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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

20. Sonntag nach Trinitatis, 29.10.2017

Noah springt an Land
Predigt zu Genesis (1. Buch Mose) 8:18-22, verfasst von Wolfgang Vögele

Friedensgruß

Der Predigttext für den 20.Sonntag im 1.Buch Mose, die Verse 18-22:

„So ging Noah heraus mit seinen Söhnen und mit seiner Frau und den Frauen seiner Söhne, dazu alles wilde Getier, alles Vieh, alle Vögel und alles Gewürm, das auf Erden kriecht; das ging aus der Arche, ein jedes mit seinesgleichen. Noah aber baute dem Herrn einen Altar und nahm von allem reinen Vieh und von allen reinen Vögeln und opferte Brandopfer auf dem Altar. Und der Herr roch den lieblichen Geruch und sprach in seinem Herzen: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe. Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“

 

Liebe Schwestern und Brüder,

Hurrikane und andere tropische Wirbelstürme tragen alle einen Personennamen. Die Wetterdienste vergeben diese auf Vorschlag und Spende in alphabetischer Reihenfolge. Lee, Maria, Nate und Ophelia haben die Menschen der Karibik gerade überstanden, die nächsten Hurrikane werden Philippe, Rina, Sean und Tammy heißen. Wer auf einer Karibikinsel wohnt, der weiß, was er tun muß, wenn ein Hurrikan angekündigt wird. Er wird seine Fenster mit Brettern vernageln und nach Möglichkeit ins Landesinnere fliehen, um vor Windböen, hohen Wellen, vor stürzenden Bäumen und herumfliegenden Ästen geschützt zu sein.

Aus meteorologischen Gründen bleibt Europa frei von Hurrikanen, trotzdem stürmt es gelegentlich heftig. Viele Menschen wissen aus eigener Erfahrung, welche verheerenden Schäden und Zerstörungen Stürme anrichten können und wie die Wassermassen eines übertretenden Flusses Häuser vom Keller bis zum Dach verwüsten können. Zurück bleibt eine Schlammwüste. Der kleine Ort Braunsbach im Hohenlohischen gelangte zu bundesweiter Berühmtheit, als nach einem Unwetter im Mai 2016 drei Bäche über die Ufer traten und Schutt, Schlamm, Müll, sogar Autos durch die Hauptstraße des Dorfes schwemmten. Die Kosten für die Beseitigung der Schäden türmen sich auf über 100 Millionen Euro. Und es sind jetzt, über ein Jahr später noch nicht alle Schäden beseitigt.

Wetter ist schwer vorherzusagen. Die Meteorologen verstehen noch nicht richtig, welche Ursachen zu schweren Stürmen, Hurrikanen und Tornados führen. Jeder kennt den bunten Schmetterling in einem chinesischen Dorf, der einmal mit dem Flügel schlägt. So löst er eine lange Kette von Ursachen und Wirkungen aus, die in Westeuropa zu einem schweren Tiefdruckgebiet mit Sturmböen führt, das von der Biscaya nach Frankreich, Deutschland und Polen zieht. Wetter ist abhängig von Ursachen und Zufällen: von Erderwärmung, schmelzenden Eisbergen, dem Versiegen des Golfstroms, Treibhausgasen und – vom winzigen Flügelschlag der Schmetterlinge. All das greift ineinander, und daraus entsteht das Wetter: goldene Herbsttage, Reif am Wintermorgen, Schwüle am Sommerabend, Hoch Ulrike und Tief Dietrich, Hagelschlag, Herbststürme, Sommergewitter und Novembernebel.

Der unbekannte Autor des 1.Buches Mose bezog sein Wetterwissen aus Erfahrung und der Beobachtung von Wolken, Sonne und Nachthimmel. Ihm half kein Barometer und schon gar keine Wetter-App. Bestimmt konnte er sich nicht vorstellen, daß es einmal eine Wissenschaft vom Wetter, Meteorologie geben würde, die mit Hilfe von Supercomputern, Eisbohrungen, Stratosphären-Ballons und Wetter-Satelliten Wettervorhersagen machte – für den nächsten Tag und für längere Perioden, bis zu einigen Jahrzehnten.

