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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

2. Advent, 10.12.2017

O Heiland, reiß die Himmel auf
Predigt zu Jesaja 63:15-64, 3, verfasst von Manfred Gerke

 

Liebe Gemeinde, „O Heiland, reiß die Himmel auf“ – so haben wir miteinander gesungen. In einer dunklen Zeit schreibt Friedrich Spee dieses Lied. Nicht Gott, sondern Waffen und Grausamkeit scheinen zu regieren. Es ist das Jahr 1622, in Deutschland tobt der Dreißigjährige Krieg.

Doch nicht nur Terror der Machthaber. Sondern auch der Kirche. Und das wusste Spee genau. Er war Gelehrter, Professor für Philosophie in Paderborn, Würzburg und Speyer. Und zugleich auch Beichtvater von Frauen, die als Hexen verbrannt wurden. Erschüttert sah er, dass selbst Kinder unter neun Jahren dabei waren.

Er kämpfte für Frieden und Versöhnung und gegen Krieg und Inquisition. „Wehe, dass in unserem Vaterland statt der Wahrheit die Scheiterhaufen leuchten!“ Er veröffentlichte ein Buch, das die ganze Unrechtmäßigkeit der Hexenprozesse entlarvte. Er wurde dann selbst verfolgt, Opfer eines Attentats, überlebte, wurde strafversetzt nach Trier. Hier pflegte er Verletzte und Seuchenkranke und starb, gerade 44 Jahre alt.

Unvergesslich sein Lied „O Heiland, reiß die Himmel auf“, dicht am biblischen Text Jesaja 63 und 64: „Ach, dass du den Himmel zerrissest und führest herab…“ Ein verzweifelter Aufschrei, dass Gott eingreift, es nicht zulässt, dass sein Volk und diese Welt den Bach runtergehen.

Ja, es ist wahrgeworden, was einst der Prophet im Zweistromland versprochen hat: Sie durften heimkehren, zurück in das Land der Väter. Was für ein Jubel! Was für eine Freude! Gott ging mit. Jetzt müsste doch alles besser werden.

Doch es kam anders. In der Gefangenschaft hatten sie zusammengehalten. Sie ertrugen alle das gleiche Leid. Sie waren eine Schicksalsgemeinschaft. Doch kaum war die Bedrohung vorbei, zerbrach diese Solidarität.

Kaum waren sie wieder in Jerusalem, dachte jeder nur an sich, gab es wieder Arme und Reiche, ging die Schere immer weiter auseinander. Plötzlich gab es die Erfolgreichen, die ihre Häuser schon wiederaufgebaut hatten, mit Gewinn ihre Geschäfte betrieben – und Bettler, die nicht wussten, wie sie den Tag überleben konnten.

Zur gleichen Zeit wurde der Tempel immer prächtiger ausgestaltet, die Gottesdienste immer festlicher. Eigentlich ging es steil bergauf. Aber die Menschen spürten: Hier stimmt was nicht. Hier ist etwas nicht in Ordnung. Gott fehlt. Er kommt in unserem Leben nicht mehr vor. Ein Tempel ohne Gott! Eine Welt ohne Gott! Eine Welt, die immer liebloser und brutaler wird.

Deshalb schreit der Prophet zu Gott, behaftet ihn bei seinem Versprechen: „Bist du doch unser Vater… Unser Erlöser, das ist von alters her dein Name.“ Und er schleudert ihm seine Klagen, sein Nichtverstehen entgegen: „Warum lässt du, Herr, uns abirren von deinem Weg?“

Und er fleht: „Kehre zurück!“ Wende dich uns wieder zu! Das gleiche Wort, das sonst zu Menschen gesagt wird: Kehre um. Das der Täufer und Jesus predigen werden. Und er hofft auf ein endgültiges, erlösendes Kommen seines Gottes.

Denn wie soll der Teufelskreis der Gewalt je zerbrochen werden? Wie soll sich etwas verändern? Wie kann Frieden werden auf dieser kaputten Erde? Es geschah in einem Dorf im Niemandsland während des 2. Weltkrieges zwischen Russen und Deutschen. Auf beiden Seiten bewachten die Scherenfernrohre jede Bewegung.

Aber an einem Morgen hing der Himmel bis auf die Erde und ließ nur wenige Meter Sicht zu. Ein deutscher Soldat steckte die Pistole in seinen Stie­felschaft und kroch aus der Erde. „Bring Zwiebeln und Decken mit!“, rief einer. Der Soldat hielt sich nach rechts, wo er den zerschossenen Kirchturm vermutete. Er durchsuchte auf seinem Weg halb zerstörte Stuben und Keller. Aber nur welke Kartof­feln und zwei Fetzen eines Teppichs waren seine Beute.

Dann hatte er die Außenmauer der Kirche erreicht. Wo er seine Stirn gegen die Steine drücken wollte, um für ein Ende dieses verdammten Krieges zu beten, sah er ein Loch in der Wand. Er ging ins Innere, aber nur über dem Altar hing noch ein Stück Gewölbe. Hier warf er sich zu Boden.

Den kleinen Rest einer Wachskerze, den er dabei sah, steckte er ein. Links führte eine Treppe unter den Altar. Im Halbdunkel entdeckte er eine Tür. Er stieß sie auf und riss blitzschnell die Pistole aus dem Stiefelschaft.

Vor ihm ein Russe. Aber der hatte ebenso schnell seine rechte Hand hochgebracht, legte den Zeigefinger an die Lippen und wies auf einen der Steinsärge. Ein Kind lag dort – tief und fest schlafend. Sie konnten die kleinen Atemzüge hö­ren.

Beide standen lange so, beide, die Menschen getötet hatten und jetzt mit offenem Mund atmeten, um ganz still zu sein. Ihre Au­gen trafen sich, sahen auf Pistole und das Gewehr, das von der Schulter des Russen pendelte.

Der Deutsche steckte die Pistole weg, der andere schob die Waffe auf den Rücken. Sie schauten in den steinernen Trog. Jetzt hatten sie ihre Hände frei und weil sie sich beide auf den steinernen Rand stützten, geschah es, dass sie sich einmal berührten. Der Deut­sche zündete den Kerzenrest an und stellte ihn auf den Rand. Dann kam die Frau. Sie zeigte keine Angst, nahm das Kind in Decken und Lumpen hoch und bettete es in ihre Arme. Sie drehte ihnen den Rücken zu. Aber es lag keine Feindseligkeit darin.

Die beiden Soldaten legten nieder, was sie hatten: die welken Kartoffeln und die Teppichfetzen der Deutsche; ein Stück Brot, eine Zwiebel und sein Feuerzeug der Russe. Dann gingen beide zur Tür und tauchten draußen im weißen Nebel unter.

Das Kind, ein Wunder; ein Geschenk des Himmels, das verfein­dete Parteien zusammenbringen kann. Mit einem Kind kann ein neuer Kreislauf beginnen. Nicht so sehr, wenn wir das Kind an die Hand nehmen, sondern wenn wir uns von dem Kind an die Hand nehmen lassen.

Besonders von dem einen Kind, dem Kind in der Krippe. Gott zerreißt den Himmel, durchbricht die Finsternis und wird Mensch. „Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohl tut denen, die auf ihn harren.“

Amen.

 



Pastor in Ruhe, zurzeit Winterpfarrer in der Deutschsprachigen Ev. Gemeinde auf den Balearen Manfred Gerke
Mallorca
E-Mail: Gerke.Manfred@t-online.de

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