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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

2. Advent, 10.12.2017

Sturheit ist gut – Sanftmut ist besser
Predigt zu Jesaja 63:15-64,3, verfasst von Bernd Giehl

Es gibt neuerdings Menschen, die jeden Morgen mit der Frage erwachen: Steht die Welt noch? Dann ziehen sie die Rollläden hoch, betrachten die Bäume in ihren Garten, schauen aufs Nachbarhaus und beschließen: Ja, sie steht noch. Und vermutlich dreht sie sich auch weiterhin um die Sonne.

Natürlich muss man in diesen Monaten spät aufstehen, um das zu sehen. Wenn man früher aufstehen muss, muss man sich entweder auf sein Gefühl verlassen oder einfach so tun als ob man wüsste, dass es die Welt um einen herum noch gibt.

 

*

 

Die Welt steht noch. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte ist: Wir wissen nicht, wie lange. Am Mittwoch letzter Woche hat der amerikanische Präsident Donald Trump Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkannt und jetzt kann Israel seinen Regierungssitz ganz offiziell von Tel Aviv nach Jerusalem verlegen. Und in seiner Besiedlung der Palästinensergebiete hat es nun erst recht freie Hand, da „Judäa und Samaria“ wie man sie nennt,  ja biblisches Land sind, das den Vorfahren vor ungefähr 3500 Jahren vom Gott Israels versprochen worden ist. Der amerikanische Präsident hat ihnen ja mit seiner Entscheidung, Jerusalem und den Zion zur Hauptstadt Israels zu machen, seinen Segen gegeben und ihnen offiziell mitgeteilt, dass er ihre biblisch untermalte Sicht teilt: Israel soll wieder so groß werden, wie es zu Zeiten König Davids war. Was stören da die Ansprüche von ein paar Palästinensern die einen eigenen Staat haben wollen, mit Ost-Jerusalem als Hauptstadt? Sie können zwar maulen aber Amerikas Präsident schafft Tatsachen.

Die Araber? Sollen die Klappe halten. Und Europa? Wo, bitte liegt das? Kann mir das mal jemand auf der Landkarte zeigen?

 

*

 

In unserem kleinen Kirchenchor haben wir neulich das schöne Lied: „Es kommt ein Schiff geladen“ gelernt, Es gibt nur zwei Stimmen: den Sopran, der die Melodie übernimmt und den Bass, der ein Ostinato singt. Ein Ostinato, so habe ich gelernt, ist eine Tonfolge, die sich immer wieder wiederholt. Sie wird meist vom Bass übernommen, der immer das Gleiche singt, egal was in den anderen Stimmen passiert. „Ostinato“ heißt „hartnäckig, eigensinnig“ und genau das passiert. In dem Lied mit der sanften Melodie singt der Bass immer dasselbe, notfalls (wenn der Dirigent das will) fünf Strophen durch. Der Rest ist zum Zuhören verurteilt

 

 

*

 

Soll man das jetzt gut finden? Das ist wirklich stur. Oder sagen wir „obstinat“, dann versteht es nicht jeder. Donald Trump ist Argumenten nicht zugänglich. Die Bibel in allen Ehren, und als Pfarrer der Evangelischen Kirche bin ich der Letzte, der behauptet, man müsse die Bibel nicht ernst nehmen und sie immer neu auf ihre Relevanz für die Gegenwart befragen. Aber deshalb kann man die Verheißungen Gottes an Israel doch nicht einfach auf die Gegenwart übertragen. Da sind immerhin 3000 Jahre dazwischen, und zwischendurch ist die Welt eine andere geworden. Entweder nimmt man die Bibel wörtlich, oder man nimmt sie ernst.

Aber so ist der derzeitige amerikanische Präsident. Gestern treibt er die Spannungen mit Nordkorea bis ins Unerträgliche und verkündet, er werde dort keinen Stein auf dem Anderen lassen, wenn das Land weiter an seinen Atomraketen bastle und heute erkennt er Jerusalem als die Hauptstadt Israels an. Was wird er morgen tun?

Ich fürchte, ich werde noch lange morgens aufwachen und aus dem Fenster schauen müssen, um mich davon zu überzeugen, dass die Welt noch steht.

 

*

 

Da ist einer obstinat. Stur wie ein Panzer. Nein, ich rede nicht vom amerikanischen Präsidenten. Den gab es damals noch nicht, genauso wenig wie sein Volk. Ich rede von dem Mann, der diese Klage verfasst hat, die so ergreifend ist wie vielleicht ein Gedicht von Rilke. Wie kann er es wagen, so mit Gott zu reden? Mit seinem Schöpfer, der Himmel und Erde gemacht hat. Der über den Himmeln thront. Hat er das vielleicht vergessen? Hat er vergessen, wie groß Gott ist und wie winzig er selbst? „So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung. Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich. Bist du nicht unser Vater, denn Abraham weiß nichts von uns und Israel kennt uns nicht. Du. HERR, bist unser Vater, unser Erlöser, das ist von alters her dein Name.“ Da ist das Gefühl nicht mehr weit, ausgesetzt zu sein „auf den Bergen des Herzens“, wie Rilke es vor hundert Jahren formuliert hat und die letzte Ortschaft nur noch als fernen Punkt in der weißen Einöde zu sehen.[i].

