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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Heilig Abend - Christvesper, 24.12.2017

Noch im Finstern – schon im Licht
Predigt zu Jesaja 9:1-6, verfasst von Wolfgang Schmidt

Liebe Gemeinde,

 

Thronfolger bringen die Welt zum Jubeln. "Das ist ein freudiges Ereignis für ganz Dänemark," gratulierte der dänische Ministerpräsident Rasmussen, als dem Königshaus 2005 ein Thronfolger geboren wurde. Und als Prinzessin Kiko 2006 einem Thronfolger das Leben schenkte jubelte ganz Japan. Die Fernsehsender blendeten die Nachricht von der Geburt ins laufende Programm ein, Zeitungen brachten Sonderausgaben heraus. Kaiser Akihito und Kaiserin Michiko strahlten, als sie während eines offiziellen Besuchs in Sapporo im Norden des Landes ihr Hotel verließen. Vor dem Gebäude jubelte ihnen eine Menschenmenge zu und schwenkte japanische Fahnen. Und als Prinz William und seine Frau Kate der britischen Monarchie 2015 die Nummer vier der Thronfolge bescherten, titelte die Badische Zeitung: „Großer Jubel für ein kleines Baby“.

 

„Großer Jubel für ein kleines Baby!“ Etwas von solchem Jubel, liebe Gemeinde, von solcher Freude über die Geburt eines Thronfolgers, atmet der heutige Predigttext: „Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude. Vor dir wird man sich freuen, wie man sich freut in der Ernte“. Lobt Gott, ihr Christen alle gleich, in seinem höchsten Thron, der heut schließt auf sein Himmelreich und schenkt uns seinen Sohn! Der Predigttext atmet die Begeisterung darüber, dass für den Thron Davids endlich ein würdiger Nachfolger das Licht der Welt erblickt hat. Unter seiner Herrschaft wird sich ein Reich des Friedens in Recht und Gerechtigkeit ausbreiten. Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden.

 

Ein Kind geboren, ein Sohn gegeben, die Herrschaft auf seiner Schulter. Wie ein Bulletin vom Königshof klingt das. Der Palast gibt sich die Ehre, bekanntzugeben…. Die Geburtsanzeige informiert das Volk sogleich auch über den Namen des Thronfolgers: „Uns ist ein Sohn gegeben, und er heißt, Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst.“ Was für ein Name! Was für ein Name für ein Kind! Nomen est omen sagt das Sprichwort: „Der Name ist ein Zeichen“. Der Name ist Programm, könnte man sagen. So wie sich Päpste nach Benedikt nennen oder nach Franziskus oder nach Johannes, je nachdem wie sie ihr Amt verstehen. Der Name ist Programm. So auch bei dem neugeborenen Sohn: „Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst“. Er heißt, wie er sein wird: Wundervoller Ratgeber, ein Held aus Gott, vom Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens für alle Welt. Er heißt, was er darstellt. So wie Eltern ihre Tochter Felicitas oder ihren Sohn Felix nennen, weil sie ihnen ein glückliches Leben wünschen. „Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst“. Sein Name ist Programm.

 

Heute feiern wir seinen Geburtstag. Ganz genau wissen wir ja nicht, wann Jesus geboren ist. Etwa im 4. Jahrhundert hat sich die Zeit der Wintersonnwende als Geburtstag des Heilands durchgesetzt. Es ist der Zeitpunkt im Jahr, wo sich die Dinge zum Besseren wenden. Wenn die Finsternis sich zum Äußersten ausgebreitet hat und die längste Nacht des Jahres überstanden ist, werden die Tage wieder länger. Es geht wieder aufwärts, dem Licht entgegen, dem Leben, dem Wachstum. „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht.“ Das Licht nimmt zu. Unsere Vorfahren haben diesen symbolträchtigen Zeitpunkt im Jahr für Jesu Geburtstag gewählt.

 

Apropos Geburtstag: Wenn ich gelegentlich einmal auf die Geburtsanzeigen unserer Söhne stoße, ist das zumeist Zufall. Ich suche selten danach. Wir schreiben uns ja täglich SMS oder schicken uns Bilder. Wir treffen uns trotz der Entfernung ein paar Mal im Jahr. Ich brauche mich nicht dessen zu versichern, dass sie geboren sind. Ich erlebe sie unmittelbar. Anders ist das bei Jesus. Seine Geburtsanzeige lesen wir regelmäßig wieder, jedes Jahr an Weihnachten. Und das ist gut so. Solange wir ihn nicht sehen von Angesicht zu Angesicht tut es gut, wenn wir uns regelmäßig daran erinnern lassen, dass der Friedfürst geboren ist, dass Christus lebt. „Uns ist ein Sohn geboren und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter“. Das ist keine Zukunft. Das ist Gegenwart. Das ist geschehen. Christus herrscht. „Über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.“ Es scheint hell!

