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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Tag des Evangelisten Johannes, 27.12.2017

‚Tage des Lesens … Tage des Schreibens‘
Predigt zu Johannes 21:20-25, verfasst von Jochen Riepe

‚Schreiben heißt sich selber lesen‘ , notierte einst Max Frisch in seinem Tagebuch*. Ich denke ,Johannes , der Evangelist, er hätte diesen Satz weihnachtlich-festlich gesteigert und überboten : Schreiben , ein Evangelium schreiben , heißt , sich selber im Licht der Ewigkeit , des Ewigen lesen. ‚Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns und wir sahen seine Herrlichkeit…‘ (1,14).

                                                                            II

Das kennen viele – diesen Drang , von einem Buch, das man gerade gelesen hat , zu erzählen, sich darüber auszutauschen, es zu besprechen oder gar eines Tages auf es zu antworten durch ein - eigenes Buch . Literaten nennen dies den Umschlag von Leseenergie in  Schreibenergie , gleichsam die Initialzündung  , dank derer  ein Leser  zum Schriftsteller wird .  Bücher schreibt man ja nicht einfach so . Entweder gibt es einen ‚einschlagenden‘ , sogar traumatisierenden Anlaß  , oder ein Mensch hat viele Tage  gelesen, war gleichsam ‚hörend –murmelnd‘ eingesunken in die Gegenwelt eines anderen , wie es in dieser Zeit zwischen den Jahren  ja  vorkommen soll, und glitt wie von selbst über in die ‚Tage des Schreibens‘. Eine email . Ein Brief. Ein ‚post‘, ein ‚tweet‘ , eine Rezension im Internet  oder eben eine Predigt  … Antwort geben…

                                                                              III

Dies ist der Jünger , der dies alles bezeugt und aufgeschrieben hat, und wir wissen , daß sein Zeugnis wahr ist‘ (21,24). Bezeugen und Schreiben – die Wahrheit von Jesus Christus. So faßt Johannes kurz vor Ende seines Buches seine literarische Arbeit zusammen. Wer war dieser Johannes ? Er lebte vermutlich um die Wende vom ersten zum zweiten Jahrhundert n.Chr. , aber was heute , besonders aber jetzt in der stillen Zeit , besonders wichtig ist : Johannes war ein Leser. Vielleicht auch ein Vorleser , ein  Lektor im Gottesdient .

 Fast in jedem Kapitel seines Buches wird dies deutlich : Er kannte die Bücher Moses, die der Propheten , die der Weisheit , die Psalmen , schließlich wohl auch die Evangelien nach Markus und Lukas , vielleicht auch das des Matthäus,  und nimmt immer wieder auf diese Textmassen  – manchmal richtig spielerisch -  Bezug . ‚Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde…‘ , so lautet der erste Satz der Bibel . ‚Am Anfang war das Wort…‘ , schreibt Johannes , nimmt Altes auf und schreibt es weiter , als reichte es nicht aus und müßte soz. auf den Punkt gebracht werden. ‚Am Anfang war das Wort…‘ , das ist sein erster Satz und die Überschrift des ganzen Buches.

                                                                                    IV

Ja , das Wort …der logos , wie es im griechischen Text heißt . Bei einem Menschen , dessen Lese – zur Schreibenergie geworden ist , ist diese Ausrichtung wohl nicht weiter erstaunlich , aber erstaunlich ist schon , wie Johannes ‚das Wort‘ hört, durchdenkt und begreift :‘Das Wort wurde Fleisch‘. Im (lauten oder stillen ?) Lesen der Schriften der Alten , im Nachvollzug des Lebens , der Worte , der Reden und der Taten Jesu von Nazareth, wie die Synoptiker sie geschildert haben , ist ihm eben dies wichtig und unausweichliche Erkenntnis : Dieses Wort , das vor Grundlegung der Welt ‚bei Gott‘ war , dies ist dieser eine , einmalige , ‚eine kleine Zeit‘(7,33) an diesem Ort lebende , insofern ‚zufällige‘ Mensch Jesus von Nazareth  gewesen . Was ‚einmal‘ war , ist doch ‚einfürallemal‘. Ja, aus Nazareth ist ‚Gutes‘ gekommen (1,46).

 Manchmal hat man ja als Leser ein Aha-Erlebnis, ein Heureka : Ich hab’s verstanden! Johannes , der doch diesen Jesus nie persönlich kennengelernt hat , ihm ist das Lesen zum Hören und das Hören zum Erkennen ‚der Stimme‘(10,4; 20,16) des guten Hirten geworden – ihm wurden im Geiste Gottes  soz. lesend die Augen und Ohren aufgetan  für den lebendigen Christus : ‚Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns und wir sahen seine Herrlichkeit… und von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade ‘.  Alle Schreibenergie verwendet Johannes darauf , dieses Paradox  zu entfalten  , nun zum Schriftsteller geworden es seinen Lesern nahezubringen  und auf diese Weise zum Glauben zu rufen , zum Glauben und zu einem getrösteten , ja :  souveränen  und ‚angst-freien‘ Leben ,  hier und jetzt, in diesem vergänglichen Leib , der doch zugleich gleichsam eingehüllt ist in das ewige Licht**.

