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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

4. Advent, 24.12.2017

Predigt zu 2. Korinther 1:18-22, verfasst von Manfred Wussow

  1. Kor. 1,18-22

 

Bei der Treue Gottes, unser Wort an euch ist nicht Ja und Nein zugleich.

Denn der Sohn Gottes, Jesus Christus, der unter euch durch uns gepredigt worden ist, durch mich und Silvanus und Timotheus, der war nicht Ja und Nein, sondern das Ja war in ihm.

Denn auf alle Gottesverheißungen ist in ihm das Ja; darum sprechen wir auch durch ihn das Amen, Gott zur Ehre.

 

Gott ist's aber, der uns fest macht samt euch in Christus und uns gesalbt hat

und versiegelt und in unsre Herzen als Unterpfand den Geist gegeben hat.

 

 

 

Predigt

 

Der verschwundene 4. Advent

 

Der 4. Advent, heute ausnahmsweise liebevoll Herr Vier genannt, ist heute traurig. Ich schaue ihn an. Er ist dem Weinen nahe. Was hast du, frage ich. Dann rückt er mit der Sprache heraus: Mich gibt es heute gar nicht. Wie? Sage ich. Es ist doch 4. Advent! - Ja, aber heute ist Weihnachten! Schluchzt Herr Vier. Mich braucht man nicht. Sogar die Geschäfte haben geöffnet. Die Leute hetzen noch herum, kaufen ein, sind wie auf der Flucht. Sie überrumpeln mich. Ach so, höre ich mich sagen. Stimmt ja sogar: heute denken alle nur noch an heute Nachmittag, an Hl. Abend. Herr Vier ist abgemeldet. In vielen Kirchen ist er auch verschwunden. Kommt ja so wieso keiner. Ist gesagt worden! Ein wenig verschmitzt lächle ich dann aber: Ich brauche dich, Herr Vier!

 

Und jetzt freue ich mich, dass ich einfach abschalte, durchatme, noch einmal die Adventslieder singe und mit einem guten Gefühl im Bauch – und im Herzen - die Weihnachtstage erwarte. Ich weiß, für viele Menschen sind das harte Tage. Viele sind alleine. Viele haben ganz große Erwartungen. Viele werden sich wieder streiten. Alte Geschichten kommen hoch, vermischen sich mit Kindheitserinnerungen und wachsen sich zu Gespenstern aus. Nicht nur der Frieden in der Welt ist brüchig – der Weihnachtsfrieden ist es auch. „Friedlich“ und „besinnlich“ ist aber der Traum, der von Jahr zu Jahr neu wächst, oft herb enttäuscht wird und doch nicht tot zu kriegen ist.

 

Komm, Herr Vier!

 

 

Konflikt in Korinth

 

Hören wir, was Paulus in seinem 2. Brief an die Gemeinde in Korinth schreibt:

 

Bei der Treue Gottes, unser Wort an euch ist nicht Ja und Nein zugleich.

Denn der Sohn Gottes, Jesus Christus, der unter euch durch uns gepredigt worden ist, durch mich und Silvanus und Timotheus, der war nicht Ja und Nein, sondern das Ja war in ihm.

Denn auf alle Gottesverheißungen ist in ihm das Ja; darum sprechen wir auch durch ihn das Amen, Gott zur Ehre.

 

Gott ist's aber, der uns fest macht samt euch in Christus und uns gesalbt hat

und versiegelt und in unsre Herzen als Unterpfand den Geist gegeben hat.

