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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Heilig Abend - Christnacht, 24.12.2017

Neugeborene mit Geschichte(n): Shadia, Immanuel und Marveloy
Predigt zu Jesaja 7:10-14, verfasst von Dörte Gebhard

Gnade sei mit Euch und Friede in dieser Weihnachtsnacht – von Gott, unserem Vater und unserem Herrn, Jesus Christus, Amen.

 

Liebe Gemeinde in der Christnacht

 

Viele Kinder werden nachts geboren.

Drei Kinder aber kamen in besonders dunklen Momenten zur Welt.

Von ihnen erzähle ich in dieser noch dunklen, doch heiligen Nacht.

 

Kein Mensch hat sich je ausgesucht, wo er zur Welt kommen will.

Keine hat bestimmt, in welchem Jahrhundert es ihr am besten passen würde.

Hört dazu Geschichten von Neugeborenen mit Geschichte.

Shadias Geschichte ist heute Nacht die erste.

 

I          Shadia

Es begab sich aber zu der Zeit, da wieder dramatische Konflikte herrschten in Jerusalem und Umgebung, da die Herrscher der Welt wenig Vernunft walten liessen, im Jahr 2017 nach Christi Geburt.

Da musste sich auch aufmachen die junge Mutter Rubaa, aus einem kleinen Dorf im Westjordanland, in die Stadt, die da heisst Bethlehem, auf dass ihrer Tochter Shadia geholfen werde im dortigen Kinderspital. Rubaa aber hat keine Krankenversicherung, doch sie weiss, dass alle Kinder in jenem Krankenhaus in Bethlehem kostenlos behandelt werden, unabhängig von Religion und sozialem Status. Shadia aber, ihr Baby, war erst zwei Wochen alt, doch von Anfang an sehr apathisch und dann wurde auch ihre Haut blau.

Und als sie daselbst ankamen, erkannten die Ärzte den Herzfehler schnell und im selben Moment, dass die kleine Shadia dringend drüben, jenseits der Grenze, in Israel, operiert werden müsste.

 

Und die Schwestern telefonierten viel. Da kam endlich die Zeit, dass sie aufbrechen konnten nach Jerusalem, ins Spital am Ölberg. Dafür wickelte die Mutter Shadia in dicke Decken und legte sie vorsichtig auf eine Trage und stieg in die Ambulanz. Doch siehe, nach wenigen Kilometern mussten sie am Strassenrand von einer Ambulanz in die andere, israelische umsteigen, sonst hatten sie keine Chance, den streng bewachten Kontrollposten zwischen Bethlehem und Jerusalem zu passieren.

Sie nahmen es als gutes Zeichen, dass bei der Kontrolle alle Papiere für gut befunden wurden, auch der Fahrer atmete auf.

Rubaa aber, die Mutter, war ist seit 15 Jahren das erste Mal wieder in Jerusalem. Doch sie hatte kein Auge für die Schönheit der Stadt, sie konnte auch nicht schlafen, sie bewegte die Worte der Ärzte vom Kinderspital Bethlehem in ihrem Herzen: Wenn die Operation gut geht, ist sie in drei Tagen zurück.

Die Strasse von Jerusalem nach Bethlehem, 12 Kilometer nur, gehört zu Weihnachten 2017 wieder zu den längsten Wegen der Welt.

Aber alles ging gut[1] und wir stimmen ein in den Engelsgesang:

Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.

Da wir aber Shadias Geschichte gehört haben, erzählen wir es gewiss weiter, was uns von diesem Kinde berichtet wird und loben und preisen Gott.

Doch zuvor hören wir eine zweite Geschichte in dieser noch dunklen, doch heiligen Nacht – von Immanuel.

 

II         Immanuel

Es begab sich aber mehr als zweieinhalbtausend Jahre vorher in Jerusalem, dass dort ein ängstlicher und keinesfalls standhafter König, Ahas, auf dem Thron sass, der keine Gebote ausgehen liess, der sich fürchtete vor allen Herrschern um ihn her, der schon kommen sah, dass es nichts als nur wieder Krieg geben würde. Und seine Angst wurde übermächtig gross zu der Zeit, da Jesaja Prophet in Juda war.

