnen und mit seiner Frau und den Frauen seiner Söhne, dazu alles wilde Getier, alles Vieh, alle Vögel und alles Gewürm, das auf Erden kriecht; das ging aus der Arche, ein jedes mit seinesgleichen.

Noah aber baute dem HERRN einen Altar und nahm von allem reinen Vieh und von allen reinen Vögeln und opferte Brandopfer auf dem Altar.

Und der HERR roch den lieblichen Geruch und sprach in seinem Herzen: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe. Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.

 

Liebe Gemeinde, was geschieht mit unserem traditionellen christlichen Glauben, wenn alle wesentlichen, biblisch verheißenen Selbstverständlichkeiten plötzlich nicht mehr selbstverständlich sind? Ich denke in der heutigen Zeit an die Naturkatastrophen, an die Hurrikans in Mittelamerika und an die Erdbeben in Mexiko, an die Überschwemmungen in einigen Ländern und an die Trockenheit, den Wassermangel und den Hunger in anderen Ländern. Sind dies alles naturgegebene Vorboten eines Wandels der bisherigen Selbstverständlich-keiten im Wechsel der Lebensrhythmen? Erfahren wir nicht seit Jahren gravierende Veränderungen im Blick auf die Natur, auf Sommer und Winter, Frost und Hitze, Leben und Tod? Gilt die göttliche Zusage im biblischen Abschnitt uns Menschen heute nicht mehr? Wird uns die kommende Klima-Konferenz hier in Bonn den Boden unter den Füßen hinsichtlich der gewohnten Selbstverständlichkeiten wegziehen?

Und wenn der einen oder dem anderen von uns diese Gedanken noch sehr fern sind, dann sehen Sie doch einmal auf sich selbst und Ihr Leben: Ist es so selbstverständlich, dass Sie heute Morgen hier sind und zwar so, wie Sie sind? Da kann schon eine einfache ärztliche Diagnose das gewohnte Leben völlig umkrempeln. Ist es so selbstverständlich, dass wir diesen Gottesdienst gemeinsam ohne Tumult und Terror gestalten und feiern können? Von einem Tag auf den anderen kann sich vieles ändern. Alles, was eben noch schön und selbstverständlich schien, kann von einer Minute zur anderen plötzlich wegbrechen. Und dagegen ist unser menschliches Planen und Handeln ziemlich machtlos. Persönliche Katastrophen wie z.B. schwere Operationen, Trennungen von engen Beziehungen, menschliche Verluste durch Tod ziehen lebenserschütternde Effekte nach sich. Nichts mehr ist so, wie es war. Nichts ist mehr selbstverständlich. Schöpfung und Leben blieben und bleiben auch nach der biblischen Sintflut immer noch gefährdet.

Manche fromme Christen wollen die Erschütterung der Selbstverständlichkeiten in dem Rhythmus der Natur und Welt gar nicht sehen und nicht für wahr halten. Einige halten es sogar für ein Geschenk, eine Gabe Gottes, wenn uns die Augen verschlossen bleiben für die Veränderungen in der Schöpfung Gottes. Dennoch erlebe ich, dass auch diese frommen Menschen Fragen nach dem Warum von persönlichen und von weltweiten, kleinen und großen Schicksalsschlägen und Katastrophen stellen. Die Sintflutgeschichte selbst gibt uns eine erste Antwort, die aber auch schwer verständlich bleibt, weil doch die Schöpfung eigentlich gut geschaffen ist: Gott hat damals die große Flut als Strafe veranlasst, weil die Menschen von Grund auf böse sind, - sowohl in ihrem Denken wie in ihrem Tun.

Wir Christen geben mit dem Bekenntnis zu dem stellvertretenden Tod Jesu Christi eine weitergehende Antwort. Denn es geht mit dem Glauben an die Auferstehung Christi und mit unserer Hoffnung auf die eigene Auferstehung überhaupt nicht um Strafe oder Bestrafung, sondern um unser Leben in der Nähe Gottes. Aber auch bei dieser Antwort bleiben Fragen offen, wie z.B.: Warum widerfährt auch „guten“ Christen Böses nahe bei Gott und warum werden Christen auch ganz ohne sichtlichen Grund vom Elend getroffen? Wir erfahren am Ende der Sintflutgeschichte: Gott selbst wendet sich genau gegen dieses Denken im Straf- und Vergeltungs-schema, als ob Katastrophen eine verdiente Strafe Gottes wären.

Ja, innerhalb der biblischen Urgeschichte Gottes mit den Menschen markiert dieser biblische Text gerade einen bemerkenswerten Sinneswandel des biblischen Gottes. Denn Gott - menschlich gesprochen - verabschiedet sich von seiner guten Schöpfung im Sinne einer perfekten Welt und eines durch und durch guten Menschen. Er gibt zwar sein Versprechen zu einem immer wiederkehrenden Rhythmus des Lebens, aber er stellt zugleich fest: „das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.“

Gott verbürgt sich mit seinem Versprechen für die Stabilität der Welt und für die Verlässlichkeit der elementaren Lebenszyklen: Sommer und Winter, Frost und Hitze, Saat und Ernte. So lange die Erde steht – das sind die Bedingungen für alles Leben in der Schöpfung, und zwar unabhängig vom menschlichen Verhalten und von moralischen und ethischen Werturteilen. Gott lässt die Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Fazit des christlichen Glaubens: Katastrophen lassen sich nicht mehr als Strafen Gottes erklären und verstehen. Dies gilt ebenso im Blick auf alle Deutungen von Weltereignissen, die als Zeichen für einen Glauben an einen nahen Weltuntergang interpretiert werden.

