Göttinger Predigten

deutsch English espańol
portuguęs dansk Schweiz

Startseite

Aktuelle Predigten

Archiv

Besondere Gelegenheiten

Suche

Links

Gästebuch

Konzeption

Unsere Autoren weltweit

Kontakt
ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres, 12.11.2017

Predigt zu Genesis (1. Buch Mose) 50:15-21 (dänische Perikopenordnung), verfasst von Eva Třjner Götke

  1. Mose 50, 15-21; Phil. 1, 6-11, Matth. 18, 21-35

(dänische Perikopenordnung)

 

Da ist schon ein wenig Selbstgerechtigkeit in der Frage des Petrus.

Wie oft soll ich meinem Bruder ergeben? Bis zu sieben Mal?

Wie viel Mal?

So als wäre Petrus dabei, ein Trainingsprogramm für Frömmigkeitsübungen zu entwickeln, das sich für einen guten Jünger gehört. Wie viel Übungen sind erforderlich?

Es ist nicht weit von Petrus hier zu den jungen Leuten in den Trainingszentren zwischen all den Maschinen. Und es ist auch nicht weit von Petrus zum jungen Luther, von dem wir nun im Jahr des Reformationsjubiläums so viel gehört haben.

Ich denke an den Luther, der im Kloster alles versuchte, was ihm den Weg dazu öffnete, dass Gott ihn für gut befinden konnte. Alle Rituale, Gebete, Messen, Lichter, ganz zu schweigen von der Demut und dem Sündenbewusstsein.

Er wollte gern so gut sein.

Er wollte so gerne das Richtige tun.

Luther.

Und alles sorgsam registrieren.

Aber er gelangte bekanntlich später, als er vor dem Zusammenbruch stand, zu seiner Entdeckung beim Lesen der Bibel: Dieses ganze Rechnen, diese ganze Übung darin, wie viel Mal man vergeben soll, zwei, vier … oder sieben Mal (Petrus geht da wirklich sehr weit) – das zählt nicht, wenn es um die Gnade und Barmherzigkeit Gottes geht.

Dies nämlich, die Gnade und die Barmherzigkeit, ist der rote Faden in der Bibel. Und damit bindet sich Gott an uns, und bindet uns an sich – und nicht durch seine Forderungen und Gebote.

Die Gnade Gottes kommt zuerst.

Wir können sie annehmen oder nicht.

Sie kann für uns alles verändern, unsere ganze Auffassung von uns selbst und unserer Umwelt – oder aber sie dringt nicht durch zu uns.

Bleibt sie nur ein Dogma, etwas, was wir sagen – jeden Sonntag in der Kirche oder tröstend zueinander: Gott ist Vergebung. Vergiss das nicht! Aber wir selbst vergessen es und gehen hin und fordern unser Guthaben bei anderen ein.

Petrus begleitet seinen Herren, der unermüdlich seine Gnade austeilt wie man Perlen vor die Säue wirft: Kranke werden gesund, Arme werden ernst genommen, er sitzt mit dem zu Tische, gegen den alle anderen etwas haben, von dem alle wissen, dass er sich des Verrats schuldig gemacht hat.

All das hat Petrus miterlebt. Und so wenig hat er verstanden. Und fragt wie ein pflichterfülltes Schulmädchen, das gerne das Richtige tun will, und wie der faule Schuljunge, der nicht mehr tun will als notwendig: Wie oft soll ich meinem Bruder vergeben, wenn der sich gegen mich versündigt? Gegen mich und mich und mich! Was sind die anderen mir schuldig? Wie oft soll ich das Opfer bringen, mein Recht nicht einzufordern? Wir oft soll ich meine Großmut zeigen?

Deshalb erzählt Jesus die Geschichte von dem Knecht, der lächerliche 100 Denare zurückfordert, nachdem ihm selbst gerade Schulden von zehn Tausend Talenten erlassen worden sind. Also völlig unangemessen, wenn wir uns daran halten, an den Umfang, die Größe der Schulden.

Übertreibung erleichtert das Verstehen, meint Jesus wohl. Von Geld verstehen wir etwas.