Der unbekannte Autor interessierte sich brennend für das Wetter und seine Katastrophen, besonders aber für die Sintflut. Er fragte jedoch nicht nach Schmetterlingen, sondern nach dem Gott, der die Welt geschaffen hatte. Die Sintflut kam für ihn nicht wegen einer Wärmeperiode nach einer Eiszeit. Sie kam über die Menschen, weil Gott es so wollte. Seine göttliche Meteorologie ruhte auf wenigen schlichten Voraussetzungen: Gott war zornig über die Bosheit der Menschen, und er beschloß, eine starke Flut zu schicken, die alles überschwemmte und damit tierisches, pflanzliches, menschliches Leben vernichtete. Nur wenige sollten entkommen: Noah, seine Familie und die Tiere in der Arche. Es dauerte lange Monate, bis die behäbige Arche wieder auf festem Grund strandete. Das Wasser wich so weit zurück, daß Menschen und Tiere wieder an Land gehen konnten.

Die Arche läuft auf Grund. Hohen Wellen, Brecher, Windböen, lautes Getöse, all das ist vergangen. Nach dem Sturm breitet sich eine Stille aus, in der etwas Geheimnisvolles liegt. Was bewegt einen alternden Mann, der wahrscheinlich schlecht sieht und nicht mehr so gut hört, wenn er eine Katastrophe dieses Ausmaßes überlebt hat? Vielleicht dachte Noah an die vielen Menschen, die die Sintflut nicht überlebt hatten.

Wie muß sich Noah gefühlt haben, als er nach Monaten oder Jahren auf dem Wasser wieder festen Boden unter den Sandalen spürte? Vielleicht brauchte sein Gleichgewichtssinn einen Moment der Neuorientierung, weil er sich nach den Monaten auf See so sehr an das leichte Schwanken auf den Schiffsplanken gewöhnt hatte, daß er noch an Land die vermeintlichen Schwankungen ausglich, so wie das heute Segler spüren, die nach einem Törn von einer Woche wieder am Steg anlegen. Am Anfang stehen sie ganz unsicher auf den Beinen. Bestimmt war Noah froh, wieder an Land treten zu können. Vielleicht hat er sofort Pläne für die Zukunft gemacht. Wo und wie errichten wir unsere Hütten? Wo finden wir etwas zu essen? Ich muß Leute losschicken, um eine Wasserquelle zu finden.

Die Geschichte von Noahs Arche ist bekannt. Haben wir im Kindergottesdienst oder Religionsunterricht, schon in der Grundschule, gehört. Ein Freund, den ich frage, sagt: Als Kind hatte ich eine Arche aus Playmobil, und wir haben Nachmittage verbracht, um die Erzählung nachzustellen.

Noahs Geschichte besitzt ganz traurige und sehr hoffnungsvolle Seiten. Die traurige Seite: Das ‚Experiment Mensch‘, in das Gott mit Adam und Eva große Hoffnungen gesetzt hatte, ist mißlungen. Es war vielleicht schon mit dem Biß in den Apfel mißlungen. Die Menschen, so sieht es Gott, sind gewalttätig und böse geworden. Es hilft keine Strafe. Gott resigniert. Das könnte so in einer Erzählung von Franz Kafka stehen, vielleicht ohne daß der Name Gottes genannt würde.

Doch kein Leser und Hörer darf die hoffnungsvolle Seite der Geschichte unterschlagen. Das Alte, Böse, Grausame wird nicht radikal ausgelöscht, es bleibt ein Rest, eine Schar von Überlebenden, wie im Science-Fiction-Film, der einsetzt nach der atomaren Katastrophe oder nach dem verheerenden Angriff der Außerirdischen. Ein paar Menschen und von jeder Tierart ein Paar haben überlebt. Aus ihnen wird sich die neue Menschheit entwickeln. Aus der Geborgenheit der Arche kehren die Überlebenden hungrig, aber erleichtert auf den fruchtbaren Boden der Erde zurück.