 

Wie schauen wir auf die Welt, liebe Gemeinde? Schauen wir mit den Augen, die sich über die Jahre und Jahrzehnte an die Finsternis gewöhnt haben? Dann sehen wir nur das Elend, das uns umgibt, die Knechtschaft, die der Erdengeist über uns versucht auszuüben. Ich bin heute über den Checkpoint nach Bethlehem gefahren, wie schon so oft. Ich sehe das Joch auf dem Rücken des palästinensischen Volkes, das sich in 50 Jahren Besatzung ins Fleisch der Menschen eingeprägt hat. Aber während ich dieses Joch sehe, glaube ich daran, dass es in Christus bereits zerbrochen ist. Menschen leben unter der Herrschaft der Besatzung, aber mit den Augen des Glaubens schauen sie auf die Herrschaft des Friedefürsten aus Bethlehem. Als Christen leben wir in zwei Welten, die ineinander verschränkt sind: Es ist als hinge der eine Arm noch tief in der Dunkelheit und wir spüren an unserem Fleisch die Folterwerkzeuge, die in der Finsternis ihr Unwesen treiben. Aber die andere Seite steht im Licht. Dort spüren wir, wo unser Zuhause ist, wo wir Bürger eines anderen Landes sind, einer anderen Welt, einer anderen Herrschaft, der wir angehören durch unseren Glauben. Dort regiert der Friedefürst, der uns vom Joch der Unterdrückung frei gemacht hat, der uns ins Licht stellt, inmitten der Finsternis. Wie schauen wir auf die Welt, liebe Gemeinde? Schauen wir mit den Augen, die sich über die Jahre und Jahrzehnte an die Finsternis gewöhnt haben? Mit Augen, die schon fast blind geworden sind für das Licht? Oder schauen wir von Weihnachten her, von dem Sohn her, der uns gegeben ist, von dem Licht, das über uns aufgegangen ist? Ist uns zum Jubeln zumute, wie man sich freut in der Ernte? Oder hat unser Herz nur noch Worte der Klage bereit?

 

„Uns ist ein Kind geboren und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter.“ Er ist geboren. Er ist uns gegeben. In ihm leben wir im Licht, auch wenn es noch so finster um uns herum ist. „Du hast ihr drückendes Joch, die Jochstange auf ihrer Schulter und den Stecken ihres Treibers zerbrochen“. Der Sohn hat uns frei gemacht. Für uns ging er in den Tod am Kreuz und hat in der Auferstehung ein neues Leben hervorgebracht. Für uns! So heißt es ja in seiner Geburtsanzeige: Uns ist er geboren! Uns! Da wo in der Geburtsanzeige normalerweise die Namen der Eltern stehen, da sind wir genannt. Uns ist er geboren. Uns zugute. Es ist wie das berühmte Wort von Angelus Silesius sagt: „Wär´ Christus tausendmal zu Bethlehem geboren, doch nicht in dir: du bliebst noch ewiglich verloren.“ - „Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben und er heißt, Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter.“  Wir leben in seinem Königreich!

 

Der Bibeltext nimmt dabei die Erfahrung des Widerspruchs auf, den wir so schmerzhaft erleben. „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht. Über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.“ Im Finstern und doch im Licht! Dieses Leben im Widerspruch ist so schwer auszuhalten! Denn dieser Widerspruch hat sich ja noch längst nicht aufgelöst. Das Licht dringt in die Finsternis, aber noch ist nicht jeder Winkel davon erfüllt. Noch ist die Finsternis nicht gänzlich dem Licht gewichen, liebe Gemeinde. Der Tod bedrückt uns. Der Krieg quält uns, Armut und Unterdrückung verdunkeln das Leben von Millionen. Aber „über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.“

 

Während die ganze erste Hälfte des Predigttextes von der Gegenwart spricht, die mit der Geburt des Sohnes angebrochen ist, so tauchen im letzten Drittel Formulierungen auf, die auf die Zukunft gerichtet sind: „…auf dass seine Herrschaft groß werde“, heißt es da, „und des Friedens kein Ende sei in seinem Königreich, dass er’s stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit.“

 

„Dass sie groß werde,“ heißt es, …die Herrschaft groß werde. Das Wörtlein „werde“ sagt uns: Es ist etwas in Entwicklung, liebe Gemeinde. Es ist auf dem Weg. Es ist etwas da und es wird einmal groß werden. Noch sind wir Kinder zweier Welten, aber die Welt des Himmlischen wird wachsen und groß werden. Am Horizont steht ein Reich des Friedens, das sich auf Recht und Gerechtigkeit stützt. Ist das nicht gerade in diesem Land mit so viel Ungerechtigkeit und Missachtung des Rechts für uns Christen ein Maßstab jeder künftigen Entwicklung: ein Frieden, der dem Recht und der Gerechtigkeit Raum gibt! Ein Frieden ohne Recht und Gerechtigkeit verdient den Namen nicht. Frieden aber, der sich auf Recht und Gerechtigkeit gründet – das ist die biblische Leitlinie für unser Handeln, für unser Leben, für unser gesellschaftliches Wirken. Dazu ist Jesus geboren; das sind die Maximen der Herrschaft, die auf seiner Schulter liegt. Das ist das Grundgesetz seines Königtums. Frieden, der sich auf Recht und Gerechtigkeit stützt.

 

Wenn wir von Weihnachten her auf die Welt schauen, sind wir frei, in diesem Königtum zu leben, frei daran mitzubauen, darin mitzuwirken, selbst wenn die Finsternis noch nicht geschwunden ist. Wir trotzen der Finsternis. Wir stellen uns ins Licht und geben ihm Raum mit unserem Leben im Vertrauen auf Gott selbst, von dem am Ende heißt: „Solches wird tun der Eifer des HERRN Zebaoth.“

 

 



Propst Wolfgang Schmidt
Israel
E-Mail: propst@redeemer-jerusalem.com

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