Liebe Gemeinde, hier wird deutlich, dass Gott unser Bild von sich und seiner Schöpfung ändern will. Im biblischen Text begegnet uns ein Schöpfer-Gott, dessen eigene Schöpfung nicht perfekt ist. In der von Gott geschaffenen Welt sowie im menschlichen Herzen bestehen nebeneinander Gutes und Schlechtes. Gottes Zorn und Eifer richten sich nicht mehr darauf, die Schöpfung und in ihr das Böse zu vertilgen, sondern sein Wille und Eifer richten sich darauf, das Gute zu stärken und die Welt mit dem Menschen in dem lebendigen Rhythmus zu stabilisieren. Die Welt ist nicht perfekt und nicht gerecht! Das ist eine biblische Feststellung, und diese ist nicht selbstverständlich. Ebenso ist nicht alles das, was von Menschen in Gang gesetzt wird, auch selbstverständlich Gottes Wille. Das ist eine besondere Erkenntnis des christlichen Glaubens: Gott legt die Lebensbedingungen in seiner Schöpfung in die Verantwortung des Menschen, - wohl wissend, dass dieser auch zum Unguten entscheiden kann.

Ich frage mich: Können wir alle mit unserer persönlichen Lebensgeschichte diese Glaubenseinstellung aus dem 1.Buch Mose übernehmen? Gott, der Schöpfer, stellt fest, dass seine Schöpfung, die Welt und die Menschen, nicht perfekt sind. Gott stärkt das Gute im Menschen und gibt dem Guten in der Welt seine Chance zu wachsen, aber Gott lässt zugleich die Realität des Bösen existieren. Ist das so selbstverständlich?

Es gibt im biblischen Text eine klare Gegenüberstellung: einmal das Versprechen Gottes zur Erhaltung des Lebensrhythmusses und zum anderen das mögliche böse Denken und Handeln des Menschen. Beide Seiten treffen in uns Menschen aufeinander. Sie lassen sich jedoch nicht harmonisieren und schon gar nicht zur Deckung bringen. Da bleiben einerseits der Leben spendende Wille Gottes und andererseits der auch zerstörerische Wille des Menschen. Ob wir es wahrhaben wollen oder nicht: Es gehört mit zur freien und verantwortlichen Entscheidung des Menschen, dass er sich in seiner Lebensgeschichte sowohl für Gott als auch gegen Gott entscheiden kann, - für eine Sinngebung des Lebens durch die Liebe Christi oder für einen woher auch immer genommen Lebenssinn. Es gibt kein biblisches Glaubensrezept, das absolut gilt!

 

Liebe Gemeinde, was für ein anderes Gottesbild bleibt nun? Ich kann beispielhaft für mich antworten: Für mich ist Gott eine schöpferische Lebenskraft in mir – gleichsam mein Atem. Er ist aber auch mein Gegenüber, mein Dialogpartner, der mir nahe ist in allen Situationen, auch in Katastrophen. Ja, sogar auch dann mein Gegenüber, wenn mein zerstörerischer Wille sich meldet. Allerdings bewirkt Gottes Geist in mir, dass ich nicht Böses mit Bösem vergelte, sondern selbst versuche, zu vergeben und guten Willen spüren zu lassen. Gott ist für mich die Stärke, die Halt gibt in der Katastrophe; eine Geisteskraft, die in der Erkenntnis tröstet, dass die eigenen Kräfte und Fantasien nicht ausreichen, die schrecklichen Geschehnisse in der Welt zu verhindern. Gott ist gleichsam die Quelle unserer Hoffnung und unseres Mutes, der Inbegriff immer neuer Versuche des guten Lebens und der Inbegriff des Vertrauens in meine immer neuen Entwicklungen zum Guten.

Gott hat sich für den Glauben des Volkes Israel damals schon vom strafenden zum gnädigen und barmherzigen Gott gewandelt. Für unseren christlichen Glauben ist dies noch viel deutlicher in Jesus Christus vor Augen geführt worden. Gott ist der lebendige und dynamische Gott, der das Ende der Sintflutgeschichte zu dem Anfang der Liebesgeschichte Christi mit uns Menschen gemacht hat. Gottes Barmherzigkeit ist die Chance, die wir zum Leben bekommen mit der Aufgabe, uns gegen das Böse zu wenden und für das Gute zu entscheiden. Von Martin Luther stammt der Ausspruch: „Wenn man das Gute, was man hat, mit dem Schlechten, was man nicht hat, vergleicht, erkennt man sogleich, was für einen großen Schatz an Gütern man hat.“

Damit ist selbstverständlich die Aufgabe gegeben, unser christliches Leben in der Welt intensiver miteinander zum Guten zu gestalten. Wenn wir einander helfen und stützen, dann tritt die Möglichkeit des Bösen mehr und mehr zurück, und die Freude unter uns kann lebendig sein und wachsen. Wir werden lebensfähiger und vertrauen darauf, dass wir mit Gottes Hilfe auch im Sterben und im Tod überlebensfähig sind. Wie ermutigend, wenn dieses Vertrauen wie selbstverständlich zu unserem Glauben gehört!

Amen

 

 

 

 



Bischof Klaus Wollenweber
Bonn
E-Mail: Klaus.Wollenweber@kkvsol.net

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