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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

20. Sonntag nach Trinitatis, 29.10.2017

Wieder neu ins Leben herausgehen
Predigt zu Genesis (1. Buch Mose) 8:18 – 22 , verfasst von Thomas Volk

18 So ging Noah heraus mit seinen Söhnen und mit seiner Frau und den Frauen seiner Söhne, 19 dazu alles wilde Getier, alles Vieh, alle Vögel und alles Gewürm, das auf Erden kriecht; das ging aus der Arche, ein jedes mit seinesgleichen. 20 Noah aber baute dem Herrn einen Altar und nahm von allem reinen Vieh und von allen reinen Vögeln und opferte Brandopfer auf dem Altar. 21 Und der Herr roch den lieblichen Geruch und sprach in seinem Herzen: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe. 22 Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.

 

Liebe Gemeinde,

ich weiß nicht, wie ich diese Verse auslegen würde, wenn ich unmittelbar vom Hurrikan Irma betroffen wäre, der kürzlich in der Karibik ganze Inselgruppen verwüstet, Häuser total zerstört und Menschen in Todesangst versetzt hat. Oder wenn ich ein Betroffener einer der drei schrecklichen Erdbeben in Mexico wäre, die innerhalb weniger Wochen das Land und vor allem die Hauptstadt erschüttert haben.

Ich weiß nicht, wie ich es anderen und mir selbst erklären sollte, dass Gott doch die Erde „nicht mehr … verfluchen“ (V.21) wollte, wenn ich vor den Trümmern meines Wohnhauses stehen würde und mein gesamtes Habe verschwunden, vernichtet oder unbrauchbar geworden wäre? Oder wenn ich noch lange bräuchte, meine Angst zu überwinden, um wieder unvoreingenommen in ein Haus hineinzugehen und dabei wüsste, dass es mich trägt?

 

Hat Gott sein Versprechen vergessen?

Hat Gott sein Versprechen vergessen, das er dem Noah gegeben hat, als dieser nach vielen Wochen aus der Arche wieder herausgehen konnte, weil die gewaltigen Fluten verschwunden waren?

Ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe“ (V.21). So lässt der Erzähler dieser alten Geschichte Gott sprechen. Soll das als eine Garantie verstanden sein, dass Naturkatastrophen künftig ausbleiben? Zumindest für die frommen und gerechten Menschen? Oder haben solche immensen Unglücke mit dem Glauben nichts zu tun, weil sie - eben „natürlich“ - sind, weil die Erde nun Mal so geschaffen ist, dass sich die Erdkrusten aufeinander zu bewegen und sich reiben.

Diese Geschichte zeigt mir, dass Gott einem den Glauben schwer macht. Hat er nicht allen seinen Engeln befohlen, dass er uns behüten will auf allen unseren Wegen und dass wir uns nicht einmal an einem Stein stoßen sollen (vgl. Psalm 91,10).

Viele Eltern suchen gerade diesen Bibelvers aus dem 91.Psalm als Taufspruch für ihre Kinder aus. Die Bewohner auf den kleinen Inselgruppen in den Antillen hätten sich gerne an Steinen gestoßen, wenn sie welche gehabt hätten, um sich dort Häuser bauen zu können, die vielleicht sogar einem Hurrikan standgehalten hätten. Und bei den Erdbeben sind vielerorts keine Steine auf den anderen geblieben, sondern haben viele Menschen unter sich regelrecht begraben.

 

Was erwarten wir von Gott?

Diese Geschichte fragt uns auch: „Was erwarten wir von Gott?“

Die Garantie, dass es uns immer gut gehen muss und wir jederzeit auf der Sonnenseite des Lebens stehen? Dass der Glaube an einen gütigen Gott, der die Welt und auch uns nach unserem Wohlbefinden leitet, ja keine Risse bekommt?

Und wenn doch? Dann kommt unser Glaube immer in Erklärungsnot, weil auf einmal die Puzzleteile von unserem Gottesbild nicht mehr stimmen. Und dann gehört auch diese schöne Verheißung am Ende der Sintflut doch nur zu einer netten alten Erzählung aus der Vorzeit, die mit der Frage, was heute trägt und Halt gibt, nichts zu tun hat.

Ich lese aus dieser Geschichte heraus, dass an Gott glauben auch heißt, an ihm zu leiden, weil so vieles nicht aufgeht. Und mir wird bei dieser Geschichte bewusst, dass vielleicht gerade der Glaube in großen Fluten untergehen muss, der meint, dass Gott nur der Zuckerguss zu unserem bürgerlichen Wohlstandsleben ist.

Ja, was bleibt, wenn alle Glasur verlaufen ist oder wenn der Lack am neuen Auto ab ist? Was bleibt, wenn wir nach einer - in unseren Augen erfahrenen - Katastrophe, auf die Trümmer unseres Lebens schauen? Wenn unser Glaube einen gewaltigen Riss bekommen hat? Wenn sich das Bild von Gott, das sich in unserem Kopf fest eingeprägt hat, langsam auflöst?