Da machte sich der weise Prophet auf und kam zum König. Die Klarheit des Herrn leuchtete um ihn her, doch der König Ahas war resigniert, müde geworden und fürchtete sich sehr. Nach allem, was er erlebt hatte, war er verzweifelt. Die Hoffnung hatte ihn verlassen. Der Prophet aber sprach ihm Mut zu (Jes 7):

Erbitte dir ein Zeichen vom HERRN, deinem Gott, sei es tief unten oder weit oben. Ahas aber sagte: Ich werde nichts erbitten, und ich werde den HERRN nicht versuchen! Da sprach er: Hört doch, Haus David, reicht es euch nicht, Menschen zu ermüden, dass ihr auch noch meinen Gott ermüdet? Deshalb wird der Herr selbst euch ein Zeichen geben: Seht, die junge Frau ist schwanger, und sie gebiert einen Sohn. Und sie wird ihm den Namen Immanu-El geben.  

Und die davon gehört hatten, breiteten das Wort davon aus, mündlich und schriftlich, welches zu ihnen von diesem Kinde und Gottes Beistand gesagt war. Denn Immanuel, das verstanden damals alle sofort, heisst: Gott ist mit uns!

Und Jesaja wurde nicht müde, dem König weitere Hoffnung einzuflössen.

Butter und Honig wird das Kind essen, bis es weiß, Böses zu verwerfen und Gutes zu erwählen. Denn ehe der Knabe weiß, Böses zu verwerfen und Gutes zu erwählen, wird das Land verödet sein, vor dessen zwei Königen dir graut.

Der König aber konnte das nicht glauben. Er sah nur, was ihm vor Augen war und er hielt sich – verzweifelt – an die fremden Götzen. Und es kam die Zeit, da er zum Inbegriff des Herrschers wurde, der nur die Zeichen der Zeit, aber nicht Gottes Zeichen sah: dass auch in den dunkelsten Momenten der Weltgeschichte Kinder geboren werden mit Gottes Hilfe.

Aber alle, vor die die Geschichte des Kindes Immanuel in den Jahrhunderten bis heute kam, wunderten sich und wundern sich immer noch über die Schrift des Jesaja, auch darüber, dass sie schon so lange überliefert wird.

In der Bibel aber sind alle diese Worte erhalten bis heute, auf dass wir sie in unseren Herzen bewegen können. Dass wir uns umschauen können, Gott loben und preisen, was wir von neugeborenen Kindern hören und sehen, wie uns seit Jahrtausenden gesagt ist.

Nichts ist ungewisser als die Zukunft – das ist in jeder Gegenwart so, auch seinerzeit. Wie heutzutage. Wie einst. Mitten in alle Zweifel und Ängste, in alle Furcht und alles Fürchterliche hinein werden Kinder geboren – mit Gottes Hilfe.

Das Gebet aus Lob und Bitte ist, war und wird dasselbe bleiben:

Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens!

Hört eine dritte Geschichte in der Nacht, die noch dunkel und doch heilig ist, die Geschichte von Marveloy.

III       Marveloy

Es begibt sich aber wiederum in unserer Zeit, im November 2017, dass viele Menschen versuchen vor Krieg und Terror, vor Dürre und Ungerechtigkeit, vor Hunger und Hoffnungslosigkeit von Afrika nach Europa zu fliehen.

Und diese Flüchtlingswelle ist keineswegs die allererste und geschah schon oft in früheren Zeiten, da Kriege, Seuchen und Armut wüteten und die Güter der Erde nicht gerecht verteilt waren.

Da macht sich auch auf eine junge Frau aus Nigeria, in Richtung Europa und überquerte das gefährliche Wasser, das da heisst Mittelmeer. Zusammen mit 323 Flüchtlingen im selben Boot ist sie auf der lebensgefährlichen Überfahrt. Und sie ist schwanger.

