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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Heilig Abend - Christvesper, 24.12.2017

Glanz in den Augen des Kindes
Predigt zu Jesaja 9:1-6, verfasst von Thomas Schlag

Liebe Gemeinde,

ein Kind in der nebligen Winterkälte. Viel zu kurze Hosen. Aufgeschlagene Knie. Kohlegeschwärzte Handflächen. Ein grauer Wollpullover, der sichtbar schon viel zu viel Nässe aufgesaugt hat. Die deutlich zu knappen Stoffärmel längst ausgerissen. An den blanken Füßen Schuhe, die den Namen kaum noch verdienen.

Die Schwarz-Weiß-Photographie aus dem bitterarmen schottischen Glasgow der 1960er Jahre lässt einen erschaudern. Aber zugleich trifft mich das Gesicht des Kindes mit seinen glänzenden Augen.[1] Es versetzt meine Gedanken- und Vorstellungswelt in Aufruhr.

Was wohl aus dem kleinen Knirps geworden ist in den vergangenen fast 60 Jahren. Unter welchen Umständen er wohl aufgewachsen ist? Ob er überhaupt noch lebt? Alleine in Glasgow erfrieren jedes Jahr mehr als fünfzig Menschen auf der Strasse. Ob er irgendwann einer von ihnen war oder sein wird? Oder ob der arme Tropf ganz unerwartet Schutz und Wärme geschenkt bekommen hat?

Liebe Gemeinde,

Kinderbilder lassen uns nicht kalt – schon gar nicht in der Weihnachtszeit und erst recht nicht in dieser hochheiligen Nacht. Gott sei Dank. Sie bewegen das Herz – so oder so:

Auch dieses Jahr hat die Weihnachtswerbung wieder unsere positivsten Emotionen angerührt. Strahlende Kinderaugen voller süßer Erwartung wurden uns vorführt. Der Dichter Joseph von Eichendorff hat es schon im frühen 19. Jahrhundert in einem Weihnachtsgedicht so beschrieben: „An den Fenstern haben Frauen Buntes Spielzeug fromm geschmückt, Tausend Kindlein stehn‘ und schauen, Sind so wunderstill beglückt.“

Zugleich begegnen uns in den Medien seit Jahren Gesichter und Körper von Kindern, die wahrlich keinen Grund für weihnachtliche Gefühle haben – Kinder in Armuts- und Kriegsgebieten, oder am nassgrauen Strand liegend, viel zu kurze Hosen, Ärmel ausgerissen, Schuhe ohne weitere Verwendung.

Bekanntermaßen sind wir gerade zur Weihnachtszeit besonders ansprechbar auf diese Not. Und so appellieren auch dieses Jahr wieder die Hilfsorganisationen mit Bildern von leidenden Kindern an unser Gefühl und unsere Hilfsbereitschaft. Wenigstens einmal im Jahr sollen wir durch unsere Spende Glücksmomente schenken, „ein Herz für Kinder“ zeigen, „Sternstunden“ ermöglichen. Der SPIEGEL macht dieses Jahr nicht mit einem religiösen Thema auf, hat aber doch ein Kindergesicht mit himmelblauen Augen auf dem Titel – es geht um Wunschkinder.[2] Das dürfte so kurz vor Weihnachten kein Zufall sein. In den Knirpsgesichtern breitet sich das ganze Leben vor uns aus – zum Guten wie zum Bösen.

Kinder lassen uns nicht kalt, sondern lösen offenbar ein heiliges Gefühl in uns aus. Die Psychologen nennen es Kindchenschema: wir sind berührt von den Proportionen eines Säuglingsgesichts, den grossen Knopfaugen, der Stupsnase und den kurzen Ärmchen und Beinchen. Wir sind zutiefst gerührt, wenn ein schlafender Säugling erwacht und mit den Augen zu blinzeln beginnt (– jedenfalls bis er zu schreien beginnt…). Dieses Gefühl braucht das Kind, um überleben zu können. Und unser Beschützerinstinkt ist offenbar immer noch aktiviert. Gott sei Dank.

