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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

1. Weihnachtstag, 25.12.2017

Von Gottes Kindern und ihrer Hoffnung
Predigt zu 1. Johannes 3:1-6, verfasst von Ralf Reuter

 Die einen erwarten ein schönes Fest, die anderen ein gutes Gefühl. Manche wünschen sich den Besuch der Kinder. Andere so etwas wie Geborgenheit. Oder Gebrauchtwerden, weitermachen können. Auch keine Krankheiten mehr, kein Trauern, keine Kriege, kein Leid. Weihnachten ist voller Erwartungen. Aber auch: Die Freude der Kinder über das Christkind und die Geschenke. Das Arrangement eines perfekten Abends mit Tannenlichtern und Essenskultur. Menschliche Begegnungen in Familie und unter Freunden. Oder einfach ruhige und besinnliche Tage.

„Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch!“ heißt es im 1. Johannesbrief dazu. Worte zum Fest. Als Gottes Kinder Weihnachten feiern. Das klingt erst einmal fern und fremd. Gerade Weihnachten erlebe ich zumindest als ein sehr menschliches Fest. Fühle mich geprägt durch die eigene Familie. Spüre sehr genau mein inneres Gestimmtsein als Kind meiner Zeit, geleitet von meinen Ängsten, geprägt von den Hoffnungen für meine Angelegenheiten.

Gottes Kind sein, das ist anders als alles andere. Das bekomme ich geschenkt, wird mir zugesprochen. Da zieht Christus ins Herz ein. Dann liege ich als Gottes Kind wie Christus in der Krippe, sitze der Maria als liebes Kind auf dem Schoß. Davon erzählt Martin Luther immer wieder in seinen Weihnachtspredigten. Von dem fröhlichen Tausch. Christus nimmt meine Identität an, und ich seine. Er nimmt meine Ängste, meine Gottferne, meine Sünde, und ich bekomme seine Gerechtigkeit, sein Heiligsein, seine Freiheit zugesprochen.

Es ist keine heile Welt im Herzen, dieses Gottes Kinder heißen. Mit diesem Namen, dieser Taufe, ist die Zugehörigkeit zu einer anderen Familie verbunden. Mitglied der Familie Gottes sein, an seinem Tisch sitzen, hier schon. Und einst, nach dieser Zeit auch noch dort sitzen dürfen. Damit ist ein Erbrecht verbunden, ein ganzer Himmel wartet auf die Kinder dieses Vaters. Das alles gilt schon jetzt. Im Lichtglanz dieses Festes werde ich neu geschaffen. In mir findet sich Gegenwartsheil und Zukunftsherrlichkeit.

Doch ist das zu glauben? Sind wir das wirklich, als armselige Menschen mit unseren Hoffnungen und Wünschen am Morgen des 1. Weihnachtstages? Gottes Kindschaft ist erst einmal nichts Äußeres. Auch nichts Handfestes, das vor anderen präsentiert werden kann. Sie ist gebunden an den Heiland. An diesen Christus, diesen Jesus von Nazareth mit seinem göttlichen Blick, mit seinen heilenden Geschichten, mit seinem Kreuz, seiner Auferweckung. Wer von ihm nichts weiß, wird Gottes Kinder nicht verstehen.

Und wer mit ihm und seinen Geschichten von Sonntag zu Sonntag lebt, hat die dahinterstehende Kraft, hat Gott selber, nur im Glauben. Als Licht, das vom Himmel her leuchtet, auf den Wegen und Abwegen. Wir leben von seinem Licht, wissen aber noch nicht, wer wir sein werden, wie wir die Zeit bestehen. „Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder; aber es ist noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen: Wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.“ Gottes Kinder auf der Erde leben von der Hoffnung.

Davon ist hier die Rede, von einem Leben auf Hoffnung. Dies trifft, so glaube ich, ziemlich genau die Erwartungen an Weihnachten. Es ist noch nicht da, dieses erfüllende Leben, da mögen andere noch so viel davon reden und es bewerben. Mit dem Blick der Hoffnung können Gottes Kinder dies ziemlich genau erkennen. Wie falsch vieles ist, voller Sünde und Unrecht, wie es in unsrem Wort weiter heißt. Wie der Schein oft trügt, im Kleinen, selbst im Familiären, bis hin zur Welt, zu den Verstrickungen von Täuschung, List und den Folgen durch bösartiges Handeln.

Hoffnung haben setzt einen Herrschaftswandel voraus. Von der Liebe Gottes leben und zu ihm gehören, als sein Kind leben auf dieser Erde, das wird sehr spannend. Da kann es ja nicht mehr darum gehen, sich selber in Szene zu setzen. Sich zu inszenieren als sei man Gott selber. Unbesiegbar, für alles zuständig, sich alles erlauben. Da speist sich das Leben plötzlich von ihm her, von dem, der meine Identität annimmt und ich seine. Da zieht Göttliches ins Herz hinein und wertet vieles neu und anders. Was kann das konkret heißen? Ich möchte hier einen Moment verweilen und diesem Gedanken nachgehen.