(2. Kor. 1,18-22)

 

Der erste Eindruck: alles sehr, sehr fromm. Von der Treue Gottes ist die Rede, von seinem großen „Ja“ zu uns - am Ende bleibt uns nur noch das „Amen“. Rückfragen sind wohl nicht erwünscht, kritische schon gar nicht. Eigentlich mag ich diesen Stil nicht. „Amen“ ist so endgültig und meistens auch nur von einem, von einer gesprochen. So, als sei das letzte Wort gesprochen. Doch der letzte Satz hört sich natürlich schön an: Wir sind in Christus festgemacht und gehalten. Geborgenheit und vertraue Nähe höre ich heraus. Wo so vieles im Fluss ist, so vieles brüchig, so vieles längst zerbrochen – ich sehne mich danach, festen Boden unter den Füßen zu haben, verlässliche Informationen zu erhalten, von Menschen nicht fallengelassen zu werden. Irgendwie kann ich ein Lied davon singen. Und wenn Paulus dann auch noch schreibt, Gott habe uns seinen Geist als Pfand gegeben, bin ich völlig überrascht. Will ich denn seinen Geist als Pfand? Brauche ich ihn überhaupt? Habe ich mit meinem nicht genug?

Obwohl: das ist viel mehr als der Spatz in der Hand! Und viel mehr als die Taube auf dem Dach!

Das ist ungeheuerlich! Gott muss sich seiner Sache sehr sicher sein, dass er sich selbst verpfändet!

Sich mir verpfändet!

 

Doch, halt! Mag der erste Eindruck auch fromm, sehr fromm sein – der zweite Eindruck kommt der Wahrheit schon näher. Hier ist nichts fromm! In Wirklichkeit werden wir zu Zeugen eines Streitgespräches, in dem wir dann auch noch vieles erraten und vermuten müssen. Leider fehlt uns die Gegenseite! Das muss uns nicht daran hindern, den Konflikt, einen Konflikt aufzudröseln – einen Konflikt zwischen Paulus und der Gemeinde in Korinth. Viele Bände sind dazu schon geschrieben worden. Dass wir überhaupt, heute, über einen Konflikt zu reden haben, ist bei Lichte betrachtet schon sehr gut. Das gefällt mir. Wie im Nu verschwindet der fromme Sound. Wir stehen, unverhofft, in einem sehr irdischen Streit. Und das Gefühl, das zu kennen, will nicht weichen.

 

 

Von ausgebissenen Zähnen und einer großen Liebe

 

In Korinth hat sich Paulus in gewisser Weise die Zähne ausgebissen. Hier, in der alten und bedeutenden Hafenstadt, war man besseres gewohnt als das Geschreibsel des Paulus. Hier kamen die Nachrichten aus aller Welt an. Hier wurden mit den Waren auch die Gedanken umgeschlagen. Paulus - wer war das überhaupt? Große, größte Gedanken wurden hier gewälzt – Paulus mit seiner Fistelstimme, seinem unbeholfenen Auftreten, seiner lässigen armseligen Figur konnte nicht mithalten. Sollte, durfte nicht mithalten! Für uns mögen das noch Jahrhunderte später Äußerlichkeiten sein, aber in Bann von Menschen, die gut reden können und ein sicheres Auftreten haben, geraten wir immer noch gerne. In unseren Kirchen und Gemeinden können wir bei diesem Thema Arien in den höchsten Tönen zwitschern! Einfache Leute haben an vielen Stellen keine Chance, überhaupt gesehen und gehört zu werden. Erst der Teint, dann die Krawatte, schließlich die Fachworte und –begriffe.

 

Nicht dass Paulus das nicht gewusst hätte – er ließ sich auf solche Spiele einfach nicht ein. Gelegentlich aber musste er die Dinge auf den Punkt bringen – und zurechtrücken. Paulus, von Jesus gerufen, hat sich in seiner Nachfolge nicht beirren lassen, Christus als den Gekreuzigten zu verkünden. Alles Große und Erhabene, das Menschen wünschen, wird in seiner Nähe klein und gering. Paulus hat ein ganz eigenes und anderes Verständnis von Weisheit. Es geht nicht um kluge Gedanken, um Systeme, die die Welt bändigen – es geht um die Liebe, die keine Engelszungen braucht. Ob die Menschen, die sich in Korinth zu einer christlichen Gemeinde zusammenfanden, zu würdigen, zu verstehen wussten, was in dem „Hohelied der Liebe“ – 1. Korinther 13 – alles stand?

