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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

2. Advent, 10.12.2017

Zurückholen, eingestehen, freigeben!
Predigt zu Jesaja 63:15-16+19b und 64, 1-3 , verfasst von Manfred Mielke

Liebe Gemeinde,

wie jammert man am besten? Wie klagt man optimal? Und wie kommt man raus aus dem Gezeter? Antworten dazu gibt uns im Alten Testament ein Klagepsalm des Volkes Israel. Er holt uns weg vom Nörgeln hin zum zielgerichteten Klagen. Jammern wäre ja nur ein Vor-sich-hin-Schimpfen, eine Klage aber hat ein Gegenüber. Also beklage Dich bei Gott! Der von Dir beklagte Gott wird eine mutige Zusammenarbeit mit Dir beginnen. Er holt Dich raus, indem Du ihn neu und anders erfährst als bisher. Heute, am 2. Advent, also keine Lehrstunde im perfekten Jammern, sondern in der Ausrichtung der Klage zu Gott hin.

Als Beispiel dazu eine Episode aus dem Neuen Testament. Als Jesus im Garten Gethsemane zusammensackte, hat er nicht über jeden seiner 12 schläfrigen Jünger namentlich lamentiert, sondern zu Gott geschrien: "Mein Vater, wenn es möglich ist, lass diesen bitteren Kelch an mir vorübergehen! Aber nicht wie ich will, sondern wie du willst." (Mt 26,36) Jesus hat im Bild eines Kelches, der sich bewegt, seine Schmerzen und Gottes Möglichkeiten in eins klagen können. Im Jammern wäre er irgendwann eingenickt, durch seine Klage aber hat er Gott Zutritt verschafft zu seiner Not.

Das historische Volk Israel betet ein ähnliches Krisengebet wie Jesus, jedoch in einer ganz anderen Notlage. Aber ebenso gelingt es ihnen, Gott wieder zurückholen, das eigene Versagen einzugestehen und den Himmel freizugeben. Der Prophet Jesaja hat für uns den Klagepsalm seines Volkes so aufgeschrieben: Gott, so schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich. Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht. Du, HERR, bist (doch) unser Vater; »Unser Erlöser«, das ist (doch) von alters her dein Name. Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen, wie Feuer Reisig entzündet und wie Feuer Wasser sieden macht, dass dein Name kund würde unter deinen Feinden und die Völker vor dir zittern müssten, wenn du Furchtbares tust, das wir nicht erwarten - und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen! - und das man von alters her nicht vernommen hat. Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohltut denen, die auf ihn harren. (Jesaja 63,15 - 64,3 in Auswahl)

 

Liebe Gemeinde,

im großen Klagepsalm der Zeitgenossen Jesajas beeindruckt uns, wie impulsiv die an Gott rütteln. Es animiert uns, wie ehrlich sie sagen, dass sie Gott aus der Mitte verloren hatten. Und es ermutigt uns, mit ihnen die Erlösung zu erleben; im Kosmos wie im Kopf. Es ist ein gutes und notwendiges Evangelium auch für uns heute, angesichts des aktuellen politischen Katzenjammers; im Kleinkarierten wie im Interkontinentalen. Dagegen übt Jesaja mit uns etwas Neues ein. Mit seinen Leidensgenossen lernt er so zu klagen, dass sie dabei Gott wieder zurückholen, das eigene Versagen eingestehen und den Himmel freigeben. Diese drei Vorgänge möchte ich kurz bedenken.

 

  1. In der Klage Gott wieder zurückholen

Im Ruhrgebiet, in dem ich aufwuchs, sah ich das oft in unserer Siedlung: Männer im Unterhemd und Frauen im Kittel, die über die Fensterbank gelehnt stundenlang die Straße rauf und runter schauen. Obwohl kaum etwas passierte. Das Volk Israel denkt sich aber Gott eher im Königspurpur mit Goldkante, vom Balkon herab schauend wie von einem Logenplatz im Theater. Wobei das Theaterstück die nationale Tragödie ist, die gerade passierte. Im ersten Akt müssen sie aus dem Wohlstand des Exils zurück in ihre Bergdörfer, die zerstört sind wie nach einem Erdbeben. Im zweiten Akt hocken sie bereits zwischen den Trümmern, und „murren“ gegen Gott, der ihnen doch ein Land voll Honig und Wein garantieren wollte. Sie klagen ihn direkt an: „Wo sind denn dein Eifer und deine Macht, das Beben deines Innern?“ Trotz ihrer Mitschuld bezichtigen sie Gott, ein „Weichei“ zu sein. Aber darin steckt ein heilsames Potential, auch für uns. Wenn Dir Gott fehlt, dann rüttel und schüttel ihn, bis sich sein Magen dreht und seine Brust explodiert.1) Noch bist Du fuchsteufelswild auf Gott, da kommt er Dir mit gesundem innerem Beben entgegen - plus Eifer, plus Macht! So kommt Gott, wenn man ihn belangen will. Weiterhin halten sie ihm vor, dass er als Vater und Erlöser von alters her bekannt sei.