Das Boot gerät in Seenot, und die Menschen werden vor der libyschen Küste gerettet vom Marineschiff „Mecklenburg-Vorpommern“, genauer einer Fregatte. Sie ist gedacht und gebaut als Kriegsschiff, gebaut für die Unterwasserjagd, die Flugabwehr oder die Bekämpfung von Überwasserfahrzeugen, aber viel kleiner als ein Zerstörer.

Und als sie daselbst, 90 Kilometer östlich von Sizilien, sind, kommt die Zeit, dass die junge Afrikanerin gebären soll.

Und sie gebiert ihren ersten Sohn, mit tatkräftiger Unterstützung der deutschen Schiffsärztin.

Und es ist eine 250köpfige Besatzung mit ihrem Kommandanten auf dem Schiff, der schreibt eine provisorische Geburtsurkunde. Dazu kommt die Ortsmarke auf See mit genauer, geographischer Position.

Da sie das aber erleben, verbreiten sie die Geschichte in den Medien, welche die Geburt dieses Kindes weit herum berichten. Und alle, vor die es kommt, wundern sich über das seltene Ereignis auf einem Marineschiff.

Die junge Mutter aber bewegt viele Namen für den Sohn in ihrem Herzen. Schliesslich nennt sie ihn Marveloy, denn ein ‚marvel’, ein Wunder, ist geschehen. Dieses Kind ist gesund zur Welt gekommen, 51 Zentimeter gross ist es, 2450 Gramm wiegt es.[2] Ist das nicht wieder ein Grund, Gott zu loben und zu preisen für das, was wir gehört und gesehen haben in dieser Geschichte?

Liebe Gemeinde

Kein Mensch hat sich je ausgesucht, wo er zur Welt kommen will.

Keine hat bestimmt, in welchem Jahrhundert es ihr am besten passen würde.

Keiner hat seine Eltern ausgewählt.

Keine hat sich ihren eigenen Namen bei der Geburt selbst gegeben.

 

Wir können alle nichts dafür.

Aber ist es die Zeit gekommen,

dass wir nicht nur die Zeichen der Zeit sehen können,

den grossen Unfrieden in unserer gefährdeten Welt,

die vielen kleinen Ungerechtigkeiten in jedes Menschen Leben,

die Gefahren, die von mächtig dummen Herrschern ausgehen,

die Hoffnungslosigkeit so vieler, die Macht haben,

sondern es ist die Zeit gekommen, dass wir den Zeichen Gottes vertrauen lernen.

Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude - Gott kommt als Kind zur Welt, damit wir mit jedem neugeborenen Kind, ganz gleich wo, wie und wann, die Chance haben, alsbald eine gute Geschichte zu erzählen, eine Geschichte von Hoffnung und Menschlichkeit, von Wundern und Rettung, von Vertrauen und Geborgenheit, von Gottes Gegenwart in unserer Welt.

Haben Sie übrigens Ihre eigene Geschichte schon beieinander, um sie in einer noch dunklen, doch heiligen Nacht ihren Kindern und Enkeln und Urenkeln zu erzählen?

Zu welcher Zeit es sich begab? Wer sich wohin aufmachen musste? Wo Sie in Windeln gewickelt wurden? Wer Gott lobte und Frieden auf Erden wünschte bei Ihrer Geburt? Wer eilend kam, um Sie zu sehen?

Wir müssen wohl alle unser Leben lang Weihnachten feiern, um zuletzt zu verstehen, wie treu Gott ist in seinen Zeichen. Ganz gleich, wie rau die Zeiten sind, wie wild die Welt ist, es werden Kinder geboren, auch jetzt, in dieser noch dunklen, doch heiligen Nacht.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, der stärke und bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, Amen.

 

[1]  Quelle: www.kinderhilfe-bethlehem.ch/was-wir-tun/erfolg/ - abgerufen am 14. 12. 2017.

 

[2] Quelle: www.ostsee-zeitung.de vom 07. 11. 2017 - Rostock/Tarent – Geburt an Bord: Flüchtlingsbaby trägt den Namen Marveloy. Abgerufen am 14. 12. 2017.

 



Pfarrerin PD Dr. Dörte Gebhard
CH-5742 Kölliken
E-Mail: doerte.gebhard@web.de

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