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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

2. Weihnachtstag, 26.12.2017

Das wiedergefundene Paradies
Predigt zu Offenbarung 7:9-17, verfasst von Rainer Kopisch

Liebe Gemeinde,

 

„Heut schleust er wieder auf die Tür

zum schönen Paradeis.

Der Cherub steht nicht mehr dafür.

Gott sei Lob Ehr und Preis,

Gott sei Lob Ehr und Preis.“

 

In der sechsten Strophe seines Liedes „Lobt Gott, ihr Christen alle gleich, in seinem höchsten Thron“

holt Nikolaus Hermann das Paradies des Anfangs in die Gegenwart seines Lebens. Nicolas Hermann war ab 1518 Lehrer und Kantor in dem Bergarbeiter-Städtchen Joachimsthal im böhmischen Erzgebirge. Er war mit seinem Pfarrer befreundet und schrieb häufig Lieder zu dessen Predigten. Eine kleine Geschichte aus unbekannter Quelle erzählt davon, dass ein Steiger des Bergwerkes ihm am Tage des Heiligen Abends in einem verlassenen Schacht eine Tür aufschloss, hinter der er seinen schmerzlich vermissten Sohn fand, der zu seinem Kummer von zuhause fortgelaufen war.

Die Freude über den wiedergefundene Sohn und das Schlüssel-Erlebnis waren offenbar der Anstoß, sein schönstes Lied zu dichten. Gott öffnet uns das Paradies.

 

Da Nikolaus Hermann mit Sicherheit auch in den Offenbarungen des Johannes den Text der heutigen Predigt gelesen hat, können wir seinen Spuren zum Paradies folgen.

 

Wann erleben wir Menschen unser ganz persönliches Paradies?

 

Die Evangeliumslesung des vierten Advents von der Begegnung der beiden schwangeren Frauen Maria und Elisabeth, gibt einen Hinweis. Elisabeth sagt zu Maria: „Als ich die Stimme deines Grußes hörte, hüpfte das Kind in meinem Leibe.“ Unter normalen Umständen erlebt ein ungeborenes Kind im Mutterleib paradiesische Verhältnisse bis das Paradies ihm zu eng wird.

Aufmerksamen Müttern wird die paradiesische Freude zu ihrer eigenen Freude und aufmerksame Väter dürfen manchmal daran teilhaben. Niemand der beiden wird Zweifel daran hegen, dass ungeborene Kinder Gefühle haben und sie durch Bewegungen ausdrücken können.

Die Geburt wird wie eine Vertreibung aus dem Paradies erlebt. Fortan muss sich der kleine Mensch darum kümmern, zu leben und nicht zu sterben. Die Orientierung, ob er auf dem richtigen Weg ist, zeigt ihm seine Erinnerung an das Gefühl von Paradies. Er verlangt nach Zuwendung und Liebe, nach Nahrung für Leib und Seele.

Wenn wir auf unsere eigenen Gefühle achten, wenn wir ganz kleine Kinder sehen, werden wir merken, wie sich uns das Herz in Liebe und Zuneigung öffnet. Besonders bei denen, die von ihren Müttern gespiegelt, die Bedeutung von Gegenüber schon kennen. Wenn sie sich die Bilder und Darstellungen des Jesuskindes vor Augen halten, werden sie bemerken, wie die Künstler Kinder darstellen, die zum Gegenüber werden. Diese Tradition führt auch zu unseren Vorstellungen von Weihnachten. Wir möchten eigentlich das Paradies erleben. Natürlich wissen wir, dass das nicht möglich ist. Die Engel, die den Hirten erschienen sind, haben vom Frieden auf Erden gesungen, nicht vom Paradies.

 

Die Sehnsucht nach dem Paradies auf Erden ist für uns Menschen ein lebenslang währender Begleiter und ein geheimes Ziel unseres Lebens.

Doch wenn Tod und Sterben durch vielfältige Vorzeichen ihren Fuß in unsere Leben setzen, werden wir uns bewusst, dass das Paradies Gottes ein anderes ist.

Für unsere Erlösung von der Bedrohung durch ein endgültiges Ausschließen aus dem ersehnten Paradies hat Gott seit seiner Schöpfung schon einen anderen Weg: seine Liebe und Barmherzigkeit.

 

In den vielfältigen Bedrängnissen und Leiden dieser Welt des Todes ist die Liebe Gottes zu uns die Kraft, die uns in Verzweiflung und Todesangst nicht untergehen lässt, sondern die Kraft der Liebe in uns stärkt. Das geschieht in zunehmender Gewissheit, dass Gott der Urgrund und das Ziel unseres Seins ist.

