Göttinger Predigten

deutsch English español
português dansk Schweiz

Startseite

Aktuelle Predigten

Archiv

Besondere Gelegenheiten

Suche

Links

Gästebuch

Konzeption

Unsere Autoren weltweit

Kontakt
ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

20. Sonntag nach Trinitatis, 29.10.2017

Die zweite Chance
Predigt zu Genesis (1. Buch Mose) 8:18 – 22 + 9, 12 – 17 , verfasst von Gert-Axel Reuß

Predigt für den 20. Sonntag nach Trinitatis – 29. Oktober 2017

  1. Mose 8, 18 – 22 + 9, 12 – 17 (Textfassung nach dem Vorschlag der Perikopenrevision 2014)

 

18 Noah ging heraus mit seinen Söhnen und mit seiner Frau und den Frauen seiner Söhne, 19 dazu alle wilden Tiere, alles Vieh, alle Vögel und alles Gewürm, das auf Erden kriecht; das ging aus der Arche, ein jedes mit seinesgleichen.

20 Noah aber baute dem Herrn einen Altar und nahm von allem reinen Vieh und von allen reinen Vögeln und opferte Brandopfer auf dem Altar. 21 Und der Herr roch den lieblichen Geruch und sprach in seinem Herzen: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe. 22 Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.

9, 12 Und Gott sprach: Das ist das Zeichen des Bundes, den ich geschlossen habe zwischen mir und euch und allem lebendigen Getier bei euch auf ewig: 13 Meinen Bogen habe ich in die Wolken gesetzt; der soll das Zeichen sein des Bundes zwischen mir und der Erde. 14 Und wenn es kommt, dass ich Wetterwolken über die Erde führe, so soll man meinen Bogen sehen in den Wolken. 15 Alsdann will ich gedenken an meinen Bund zwischen mir und euch und allem lebendigen Getier unter allem Fleisch, dass hinfort keine Sintflut mehr komme, die alles Fleisch verderbe. 16 Darum soll mein Bogen in den Wolken sein, dass ich ihn ansehe und gedenke an den ewigen Bund zwischen Gott und allem lebendigen Getier unter allem Fleisch, das auf Erden ist. 17 Und Gott sagte zu Noah: Das sei das Zeichen des Bundes, den ich aufgerichtet habe zwischen mir und allem Fleisch auf Erden.

 

 

Liebe Gemeinde,

 

zu den Schätzen der Ratzeburger Dombibliothek gehört eine reich bebilderte Prachtbibel aus dem 18. Jahrhundert (1720). Einmal im Jahr –zum Tag des offenen Denkmals – öffnen wir die Türen der Bibliothek für die Öffentlichkeit. Oft wird auch diese Bibel ausgestellt und aufgeschlagen – meistens auf der Seite mit dem Bauplan der Arche Noah!

 

Wer sich die Arche Noah als ein gewaltiges Schiff mit großen Masten – vielleicht nach Art einer Hansekogge oder wie die Vasa, damals das vielleicht größte Kriegsschiff der Welt, die man heute in Stockholm besichtigen kann – vorstellt, wird enttäuscht. Die dargestellte Arche ist gar kein Schiff sondern ein großer Kasten. Sie gleicht eher einer mehrstöckigen Scheune in Holzständerbauweise, den Bauernhäusern nicht unähnlich, die früher das Bild unserer Dörfer geprägt haben.

 

Nur viel, viel größer natürlich. Denn es waren ja nicht nur Pferde und Kühe, Schweine, Schafe und Ziegen, die im Winter unter Dach kommen sollen. Die Naturgewalten, vor denen sich Noah mit seiner Familie zu schützen versucht, sind von anderer Art als ein langer und harter Winter, wie wir ihn kennen. Und die Tiere, um die es geht, sind nicht nur die uns bekannten Nutztiere, sondern nicht weniger als die ganze belebte Schöpfung.

 

So haben sich unsere Vorfahren die Arche mit ihren drei Stockwerken vorgestellt – genau nach dem Bauplan der Bibel (vgl. Gen 6, 14 – 21).

