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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Heilig Abend - Christvesper, 24.12.2017

Predigt zu Jesaja 9:1-6, verfasst von Jörg Coburger

Jesaja soll mit festlichen und mutigen Tönen einmal so richtig den Mund vollnehmen dürfen. Er nennt große Gottesnamen, die zugleich Inhalt und Programm sind:

 

Er kommt ans Ziel.

Er ist der wahre Shalom.

Er bringt Dauerhaftigkeit mit,

   sein Plan mit der Welt ist heilvoll und gut.

 

Wir werden mit diesem festlichen Ton aber nicht einfach nur überfahren:

Wir dürfen uns dafür Zeit nehmen. Alles beginnt mit uns selbst: „Das Volk, das im Finstern wandelt“ … dieses Volk sieht ein großes Licht.

Alles lebt von diesem Kontrast: Licht und Finsternis, also so, wie unser Leben selbst heute ist. Wer könnte schon sagen, es sei nur das eine oder nur das andere allein? Nur Licht und nur Finsternis? Es will einfach kein Frieden werden, nicht nur wegen der täglichen Autobomben und der Entführungsindustrie, sondern auch unsere Sprache, und nicht nur sie, im eigenen Land, ist oft erfüllt von Hass und Häme. So sind wir nun hier angekommen. Erfüllt noch von Unruhe und doch schon angesteckt von der Sehnsucht, eine gute Nachricht zu hören.

Wir sind auf der Suche nach einer guten Nachricht. Einer guten Nachricht, der wir langfristig glauben und vertrauen können. Zugleich ist es eine Nachricht die die Differenz von Gegenwart und Zukunft nicht verschweigt. Bertolt Brecht lässt grüßen: „Aber das das, das Leben ist nicht so“ Hier wird nicht einfach nur beschrieben wie die Welt gerade ist – da genügte auch eine Tageszeitung, aber eine gute bitte! - sondern wie sie sein könnte. Liebe Gemeinde, ich weiß, ich weiß, die Nachrichten dieses Jahres sprechen allesamt dagegen. Wir haben ein Jahr mit vielen Schreckensnachrichten hinter uns: Korea, Jerusalem, Washington, Deutschland, A-Dorf, B-Dorf, C-Dorf… So wie es ist bleibt es nicht. Das ganze Land scheint von Hetze und Argwohn vergiftet. Nein, leider nicht nur von der AfD, sondern auch andere, die durchaus seriös einherkommen.

 

Was aber der Prophet Jesaja aufgreift an durchmischtem Leben von Freude und Angst, wird verwandelt in die Frohe Botschaft des Heiligen Abend. Das liegt ja nicht an uns; fürchtet, beklagt euch nicht, das kommt allein vom Herrn. Aus diesem Grund, wegen des Gottesgeschenkes dürfen wir diesen Abend doch so nennen: Heilig Abend. Mitten in die unheiligen und unheilvollen Zustände heute noch kommt Gott und hält sich nicht fern.

 

Und das können wir nicht einfach nur hinnehmen: Dass Gott uns nahe kommt. Indem er kommt, hat er doch eine Entscheidung getroffen: `Du bist mir lieb und wert, liebes Menschenkind.` Wir können es so sagen: In der Heiligen Nacht hat Gott gewählt, er hat entschieden und zeigt mir, wie ich vor ihm dran bin. Gott lässt sich in diesem kleinen Kind im Stall zu Bethlehem in sein Herz schauen und hält sich mir nicht verborgen.

 

In der Heiligen Nacht zeigt uns Gott seine ganze Liebe. Er hat den Stall gewählt, er kommt nicht hoch zu Ross, er erwählt, das Unscheinbare, das Geringe, das in unseren Augen Mickrige. Wir wählen anders als Gott. Wir wählen nach der Qualität des zu Erwählenden. Gott erwählt nach Qualität seines Herzens: In Liebe.