Das war nicht selbstverständlich, denn in Babylonien hatte jeder der vielen Götter einen abgöttischen Übervater. Und in ihrer mosaischen Leitkultur wäre die Bezeichnung „Vater“ für Gott eine Herabstufung ins Allzu-Menschliche. Doch in der Klage wächst die Emanzipation, in der sie unterscheiden zwischen den Stammvätern, die zu keiner Lösung mehr beitragen können, den Chaosgöttern der Heiden - und ihrem Jahwe-Gott, den sie in seiner Doppelrolle herbeiklagen. Als Vater und Erlöser, als Friedefürst und Ewigvater. Als solchen klagen sie ihn an, so soll er sich zeigen. So beharrlich in der Klage voranzukommen, ist eine Wohltat. Dann zeigt sich Gott als der, „der denen wohltut, die auf ihn harren.“

 

  1. Das eigene Versagen eingestehen

Heute, am zweiten Advent gehen wir der Frage nach, ob Gott sich als Erlöser und als Vater wieder zurückholen lässt, auch durch eine heftige Anklage. Und ob er selbst denen wohltut, die ihn herbeischimpfen wollen. Wer aber Gott an seine Pflichten erinnert, wird dazu seinen Schlamassel konkret eingestehen. Das bewirkt in der Klage eine neue Ehrlichkeit. Mit Jesaja beten sie: „Gott, warum lässt Du uns abirren von deinen Wegen und unser Herz verstocken, dass wir dich nicht fürchten? Kehr zurück zu uns, wir sind doch dein Erbe. Unsere Feindvölker haben dein Heiligtum zertreten. Lass es nicht zu, dass wir uns benehmen wie Sünder, über die dein Name nie ausgerufen wurde.“ (VV 17-19b) Wie reagiert Gott auf diese Selbstbezichtigungen?

 

  1. Den Himmel freigeben

Gott vollführt daraufhin eine Erlösung, die alles so stark verändert, dass unsre Sinne nicht mehr mitkommen und unsere Weltbeherrschung sich verdünnisiert. „In Jammer und Not“ können wir Gott aus seinem vermeintlichen Wolkenkuckucksheim herunterklagen. Dabei werden wir unsere Defizite offenlegen. Daraufhin mischt er sich ein mit Emotionen und Energie. Jeder von uns kennt innere Bilder dazu. Mir ist klar, welche meiner verhärteten Probleme Gott als Berge angehen möge, auf dass sie vor ihm zerfließen. Mir sind meine verzagten Versuche bewusst, die Gott anfeuern soll wie dürres Reisig. Auf mir lasten konkrete Fehler wie Eisberge, die Gott mittels seines Feuers zu Wasser verflüssigen möge, bis der Dampf verpufft.

Ich spüre, dass der Klageschrei bei Jesaja, Gott möge die Himmel zerreißen, mir eine neue Sicht eröffnet. Denn die Menschen im Alten Orient stellten sich ja den Himmel so vor wie die Decke einer Tiefgarage. Jedoch nicht voll montiert mit Rohren, sondern lückenlos zugedrängt mit Drachen und Draculas, mit Raubtieren und Rachegöttern, eingezeichnet in Sternbilder. Für jeden dieser Decken-Monster war jedes Menschenopfer zum Greifen nah. Dass die Israeliten unter dieser Bedrohung die Bitte um das Zerreißen des Himmels überhaupt denken konnten, lässt mich aufhorchen. Heute wird der Himmel benutzt als Schußbahn für Spionagesatelliten und Massenvernichtungs-Raketen. Da wäre es ein weltrettender Beitrag Gottes, dass er dafür den Himmel auseinanderreißen würde.

Im weiteren Nachdenken über das Bild vom aufgerissenen Himmel wird mir klar, dass wir das noch nicht wirklich wollen. Wir sind noch dabei, unbeherrscht die Bodenschätze zu plündern, die Grenzen abzuriegeln und den Himmel über uns stramm zusammenzuziehen. Erschrecken wir denn darüber, dass wir das abschirmen, was uns kaputtmacht? Sind wir bereit für eine Neuordnung des Himmels und der Erde? Und für eine Neuordnung unserer sozialen Beziehungen? Eine Zeitschrift beschrieb den Billiglohnsektor der Lieferanten als „soziale Frage des 21. Jahrhunderts“. „Oben ist, wer bestellt. Unten ist, wer liefert!“2) Im Klagepsalm spüre ich die Umkehrung. Von unten bestellt das Volk Erlösung, und Gott liefert sie von oben. Ganz im Sinne der Liedzeilen: „O Heiland, reiß die Himmel auf! Herab, herab vom Himmel lauf! Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt, darauf sie all ihr Hoffnung stellt?!“ 3)

 

Liebe Gemeinde,

in unserer Klage klagten wir Gottes Rückkehr ein, lateinisch „Advent“. Die Pflichten, die wir ihm dabei abverlangten, ließen uns unsere Fehler gründlich bekennen. Darauf antwortete er mit Zeichen an Himmel und Erde und schult unser bisheriges Hören und Sehen neu. Mich veranlasst das, den Jesajatext für mich selbst so zu lesen: Gott, schau jetzt vom Himmel herab! Wo ist denn Dein Heldentum, das Beben deines Innern? Die Zeit der Patriarchen ist längst vorbei, Du aber bleibst und bist unser Vater. »Unser Erlöser«, so erinnern wir uns an Dich. Deswegen schreien wir: Ach, dass Du den Himmel zerrissest und führest herab! So, dass die Berge vor Dir zerfließen. So, wie Feuer Reisig entzündet. So, wie Feuer Wasser zum Kochen bringt! Deinen Namen mache stark unter deinen Gegnern. Dein Reich komme, zumal die Völker vor dir zittern. Deinen Willen präge uns ein wie nie zuvor. Denn wir erwarten Unerwartetes von Dir; Wohltaten, bei denen uns Sehen und Hören vergehen wird. So wird es ein gutes Warten werden auf Deine Wohltaten. Das ist gewißlich wahr. Amen

 

„Wo ist dein Eifer, dein Heldentum, das Regen deiner Eingeweide, dein erbarmender Busen, dass sie sich mir vorenthalten?!“ Martin Buber zur Stelle.

„Der Spiegel“ vom 23.11.2017, S. 54

Friedrich Graf Spee, 1622



Pfarrer Manfred Mielke
51580 Reichshof
E-Mail: Manfred.Mielke@ekir.de

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