Ob die Zeitgenossen ihr Lebensgefühl auch so formuliert hätten. Abgesehen davon, dass nicht jeder ein Dichter ist, und es so poetisch ausdrücken kann, hätten sie dem Verfasser der Klage wohl zugestimmt. Ja, so ist es, haben sie wahrscheinlich gesagt. Auch wenn sie ihn vielleicht „stur“ genannt haben. Oder ihn gefragt: „Glaubst du wirklich, dass Gott dich hört? Du sagst es doch selbst: Der sitzt in seiner gutgeheizten Wohnung mit den antiken Möbeln und den Perserteppichen hinter schalldichten Doppeltüren. Der hört nicht einmal, wenn es an der Haustür klingelt. Und ans Fenster geht er auch nicht. Der sieht nicht, dass wir auf dem letzten Stück Brot herumkauen und nicht wissen, was wir unseren Kindern als nächste Mahlzeit geben sollen. Den interessieren unsere kaputten Häuser nicht. Also mach nicht so ein Geschrei. Lass ihn in Frieden. Der wird deinetwegen nicht den Himmel in Stücke reißen und uns besuchen. Der wird nicht wissen wollen, wie dreckig es uns geht und wie kaputt unser Land ist. Den interessiert das ebenso wenig wie die Perser, die über uns herrschen. Das persische Reich ist groß und Krösus ist weit.“

Ob er auf seine Nachbarn und Freunde gehört hat? Ich glaube es nicht. Er ist wohl stur geblieben und auch wenn er nicht viel Hoffnung hatte, dass er das Niederfahren Gottes noch zu seinen Lebzeiten sehen würde, hat er weiter darum gebetet.

 

*

Ob stur sein hilft? Manchmal vielleicht schon. Aber stur sein macht auch einsam. Sture Menschen werden oft von anderen gemieden. „Mit dem kann man nicht reden“, heißt es dann.

Also probiere ich es jetzt einmal auf einem anderen Weg. Ich tue jetzt einfach mal so, als ob die Klage geholfen hätte und Gott wirklich den Himmel zerrissen und herabgekommen wäre in unser Elend. Probiere es mit einem Gedicht, das zwar nicht behauptet, es sei alles völlig neu und wunderschön aber immerhin, dass „Das Zerbrechliche dauert“

 

                            Das Zerbrechliche dauert

                            Der, den Maria in der Krippe barg, lebt

                            Die Worte, die sie im Herzen bewegte,

                            bewegen das Herz.

                            Der Blick, mit dem er die Verschmachteten sah,

                            wird erwidert.

                            Der Lobgesang der Unmündigen

                            überdauert die Zeiten.

                            Das Glas, das in Bethanien Maria zerbrach,

                            hat Duft für immer.

 

                            Das Zerbrechliche dauert.

                            Der Kuß, den wir kaum spürten, ist noch da.

                            Die Rose, die Du mir gabst, welkt nie.

                            Der Brief, den ich zerriß, brennt noch.

                            Die Träne Deiner Traurigkeit schimmert stets.

                            Das Glas, aus dem wir Treue tranken, bleibt.

 

                            Das Zerbrechliche dauert.

                            Scherbe, Vogelruf,

                            Träne im Morgenlicht.

                            Es ist besser, zerbrechlich zu sein als eisern.

                            Es ist besser, zerbrechlich zu sein

                            Und im Zerbrechen ein Ganzes ii

 

Ganz schön verwegen, die Behauptung „Das Zerbrechliche dauert. Der, den Maria in der Krippe barg, lebt.“ Stimmt das denn? Zerbricht das Zarte nicht mehr, wenn man es hart anfasst? Und das Kind, das Maria in die Krippe legte, ist auch nicht längst tot? Am Kreuz gestorben, weil er einigen Leuten zu unbequem war? Zu obstinat, um es einmal anders zu formulieren? Weil er darauf bestand, dass man das Schwache nicht zertreten sollte, wenn es am Boden liegt? Oder dass die Sanften die Erde besitzen werden?

Natürlich war er eine Provokation. Weil er ein „Gutmensch“ war, wie das heute so wunderbar überheblich heißt.

 

*

 

Also keine Dauer für das Zerbrechliche. Es sei denn, es wird mit Glacéhandschuhen angefasst. Es sei denn, es steht unter Glas. Meistens tut es das ja nicht. Nur die Bibel behauptet an manchen Stellen, dass das Sanfte siegt. Aber die Bibel kann viel behaupten; nur wir wissen es besser. 

Oder stimmt auch das nicht? In dem Lied „Es kommt ein Schiff geladen“, dem mit dem Ostinato in der Bassstimme, heißt es: „Und wer dies Kind mit Freuden/ umfangen, herzen will/ muss vorher mit ihm leiden/ groß Pein und Marter viel//

danach mit ihm auch sterben/ und geistlich auferstehn/ ewig’s Leben erben/ wie an ihm ist geschehn.“

Am Ende kommt also alles auf das Vertrauen an. Und vielleicht auch ein bisschen auf die Sturheit, mit der man an ihm festhält.

 

 

[i] Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens. Siehe, wie klein dort,
siehe: die letzte Ortschaft der Worte, und höher,
aber wie klein auch, noch ein letztes
Gehöft von Gefühl. Erkennst du's?
Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens. Steingrund
unter den Händen. Hier blüht wohl einiges auf; aus stummem Absturz


blüht ein unwissendes Kraut singend hervor.
Aber der Wissende? Ach, der zu wissen begann
und schweigt nun, ausgesetzt auf den Bergen des Herzens.
Da geht wohl, heilen Bewußtseins,
manches umher, manches gesicherte Bergtier,
wechselt und weilt. Und der große geborgene Vogel
kreist um der Gipfel reine Verweigerung. - Aber
ungeborgen, hier auf den Bergen des Herzens....
Aus: Nachlaß

 

 

ii Wolfgang Thibaut „Das Zerbrechliche dauert“ Verlag am Eschbach 1998



Pfarrer Bernd Giehl
64569 Nauheim
E-Mail: giehl-bernd@t-online.de

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