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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

2. Weihnachtstag, 26.12.2017

Johannes schaut ins Große und dosiert es als Hilfe
Predigt zu Offenbarung 7:9-12, verfasst von Manfred Mielke

Liebe Gemeinde,

wissen Sie, wie eine Streichholzkrippe aussieht? Ich meine keine, die aus Abertausenden zusammengeklebt ist. Ich meine eine normale Zündholzschachtel, in der winzige Krippenfiguren sind. Joseph, Maria und das Baby, dazu zwei Tiere und ein wenig Heu. Kinder spielen damit gerne, durchaus mehrmals. Schublade geleert, hochkant gestellt, schon steht der Stall! Mit Fingerspitzen die heilige Familie hineinbugsiert, davor das Öchslein und das Eselchen drapiert. Bethlehem en miniature. (1)

 

 

Ganz Bethlehem? Die komplette Weihnachtsgeschichte? Nein. Zwar geschah die Geburt im Stall vermutlich sehr beengt, in stickiger Luft und in wenigen Minuten. Aber sie war umgeben von einer gigantischen Kulisse. Cäsar Augustus ordnete vorher an, dass „alle Welt“ zu erfassen sei. Und am Himmel erschien „die Menge der himmlischen Heerscharen“. Die sangen die Hymne: „Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden!“ Der ganze Himmel und alle Welt - das Drumherum war maximal. Einerseits gab es keinen Raum in der Herberge und andererseits überbordender Jubel. Die Geburt geschieht wie in eine Schachtel eingezwängt, doch die Kunde davon nutzt den Kosmos als Resonanzraum. In der Sprache eines Weihnachtslieds: „Den aller Welt Kreis nie beschloss, der liegt in Marien Schoß;… dass er unser sich erbarm und in dem Himmel mache reich und seinen lieben Engeln gleich.“ (2) Das Liegen in Mariens Schoß ist eine Engführung, wohingehend das Gleichwerden mit den Engeln im Himmel eine Entfaltung ist. An Weihnachten geschehen Engführung und Entfaltung zugleich und einander zugeordnet. Hinzu kommt der Faktor Zeit. Jesu Entbindung und Erstversorgung geschahen in wenigen Minuten. Was aber, wenn Weihnachten im Himmel zu einem Dauerzustand wird? Was, wenn auf Erden noch Passion und Ostern mit hinzukommen? Das, so die Vision des verbannten Propheten Johannes, könnte so aussehen:

 

Danach sah ich, und siehe, eine große Schar, die niemand zählen konnte, aus allen Nationen und Stämmen und Völkern und Sprachen; die standen vor dem Thron und vor dem Lamm, angetan mit weißen Kleidern und mit Palmzweigen in ihren Händen, und riefen mit großer Stimme: Das Heil ist bei dem, der auf dem Thron sitzt, unserm Gott, und dem Lamm! Und alle Engel standen rings um den Thron und um die Ältesten und um die vier Gestalten und fielen nieder vor dem Thron auf ihr Angesicht und beteten Gott an und sprachen: Amen, Lob und Ehre und Weisheit und Dank und Preis und Kraft und Stärke sei unserm Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen. (Offenbarung 7,9-12)

 

