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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

2. Advent, 10.12.2017

Mit - Leiden
Predigt zu Jesaja 63:15-19; 64,1-3, verfasst von Thomas Jabs

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.

 

Jes 63,15-19; 64,1-3

So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große, herzliche Barmherzigkeit

hält sich hart gegen mich.

Bist du doch unser Vater;

denn Abraham weiß von uns nichts,

und Israel kennt uns nicht.

Du Herr, bist unser Vater;

»unser Erlöser«, das ist von alters her dein Name.

Warum läßt du uns, Herr, abirren von deinen Wegen

und unser Herz verstocken, daß wir dich nicht fürchten?

Kehr zurück um deiner Knechte willen,

um der Stämme willen, die dein Erbe sind!

Kurze Zeit haben sie dein heiliges Volk vertrieben,

unsere Wiedersacher haben dein Heiligtum zertreten.

Wir sind geworden wie solche, über die du niemals herrschtest, wie Leute, über die dein Name nie genannt wurde. – Pause –

 

Ach daß du den Himmel zerrißest und führest herab,

daß die Berge vor dir zerflössen, wie Feuer Reisig entzündet und wie Feuer Wasser sieden macht,

daß dein Name kund würde unter deinen Feinden

und die Völker vor dir zittern müßten,

wenn du Furchtbares tust, das wir nicht erwarten -

und führest herab daß die Berge vor dir zerflössen! -

und das man von alters her nicht vernommen hat.

Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen

einen Gott außer dir,

der so wohl tut denen, die auf ihn harren.

 

 Liebe Gemeinde!

Dieser gewaltige Text ist ein Klagepsalm ein Lied des Leides ein leidenschaftliches Lied. Jerusalem wurde von Babyloniern erobert und zerstört, der Tempel entweiht und dem Erdboden gleichgemacht, die Priester gefangengenommen, die Menschen geplündert und unterdrückt.

Sie schreien zu Gott. Das Erlebte hat sie aufgewühlt die erfahrene Not und Gewalt die Angst und die Wut alles ballt sich zusammen. Für diese Menschen ist die Welt zusammengestürzt. In der Welt der anderen müssen sie jetzt leben, in der Welt der Gewalttäter.

Sie schreien danach, dass doch deren Welt zusammenstürzen muss – Berge schmelzen. Gott möge sie das Fürchten lehren vor ihm und seinen geschundenen Anhängern.

Sehnlich warten sie auf diesen Tag auf diesen Weltuntergang, den Untergang der ungerechten Welt, unter der sie leiden. Darum dichten und singen diese Menschen einen Klagepsalm,  voll tiefster Sehnsucht, voller Leidenschaft. Der Schrei des Leides.

 

Heute unter uns ist solche Sehnsucht, solche Leidenschaft selten.

 

Dazu lese ich Ihnen ein modernes Lied vor. Ebenfalls gedichtet angesichts des Leides in der Welt. Doch aus einer anderen Perspektive. Hören Sie selbst.

Gerhard Schöne, Mann o Mann

Gestern konntest Du's nicht fassen,

wie man Kinder schlagen kann.

Du hast dich beschimpfen lassen,

sprachst du fremde Eltern an.

Heut behältst du deine Nerven,

flüstert höchstens: „Wie gemein!“

Doch die müssen das ja wissen,

du mischst dich da nicht mehr ein.

          Mann, oh Mann, irgendwann

          gewöhntest du dich dran.

 

Gestern konntest du dich freuen

über einen Luftballon.

Und du sagtest zweimal „Danke!“

für ein Pfefferminzbonbon.

Heut verdienst du dir Pralinen

und du schuldest keinem Dank.

Du erkaufst dir deine Freude

und der Wohlstand macht dich krank.

          Mann, oh Mann, irgendwann

          gewöhntest du dich dran.

 

Gestern musstest du erbrechen,

als im Fernsehen einer starb,

weil er nichts zu essen hatte,

was dir den Appetit verdarb.

Heute kannst du weiter löffeln

und gesättigt schlafen gehn,

denn du hast das fremde Elend

ja nun oft genug gesehn.

          Mann, oh Mann, irgendwann

          gewöhntest du dich dran.

 

 Gestern brachtest du kein Wort raus,

als sie fragte: „Liebst du mich?“

Wie solltest du in Worte fassen,

was das Mädchen ist für dich.

Heute rauchst du ruhig weiter,

wenn sie sich das Hemd auszieht.