 

Einfache Lösungen helfen nicht weiter

Man kann natürlich sagen: „Ich kann nicht mehr an Gott glauben, der so viele Katastrophen oder so viel Unrecht zulässt.“ Und man kann auf Distanz gehen und folgern: „Glaube geht mich nichts mehr an.“

Oder: man kann das behaupten, was amerikanische Prediger nach dem Hurrikan Katrina, der im Jahr 2005 unter anderem die Stadt New Orleans verwüstet hat, verkündet haben: „Der Hurrikan ist eine Strafe Gottes gewesen, weil die Menschen böse sind. Katrina hat die Stadt New Orleans zerstört, und nun ist sie frei von Abtreibungen, frei von Drogen, frei von Schwulenparaden und falscher Religion. Gott hat diese Stadt gesäubert.“

Viele religiöse Fundamentalisten in den USA haben dies damals auch noch abgenickt. Und die Welle schwappt immer wieder zu uns herüber, nach der nicht nur Naturkatastrophen, auch Krankheiten als Säuberungsmaßnahmen verstanden werden.

 

Den eigenen Glauben neu sortieren

Aber nicht nur in der Politik, wenn in diesen Tagen die Gespräche der sogenannten „Jamaika-Koalition“ in die heiße Phase gehen, sondern auch im Glauben gibt es nicht mehr die einfachen Lösungen.

Vielleicht ist es gut, wenn genau der Glaube untergeht, der mir einredet, dass in meinem Leben immer alles einfach und glatt gehen muss?

Nochmal: Ich weiß nicht, wie ich reagieren würde, wenn ich eine Katastrophe wie einen Hurrikan, ein Erdbeben oder eine Sintflut überlebt hätte. Ich weiß nicht, ob ich wie Noah dankbar wäre und - jetzt nicht einen Altar bauen und ein Dankopfer bringen, sondern - in eine Kirche gehen, eine Kerze anzünden und ein erleichtertes Gebet sprechen würde? Oder ob ich alle Hoffnung verloren hätte, absolut enttäuscht wäre, resignieren und sagen würde, dass alles aus und vorbei sei. Und der Gaube war nur eine Illusion oder eine schöne Fassade, die hielt, solange das Leben in wohlgeordneten Bahnen verlaufen ist.

Diese Fragen kann jede und jeder von uns nur für sich selbst beantworten. Ich für mich. Sie für sich.

Auf alle Fälle spüre ich: Ich möchte niemals an einen Punkt kommen, an dem ich das Gefühl habe, dass ich alleine bin. Nicht alleine, wenn ich einmal große Schmerzen haben sollte. Nicht alleine, wenn ich völlig hoffnungslos werden sollte oder wenn ich vor den Trümmern meines Lebens stehen würde. Wenn ich aus der Arbeit entlassen werde und vor einer großen Leere stehe sollte.

Ich möchte niemals dahin kommen, wo ich den letzten Grund meines Glaubens aufgebe. Ich möchte einfach daran festhalten, dass Gott dennoch da ist und da bleibt. Dass er gerade in den Zeiten, in denen alles untergegangen ist, bei mir ist und mir einen neuen Anfang ermöglicht.

Nicht dass Katastrophen gleich welcher Art für irgendwas gut sind, weil sie dem Leben einen tieferen Sinn geben. Solcher Unsinn ist leider immer wieder im Laufe der langen Christentumsgeschichte vorgekommen. Die Menschen, die in den letzten Wochen alles verloren haben, wollen nicht mit frommen Worten abgespeist werden, sondern brauchen ganz konkrete Hilfe und wollen wieder so leben können, dass sie ein Dach über dem Kopf haben und dass alle Ängste, wie man weiterleben kann, von Woche zu Woche kleiner werden.

Ich kann angesichts solcher Katastrophen nur noch rufen und fragen: „Warum Gott hast du dein Versprechen, wie es im heutigen Schriftwort deutlich wird, nicht gehalten? Oder ist es einfach so, dass es ganz natürlich ist, wenn Menschen zur falschen Zeit am falschen Ort aufgewachsen sind und dort leben müssen?“

 

Im Rückblick erkennen, wann man schon einmal neu ins Leben herausgehen konnte

Wir werden heute Morgen keine Antwort finden und wir werden auch nicht alle zerstörten Hütten und Häuser aufbauen können.

Wir können nur rückblickend auf unser Leben schauen und uns fragen? Wann konnte ich wieder „herausgehen“ (vgl. V.1) ins Leben? Wem habe ich es zu verdanken, dass ich wieder ins Gleichgewicht gekommen bin? Wer hat mir geholfen, als ich völlig verzweifelt war? Wer hat es gewirkt, dass ich mich wieder freuen und das Leben leicht nehmen konnte? Oder wer hat mir so viel innere Wärme geschenkt, dass der Beginn der dunklen Jahreszeit für mich keine Bedrohung mehr gewesen ist?