Auch der heutige Heiligabend breitet eine ganze Beschützergeschichte vor uns aus. Ich wage die Behauptung: Der christliche Glauben entfaltet bis heute seine lebendige Wirkung, weil an seinem Anfang die Geschichte eines kleinen Kindes erzählt wird. Und dies auf höchst ungewöhnliche Weise – wir haben die Geburtsgeschichte vorhin gehört. Hier im Stall spiegelt sich die ganze Menschheitsgeschichte in einer Szene, in einem Gesicht wider.

Aber diese christliche Weihnachtsgeschichte kommt eben nicht im Gewand der süßlichen Inszenierung daher. Es geht nicht der goldene Vorhang einer strahlenden Geburtsgeschichte des zukünftigen Prinzen und grandiosen Herrschers auf. Hier strahlt nicht gleich die Sonne durch die Wolken hindurch wie in der genialen Anfangs-Taufszene des Disney-Films „Königs der Löwen“. Sondern in diesem Stall bleibt es erst einmal abgrundtief dunkel.

Die Geschichte der Krippe beginnt als Geschichte tiefster und dunkelster Schutzlosigkeit. Bevor wir staunen können über die frohe, helle Botschaft, herrscht existentielle Not. Von Beginn an zieht uns dieses Kind in unsere eigene Gefühlswelt hinein. Eigentlich genauso, wie es der Prophet Jesaja angekündigt hat – in seinen „poetischen Worten eines komplett neuen, frischen, spektakulären und bedingungslosen Anfangs“ (Walter Brueggemann):

1 Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.

2 Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude. Vor dir freut man sich, wie man sich freut in der Ernte, wie man fröhlich ist, wenn man Beute austeilt.

3 Denn du hast ihr drückendes Joch, die Jochstange auf ihrer Schulter und den Stecken ihres Treibers zerbrochen wie am Tage Midians.

4 Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt.

5 Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst;

6 auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er's stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Solches wird tun der Eifer des Herrn Zebaoth.

Menschheitsfriede durch ein kleines Kind. Dies ist die wundervoll prophetische Hoffnung dieses Anfangs. Was für eine geniale, zutiefst mitmenschliche Perspektive! Und was für eine unglaubliche Umkehrung der Verhältnisse: Der herbeigesehnte Friede wird nicht durch einen politischen Herrscher oder irgendwelche Religionsführer, welcher Couleur auch immer, hergestellt. Gerechte Verhältnisse entstehen weder durch Verfassungsartikel noch durch juristischen Beistand. Die Zukunft wird nicht durch menschlich-ökologischen Sachverstand oder akademisches Fachwissen gesichert. Sondern die Welt wird neu durch ein Kind. Das natürlich noch nicht sprechen kann – aber uns gerade so alles Wesentliche vor Augen führt. Die Philosophin Hanna Arendt hat es so formuliert: „Geborensein und Anfangenkönnen – beides zusammen macht die menschliche Existenz aus.“

Aber man täusche sich nicht. Dieser neue Anfang ist schmerzvoll und mühsam. Erst ganz langsam, ganz im Kleinen, wird es hell. Wenn man es genau nimmt, dann geht uns heute erst anfänglich ein Licht auf. Diese Freude, von der wir singen, der ganze Engelchor werden erst vor dem Hintergrund dunkler Furcht und Schutzlosigkeit überhaupt begreifbar. Hier an der Krippe treffen Dunkelheit und Helligkeit wie in einem großen Menschheitsdrama aufeinander. Furcht und Hoffnung, Schmerzen und neues Leben auf denkbar engstem Raum.