Vielleicht zuallererst ein Blick auf die Familie. Es ist sehr ungewohnt, nicht von der eigenen Familie zur Familie Gottes zu blicken, so, als ob sie noch dazu käme, sondern umgekehrt. Wir sind Gottes Kinder, hier ist meine neue göttliche Identität, dies ist das Umfassende, die bis in die Ewigkeit führende Bindung. Als Gottes Kind bin ich selber Kind gewesen, auch das meiner Eltern, und habe, wenn Gott wollte, eigene Kinder. Doch was sind eigene? Sind es nicht zuerst Gottes Kinder, Gottes und meine Kinder zusammen, die wir alle von der Hoffnung leben?

Es wird klar, von hier aus kommt ein Moment der Freiheit in Bindungen, in die oft schwierigen Familienverhältnisse, aber ebenso in die von Patenkindern, Enkeln und auch in Freundschaften. Lass doch Gott mit Kindern sein eigenes Programm machen! Sein Wirken ist weiterführender als alle notwenige und unverzichtbare Mutter- und Vaterliebe. In seiner Liebe entfaltet sich meine Liebe noch viel stärker. Kann deshalb auch loslassen. Kann Kinder gehen lassen, ihr Leben zu leben. Beten wir, dass sie auf Gottes Wege gehen oder dahin wieder umkehren. Dass er auch ihnen wie uns selber die Sünden wegnehme, die Leere, die Gottesferne, alles was nur Unrecht bringt. Die Beziehung zu Kindern oder zu Eltern wie zu Freunden bekommt eine neue Qualität.

Im klassischen bürgerlichen Sinne kommt nun der Beruf, die Berufungen zu unseren je eigenen Tätigkeiten an die Reihe. Arbeit ist Gottesdienst im Alltag, dieser Ertrag hat uns das Reformationsjubiläum wiedergebracht. Gottes Kinder sind zuerst seine Erben in der Arbeit, führen den ‚Betrieb Leben‘ oder gar das ‚Unternehmen Erde‘ unter seinem Namen weiter. Da sind wir gefragt und gefordert, und doch keine Eigentümer. Die Welt, die Erde, ja das Leben ist Gottes. Von hier aus lohnt sich der Blick auf den eigenen Besitz, auf Geld und Ansehen und Häuser und einem verbundene und abhängige Menschen. Es ist alles seins! Unser ist die Verantwortung auf Zeit, mit den guten, immer wieder zu reinigenden Kräften, die wir verliehen bekommen. Welch eine Umwandlung, welch eine Perspektive!

Sich mit Haut und Haaren einsetzen, voll und ganz, und doch immer zugleich wissen, dass das Gelingen Gottes ist, in seiner Hand steht. So lernen wir in aller Autorität bescheiden zu bleiben, demütig im eigenen Leistungsanspruch. Können Fehler nicht nur zugeben, sondern als Motor der Umkehr und als neue Chance annehmen. Und andere an unserer Seite mitnehmen. Sie aufbauen, ihnen Erfolge ermöglichen, bis hin zum Rampenlicht. Damit auch sie lernen, darin vorsichtig zu werden. Wer hoch hinaussteigt, muss immer auch wieder runter. Man bleibt nie auf der Kanzel stehen. Unsere Stunde ist begrenzt, wie unser Tag, unsere Zeit, unser Leben.

Bleibt noch das ganz Persönliche. Ja, die Erwartungen an Weihnachten, mit denen wir begonnen haben. Schon jetzt vom Himmel leben, von diesem Christkind, diesem Heiland, in seiner Krippe liegen mitten in der Begrenztheit des eigenen Lebens. Von hier aus kann sogar der Blick auf ein ganzes geheiltes Leben gelingen. Gott selber ist es, durch dessen Blick sich unsere Teile, unsere Fragmente, unsere Brocken Erlebtes und Erlittenes zusammenfügen. Da sind die Erwartungen, die Gefühle, die Bitterkeit und der Mangel schon angenommen, eingebunden, auf den Weg gebracht in die himmlische Zukunft.

Jesus von Nazareth hat so einen Blick in seinen Geschichten. Sein Blick tröstet, heilt, befreit, in seiner Nähe werden Menschen zu Gottes Kindern. Nicht mit dem Defizitblick unserer Zeit, er sieht allein, was sie von Gott her sind und sein sollen. Wo uns dieser hoffnungsvolle Blick auch nur annäherungsweise gelingt, da wird es hell und warm. Ein Leben im göttlichen Glanz, mit der Würde, die er uns schenkt. Mit einem liebevollen Blick, den wir jedem Menschen auf dieser Erde weiterschenken können. Der diese Welt verwandelt.

Leben mit der Weihnachtsbotschaft ist immer leben von der Liebe Gottes. Sie übt sich ein durch Lieder und Gebete, in Gemeinde und Gemeinschaften, sie braucht einen geistlichen Rahmen, feste Zeiten auch im kommenden Jahr. So wird sie zum Leben mit einem Glauben, der einen stärkt und Geduld schenkt, Mut und Demut zugleich. Als Gottes Kinder leben wir von der Hoffnung, die sich in den Menschen, die uns umgeben, in den Tätigkeiten, die uns zugedacht sind, in dem ganz persönlichen Empfinden reich entfaltet. Allen ein gesegnetes Weihnachtsfest!

 



Pastor Ralf Reuter
Göttingen
E-Mail: Ralf.Reuter@evlka.de

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