 

Die frohe Botschaft: unser oft gnadenloser Konkurrenz- und Auswahlkampf ist nicht Gottes Sache. Er sieht uns anders. So ist Gottes Liebe. Diese Liebe erhebt und erfüllt mich. Sie macht mich groß und hebt mich hoch zu Ehren – wie wir im Advent gesungen haben. Bis jetzt aber kann die Wahl Gottes missverständlich bleiben, etwa: Gott wolle, dass das Geringe, das Verachtete immer verachtet bleibe. Im Gegenteil, Maria z.B. wusste und besang das; er hat der Niedrigkeit Beachtung geschenkt und sie wieder hoch erhoben. Und die Hirten „aus der Unterschicht“ erfahren die Botschaft der Engel zuerst. So, wie Gott immer das Verlorene sucht, um es nicht verloren bleiben zu lassen, so kommt er im unscheinbar kleinen wehrlosen Kind, das doch niemand wird besiegen können. Er wird der Bruder der Leidenden am Kreuz und die Welt lacht darüber. In dieser Absage an diese Macht überwindet, ja besiegt er die stolze Welt.

 

Wir Klugen stehen als Törichte vor Gottes Weisheit. Nur scheinbar hören wir unseren eigenen, gewohnten Klang der Welt, große aufgebauschte Begriffe zu benutzen, alles aufzublähen mit tollen Titeln und hinter Fassade der großen Worte sind es oft anders aus. Es ist nur scheinbar auf dem ersten Blick dasselbe: „Und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friedefürst.“ Als ob Gott um unseren Ruf nach der „Starken Hand“ wisse und auf ihn höre, macht er sich auf. Doch seine Stärke ist anders, vor allem nicht verblüffend oder überrumpelnd, gewalttätig und pöbelnd schon gar nicht.

 

Wie aber geschieht das? Er kommt als kleines Kind. Nun müssen wir überlegen, was ist wahrhaft groß? Er hat entschieden, hat gewählt, hat entschieden, und uns großen Leuten die Kinder vor Augen und Herz gestellt. Heute scheinen Kinder ja wieder unserer Erwachsenenwelt im Wege zu sein. Für Jesus waren Kinder das Fenster ins Himmelreich. Schaut sie euch an! Er stellte sie, die an den Rand Gedrängten, zurück ins Zentrum, in die Mitte und hat sie den Erwachsenen zum Vollbild gemacht. Werdet wie sie – hat er gesagt. Kinder sind das Licht der Zukunft, wo keine Kinder gewollt sind, wird es dunkel im Land. Und Jesus der Christus im armen Stall zu Bethlehem, birgt als kleines Kind das ganze tiefe heilige Geheimnis Gott in sich. Schaut nur, schaut mit Glauben, schaut mit eurem Kinderherz, ihr Großen und Kleinen und ihr werdet in ihm das Geheimnis Gott zu schauen wissen. In dieser Unscheinbarkeit ist er der Herr. Gott sorgt sich selbst als Kind um euch, dass es hell wird. Und er macht das auf seine Weise. Gott hat entschieden und das Heil der Welt an das Kind zu Bethlehem gebunden.

 

Dort macht er aus der Krise etwas. Mehr noch, denn dass er selbst uns krisenhaft in Finsternissen und an Dunkelheiten heranführt und unter dem Schatten seiner Flügel das Volk Gottes „fein lustig bleiben“ kann, ist sein Handwerk und seine Art. Alles an ihm ist ein großes „Fürchtet euch nicht!“. Und sei es durch Krankheit und Tod hindurch, hineingeführt ins Dunkel, sehen Menschen die im Finstern leben, heißt Bedrohung, Erniedrigung, Gewalt, Entwürdigung ihre Menschenwürde wieder, die ihnen von Gott her geschenkt ist. Gottes Lichtblick für die ganz unten. Er gibt dieses aber nicht, wie die Welt es gern friedensbringend üblicherweise aus dem Boden stampft; gibt es nicht, wie sie es gewohnt gerne sozial oder waffentechnisch machen will, sondern indem sich der Würdenträger zum Bürdenträger der Welt stellt, das Gotteslamm, und so der Glaubende sichtbar in der Nacht des offenen Himmels seine verborgene Herrlichkeit zu gewahren vermag. Zu sehen vermag, dass der Erniedrigte, knechtgewordene Herr zugleich der erhöhte rettende Herr ist. Ihm allein gebührt das „Friedensfürst“ und „Ewig-Vater“. Wegen unserer Verhältnisse hier und heute ist diese Nacht nicht heilig, sondern weil das Heilige ins Unheilige einbricht.

