Göttinger Predigten

deutsch English español
português dansk Schweiz

Startseite

Aktuelle Predigten

Archiv

Besondere Gelegenheiten

Suche

Links

Gästebuch

Konzeption

Unsere Autoren weltweit

Kontakt
ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Totensonntag / Ewigkeitssonntag, 26.11.2017

Predigt zu Daniel 12:1b-3, verfasst von Rainer Stahl

„Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus,

die Liebe Gottes

und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes

sei mit Euch allen!“

 

Liebe Leserin, lieber Leser!

Liebe Schwestern und Brüder!

 

In diesem Jahr wollen wir uns bewusst der Dimension „Totensonntag“ stellen. Normalerweise nehme ich die Dimension „Ewigkeitssonntag“ auf. Denn darin besteht doch das Besondere des Christentums, dass es glaubt, etwas zur Ewigkeit sagen zu können, dass es den Auftrag verspürt, aus der Glaubensgewissheit über die Auferwecktheit des gekreuzigten Jesus Christus die Chance der Auferweckung für jede Glaubende und jeden Glaubenden verkündigen zu können! So beispielhaft bei der Frage 58 des Heidelberger Katechismus: „Was tröstet dich die Verheißung des ewigen Lebens? – Schon jetzt empfinde ich den Anfang der ewigen Freude in meinem Herzen. Nach diesem Leben aber werde ich vollkommene Seligkeit besitzen, die kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz je gekommen ist, Gott ewiglich darin zu preisen.“

 

Aber über den Tod? Gibt es da typisch Christliches zu vertreten? Unterscheidet sich der Tod von Christen vom Tod von Nichtchristen, ja: von Menschen, die nichts glauben? Ist nicht der Tod – wie wir lange schon wissen – der große Gleichmacher?!

 

Der große Gleichmacher – nicht nur mit Blick auf Armut oder Reichtum, nicht nur mit Blick auf gesellschaftlichen Erfolg oder Scheitern! Es gibt ja eine Situation, an der wir manchmal insgeheim oder auch ganz offen ablesen zu können meinen, wie erfolgreich ein Mensch war – und das sogar noch in seiner Situation des schon Tot-Seins: nämlich, wie groß die Beerdigungsgemeinde gewesen ist, wie zahlreich, wie bedeutend. Macht der Tod also doch nicht gleich?

 

Der große Gleichmacher – auch mit Blick auf das, was im Leben geglaubt wurde: Seit wir die merkwürdige, von mir nie wirklich verstandene Praxis der getrennten Friedhöfe, auf denen nur Menschen derselben christlichen Konfession begraben wurden – wie gesagt: nur derselben christlichen Konfession, nicht etwa alle, die Christen sein wollten, gemeinsam! –, hinter uns gelassen haben, liegen die Toten doch alle nebeneinander: solche, die Lutheraner haben sein wollen, neben solchen, die Reformierte sein wollten, neben solchen, die römische Katholiken sein wollten, neben solchen, die Orthodoxe sein wollten, neben solchen, die Agnostiker sein wollten. Ich weiß natürlich, dass die alte Trennung auf verschiedene Friedhöfe etwas mit der konfessionell-kirchlichen Weihe eines Grundstückes als „Acker Gottes“ zu tun hatte – aber tief theologisch gesehen, war diese alte Tradition doch Unsinn. Wenn wir denn Gott die Fähigkeit zutrauen, Tote aufzuerwecken, dann doch so, dass er alle Toten auferwecken kann – egal, wo sie ihre „letzte Ruhestätte“ gefunden hatten!

 

Nie vergesse ich, dass in einer Bibelstunde in meiner Gemeinde in Altenburg in den Achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts eine alte Dame fragte, was ich davon hielte, wenn sie ihren gestorbenen Leib verbrennen lassen würde, weil sie niemanden habe, der das Grab pflegen würde. Darauf habe ich ganz spontan, ohne zu überlegen, geantwortet: „Glauben Sie nicht, dass Gott die Verbrannten der Kriege auferwecken kann?“ Und noch heute höre ich ihre Antwort: „Danke, Herr Pfarrer.“

 

Oder: Wie es ganz großartig bei einer Führung durch eine Katakombe in Rom im Jahr 1999 der unsere Gruppe führende römisch-katholische Kollege auf die Frage „Und wo liegen hier die Evangelischen?“ geantwortet hat: „Hier sind alle gemeinsam zusammen vereint!“

 

Der Tod ist also der große Gleichmacher auch mit Blick auf unsere Jenseitshoffnungen: Er ist die Grundlage, die Voraussetzung für alles, was wir da hoffen können – wenn wir denn etwas noch hoffen.