Und sagst du zu ihr: „Ich lieb dich!“,

klingst wie „Guten Appetit!“

          Mann, oh Mann, irgendwann

          gewöhntest du dich dran.

 

Gestern hattest du noch Tränen,

kriegtest eine Gänsehaut.

Deine Augen sprühten Fünkchen

und du lachtest gut und laut.

Heute lachst du über gestern,

heut bist du aus anderm Holz,

heut kann dich nichts mehr erweichen,

und darauf bist du noch stolz.

 

Heut sind wir aus anderm Holz als damals Jesaja?

 

Nein! – Ja! – Jain!

Mich hat das Lied immer begeistert und betroffen zugleich.

Das zweite von Gerhard Schöne und

das erste aus den Zeiten Jesajas.

          Mann, oh Mann, irgendwann

          gewöhntest du dich dran.

und

Ach daß du den Himmel zerrißest und führest herab,

daß die Berge vor dir zerflössen, wie Feuer Reisig entzündet und wie Feuer Wasser sieden macht,

 

Die Beter des Klagepsalms in Jesaja 63 wollen ihre Welt nicht mehr. Sie leiden furchtbar unter ihrer Situation.

Darum will ich an Menschen erinnern, die in ebensolcher Not sind. Die Menschen mit Schulden unter uns. Die Schuldnerberatungen arbeiten mit Wartezeiten für die Betroffenen. Armut ist ein Thema mitten unter uns, auch wenn sie versteckt ist, hinter den Fenstern einer Alten Frau mit zu geringer Rente, hinter der lauten Musik die Jugendliche hören um nicht die eigenen Gedanken denken zu müssen.

Und weiter weg hören wir von den Schreien der Verletzten im Jemen, den gefolterten Tibetern im besetzten Land, den Hungernden in Afrika:

 

daß doch die Berge zerflössen und Gott mit donnernder Stimme auf all die Leiden hinweise, damit es die Menschen begreifen, damit es ein Ende nimmt.

 

Es nimmt kein Ende und immer mehr Menschen müssen fliehen vor Krieg und Hunger in andere Länder vor Verzweiflung und Aussichtslosigkeit in Welten der Musik, des Films und der Träume.

Zu Zeiten des Jesajas gab es Not die zum Himmel schreit, zu Gott und heute gibt es solche Nöte und Menschen die zum Himmel schreien – zu Gott:

Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht. Du Herr, bist unser Vater; »unser Erlöser«, das ist von alters her dein Name.

beteten die zurückgebliebenen in Israel. Menschliche Abstammung wird vergessen, durch die Zeit, besonders durch Notzeit. Die Ahnen kennen nicht ihre Nachkommen. Die Verheißungen Gottes gelten den Lebenden. Allen, die ihn zum Vater haben, Ihnen, und mir genauso wie dem Syrer im zerstörten Haus und der Familie im Jemen, die an Cholera erkrankt ist.

Unser Erlöser ist Gottes Name. Gott schreitet ein in dieser Welt. Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohl tut denen, die auf ihn harren.

Gott tut wohl, Gott schreitet ein, doch so wie es kein Ohr vorher gehört hat, so wie es niemand im Leid oder in der Gewohnheit vermutet:

Er kommt als Leidender. Er hat im wahrsten Sinne des Wortes Mit-Leid.

Das ist Frohe Botschaft, für alle die in Not sind. Das ist frohe Botschaft, für alle, denen Menschen in Not nicht gleichgültig sind, das ist frohe Botschaft für alle die sich einsetzen gegen die Not und gegen Gewalt. Das ist frohe Botschaft für alle, die Ungerechtigkeit erleiden oder empfinden. Das ist frohe Botschaft für alle die sich so sehr an das Leid der Welt gewöhnt haben und ihre Sehnsucht verloren.

Gott kommt. Er leidet mit, mit denen die schreien vor Not. Er ist bei denen, die voller Leidenschaft sind.

Und er kommt zu uns anderen und weckt wieder den Schmerz und damit die Sehnsucht nach einer neue Welt, in der wir keine verstockten Herzen mehr haben.

Gott kommt, der Heiland reißt die Himmel auf. Das ist die Adventsbotschaft. Wohl denen die auf ihn harren.

Amen

Und der Friede Gottes der höher ist als alle Vernunft, der be­wahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen



Pfarrer Thomas Jabs
Berlin
E-Mail: Pfarrer.Jabs@kirche-mahlsdorf.de

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