 

Und wir? Von uns ist hier kaum die Rede. Ja, doch, schon, als dem Volk im Finstern, das Gottes Licht überstrahlt. Aber auffällig nicht so: Tut also dies, macht nun das…! Allein wird von Gottes Geschenk gesungen, das genügt heute Abend. Aber doch sind wir die Angeredeten. Wir sind die Beschenkten. So kommen wir vor. An unsere Adresse geht: „Fürchtet euch nicht, denn euch ist heute der Heiland geboren.“ Mehr nicht, aber das ist alles. Ein Mensch.

 

Und von da an ist der Mensch Jesus Christus für immer Maßstab und Mitte dessen, was wir schon so oft in den unterschiedlichsten Gesellschaften als human oder menschlich ausgegeben haben. Das wird sich für immer an Jesus messen lassen müssen. Und dazu gehört ganz zuerst, dass weder in der damaligen brutalen römischen Welt noch heute immer erst jemand verschwinden oder gedemütigt werden muss müssen, damit wir glücklich sein können.

 

Der Jubel: Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns gegeben! Noch einmal stutze ich und halte inne. Komisch nicht wahr, wir feiern einen seltsamen Geburtstag. Hat schon mal jemand von uns einen Geburtstag gefeiert, wo er als Gast reich beschenkt wurde und nicht das Geburtstagskind? Und dann beschenken sich die Gäste alle untereinander und haben wochenlang nichts anders im Sinn, als nicht dem Kind, sondern sich gegenseitig untereinander Freude zu bereiten. Ja, und das nicht alleine, wenn wir genau hinschauen kann man in Europa den Eindruck gewinnen, dass viele auch ganz gut ohne das Geburtstagskind den Geburtstag des Geburtstagskindes feiern können, es fehlt irgendwie gar nicht, nur dass es ihnen selbst gut geht und an nichts fehlt.

 

Also ich verstehe sehr gut, dass viele Menschen den Sinn einen solchen Geburtstagfeier gar nicht mehr verstehen und es für ganz leer und nur rein äußerlich erachten, ohne Inhalt, nur noch eine Kauf-Ritual. Sie wissen nichts nichts vom Neugeborenen. Aber ich habe eine Idee und mit mir viele, weltweit: Was wäre denn, wenn wir das Kind einfach in die Mitte setzen, wie wäre es, wenn sich alles nur noch um dieses Kind dreht? Das Kind ist die Mitte und wir versammeln uns um das Kind herum. Nicht wir sind Hauptperson, sondern Jesus. Das wird ein Fest, ein Fest, dass auch dann, wenn die Bäume weg und die Weihnachtssachen wieder auf dem Boden sind, nicht endet. Wie wäre es, wenn wir das ganze Jahr mit den Engeln singen: „Ehre sei Gott in der Höhe!“ Wer den ehrt kommt nämlich selbst nicht zu kurz, im Gegenteil; je mehr Christus in mir Raum gewinnt, desto mehr finde ich zu mir selbst! Und noch während ich mir ein Loch in den Bauch freue, erschrecke ich schon wieder vor meinen eigenen Gedanken: Was ist dann, wenn das Geburtstagskind der Mittelpunkt des Geburtstags ist?

 

Was schenke ich ihm? So herum überlege ich.

Welche Geburtstagswünsche sage ich ihm?

Was verspreche ich dem Kind?

Was braucht das Kind von mir?

Was lege ich dem Kind hin?

 

Entschuldigung, einen Wunsch, einen einzigen habe ich am Ende doch und wird mir erlaubt zu sagen: „Bleibe für immer, geh nie wieder weg.“ Das Kind hat soweit ich weiß, bislang nirgends widersprochen, als ob sein Bleiben je eine Frage gewesen wäre. Ja aber… und ein letztes Erkennen: Es steht gar nicht um die Frage, ob er mich verlässt…



Pfarrer Jörg Coburger
Weissbach
E-Mail: joerg.coburger@gmx.de

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