 

Gibt es zum Tod typisch Christliches zu vertreten, zu hoffen? Diese Frage wird nun in diesem Jahr noch besonders zugespitzt, weil der Predigttext für den „Fall“ „Totensonntag“ gar kein typisch christlicher Text sondern ein besonders geprägter jüdischer Text ist:

            „Das wird eine Zeit der Drangsal,

            wie sie nicht gewesen ist seit ein Stamm ist bis zu jener Zeit,

            aber zu jener Zeit wird dein Volk entrinnen,

            alljeder, der sich aufgeschrieben findet im Buch.

            Und viele, die am Boden des Staubes schlafen, erwachen,

            diese zu Leben in Weltdauer

            und diese zu Schmach und zu Schauder in Weltdauer.

            Die Begreifenden aber strahlen, wie das Strahlen des Gewölbs,

            und die viele zur Bewährung brachten, wie die Sterne in Weltdauer und Ewigkeit“

            (Daniel 12,1b-3 – in der Verdeutschung von Martin Buber und Franz Rosenzweig).

 

Der Tod wird zur Sprache gebracht – aber mit Blick auf den Himmel, den astronomischen Himmel. Der Gegenpol von Sterben und Tod wird für die Autoren dieser großen Vision greifbar im Größten und Sichersten, was sie kannten – dem tagsüber von der Sonne glänzenden Himmel und dem nächtlichen Strahlen der Sterne. Ein immenser Widerspruch zur Alltagserfahrung: Da die Toten, die in Staub- und Erdkuhlen niedergelegt und zugeschaufelt wurden, oder – wenn sie im Leben sehr reich gewesen waren – in Felskammern auf steinernen Betten niedergelegt wurden, dass dann – nachdem das Verwesliche verfallen war – die Knochen und die Schmuckstücke in eine tiefere Felshöhle hinter, unter der Grabkammer abgelegt werden konnten, so dass Generationen zusammengelegt und gesammelt wurden, und hier die Verstorbenen als Erwachte, hoffentlich „strahlend wie das Strahlen des Gewölbs, wie die Sterne in Ewigkeit“.

 

Eine solche Anlage mit Felskammern für Tote, die über die Zeit der Eroberung Jerusalems 586 vor Christus hinaus genutzt wurde, ist ja südlich der Altstadt gefunden worden: Ketef Hinnom. Und unter den in der tieferen hinteren Felshöhle entdeckten Knochen und Gegenständen ist die berühmte Amulett-Silberrolle mit einer frühen Form des Textes, den wir aus der Bibel als aaronitischen Segen (Numeri 6,24-26) kennen:

                                               „Es segne [dich]

                                               Jahwe

                                               und er bewahre dich.

                                               Es lasse leuchten Jahwe

                                               sein Angesicht

                                               über dir,

                                               und er setze dir

                                               Frieden.“

 

Also: Wir wissen natürlich nicht genau, welche der in Ketef Hinnom bestatteten Personn dieses Segens-Amulett schon zu Lebzeiten getragen hat. Ich halte das aber für sehr wahrscheinlich. Auf alle Fälle gewiss ist, dass die Angehörigen ihrem verstorbenen Familienmitglied dieses Amulett bewusst mit ins Grab gegeben und dann eben ein Jahr später – als sie die übrig gebliebenen Knochen in der hinteren Felshöhle sammelten – erst recht bewusst mit in die Schlussruhestätte gelegt und nicht für den Eigenbedarf (Silber ist ja sehr wertvoll) entnommen haben. Damit haben sie ihren Glauben gezeigt, dass Jahwe in den Bereich des Todes hineinwirkt, in ihn hinein segnet, in ihn hinein sein Angesicht leuchten lässt, in ihn hinein Frieden schenkt! Von einem Auferweckungsglauben dieser Menschen wissen wir noch nichts. Aber bewusst wird uns: Sie haben geglaubt, dass Jahwe, dass Gott über die Wirklichkeit des Todes Macht hat, dass auch die Toten in Gottes Händen bleiben.

 

Das ist die erste Antwort des Glaubens auf die Herausforderung des Todes: Auch die Wirklichkeit des Todes – „Bereich“ will ich bewusst nicht sagen, das wäre zu räumlich gedacht –, auch die Wirklichkeit des Todes bleibt unter der Macht Gottes. Was das konkret heißen mag, bleibt im Verborgenen. Aber: Ist das nicht schon eine große Zuversicht?