Aber ist es nicht furchtbar naiv, sich heute im Jahr 2017 immer noch eine reine Friedensgeschichte vorzustellen – ist das nicht etwas nur für Kinder und deren Krippenspiele? Warum sollte gerade vom heutigen Heiligabend an alles friedlich und gerecht werden? Denn wir sind auch dieses Jahr – leider Gottes – wieder erschüttert von Attentaten und unfassbarer Gewalt. Nicht wenige von uns fürchten mitten unter uns einen erneuten Anschlag: Auf einem Weihnachtsmarkt, einem Weihnachtsgottesdienst, einer Silvesterfeier. Was sollen wir hoffen, was sollen wir tun? „Friede durch Macht“ – so hat es der US-amerikanische Präsident vor wenigen Tagen in einer neuen „Sicherheitsstrategie“ ausgegeben. „Friede durch Macht“? Ist das die ultimative Friedenslösung?

Nein. Vom weihnachtlichen Friedens-Fürsten in der Krippe geht eine ganz andere Botschaft aus. Und diese setzt weder auf militärische Stärke noch ist sie einfach blauäugig naiv. Sondern – wenn man auf das lateinische Wort für Geburt „nativitas“ zurückgehen will – dies ist sozusagen eine „native“ Anfangsgeschichte. Eben kein naives süßliches Zuckermärchen, das irgendwann einfach zu Ende gelesen ist. Sondern eine Geburts-Liebesgeschichte, die uns weihnachtlich die Augen öffnen will.

Der englische, viel zu früh verstorbene Sänger David Bowie hat diese liebevolle Anfangsdynamik in ein Liebeslied gefasst: „We‘re absolute beginners, With eyes completely open, But nervous all the same. But if my love is your love. We‘re certain to succeed.“ „Wir sind absolute Anfänger. Mit total geöffneten Augen. Und doch nervös. Aber wenn meine Liebe auch Deine Liebe ist, wird es uns sicherlich glücken.“ Jesaja bringt es biblisch auf den Punkt: Du Gott weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude. Vor dir Gott freut man sich.

Heute am Heiligen Abend ermutigt und befähigt uns ein kleines Kind, ein blinzelnder (und vermutlich bald schreiender…) Säugling, die Augen weit zu öffnen. Wenn man die Weihnachtsszenerie genauer betrachtet, sind es gar nicht die Engel, die das Licht zum Leuchten bringen. Sondern alles beginnt erst zu glänzen, weil dieses Licht auf das Kind fällt und wir dessen offene Augen sehen.

Und von diesem Glanz aus fällt neues, anfängliches Licht auf die gegenwärtigen Verhältnisse. So wie es eben Jesaja angekündigt hat: „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.“ Diese Worte sind kein oberflächlich-maives Daherreden. Sondern sie sind wie die ganze Krippengeschichte ein „natives“, geburtliches Davonsprechen.

Wie bitter nötig ist neues Licht in der gegenwärtigen Welt – so sehr wie damals schon in der kriegerischen Lebenswelt des Propheten Jesaja, von der er sagt: Jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt.

Aber immer noch herrscht kein Frieden auf Erden „unter den Menschen seines Wohlgefallens“? Friede durch Macht? Aber welche Macht? Natürlich benötigen wir gerade in diesen Zeiten allen nur denkbaren Schutz – durch staatliche Organe, Polizei, Militär, Politik. Aber wird durch diese Mächte wirklich Frieden einkehren? Geht es gegenwärtig wirklich in erster Linie um militärische Power? Natürlich dürfen wir nicht blauäugig sein – Friede und Gerechtigkeit benötigen Maßnahmen und beherztes, kompromissloses Eingreifen.

Aber Frieden und Gerechtigkeit benötigen zuallererst Maßstäbe, an denen wir uns orientieren können, wenn wir beherzt eingreifen wollen. Und hier darf man – um es noch einmal weihnachtlich und ganz nativ zu sagen – aus lauter Furcht das Kind nicht mit dem Bade ausschütten.