Liebe Gemeinde,

so zusammengedrängt es im Stall von Bethlehem zuging, so festgezurrt war auch der Prophet Johannes. Vorher war er ein Prediger, regional bekannt und geachtet. Aber im Jahre 85 nach des Cäsar Augustus' „Alle-Welt-Befehl“ verstieg sich Cäsar Domitian zum Befehl, dass von nun an er als „unser Herr und Gott“ zu verehren ist. (3) Sein Staatsapparat hatte das rigoros durchzusetzen. Zum Beispiel durch Polizei und Justiz, durch Todesstrafe oder Verbannung. Johannes aber bekannte sich laut und öffentlich zu Jesus Christus als seinem „Herrn, Gott und Heiland“. Daraufhin wurde er verurteilt und verbannt. Vom Festland der heutigen Türkei auf eine miserable Mittelmeerinsel namens Patmos. Doch Gott half ihm durch Visionen, nicht depressiv zu werden, sondern Seelsorger zu bleiben. Er kannte in seiner Heimatregion drei Gemeinden, die Paulus gegründet hatte und die dessen Briefe lasen wie eine Bibel. So kam er auf die Idee, auch Briefe zu schreiben, um alle zu stärken, die der Kaiserlästerung angeklagt sind. Dazu wählte er bewusst die sieben Gemeinden aus, in deren Stadt ein römisches Schwurgericht residierte, zuständig für Morde und Todesstrafen. (Zu Ephesus, Philadelphia und Laodizea noch Smyrna, Pergamon, Thyatira und Sardes) Sieben dramatische Trostbriefe schrieb Johannes an deren „aufgeschreckte Seelen“ und fügte zweimal sieben Visionen hinzu. Darin verfolgte er als inhaftierter Seelsorger drei Mut machende Ziele. 1. Die schonungslose Entlarvung des atheistischen römischen Staates und 2. die „hochwirksame“ Abschreckung vor einem Schmusekurs mit ihm. Aber auch 3. die klare Ansage, dass Gott durch alle diktatorischen Gewaltorgien hindurch seine Leute rettet, und zwar für immer.

 

Dazu überschreitet der Seelsorger Johannes seine winzige Gefängniskammer und schaut sich im endzeitlichen Himmel schon mal um. Vieles kommt ihm bekannt vor, wie zum Beispiel der Thron in der Mitte. Vieles macht ihn neugierig; zum Beispiel, wer darauf sitzt. Ein Despot oder ein Retter? Oder - in Bildern gesprochen - eine Hyäne oder ein Lamm? Vorher dachte er, im Himmel stünden die Geretteten wie Soldaten. Jeweils 12.000 in Reih und Glied, davon 12 „Heerscharen“ nebeneinander, benannt nach den Volksstämmen Israels. Schweigsam wie in einem Kasernenhof, wartend auf Kommandos. Aber zu seinem Erstaunen ist es eine jubelnde und nicht mehr zählbare Völkerschar. Jeder ist ummantelt mit Licht. Jeder schwenkt einen Palmzweig - wie damals, als sie ihm zuriefen: „Hosianna dem Sohn Davids“. Daraus machten die Römer ihre Urteilsbegründung, die sie über sein Kreuz schrieben: „Jesus von Nazareth, König der Juden“. Den verbannten sie nicht, sondern kreuzigten ihn brutal. Da er aber religiös gesehen unschuldig ist, wird er empfunden „wie ein unschuldiges Lamm, zur Schlachtbank geführt“.

 

Doch Gott hilft Jesus aus seiner winzigen Grabkammer heraus und setzt ihn über alle Maßstäbe hinweg zu seiner Rechten in seinem Thronsaal. Deswegen sieht Johannes trotz aller Folterspuren in Christus den Sieger, den alle im Himmel umjubeln. Ohne Unterschied, ob sie über Mose oder über Jesus dorthin gekommen sind. Johannes gelingt es nur mühsam, im himmlischen Massenandrang nach vorne zu kommen. Doch am Thron angelangt, sieht er diesen umstellt von Engeln, die wiederum einige „Älteste“ und „Gestalten“ umringen. Die Leser auf dem Festland verstehen: Unsere Gemeindeältesten, die zu Tode gefoltert wurden, haben Ehrenplätze bei Gott. Und die vier Gestalten sind die Schutzpatrone gegen die Inquisition der Römer. Johannes umschreibt, dass diese vier Spezialengel „die Winde zurückhalten“. (V1) Was für eine phantastische Verteidigung für die Angeklagten vor den römischen Gerichten!