Der Predigttext, der Sprung vom Wasser aufs Land, von der Unsicherheit der schwankenden Arche auf den fest Boden der Sicherheit, ist die Schlüsselstelle.

Vorher gilt: Es ist nicht egal, was die Menschen auf der Erde treiben, daß sie morden, hintergehen, Schwache ausschalten. Gott nimmt das wahr, was auf Erden geschieht, und es ist ihm nicht gleichgültig. Ausleger haben gefragt: Zeigt sich nicht ein Gott, der übertreibt? Immerhin will er wegen des bösen Tuns der Menschen gleich die ganze Erde zerstören, samt Tieren und Pflanzen. Tiere und Pflanzen können ja nicht für die Bosheit der Menschen verantwortlich gemacht werden. In der Geschichte kommt ein zorniger Gott zum Vorschein. Seine stahlharte Gerechtigkeit kommt heute als übertrieben und maßlos an. Aber dabei bleibt es nicht.

Das Wasser sinkt, und die verschwundene Erde ist wieder zu sehen. Noah springt vom Schiffsboden auf den Erdboden, auf den Strand. Das ist das eine. Und das andere: Nach der Sintflut hat sich Gott verändert. Er ist vom Zorn zur Barmherzigkeit gewechselt.

Die Arche ist kein Schiff im eigentlichen Sinn. Das hebräische Wort für Arche lautet genau übersetzt Kasten. Dieser Kasten ist ein Symbol. Er ist wie eine Gebärmutter, aus ihm kommt das neue Leben. Noah betritt die Erde und bringt ein Rauchopfer. Das ist die Geschichte von der Wiedergeburt der Menschheit.

Übergang, Veränderung, neue Entwicklung. Die Erde hat sich verändert. Noah hat sich verändert. Gott hat sich verändert. Man muß auf die Details achten. Die Ordnung beim Auszug fällt auf. Man hätte sich ja vorstellen können: Im Augenblick, wo die Arche wieder auf Grund läuft, da stürmen alle, Tiere wie Menschen in Panik heraus, ohne auf den Nebenmann zu achten. Statt dessen geht alles ganz geordnet zu, wie bei einer Grundschulklasse, die in Zweierreihen einen Ausflug macht: zuerst Männer und Frauen, dann wilde Tiere, dann Vieh, schließlich die Vögel und zuletzt das „Gewürm“.

Am Anfang der Schöpfung hat Gott eine bestimmte Ordnung aufgerichtet, die er selbst nicht antastet. Die Vielfalt der Arten bleibt bestehen, trotz der Katastrophe der Sintflut. Danach, zurück auf dem Boden der Erde, kehren die Lebewesen in ihren gewohnten Lebensraum zurück. Bei allem Wechsel, bei aller Veränderung, bei allem Bösen des Menschen - es bleibt auch etwas Unwandelbares, etwas, das sich nicht verändert. Und es ist wichtig, sich das in Erinnerung zu rufen.

Noah betritt seinen neuen, alten Lebensraum und bringt als erstes ein Opfer. Er dankt mit einem Rauchopfer. Und Gott riecht diesen Rauch. So sagt es die Bibel, aber das war für viele Glaubende sehr anstößig. Gott riecht etwas. Die Bibel ist voll von Geschichten, in denen Gott spricht, Gott hört, Gott sieht. Aber Riechen? Das ist doch zu sehr nach dem Beispiel eines Menschen gedacht! Oder nicht? Man kann das entschärfen und sagen: Na ja, das ist sehr bildhaft gemeint, daraus läßt sich gar nicht schließen, daß Gott eine Nase hat. Natürlich hat Gott keine Nase, aber entscheidend ist: Nur wer lebendig ist, der kann auch riechen, sehen, hören, sprechen. Der Gott, dem Noah opfert, ist ein lebendiger Gott, kein Götze und kein totes Standbild. Und dieser Gott nimmt die Menschen wahr, ihr Handeln und ihr Denken, ihre Bosheit, ihre Barmherzigkeit, ihre Opfer, ihre guten Taten.