Das weihnachtliche „Fürchtet Euch nicht!“ hat eine ganz eigene, ganz klein anfangende Energie. Die weihnachtliche Botschaft spricht nicht groß, sondern ganz anders von Macht: Von der Vollmacht eines Kindes, das unser ganzes Leben neu ins Licht stellt. Menschliches Leben bleibt gefährdet und bedroht. Aber wir müssen jetzt nicht erstarren.  

Denn der Heilige Abend öffnet uns ganz im Kleinen die Augen davon, wo die eigentliche Hoffnung liegt: Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst. Wie große, fast übermächtige Titel für ein einzelnes Kind. Und doch soll man auch jetzt als Hörerin und Hörer nicht in Ehrfurcht erstarren. Denn diese Aufzählung dient vor allem dazu, das Wunder des kleinen friedlichen und gerechten Anfangs in helle Sprachklänge zu übertragen.

Zugleich wäre es grob fahrlässig, wenn wir unseren Beschützerinstinkt nur auf die kleinen Kinder dieser Welt und deren Leid und Überleben konzentrieren würden. Der Heilige Abend ist im wahrsten Sinn des Wortes eben nicht nur für die Kinder da. Dieses eine Kind Jesus in der Krippe öffnet uns die Augen dafür, dass alle Menschenkinder Gerechtigkeit und Frieden bitter notwendig haben. Was für eine Provokation: In politischer, gesellschaftlicher, ökonomischer und religiöser Hinsicht!

Wir sind unbedingt in der Pflicht, allen Menschen so zu begegnen, als wären sie selbst noch kleinste, neugeborene, schutzlose Wesen. „Wir sind absolute Anfänger. Mit total geöffneten Augen. Und doch nervös. Aber wenn meine Liebe auch Deine Liebe ist, wird es uns sicherlich glücken.“

Weihnachtsfreude im Jahr 2017 bedeutet: Wir dürfen, ja wir sollen mit unseren Mitmenschen immer wieder neu anfangen. Wir dürfen heute durch diese Geburt neu zu leben beginnen. Und der glänzende Maßstab für das Zusammenleben ist ganz leicht zu erfassen: Es geht um nicht mehr als in jedem anderen Menschen das würdevolle Menschenkind zu sehen. Die weihnachtliche gute Nachricht lautet: Jeder ist so schutzbedürftig und verletzlich und schützenswert wie der kleinste Säugling. Weihnachten bedeutet: den Glanz in den Augen aller Menschenkinder zu sehen – ohne Ansehen der Person. Der Schweizer Theologe Leonhard Ragaz sagt es so: „Die Anfänge vor allem sollen rein gehalten werden. Sie müssen und sollen nicht gross sein, aber sie müssen und sollen rein sein." Das ist die dynamische, ganz frische und neue Botschaft, die von diesem Heiligen Abend ausgeht – vom Licht, das vom kleinen, mächtigen Glanz der Krippe ausstrahlt.

Was wohl aus dem damaligen kohlegeschwärzten Menschenkind mit den glänzenden Augen im schottischen Glasgow der 1960er Jahre geworden ist? Ich wünsche mir, dass der kleine Knirps einem Menschen mit Beschützerinstinkt begegnet ist und barmherzigen Schutz gefunden hat. Jemanden mit offenen Augen und viel weihnachtlicher Hoffnung.

Amen.

 

[1] Dieser Predigtanfang ist inspiriert von den Photographien von Bert Hardy [https://www.nationalgalleries.org/art-and-artists/51144/glasgow-gorbals-picture-post-4-9-two-boys-street], und David Peat [https://www.nationalgalleries.org/art-and-artists/128305/eye-street-glasgow-1968-comforting-arm], die in der Ausstellung der Scottish National Portrait Gallery „When We Were Young: Photographs of Childhood from the National Galleries of Scotland“ zu sehen sind.

[2] DER SPIEGEL Nr. 51, vom 16.12.2017.



Prof.Dr. Thomas Schlag
Edinburgh/Zürich
E-Mail: Thomas.schlag@theol.uzh.ch

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