 

Liebe Gemeinde,

an dieser Schnittstelle des Himmels ereignet sich etwas Kraftvolles, auch wenn es wie in einer kleinen Schachtel komprimiert erscheint. Es ist eine leise Gemeinschaft, die betet. Drumherum füllt „hoher Lobgesang“ (4) den Kosmos wie eine Echokammer. Im kleinen Zentrum aber beten einige Gerettete, indem sie sieben Begriffe aneinanderreihen. Es scheint mir, als ob sie aus einer kleinen Schachtel vorsichtig Machtworte herausholen und sie vor Gott aufbauen, damit andere sie sich herunterladen können. Andere, die noch unter Todesgefahr zu ihrem Glauben stehen. Und die diese sieben Qualitäten Gottes brauchen als Kraftquellen gegen ihre Märtyrerängste. Sie lauten: Lob und Ehre, Weisheit und Dank, Preis und Kraft und Stärke. Das sind die majestätischen Qualitäten Gottes, die auf Erden dringend benötigt werden von festgezurrten Christinnen und Christen. Dafür öffnet Johannes, der gefangen gesetzte Seelsorger, für seine verfolgten Mitchristen den endzeitlichen Himmel. In dessen Thronsaal stehen in konzentrischen Kreisen Völker und Engel. In der Mitte hört er eine konzentriert betende Kerntruppe, deren Hauptwörter er empfindet wie eine riesige Ressource, die in konzentrierter Dosierung verabreicht vielen Misshandelten Mut machen wird.

 

Johannes kennt dazu Beispiele. Er hörte, dass Jesus sich von Gott in Vollmacht gesetzt wusste, „den Gefolterten zu predigen, dass sie frei sein sollen und um zu heilen die zerstoßenen Herzen“. Johannes weiß, dass er mit verliehener Kraft bei seinem Kreuzestod rief: „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.“ Johannes verarbeitete auch die Steinigung des Märtyrers Stephanus. Dem gönnte der Himmel eine Momentaufnahme des Auferstandenen, was ihm zu einer persönlichen Auferstehungshoffnung verhalf. - Wir kennen weitere Beispiele, die uns menschlich nahe kommen. Dietrich Bonhoeffer nahm das Bild eines Kelchs „des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand“. Uns hilft dieses Lied, auch wenn wir es kaum schaffen, vernichtende Urteile anzunehmen „dankbar ohne Zittern“. Für ihn war dabei der „hohe Lobgesang“ im Himmel kein billiger Luxuslärm (5), sondern eine Kraft, die ihn davon abhielt, abzustürzen in die tote Stille, die sich tief um ihn herum ausbreitete. - Mir kommt der weihnachtliche Joseph menschlich noch näher. Der war in den Monaten vor und nach Marias Entbindung orientierungslos. Aber die Himmelsboten halfen ihm, kleinschrittig wieder wagemutig zu werden. Er bekam keinen Himmel auf Erden, aber kosmische Hilfen für komische Entscheidungen - wie zum Asyl in Ägypten. Ich mag ihn.

 

Im Bild der Streichholzkrippe gesprochen: Johannes, der Seelsorger, öffnet seinen gequälten Mitmenschen so etwas wie eine himmlische Schachtel. In ihr liegt das Zubehör für die Stärkung ihres Mutglaubens. Darin wird Gottes Allmacht auf sie zugespitzt und wandelt sich in ihnen zu persönlicher Widerstandskraft. So versorgt Gott auch uns in seiner Seelsorge mit Engführungen und Ausweitungen. Heute, am 2. Weihnachtstag, senden wir gedanklich den Drangsalierten das eine Trostwort, das uns selbst getröstet hat. Stell Dir vor, dass Du das „Vaterunser“ nie allein betest, sondern immer einer der gefährdeten Christinnen und Christen betet es mit Dir. Und die majestätischen Qualitäten Gottes werden zu Trostworten und Kraftquellen hier und dort, zum Beispiel bei den Worten: „Sein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit“! Amen

 

1) zB aus Lateinamerika, in Eine-Welt-Läden; Abbildung aus dem Internet

2) aus „Gelobet seist Du, Jesus Christ“ (M. Luther), vor 1524

3) Zum folgenden U. Wilkens, Theologie des Neuen Testaments; Band I/IV S. 255-298: Die Johannesapokalypse, 2005

4) Zum folgenden D. Bonhoeffer: „Von guten Mächten“, 1944

5) Die Iserlohner Band sang visionär: „Ich füll ein Meer mit meinen Tränen. Ich bau aus Trümmern einen Thron. Ich tanz mit jedem meiner Feinde…“ in: Luxuslärm; „Fallen und Fliegen“, 2016



Pfarrer Manfred Mielke
Reichshof
E-Mail: Manfred.Mielke@ekir.de

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