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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

1. Weihnachtstag, 25.12.2017

«Der Stern hat sich nicht geirrt»
Predigt zu Matthäus 2:1-12, verfasst von Simon Gebs

Liebe Gemeinde,

drei Sterndeuter machen sich also auf den Weg - folgen einem geheimnisvollen Stern. "Magoi" nennt sie Matthäus, das waren oftmals weise Gelehrte, irgendwo im Bereich zwischen Astronomie und Astrologie, jedenfalls gezeichnet als Menschen mit ernstem Bemühen nach Weisheit, überzeugt auch - wie viele zur damaligen Zeit -, dass jeder Mensch bei der Geburt seinen Stern zugesprochen erhält, bedeutende Menschen einen Helleren und weniger Bedeutende einen eher Unscheinbaren. Die drei Sterndeuter sind also irgendwo auch Repräsentanten aller Gott suchenden Menschen. Menschen, die es gewohnt sind zu fragen und zu suchen, die sich nicht mit der Vorderseite und Oberfläche der Dinge zufriedengeben, sondern tiefer, besser sehen und verstehen wollen. Sie haben sich von Babylon, dem New York der Antike, auf den Weg gemacht, verlassen ihre Komfortzone, um einem unbekannten Stern bis nach Jerusalem zu folgen. In der Vorbereitung auf die Predigt, liebe Gemeinde, habe ich einen Aspekt dieser Erzählung je länger je weniger verstanden. Warum landen die drei Weisen zuerst bei Herodes, wo der Stern sie doch so wunderbar führt? In einer Zeit vor der Erfindung des GPS war die Navigation via Himmelskörper nicht so eindeutig. So haben die weisen Sterndeuter dort ihre Suche begonnen, wo sie Weltbewegendes am ehesten erwarteten. Im grossen und wichtigen Jerusalem, beim König, am Ort der Priesterelite, im Tempel, in Stein gemeisselter Garant der Gegenwart Gottes. Und schon laufen sie Gefahr, an Weihnachten vorbei zu schrammen. Ja, man könnte fast sagen: bereits die Ankündigung von Weihnachten provoziert die Welt zum Gegenschlag. Herodes gibt sich scheinbar interessiert, hat jedoch nur eines im Sinn. Diesen möglichen Bedrohungsfaktor, diesen kleinen König der Juden zu beseitigen, diesen Neuankömmling, der die Kategorien von Macht und Geld eliminieren wird, der sich Sohn Gottes nennt und dennoch auf den Thron verzichtet, der mit dem Traum eines neuen Reiches von Dorf zu Dorf zieht, Titel und Ehren links liegen lässt, der keine Sicherheiten braucht, um das Menschsein im ungesicherten Unterwegssein neu zu erfinden. Herodes graut bei der Vorstellung eines neuen Königs; er kann ihn nicht anders als in der Kategorie von Macht und Hierarchie, von Privilegien und Verfügungsgewalt denken. Und - schieben wir diese Figur nicht allzu früh zur Seite. Ich denke, alle tragen wir etwas von dieser Figur in uns. Herodes, der ein Leben lang nach Anerkennung rang, sie mit grossartigen Palast- und Tempelanlagen in Caesera, Jerusalem und Massada sichern wollte und als Nichtjude doch nie die Wertschätzung erhielt, nach der er strebte. Herodes, der von Angst des Bedeutungsverlustes gezeichnet war, will die Kontrolle nicht verlieren, sein Auszug aus Jerusalem hin zu einem schlichten Menschsein in Bethlehem ist für ihn undenkbar. Ohne seinen Titel ist er ein Nichts, ohne Palast, Hof und Tempel droht eine unendliche Leere. Einfach Mensch sein ist für ihn unvorstellbar.

Anders die drei Weisen - sie haben wohl anfänglich am falschen Ort gesucht, und doch kommen sie – interessanterweise auf Herodes’ Anraten – weiter. Sie lassen die eigene vorgefasste Meinung ("Gott und Hof") hinter sich, auch wenn sie nicht sicher sein können, was da vor Ihnen liegt. Interessanterweise wird erst jetzt die Navigation durch den Stern sehr präzise: und siehe der Stern, den sie im Morgenland gesehen hatten, zog vor ihnen her, bis er über der Stelle stand, wo das Kind war. Die Frage stellt sich: wurde erst jetzt, nachdem die Weisen Hof und Macht, Gottesmonopol und Elite, ausgediente Floskeln und leergeredete Formeln offizieller Religion hinter sich gelassen haben, der Weg frei für die Begegnung mit dem Kind zu Bethlehem?