Wir können diese Sintflutgeschichte, von der heute niemand sagen kann, wann und wo und mit welchem Ausmaß sie geschehen ist, heute nur dann verstehen, wenn wir sie auf uns beziehen und uns überlegen, wie es uns gegangen ist, als wir einmal herausgegangen sind. Nicht wie Noah aus der Arche, sondern aus dem Krankenhaus. Aus dem Kreisen um uns selbst. Aus einem Leben, in dem wir uns völlig überfordert haben oder viel zu vielen beweisen mussten, was ich alles schaffen können.

Wer schon einmal das sagen konnte: „Danke, Gott, dass ich wieder ins Leben herausgehen konnte“, der kann dieses Vertrauen mitnehmen, wenn man wieder einmal völliges Neuland betreten muss.

 

Gott hält uns Menschen aus - eine frühe Einsicht

Dennoch: Diese Geschichte geht nicht auf. Damals nicht und heute auch nicht. Sie ist und bleibt sperrig. Und sie macht es uns nicht leichter, an Gott zu glauben.

Ein Ertrag dieser alten Geschichte ist allerdings die frühe Einsicht, dass Gott die Menschen aushält, auch wenn das „Dichten und Trachten des menschlichen Herzens … böse von Jugend auf“ ist (V.21).

Man kann spekulieren, ob die Menschen in all den Jahrhunderten besser, zivilisierter, oder vernünftiger geworden sind.

Oder man kann es mit Konrad Adenauer halten, der einmal gesagt hat: „Nehmen Sie die Menschen, wie sie sind, andere gibt's nicht.“

Für evangelische Christen, die wir übermorgen das große Reformationsjubiläum begehen gibt es eine Mitte der Schrift. Diese Mitte ist Jesus, der Christus und das, was er für uns Menschen getan hat. Er ist der verbürgerte Grund, dass sich Gott auch wirklich zu seinen Menschen bekannt hat.

Es ist das Verdienst Martin Luthers gewesen, dass er bei der Auslegung der Bibel das Kriterium, „was Christum treibet“ angewendet hat. Er hat gefragt: „Wo kommt die gute Nachricht von Jesus Christus vor? Und wo nicht? Martin Luther hat sie in der Rechtfertigungslehre gefunden, in der Botschaft vom Menschen, dessen „Dichten und Trachten … böse von Jugend auf“ (vgl. V.21) ist und dem rettenden und rechtfertigenden Gott. Daraufhin und davon her ist alles in der Bibel auszulegen und zu verstehen. Das ist die Mitte der Schrift.

Das Johannesevangelium hat diese Mitte einmal so formuliert: „Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben“ (Johannes 3,16).

 

Aufgabe der Kirche ist es von den großen Hoffnungen und Wünschen Gottes zu erzählen

Aus dieser Stelle entnehme ich, dass Gott sich eindeutig zu uns Menschen bekannt hat, auch wenn wir ihm oft Rätsel aufgeben. Wir entwickeln selbstfahrende Autos, aber können nicht in der engen Straße warten, sondern müssen als erste durch, weil wir es so eilig haben. Wir entwickeln immer neue medizinische Medikamente, aber gleichzeitig kommen immer mehr Menschen durch die kranke Umwelt um.

Das ist Aufgabe von Kirche heute: Mithelfen, dass Menschen von dem Gott erfahren, dem es einfach ein großes Anliegen ist, dass Menschen neu ins Leben herausgehen können und dass der Glaube auch in den Zeiten tragen kann, wenn die Fluten über einen hereinbrechen.

Wie die Frau, die nach ihrem Unfall viel Unterstützung von Nachbarn und Gemeindegliedern erfahren hat, bis sie wieder selbst für sich und für andere sorgen konnte. Oder der 50jährige, der immer jemanden zum Reden hatte, weil er darunter litt, dass er älter wird und die Jüngeren in seinem Betrieb einfach besser und schneller sind als er.

Man kann gewiss nicht immer wie Noah gleich ein Dankgebet sprechen, dass man es jetzt geschafft hat und gut durchgekommen ist. Oft braucht man Zeit, bis man für sich selbst sagen kann: „Danke, Gott! Ich bin daran nicht zerbrochen! Ich bin weitergekommen! Auch wenn alles anders gekommen ist und wenn es ein Schock für mich war: Ich konnte wieder herausgehen. Ich habe mein Leben neu einrichten können. Ich lebe. Anders. Aber ich lebe dennoch so, dass ich wieder bunte Farben sehen und wahrnehmen kann.“

Das ist jeden Tag eine Erinnerungsmail wert: Der Gott, der den Kreislauf von “Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht“ (V.22) ermöglicht, der wird auch Wege finden, „da dein Fuß gehen kann“ (EG361,1). Amen.



Pfarrer Thomas Volk
Marktbreit
E-Mail: thomas.volk@elkb.de

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