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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

1. Weihnachtstag, 25.12.2017

Da seht!
Predigt zu 1. Johannes 3:1-6, verfasst von Eberhard Busch

Bei Manchen gibt es zur Weihnachtszeit ein Zimmer, in dem ein Tannenbaum aufgestellt ist und Geschenke zum Fest aufgebaut sind. Die Türe zu dem Raum ist für Kinder verschlossen. Höchstens kann man durchs Schlüsselloch hinein spähen und eine leise Ahnung bekommen von dem, was noch verborgen ist. Erst am Heiligen Abend wird die Türe geöffnet, und man sieht dann zunächst das Leuchten des wundervollen Kerzenscheins. Da seht!

So heißt es auch in unserem Bibeltext: Seht! Macht die Augen auf! Schaut nur her! „Sehet, welche eine Liebe hat uns Gott der Vater erzeigt!“ Denn „heut schließt er wieder auf die Tür“, wie es im Weihnachtslied heißt. Was wir an Lichtern anzünden, ist ja nur ein schwaches Gleichnis für das, was Gott uns an der Weihnacht beschert. Da öffnet er eine uns verschlossene Tür. Sicher haben einige hier zuvor durchs Schlüsselloch geschaut, die Propheten. Sie haben Wundervolles erspäht und haben uns verraten, was da auf uns zukommt. Doch jetzt ist die Türe aufgegangen, und wir können es alle selbst sehen.

„Sehet, was hat Gott gegeben!“ Darum geht es an Weihnachten. Sehet! Wenn wir das nicht sehen, sind wir arm dran, trotz allem, was wir uns sonst auftischen können. Und wenn es sonst keine Geschenke gäbe, dieses ist uns in jedem Fall gegeben. Es ist das, was Gott uns zugedacht hat. Davon mögen unsere Gaben einen Widerschein geben. Die Lieder dieser Tage weisen uns hin auf das wunderbare Geschenk unseres Gottes, das er uns bereitet hat. „Herbei, o ihr Gläubigen, fröhlich triumphierend, o kommet, o kommt nach Bethlehem. Sehet das Kind, uns zum Heil gegeben“ Und: „Zur Krippe herkommt in Bethlehems Stall, und seht, was in dieser hochheiligen Nacht der Vater im Himmel für Freude uns macht.“

Warum dorthin? Was Großes wird uns da vor Augen gestellt? Zu unserer Verblüffung gibt es dort anscheinend gar nichts Besonderes zu sehen. Es wird uns die Geburt eines Kindes gezeigt: sie findet in elender Armseligkeit statt, irgendwo abseits, in einem Hinterhof, so wie noch heute manches Kind in Afrika zur Welt kommt. Das Neugeborene wird in eine Futterkrippe gelegt, weil sonst kein Raum in einem besseren Haus gewährt wird. Aber gerade hier, so wird es den Hirten auf dem Feld draußen außerorts mitgeteilt, gerade in dieser Armseligkeit findet schlechterdings Großartiges statt. Seht und hört: „Euch ist heute der Heiland geboren.“ Euch in diesem Winkel und euch da draußen! Ihr seid hier zuerst dran. Aber wenn selbst die hier nicht ausgeschlossen sind, wer ist dann ausgeschlossen?

Was bedeutet denn das: „Heiland“? Das Wort erläutert unser Predigttext aufs Schönste: „Seht, welch eine Liebe hat uns Gott der Vater erzeigt!“ Genau in der menschlichen Bedürftigkeit wird uns aufgedeckt, was das Wunder der Weihnacht ist: dies, dass der Ewige und Allmächtige und Unnahbare uns nahe kommt, uns und gerade denen, die drunten sind und draußen stehen, dies, dass er uns armselige Wesen lieb hat. Er legt sich hier darauf fest, dass er uns schwache und schwankende Gestalten richtig gern hat, unendlich gern. „Gottes Kind, / das verbindt / sich mit unserm Blute.“ Ja, „sehet doch da, / Gott will so freundlich und nah, / zu den Verlornen sich kehren.“ Das ist die Liebe, die uns Gott bewiesen hat. Er will nicht nur unser Gott sein, er will, dass wir seine Kinder sind.. Dermaßen liebt er uns, dass er uns sozusagen adoptiert, dass er uns annimmt als seine Adoptivkinder, die er nun hütet wie seinen Augapfel.

Welch ein Weihnachtsgeschenk: so in seine Nähe gerückt zu werden! In uns gibt es keine Voraussetzung dafür, das zu werden und zu sein. Gottes Kinder sind wir nicht von Natur, auch nicht durch unseren Fleiß. Der einzige Grund dafür ist, dass er uns liebt. Seine Liebe adelt uns. Seine Liebe erhebt uns zu ihm, macht uns zu seinen Kindern, zu solchen, die ihn mit Du anreden dürfen und für die er immer Zeit hat. Auch die unartigen, die verkommenen, die problematischen Gestalten, auch die Streithähne sind ihm willkommen.. Aber auch die Schwermütigen, die Kranken und Behinderten, auch die Hungrigen und Durstigen dürfen singen: „Du kommst ins Elend her zu mir.“ Er liebt uns gesund.