An Weihnachten – so die christliche Überzeugung – setzt eine neue Bewegung Gottes ein. Abseits der grossen Bühne, leicht übersehbar, entfaltet sich die radikale Menschenfreundlichkeit Gottes in Bethlehem. Ein Prozess, der Mauern der Aus- und Abgrenzung niederreisst, in dem Geben seliger wird als Nehmen, sich verlieren als Gewinn erlebt wird. Der erwachsene Jesus wird später niemanden ausschliessen, sich mit Frommen und Versagern an einen Tisch setzen. Kurz, dieser Christus vereint, wo andere Differenzen kultivieren, er versöhnt, wo andere längst abgeschrieben haben, er vergibt, wo Urteile längst gefallen sind. Der Gott, der sich in diesem Kind von Bethlehem manifestiert, ist bedingungslos den Menschen zugewandt. Das ist die Hoffnung, die die Weihnachtsgeschichte transportiert, das ist Bethlehem, nicht Jerusalem, das beginnen die fremden Sterndeuter zu verstehen, das berührt sie zutiefst und lässt sie beschenkt in ihre Heimat zurückkehren.

So stellt sich uns die Frage: wo kommen wir an an Weihnachten? Haben wir den Mut, diesem Weihnachtsstern zu folgen oder lassen wir uns von den Realisten und Nüchternen bremsen? Im Jahr 2017 ist die Welt in meinen Augen nochmals frostiger geworden. Grenzen und Mauern erleben Hochkonjunktur, in einer hochkomplexen Welt werden Konzepte wie Nation und Ethnie mit ganz viel Emotionen neu bespielt. Und auch im Nahen und Privaten erlebe ich es als Pfarrer, wie diese ewige Anstrengung, beruflich mitzuhalten, sich finanziell abzusichern, Ehe, Partnerschaften, Familie verantwortlich zu gestalten und dann erst noch jung und knackig zu bleiben, mal und mal Risse bekommt. Da scheint was Wesentliches nicht aufzugehen.

Gerade an Weihnachten ist daher unsere Hoffnung auf dem Prüfstand. Reden wir von Bethlehem, von der Krippe und von dem hellen Morgenstern als eine „herzige Legende“, à la „drei Nüsse für Aschenbrödel„ oder “der kleine Lord“ oder lassen wir uns neu von dieser unglaublichen, ja eigentlich verrückten Botschaft in Bewegung setzen.  Mich dünkt, es ist manchmal so schwierig, das irritierende, völlig überraschende an Weihnachten überhaupt noch wahrzunehmen, wir sind Weihnachten mit seinem ganzen Traditionspaket so was von gewohnt, dass wir diesen unkonventionellen, verrückten,  weiteren Versuch Gottes, mit uns Menschen ins Gespräch zu kommen, nicht mehr erkennen. Dabei will Gott uns neu erklären, was ihm am Herzen liegt. Ja vielleicht ist das sogar Teil des Wesens seiner Liebe, sie gibt nicht auf, resigniert nicht, sondern sucht unkonventionelle neue Wege. Sie geht das Risiko ein, von den einen unverstanden zu sein, von den nächsten schlicht ignoriert zu werden zu werden, aber sie bleibt dran. Weihnachten hat also mit dieser hartnäckigen Liebe Gottes zu tun, die niemanden aufgibt, sondern es nochmals anders versucht. Nicht im heiligen Tempel, sondern in einer Felsengrotte in Bethlehem, nicht ethnisch eingegrenzt, sondern universal ausgerichtet. Der deutsche Theologe Helmut Thielicke hat mal gesagt: «Weihnachten sagt uns: Gott holt uns ab, gleichgültig wo wir stehen.» Steht die Geschichte der drei Weisen nicht auch für dieses «Abgeholt Werden»? Ja, die drei liessen sich vom Stern abholen, diese Offenheit muss zuerst mal da sein. Ich wünsche uns diese innere Beweglichkeit, im Vertrauen, dass dieses Abholen Gottes nicht einfach eine Sternstunde vor 2000 Jahren darstellt. Gott meint in seinem Kommen nicht einfach die drei Weisen oder die Hirten von damals, sondern uns alle, er sucht auf unkonventionelle Art das Gespräch mit uns, die Frage ist und bleibt: sind wir offen für das Unerwartete Kommen Gottes? Und das zweite, das ich heute zu bedenken geben möchte: Wenn in der Weihnachtsgeschichte ein Gott erkennbar wird, der in seiner Liebe neue Wege sucht, an uns dran bleibt, dann sollte uns das zu denken geben. Wo kommt diese unkonventionelle, neue Wege suchende Liebe in meinem Leben vor? Ich denke, unser aller Leben bietet da genügend Übungseinheiten, um an dieser Frage dran zu bleiben, in Beziehungen, die für uns schwierig sind, bei Menschen, denen wir unter der Woche begegnen, die sich über ein Nachfragen, über eine Einladung, eine wärmende Geste freuen würden.

Der deutsche Theologe Klaus Hemmerle hat einmal fast trotzig festgehalten:

Der Stern hat sich nicht geirrt,

als er stehenblieb

über dem Haus der kleinen Leute:

Dort ist die grosse Zukunft geboren.

 

Ich wünsche uns gerade in einer Zeit, in der vieles dagegen spricht, ganz neu den Mut, an diese Zukunft zu glauben.

Amen.



Pfarrer Simon Gebs
Zollikon
E-Mail: simon.gebs@ref-zollikon.ch

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