Das Lied war einmal für sie, nur für sie geschrieben worden!

 

„Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, so dass ich Berge versetzen könnte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts…“ (1. Kor. 13,2)

 

Doch jetzt ist er wieder da – der Konflikt. So genau lässt er sich in seinen Einzelheiten nicht mehr rekonstruieren. Ein Einwand, der Paulus trifft – und treffen soll – lautet wohl: Er redet mal so und dann mal so. Heute ja, morgen nein. Heute hü, morgen hott. Also: er ist unzuverlässig. Man kann auf seine Worte nichts geben. In einem Beispiel, das dann auch genannt wird, musste Paulus allerdings seine Reiseroute, seine Reisepläne ändern – ein Grund, ihm vorzuwerfen, treulos zu sein? Ich werde den Argwohn nicht los, dass Paulus machen und sagen kann, was er will – man will ihn nicht verstehen. Wer Gründe braucht, findet sie auch. Kommt Ihnen bekannt vor?

 

Jetzt fange ich an, den Brief zu verstehen, den Paulus in die Höhle des Löwen schickt. So lassen sich die Briefe an die Korinther charakterisieren! Briefe in die Höhle des Löwen! Paulus will sich nicht rechtfertigen, er wirbt um „seine“ Korinther. Mit allen Mitteln. Vor allem mit einem: Er erinnert die Korinther an das Evangelium! Unabhängig von dem, was Menschen können oder auch nicht, ist das „Ja“ Gottes zu uns fest und unverbrüchlich. Von dieser Gewissheit leben wir alle. Ein „Nein“ Gottes müssen wir nicht fürchten. Nicht heraufbeschwören. Nicht beklagen. Unter den Worten steckt auch:

Ihr müsst mir nicht vorhalten, was mir gerade nicht möglich war. Unter den Worten steckt auch:

Es kann, es darf sein, dass sich Einsichten und Vorhaben auch ändern – eben: leben. Ein schwarz-weiß von Ja und Nein kann in der Liebe nicht bestehen – sie ist langmütig und freundlich, sie eifert nicht, sie treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu.

Am Ende erweist sich Paulus als der tatsächlich Klügere. Nicht, weil er nachgibt – das ist in der Regel eher dumm als klug -, sondern weil er die Dinge abwägt. Und ihnen ihren Stellenwert gibt, den sie haben und verdienen.

 

„Auch ich, meine Brüder und Schwestern, als ich zu euch kam, kam ich nicht mit hohen Worten oder hoher Weisheit, euch das Geheimnis Gottes zu predigen.

Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, ihn, den Gekreuzigten.

Und ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern;

und mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten der Weisheit, sondern im Erweis des Geistes und der Kraft,

auf dass euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft.“

(1.Kor. 2,1-5)

 

 

Menschen erzählen eine Geschichte

 

Das trifft sich doch gut, dass wir heute am 4. Advent, wenige Stunden vor Weihnachten, in eine Konfliktgeschichte hineingezogen werden. Ich weiß: Konflikte, Streite sind eigentlich Un-worte, in der Kirche sowieso. Aber da es nun einmal Konflikte und Streite gibt (unter uns: auch geben muss), können wir unsere Geschichten hinzutun. Als von Gott geliebte Menschen. Geschichten von Verletzungen und Missverständnissen, von Ängsten und Minderwertigkeitsgefühlen, von Verbitterungen und Enttäuschungen. Wir können nicht einmal diese Worte trennen, voneinander ablösen, ihnen Konturen geben. Aber erzählen können wir – und zuhören. Jeder von uns kennt Engstirnigkeit, Besserwisserei, Großmanns-, Grossfrausucht. Jeder von uns kennt aber auch die Sehnsucht, geliebt und angenommen zu sein. Ohne erst noch nach einem fremden Bild geformt und erzogen zu werden. Gottes Geist, als Pfand seiner Liebe, weiß Herzen und Hände zu öffnen. War doch schon sein erstes Wort, als alles noch Tohuwabohu war: es werde Licht.