Doch hören sie dem Seher Johannes zu, der in einer Zeit großer Verfolgungen und Leiden der noch jungen Christenheit Visionen hatte, die über die Grenze des Todes in die Ewigkeit Gottes reichen.

Ich lese aus dem Kapitel 7 der Offenbarung des Johannes unter der Überschrift „Die große Schar aus vielen Völkern“ die Verse 9 bis 17:

Danach sah ich, und siehe, eine große Schar, die niemand zählen konnte, aus allen Nationen und Stämmen und Völkern und Sprachen; die standen vor dem Thron und vor dem Lamm, angetan mit weißen Kleidern und mit Palmzweigen in ihren Händen, und riefen mit großer Stimme: Das Heil ist bei unserm Gott, der auf dem Thron sitzt, und bei dem Lamm!

Und alle Engel standen rings um den Thron und um die Ältesten und um die vier Wesen und fielen nieder vor dem Thron auf ihr Angesicht und beteten Gott an und sprachen: Amen, Lob und Ehre und Weisheit und Dank und Preis und Kraft und Stärke sei unserm Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

Und einer der Ältesten antwortete und sprach zu mir: Wer sind diese, die mit den weißen Kleidern angetan sind, und woher sind sie gekommen? Und ich sprach zu ihm: Mein Herr, du weißt es. Und er sprach zu mir: Diese sind's, die aus der großen Trübsal kommen und haben ihre Kleider gewaschen und haben sie hell gemacht im Blut des Lammes. Darum sind sie vor dem Thron Gottes und dienen ihm Tag und Nacht in seinem Tempel; und der auf dem Thron sitzt, wird über ihnen wohnen.

Sie werden nicht mehr hungern noch dürsten; es wird auch nicht auf ihnen lasten die Sonne oder irgendeine Hitze; denn das Lamm mitten auf dem Thron wird sie weiden und leiten zu den Quellen lebendigen Wassers, und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen.

Was hat dieser Text mit der Geburt Jesu, die wir zu Weihnachten feiern, zu tun? Der schlesische Mystiker Angelus Silesius kann uns einen Hinweis geben. Er schrieb: „Wär´ Christus tausendmal zu Bethlehem geboren, doch nicht in dir: du bliebst noch ewiglich verloren.“ Im Predigttext geht es um die Erlösten und Geretteten. Ohne Frage sind sie durch das Lamm Gottes, Jesus Christus erlöst und zum Heil bei Gott gekommen. Ihre weißen Gewänder weisen sie als Teilhaber des ewigen Lebens bei Gott aus. Die Farbe Weiß ist die Farbe der Ewigkeit und hat noch heute in der Taufe diese Bedeutung. Die Palmenzweige in ihren Händen symbolisieren Frieden und sind auch Zeichen des durch das Lamm geschenkten Sieges über den Tod. Sie bekennen sich zum Heil bei Gott und dem Lamm. Der nächste Blick richtet sich auf die Diensthabenden um den Thron Gottes: die Engel, die Ältesten als eine besondere Gruppe von Engeln, und auf die vier Wesen. Diese waren ursprünglich eigene feste Bestandteile an den vier Ecken des Thrones im Jerusalemer Tempel. Wir erkennen darin die Bezüge zur realen Welt des Tempelkultes. Die Doxologie, die mit Amen beginnt und mit Amen schließt und Gott preist, kennen die Gemeinden, an die die sieben Sendschreiben gerichtet sind, aus ihrer eigenen gottesdienstlichen Liturgie. Johannes stellt damit die Gottesgegenwart in den irdischen Gottesdiensten fest und die Verbundenheit mit Gott bis in die Ewigkeit.