 

 

Liebe Gemeinde,

 

wir alle kennen die Geschichte von der Arche Noah, die meisten aus Kindertagen. Ich höre das Stichwort „Arche Noah“. Vor mir sehe ich sofort die Tiere, wie sie paarweise auf einer Rampe in die Arche gehen. Andere denken vielleicht an die Taube mit dem Ölzweig im Schnabel, die weltweit zu einem Symbol des Friedens geworden ist. Und natürlich an den Regenbogen, den wir – vielleicht im Kunstunterricht in der Grundschule oder im Kindergottesdienst – gestaltet haben.

 

Es ist das gute Ende, das irgendwie haften geblieben ist. Nicht die gewaltige Flutwelle, die alles mit sich riss und zerstörte. Sondern der Regenbogen! Gottes Bund mit den Menschen. Gottes Bund mit der ganzen Schöpfung, mit Menschen und Tieren!

Wie gut, dass am Ende dieser Geschichte nicht das Chaos regiert, sondern die Rettung gefeiert wird. Wie gut, dass es nicht die Menschen sind, die das Schicksal der Erde bestimmen, sondern Gott.

 

Mit Gottes Segen beginnt die Bibel. Mit seinem Segen starten wir ins Leben, obwohl „das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens .. böse von Jugend auf“ ist.

Ein etwas irritierender Einschub, über den wir an dieser Stelle gerne hinweglesen und –hören. Aber die biblische Geschichte lässt keinen Raum für Illusionen. Allerdings „verhaftet“ sie die Menschen auch nicht bei ihren Untaten, sondern gibt uns sozusagen die zweite Chance.

 

„Macht was draus!“ – das ist die Botschaft der Bibel. Und es sollte auch unsere Botschaft sein und bleiben. Auch dann, wenn uns der Klimawandel besorgt. Auch dann, wenn wir von einem besorgniserregenden Insektensterben in den Zeitungen der letzten Woche lesen konnten. Auch dann, wenn … – ich breche hier ab.

 

Denn Noahs Geschichte ist eine, die Mut machen will gegen all die negativen Nachrichten, die uns bedrängen. Sie ist allerdings auch eine Geschichte, die Widerstandskräfte mobilisieren will gegen eine verantwortungslose Lebenshaltung nach dem Motto „Nach mir die Sintflut!“.

 

Deshalb ist die Botschaft: „Macht was draus!“ und nicht: „Weiter so!“

 

Liebe Gemeinde,

 

als unsere Vorfahren das Land urbar machten, da gab es das Sprichwort: „Dem Ersten der Tod, dem Zweiten die Not, dem Dritten das Brot.“ Diese Zeiten sind – Gott sei Dank – lange Geschichte. Niemand muss sich zu Tode schuften, um das Überleben der Kinder zu sichern.

 

Aber: „Unsere Kinder sollen es einmal besser haben!“ Das habe ich vor wenigen Jahren noch

von manch Älteren gehört. Heute scheint eine solche Lebenshaltung seltener geworden zu sein. „Ich will genießen, was ich mir aufgebaut habe.“ ist eine verbreitete Lebenshaltung.

 

Natürlich müssen Pflicht und Genuss in einem guten Gleichgewicht sein. Das Opfer, das aus der Not geboren wird, ist ja kein freiwilliges. Luther schreibt: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ – Das beides gehört schon zusammen!

 

Aber ist der Eindruck ganz falsch, dass Luthers zweiter Satz heute gelegentlich ‚hinten runterfällt‘? Dass die Reformation heute als Befreiung erinnert wird – und das war sie ja auch, die Befreiung aus einer bevormundenden Kirche – darf nicht missverstanden werden, als könne man machen, was man will!

 

„Verantwortung“ lautet das Stichwort. Noahs Geschichte erzählt, dass Gott mit seinem Segen in eine Art Vorleistung getreten ist. Nun ist es an uns, darauf zu antworten und unser Leben zu begreifen als ein Leben in Beziehung zu Gott, in Beziehung zu den Menschen, in Beziehung zu der Welt, in der wir leben.