 

Schauen wir uns noch einmal die Briefstelle an, die uns Paulus hinterlassen hat:

 

Bei der Treue Gottes, unser Wort an euch ist nicht Ja und Nein zugleich.

Denn der Sohn Gottes, Jesus Christus, der unter euch durch uns gepredigt worden ist, durch mich und Silvanus und Timotheus, der war nicht Ja und Nein, sondern das Ja war in ihm.

Denn auf alle Gottesverheißungen ist in ihm das Ja; darum sprechen wir auch durch ihn das Amen, Gott zur Ehre.

 

In wenigen Worten hat Paulus hier das ganze Evangelium entfaltet und mit biografischen Stationen verknüpft. Der Sohn Gottes wurde gepredigt – von Paulus, Silvanus und Timotheus. Der Sohn Gottes wird gepredigt – von Menschen heute. Mit ihren Fehlern und Schwächen. Aber was wird gepredigt? Die Treue Gottes. Gott verneint uns nicht, Gottes bejaht uns: in seiner Treue sind wir sind angenommen und gehalten. Wir sind geliebt. Sämtliche Verheißungen kommen bei uns an ihr Ziel – und das von Anfang an gewollt und geführt.

 

Vorhin habe ich noch die Vermutung geäußert, kritische Rückfragen seien nicht erlaubt. Ich muss mich bei Paulus entschuldigen! Wie er mit kritischen Rückfragen umging! Sein Brief ist ein einzigartiges Ringen um die Menschen, um die klugen Christen in Korinth. Wenn es so etwas gibt wie ein letztes Wort – dann das:

Gott ist's aber, der uns fest macht samt euch in Christus und uns gesalbt hat und versiegelt und in unsre Herzen als Unterpfand den Geist gegeben hat.

 

Ein tolles Bild, ganz ohne Romantik: Festgehalten und geliebt sind wir, gesalbt wie Könige und mit dem Siegel versehen, zu Christus zu gehören. Und dann platzt das Bild förmlich, weil es keine Rahmen mehr gibt, die passen könnten: in unseren Herzen haben wir als Unterpfand Gottes Geist. Mehr kann, mehr muss er nicht tun, aber für uns ist es Liebeserklärung, Treueschwur und Heiratsurkunde in einem.

 

 

Der gefundene 4. Advent

 

Geht’s dir jetzt besser, Herr Vier? Ich versteh ihn nicht so recht. Irgendwas von Ehrenrettung brabbelt er, als ob er selber nicht wüsste, ob er ja oder nein sagen soll. Lass mal, sage ich. Du hast uns heute doch das schönste Geschenk gemacht: die Zusage, den Geist Gottes als Pfand zu haben. Hab ich das? Ich fühle mich so klein. Danke, Herr Vier: Gott schenkt uns seinen Geist. Gott wird Mensch.  Ein Kind.

 

Weil Maria und Josef keinen Raum in der Herberge finden, legen sie ihn in eine Krippe. Das ist Gottes Art, uns treu zu bleiben.

 

Nun er liegt in seiner Krippen, ruft zu sich mich und dich,

spricht mit süßen Lippen: Lasset fahr, o liebe Brüder,

was euch quält, was euch fehlt; ich bring alles wieder.

(Paul Gerhard, EG 36,5)

 

Nachher sehen wir uns wieder – versprochen!

 

Und der Friede Gottes,

der höher ist als unsere Vernunft,

bewahre unsere Herzen und Sinne

in Christus Jesus,

unserem Herrn.



Pfarrer Manfred Wussow
Aachen
E-Mail: M.Wussow@gmx.de

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