Wer aus der Tiefenpsychologie des Schweizer Arztes Carl Gustav Jung die von ihm entwickelte Form der Aktiven Imagination kennt, weiss um die Existenz von Führern, die Auskunft über wichtige Fragen geben können. Sie weisen auf wichtige Dinge in den inneren und tiefen Bilderlebnissen hin, die auch den Bezug zur realen Welt zeigen. Das geschieht auch hier in der Vision des Johannes: Die unzählbar große Schar aus allen Nationen und Stämmen und Völkern und Sprachen sind die, die aus der großen Trübsal kommen. Die große Trübsal ist den Empfängern der Sendschreiben als gegenwärtige bekannt. Die Schilderung der Offenbarung des Johannes gibt ihnen Trost und macht ihnen Mut. Der Ausdruck des Waschens und des hell Machens im Blut des Lammes hat für die Adressaten einen deutlichen den Bezug zur Reinigung durch die Taufe, die in den Gemeinden geschieht. Zu dieser großen Schar zu gehören, bedeutet auf ewig mit Gott zusammen zu sein und ihm dienen zu können. Wie sieht das aber genauer aus? Wichtig ist, dass die Bilder alttestamentlichen Vorstellung des Reiches Gottes im Jenseits, über die Vorstellungen, die wir im Prophetenbuch Jesaja finden, hinausgeht. In die alttestamentlichen Vorstellungen aus dem Prophetenbuch Jesaja hat Johannes etwas Wichtiges für uns Christen eingefügt: Das Lamm mitten auf dem Thron wird sie weiden und leiten zu den Quellen lebendigen Wassers. Der Text erinnert an den 23. Psalm, den viele von uns auswendig hersagen können: „Der Herr ist meine Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.“ Im Umkreis unseres Predigttextes aus der Offenbarung des Johannes wird uns am Psalm 23 deutlich, wie gegenwärtiger Glaube an Gott in die Ewigkeit seines Reiches reicht. Von diesem Bezug zur Ewigkeit bei Gott ist der Psalm 23 deutlich geprägt. Dies macht auch seine tröstende Kraft aus, die einem offenen Herzen sofort zugänglich ist.

Aus diesem Grund sollten Christen den Psalm 23 auswendig kennen, um ihn regelmäßig in ihrem Herz zu bewegen. Gefühle werden dabei als lebendig spürbar, die wesentlich zum Glauben gehören. Männer tun sich der allgemeinen Meinung nach schwer damit, in lebendiger Weise mit ihren Gefühlen umzugehen. Eigentlich dürften sie aber doch mehr Zutrauen zu sich selbst haben, und zu ihren Gefühlen stehen, wenn sie diese wahrnehmen.

Ein Mann erlebte sich in einer Aktiven Imagination als eine schwangere Frau und sah das ungeborene Kind in sich wie es sich bewegte und erlebte den paradiesischen Zustand gemeinsamen Fühlens und Erlebens als ein großes Geschenk mit großer Freude. In deiner Aktiven Imagination können wir an Gefühle und Erinnerungen herankommen, die tief in unserer Seele verborgen sind. Wir haben alle die Erinnerung an diese Gefühle aus jenen Tagen vorgeburtlichen Seins tief in unseren Herzen. Sie können zur Weihnachtszeit in besonderer Weise wieder gelebt werden. Wer aber zu Weihnachten die Freude froher Weihnachten aus verschiedenen Gründen nicht erleben kann, dem kann ein Gedanke helfen. Das Jesus-Kind, dessen Geburt wir jedes Jahr wieder feiern, ist inzwischen durch ein volles Leben gegangen und durch den Tod. Seine Gegenwart ist inzwischen die Gegenwart Gottes in unserem Leben und wir bleiben ihm und er uns verbunden bis in alle Ewigkeit. Dem Seher Johannes ist er als Lamm Gottes in einer besonderen Aufgabe deutlich: Das Lamm mitten auf dem Thron wird sie weiden und leiten zu den Quellen lebendigen Wassers.

Diese Quellen lebendigen Wassers bedeuten Gott selbst. Sein wie Gott selbst, das war das Versprechen der Schlange an Adam und Eva, wenn sie von den Früchten des Baumes der Erkenntnis essen würden. Der magische Weg zu Gott ist uns Menschen verschlossen. Alles Böse und alles Leiden aus der Welt zu zaubern ist uns nicht möglich. Jesus hat einmal gesagt: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zu Vater denn durch mich. (Johannes 14,6) Von dieser Selbst-Aussage Jesu her verstehen wir auch das „Leiten zu den Quellen des lebendigen Wassers“ als die Vollendung und Erfüllung unseres Weges zu Gott.

 

In einer anderen Imagination führte der Weg eines Menschen bis zu Gott. Er durfte im Schoß Gottes ruhen.

Dabei ließ ihn Gott seine göttlichen Gefühle erleben.

Zuerst spürte er eine strömende Liebe, die aus dem Schoß Gottes durch ihn hindurch floss.

Diese strömende Liebe bekam in seiner Wahrnehmung einen zunehmenden Charakter von Barmherzigkeit, bis Liebe und Barmherzigkeit schließlich eins wurden. Dann spürte er die Freude Gottes an seinem eigenen göttlichen Tun. Es war eine unbändige Freude.

 

Ich bin sicher, dass dies die Quellen lebendigen Wassers sind, die Johannes meint.

 

Wir sind auf dem Weg von Weihnachten in das Reich Gottes. Was sollte es als Ziel Schöneres geben.

 

Amen

 

 



Pfarrer i.R. Rainer Kopisch
Braunschweig
E-Mail: rainer.kopisch@gmx.de

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