Das nächste ungewöhnliche Detail geht den meisten beim schnellen Lesen verloren. Noah opfert, Gott riecht das Opfer, aber nicht etwa, daß Gott nun anfinge, mit Noah zu sprechen. Ganz und gar nicht. Gott spricht „in seinem Herzen“. So sagt es die Bibel. Woher weiß der Erzähler das? Wie ist er in das Herz Gottes hineingekommen? Der Erzähler schreibt so, als ob er Gott beim Nachdenken zugehört hätte. Er teilt uns sozusagen Gottes Selbstgespräch mit. Das ist doch erstaunlich, daß Noah von Gottes Gedanken gar nichts erfährt, obwohl das für ihn sehr wichtig wäre. Die Hörerin und der Leser dieser Zeilen wissen viel mehr als Noah.

Sie staunen darüber, was Gott da über die Menschen sagt: Er findet sich damit ab, daß das Trachten des menschlichen Herzens von Geburt an böse ist. Besser gesagt: Er entscheidet, gegen die Unbarmherzigkeit und Bosheit der Menschheit nicht noch einmal mit einer Sintflut vorzugehen. Gott hat erkannt: Die totale Vernichtung der Erde, das Auslöschen allen Lebens würde keinen Sinn machen. Der Erzähler stellt sich das sehr nüchtern und realistisch vor, wie Gott da redet. Der Neigung des menschlichen Herzens trägt Gott Rechnung. Es ist nun einmal so, wie es ist.

Gott führt ein Gespräch mit sich selbst, bewegt Dinge in seinem Herzen. Und Gott ändert seine Meinung. Er sieht etwas ein. Vor der Sintflut ist er der zornige Gott, der die Menschen im Hochwasser umbringen will, weil er mit ihnen nicht zufrieden ist. Nach dem Opfer Noahs und dem Selbstgespräch Gottes ist alles anders geworden. Auf die Flut, die das Leben auf der Erdober­fläche vernichtet, folgt der Wechsel der Zeiten, die erneuerte Ordnung, die dem Menschen Nahrung und Leben schenkt. Gott gibt den Menschen das Versprechen, daß eine Flut die Erde nicht mehr heimsuchen wird. Für Noah und seine Familie gilt das zunächst, dann aber auch für alle seine Nachkommen und für alle Menschen.

Das ist das Entscheidende, das Wichtige, das Faszinierende an dieser Geschichte: Gott verändert sich. Er ist kein unnahbarer Gott, kein Prinzip, keine Formel, kein Schicksal, sondern ein Gott, der riecht und sieht und hört. Und er spricht nicht nur zu denen, die glauben, nicht nur zum Volk Israel, sondern er sagt etwas über die ganze Erde, über alle Menschen, über Sünder und Gerechte. Und das kann in seiner Tragweite gar nicht unterschätzt werden, trotz allem, was wir heute in Sachen Hurrikane, Erderwärmung, Wetterkatastrophen mehr wissen als der Erzähler der Sintflutgeschichte. „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ Noah kehrt von der Arche auf den Boden zurück - und damit auch in die von Gott erhaltene Selbstverständlichkeit natürlicher Abläufe: Tag und Nacht, Winter und Sommer. Es ist eine stille Geborgenheit in diesen natürlichen Abläufen, in der sich jeder zu Hause fühlen kann. Diese Geborgenheit kommt von Gott.

Die Geschichte von der Sintflut spricht eine ganz ursprüngliche Angst der Menschen an. Noahs Geschichte erzählt davon, aber sie erzählt auch von dem Vertrauen auf die Verheißungen, die Gott der Angst der Menschen entgegensetzt. Winter und Sommer, Tag und Nacht. Das ist keine Wahrsagerei, nicht einfach ein Blick in die vom Schicksal vorbestimmte Zukunft, auch keine Vorherbestimmung. Es ist eine der ersten Verheißungen in einer langen Kette von Verheißungen, an Adam, an Noah, an Abraham und Mose, an das Volk Israel: Gott wird die Menschen nicht verlassen. Seine Barmherzigkeit ist so selbstverständlich wie die Blüte der Magnolien im nächsten Frühling. Amen.



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