Aber worum es hier geht, das ist ja dies, dass dem Knecht selbst vergeben wurde, als er um Barmherzigkeit bat. Sein König war ein guter König, der ihn erhörte. Sich seiner erbarmte. Ihm die Schuld erließ, so dass sein ganzes Leben und das seiner Familie mit ihm nicht zerstört würde.

Aber er hat nichts verstanden. Er hat die Sanierung seiner Schulden nicht als Barmherzigkeit empfangen. Er denkt vielleicht, dass er sie eigentlich ja auch verdient hat – er hat gute Arbeit geleistet für seinen König. Selbstgerechtigkeit kennt bekanntlich keine Grenzen. Kennt Barmherzigkeit Grenzen?

Als dieser Knecht die Schulden seines Mitknechts nicht erlässt, sondern seine Macht und sein Recht benutzt und ihn ins Gefängnis wirft, da wird der König wütend, als ihm das jemand entrüstet wissen lässt.

Und der Knecht schmeckt seine eigene Medizin – er wird den Folterknechten übergeben, bis er alles bezahlt hat, was er schuldig ist. Damit er zur Einsicht gelangt.

Verstehst du das, Petrus?

Verstehen wir das?

Wir nennen das die Stunde der Abrechnung, wo wir mit den Belegen sitzen, die Handys in die Hand nehmen und einander Geld überweisen. Es soll ja aufgehen. Das ist uns am liebsten.

Und dann ist da die Barmherzigkeit, die unermüdliche Nachsicht Gottes uns gegenüber, die allumfassende Gnade Gottes, die die Sonne aufgehen lässt über Gute und Böse und uns allen Leben schenkt, uns ruft, uns einigt – alle sind wir umschlungen von dieser Liebe.

Wir sind alle eingebunden in diese Liebe.

Und wir sind alle Leute, die einander etwas schuldig sind. Diese Rechnung geht nie auf, wenn wir mit einander abrechnen.

Das gehört dazu, wenn man zusammen lebt und mit einander zu tun hat.

Auch wenn wir nichts mit einander zu tun haben.

Wir bleiben als Menschen immer einander etwas schuldig.

Damit umzugehen, fällt uns schwer.

Auch Petrus. Denn er will gerne gut sein.

Auch Luther. Damals als er glaubte, gut sein zu können.

Bis er entdeckte, dass die Gnade Gottes zuerst kommt.

Gott liebt uns – so wie wir sind – in all unserer Selbstgerechtigkeit, mit allen unseren kleinen Abrechnungen, in all unserem Eifer, bei anderen einzufordern, was sie uns schuldig sind.

Das muss uns immer wieder verkündigt werden – weil es nicht zu glauben ist.

Wie kann Gott uns lieben, wenn wir uns selbst hassen wegen unserer Kleinlichkeit?

Darauf haben wir keine Antwort.

Aber Gott liebt uns offenbar in einem Menschen – in Jesus Christus.

Sie nahmen ihn nicht auf, sondern töteten ihn, weil er ihre Bilanzen störte.

Er wusste, dass dies geschehen würde, als er am letzten Abend mit seinen Jüngern zu Tische saß.

Er wusste, dass sie sich schuldig fühlen würden und dass niemand ihnen vergeben können würde, wenn er es nicht tat.

Und dies tat er dort am Tische. Reichte ihnen Brot und Wein – und sprach die Worte, die wir noch immer hören, wenn wir am selben Tische sind: für euch zur Vergebung der Sünden.

Wenn wir hier weggehen, gehen wir als freie Menschen.

Das bedeutet, dass wir den Blick auf einander richten können.

Dass wir einander helfen können, einander etwas schuldig sein können.

Vielleicht sogar uns darüber freuen, es zu sein.

Denn das bedeutet, dass wir an einander gebunden sind, im guten Sinne – in dem Sinne nämlich, dass wir zu einem Wir werden und nicht zu lauter Ichs. Amen.



Pastorin Eva Třjner Götke
DK-5230 Odense M
E-Mail: Etg(at)km.dk

(zurück zum Seitenanfang)