 

Unser Text aus dem Daniel-Buch, 400 Jahre nach dem Segensamulett von Ketef Hinnom verfasst, gibt nun eine erste Denkrichtung, eine erste Gewissheitsrichtung. Seine Verfasser kommen von einer besonderen Problemstellung her: von der Beobachtung, dass im irdischen Leben Gerechtigkeit oft nicht gelingt. Viel mehr: Diejenigen, die treu zum Glauben an Gott gehalten hatten, sind gedemütigt, ja: gemordet worden; und diejenigen, die mit den Ausbeutern und mit den Veränderern des wahren Gottesdienstes des einzigen Gottes gemeinsame Sache gemacht hatten, führen ein herrliches Leben, sterben in Anerkennung, werden in prächtigen Felsengräbern bestattet. Da drängt sich die Erkenntnis auf: Gottes Macht über die Wirklichkeit des Todes bedeutet, dass Gerechtigkeit geschaffen werden wird, zeitlos gültige Gerechtigkeit – nicht bloß mühsam erstrittene kleine Opferrenten, sondern bestandhabender Ausgleich, ja: Überhöhung für die Opfer:

                                    „Und viele [...] erwachen,

                                   diese zu Leben in Weltdauer

                                   und diese zu Schmach und zu Schauder in Weltdauer.

                                   Die Begreifenden aber strahlen, wie das Strahlen des Gewölbs,

                                   und die viele zur Bewährung brachten, wie die Sterne

                                   in Weltdauer und Ewigkeit.“

 

Wer sind diese „Vielen“? Weil die hier ausgesprochene Auferweckung die einen in ewiges Leben und die anderen in ewige Schmach bringen wird, schließe ich: Es geht um die Opfer und um die Täter! Es geht um die Frommen, die unschuldig gelitten hatten, und um die zynischen Täter, die scheinbar, irdisch gesehen, Wohlstand und Anerkennung erworben hatten. In der Welt wird Gerechtigkeit nur sehr selten verwirklicht. Aber Gott werde – so der Glaube – wahre Gerechtigkeit in seiner Welt schaffen! Was für ein aktueller Gedanke!

 

Das ist die zweite Antwort des Glaubens auf die Herausforderung des Todes: Diese Wirklichkeit des Todes, über die Gott Macht hat, wird dieser über den Tod mächtige Gott aufbrechen und für die Toten Existenz, Dasein schaffen. Ganz geheimnisvoll. Bitte nichts von unserem Leben, was uns gefällt, da hineindenken – siehe oben die Antwort des Heidelberger Katechismus: „die kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat“! Ganz geheimnisvoll – aber: Dasein. Nur stammelnd zu beschreiben mit Begriffen, die aus unserer Lebenserfahrung genommen sind – aber andere Begriffe haben wir ja nie (!) –:

                                    „strahlen, wie das Strahlen des Gewölbs“,

                                    „wie die Sterne in Weltdauer und Ewigkeit“,

                                    „Leben in Weltdauer“,

                                    „zu Schmach und zu Schande in Weltdauer“.

 

Mehr gibt unser biblisches Wort nicht an die Hand. Vielleicht werden das einige von Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, liebe Schwestern und Brüder, noch nicht als typisch christlich empfinden. Aber Bestandteil unseres Glaubenserbes ist es doch! Halten wir es so zum Totensonntag 2017 fest und integrieren es in unsere christliche Hoffnung!

Amen.

 

„Und der Friede Gottes,

der höher ist als unsere Vernunft,

bewahre Eure Herzen und Sinne bei Christus Jesus, unserem Herrn!“

 

Literatur:

Die Schrift. Verdeutschung von Martin Buber und Franz Rosenzweig, Gerlingen 1976, Lizenzausgabe Stuttgart 1992, Die Schriftwerke, S. 475.

Für die Archäologie von Ketef Hinnom: Hershel Shanks: Jerusalem. An Archaeological Biography, New York 1995, S. 115-119 (VIII. Jerusalem During the Exile and Return).

Für den Text von Ketef Hinnom – auch in der Wiedergabe entsprechend der Ordnung der hebräischen Worte auf dem Amulett: Emanuel Tov: Textual Criticism of the Hebrew Bible, Minneapolis, Assen/Maastricht 1992, S. 379.

Für die Deutung des Textes von Ketef Hinnom: Rainer Stahl: Der einzige Gott hat die Macht zur Umwälzung, in: Gott glauben – gestern, heute und morgen, Festschrift Werner Leich, Weimar 1997, S. 110.

Für das Verständnis von Daniel 12: Rainer Stahl: Von Weltengagement zu Weltüberwindung. Theologische Positionen im Danielbuch, CBET 4, Kampen 1994, S. 117-118.



Pfarrer i. R. Dr. Rainer Stahl
Erlangen
E-Mail: rainer.stahl.1@gmx.de

(zurück zum Seitenanfang)