Allerdings kann bei ihm auch keiner mehr sein als schlicht ein Kind Gottes. Auch die führenden Gestalten in unseren Kirchen, auch die Prominenten, die in den Medien, die Redegewaltigen, auch die Herren und Damen Theologen sind, wenn überhaupt, bestenfalls Kinder Gottes. Mögen sie bedenken, was Jesus sagte: „Ihr wisst, dass die weltlichen Fürsten herrschen, so soll es nicht sein unter euch“ (Mt 20,25f.). Nikolaus von Zinzendorf hat gedichtet: „Solche Leute will der König lehren, die ein jedes Kind mit Nutzen hören / und fröhlich wissen, dass sie Schüler sind, und lernen müssen.“

Wenn es denn so ist, dann sind alle Christenmenschen untereinander Geschwister. Und wenn sie es sind, benehmen sie sich auch so? Hört, was der Apostel Paulus uns sagt: „Nehmt einander an, wie auch Christus uns angenommen hat, zum Lobe Gottes“ (Röm. 15,7)! Nehmt euch einander an! Da stehen die Starken den Schwachen bei, die Gesunden den Kranken, die Satten den Hungrigen, die Streithähne den durch sie Bedrückten Wäre es nicht an Weihnachten an der Zeit, sich von dem Liederdichter Tersteegen einladen zu lassen: „Kommt Kinder, lasst uns wandern / wir gehen Hand in Hand, / eins freuet sich am andern / in diesem wilden Land. Kommt lasst uns kindlich sein, / uns auf dem Weg nicht streiten“? Kinder Gottes werden wir genannt. Und das sind auf alle Fälle keine Einzelkinder.

Doch wie sollen wir den Satz verstehen: „Die Welt kennt euch nicht“? Die Mitmenschen kennen euch doch, teils sogar mit eurem Namen und eurer Adresse. Eure Nächsten um euch her nehmen genau wahr, was ihr sagt und tut und was ihr treibt. Und sie geben euch nach ihren Eindrücken vielleicht mehr oder weniger gute Zensuren. Oft genug ist es ratsam für euch, ihre Urteile aufmerksam zur Kenntnis zu nehmen. „Die Welt kennt euch nicht“ – Fragezeichen! In der Tat, das sieht man uns nicht einfach an; dass der große Gott ganz der Unsrige ist und dass wir Menschlein ganz die Seinigen sind, im Leben und im Sterben. Die Welt sieht euch das nicht an.

"Die Welt“, das sind eben die, die euch das nicht ansehen, die, die Gott nicht so kennen: in solcher unauflöslichen Verbundenheit mit uns, die, die uns unsere Verbundenheit mit ihm in unserem tagtäglichen Leben nicht ansehen. Diese Art „Welt“ gibt es nicht nur außerhalb der Kirche, sondern auch mitten in ihr. Kennt sie Gott nicht, so streicht das allerdings nicht durch, dass er sie kennt, so kennt, dass er auf alle Fälle sie liebt. Ich las neulich an einer Bushaltestelle den lateinischen Spruch: „Sol lucet omnibus“, das heißt, „Die Sonne leuchtet allen“. Das ist es, was gottlob ewig wahr ist. „Ich lag in tiefster Todesnacht, du warest meine Sonne ...“

Doch nicht alle sehen das Leuchten der göttlichen Sonne. Und wie oft sehen auch wir es nicht! In dieser Blickrichtung haben wir allzu oft leider geschlossene Augen. „Es ist halt noch nicht erschienen, was wir sein werden“, wie unser Bibelwort sagt. Aber wo Menschen die Sonne aufgeht, da fangen ihre Augen wenigsten an zu blinzeln und da fangen sie an, Gott zu entdecken und den Mitmenschen in die Augen zu schauen. Solange die Anderen noch nicht sehen, was Gott ihnen und uns allen beschert hat, solange sie sich da im Dunklen befinden, solange sind wir selber unvollständig. Doch es gibt Hoffnung, dass ihnen die Augen geöffnet werden, so dass es auch bei ihnen hell und heiter wird. Ja, es gibt Hoffnung auch für uns, – Hoffnung, die uns zugesagt ist: „wir werden ihn sehen, wie er ist“. Und sehen wir ihn, dann ihn mitsamt all unseren Geschwistern. Und sie werden alle auch sehen.

Solche Hoffnung verbindet sich mit der Bitte um Erfüllung dieser Hoffnung: „O lass dein Licht auf Erden siegen, / die Macht der Finsternis erliegen, / und lösch der Zwietracht Glimmen aus, / dass wir, die Völker und die Thronen, / vereint als Brüder wieder wohnen / in deines großen Vaters Haus!“



Prof. Dr. Eberhard Busch
Friedland
E-Mail: ebusch@ gwdg,de

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