 

Vor 100 Jahren entwickelte Albert Schweitzer, der große Humanist, Theologe, Musiker und Mediziner, seine Ethik der „Ehrfurcht vor dem Leben“. 1917 kehrte Schweitzer zusammen mit seiner Frau aus Afrika, wo er im Urwald ein Hospital – Lambaréne – gegründet hatte, nach Europa zurück und geriet als Elsässer mitten hinein in den Strudel des 1. Weltkriegs. Er wurde interniert und nutzte die Zeit, seine Ethik zu entwickeln. 1919 hielt er dann in Straßburg zwei Predigten, in welchen er seine Gedanken erstmals öffentlich darstellte. Sein zentraler Satz lautet: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“

 

Schweitzer gründet seine Ethik nicht auf die Nächstenliebe bzw. die Feindesliebe, sondern auf die Geschöpflichkeit, die für jeden Menschen – ob Christ oder nicht – einsichtig sein müsse. Ich gehöre hinein in den Kontext des Lebens, – für ihn eine unleugbare Tatsache.

 

Liebe Gemeinde,

 

wir sind Teil des großartigen Schöpfungswerks Gottes. „Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen.“ So steht es in Martin Luthers Kleinem Katechismus als Auslegung des Glaubensbekenntnisses. Wer diesen Zusammenhang missachtet, wer sich zum Herren der Schöpfung aufschwingt und seine Umwelt – ob Menschen oder die Natur – rücksichtslos ausbeutet, fordert unseren Widerspruch heraus.

 

Aber am Ende sind es nicht wir Menschen, die das Schicksal der Welt in Händen halten, sondern Gott! Es mag vielleicht zynisch klingen, aber wir können uns nur selbst zugrunde richten. Die Welt ist sozusagen „unkaputtbar“. Das durch uns Menschen beförderte Artensterben ist tragisch. Es ist unvernünftig, weil wir die Grundlagen unserer Existenz gefährden. Die Welt kann auch ohne uns Menschen.

 

Wie gut, dass am Ende der Noah-Geschichte nicht das Chaos regiert, sondern die Rettung gefeiert wird. Wir bekommen sozusagen eine zweite Chance. Obwohl die Möglichkeit, Böses zu tun, nach wie vor in uns schlummert.

 

Vielleicht ist dies der Grund, dass Noahs Geschichte an dieser Stelle noch nicht zu Ende erzählt ist. Den wenigsten ist bekannt, dass Noah – ein Ackermann, so erzählt die Bibel – als erstes einen Weinberg pflanzt. Und … sich betrinkt.

 

Nein, die Bibel geht über diese peinliche Episode nicht beschönigend hinweg. Das kann doch nur Sinn machen, wenn ein Gedanke dahinter steckt: Auch Noah ist nicht vollkommen. Auch Noah braucht sie, die zweite Chance. Und er bekommt sie auch (und lebte nach der Sintflut noch dreihundertfünfzig Jahre – Gen 9, 28).

 

Liebe Gemeinde,

 

„Wie konntet ihr nur?“ – so haben manche aus meiner Generation die Väter und Großväter mit Blick auf die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten und die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs gefragt.

 

„Wie konntet ihr nur?“ – so werden unsere Kinder und Enkel fragen. Und das mit Recht! Weil wir ihnen nicht nur großen Wohlstand hinterlassen werden, sondern auch gewaltige Risiken. Weil wir oft rücksichtslos, manchmal auch nur gedankenlos mit unserer Umwelt umgehen.

 

Ein „Weiter so!“ darf es nicht geben. Aber es muss auch nicht so kommen. Lasst uns die zweite Chance nutzen!

 

Wenn wir aber die ganze Geschichte Noahs auf uns wirken lassen, dann heißt das doch: sein Leben als Geschenk Gottes anzusehen und als Antwort auf Gottes Wort zu führen. Menschlichkeit zu zeigen und sorgfältig mit dem umzugehen, was Gott uns anvertraut hat.

 

Amen.

 



Domprobst Gert-Axel Reuß
Ratzeburg
E-Mail: gertaxel.reuss@ratzeburgerdom.de

(zurück zum Seitenanfang)