                                                                                    V

‚Schreiben heißt sich selber lesen‘ , notierte Max Frisch . Johannes würde festlich präzisieren : sich selber als leibhaftigen Menschen im Spiegel der Ewigkeit lesen dürfen ,  im Geiste Christi  die Angst der Weltzeit  ertragen  und  der Welt in Freiheit entgegentreten :‘ich bin’s‘ (18,5)  –ja, auch mit einer Post- oder weihnachtlichen Grußkarte , mit einem ‚post‘  oder einer ‚email‘ , mit einem Artikel im Gemeindebrief , mit einer Predigt  oder eben mit einem  - ‚Evangelium‘ vom Leben und Sterben Jesu  . Ich sagte es schon : Johannes war kein Zeitgenosse Jesu , die entscheidenden Ereignisse lagen siebzig Jahre zurück , und mancher hat gefragt : Wie konnte er sich erdreisten , noch ein Buch über Jesus zu schreiben , es gab doch schon so einige, nun noch er , der doch gar kein Augenzeuge war ?!

 ‚Und wir sahen seine Herrlichkeit…‘ – ja, was hat er denn gesehen und war es wirklich so ? Aus welcher Fülle schöpfte er denn ? Wenn man in sein ‚Buch der kleinen Zeit‘ eintaucht  , rückt  einem diese Frage mitunter auch unangenehm  nahe . Als Leser bin ich verzaubert, getröstet, getragen, aufgewühlt  , verärgert , neugierig und  manchmal enttäuscht … Ist das nicht zu romanhaft , zu phantasievoll und  zu konstruiert , zu tendenziös und polemisch  ? Mancher Ausleger hat gefragt: Gleicht  dieser fleischgewordene Logos des Johannes  nicht eher einem fake  als einem Faktum und bleibt hinter dem wirklichen Jesus von Nazareth zurück ? Erfahrene Leser  wissen allerdings , daß Wirklichkeit und Wahrheit nicht einfach deckungsgleich sind und daß ein Buch uns Wahres lehren kann, ohne daß wir sicher sind , ob es auch wirklich genauso gewesen ist.

                                                                                    VI

Vielleicht um dies seinen Lesern näherzubringen ( und so gleichsam die Flucht nach vorn anzutreten) , könnte Johannes ein nicht ganz unbekanntes literarisches Stilmittel  genutzt haben : Er , der Autor, schafft gleichsam ein Modell  -‚der Jünger, den Jesus liebte‘ - und schreibt sich mittels dieser  Figur  in sein Evangelium von Jesus Christus hinein  , so ähnlich wie sich ein Maler in sein Bild ***  hinein malen, sich verstecken  und  zugleich zeigen kann  . Johannes macht also erzählend ausdrücklich , was bei jedem Schreiben über Jesus geschieht : ‚Ich nehme teil . Ich bin engagiert und du bist es auch‘ . Er erhebt sich über die Gräben der Zeit und  wird zum Augenzeugen des Lebens Jesu , indem er in sein Buch hineingeht und sich selbst  zu einem ‚realen‘  Jünger des Herrn macht. Von ferne winkt hier der Regisseur Alfred Hitchcock , der in jedem seiner Filme durch wenigstens eine Szene hindurch lief , als wollte er sagen : ‚ Ich war dabei‘ .

So wird Johannes, der ‚Autor-Jünger‘ , zu Beginn – als der ‚andere Jünger‘ – mit Andreas und Petrus berufen , er liegt  beim letzten Abendmahl an Jesu Brust , er steht mit Maria unter dem Kreuz, er ist als erster am Ostermorgen am leeren Grabe und schließlich im ‚Epilog‘  offenbart er sich als wahrhafter Zeuge und  Verfasser des Evangelium : Er wird ‚bleiben‘, sagt Jesus , der Auferstandene  – ja, wer schreibt , der bleibt ,‘auch wenn er stirbt‘ (11,25) . Vom Lesen und Hören zum Sehen und Erkennen , vom Sehen und Glauben zum Schreiben und Bezeugen ! Das ist soz. die lebendige Kette des Glaubens an Jesus Christus und wir noch Späteren lernen hier : ‚Augen-Zeugenschaft‘  ist mehr und anderes als einfach dabei gewesen sein. Die Augenzeugenschaft des Glaubens  schöpft in der Gegenwart des Geistes  aus den Zeugnissen der  Alten und liest sich selbst vielfältig in das ewig-zeitliche Geschehen der Fleischwerdung des Wortes  hinein.

                                                                                 VII

Am Ende bohrt die Frage aber noch einmal : Ist das erlaubt ? Wird so das Evangelium nicht zum Roman , zum Drama , eben zu einem literarischen Produkt ( und der Evangelist zu einem frommen Hochstapler) ? Heute sage ich weihnachtlich gelassen : Für Leser ist das eigentlich selbstverständlich . Die Wahrheit sprengt die Wirklichkeit , sie ‚überwindet die Welt‘ (16,33) und die Wahrheit des Christus läßt dich über dich hinauswachsen und ganz neue Gottes-Welten erkunden . Alle ‚Christus-Phantasie‘ bemißt sich daran , ob sie gleichsam diesen Prozeß eröffnet und fördert oder ihn stört und verhindert.

Darum : Bei jedem Leser kann er irgendwann kommen -  dieser Umschlag der Energien . Aus Tagen des Lesens werden solche des Schreibens . Du stehst von deinem Sofa auf und setzt dich an den Tisch . Die Postkarte , die email, die Grußkarte , der Brief  .  Leser wollen antworten und die Leser des Johannesevangeliums insbesondere , ist doch der ‚Autor –Jünger‘ Johannes - im Modell des ‚Lieblingsjüngers Jesu‘ -  so etwas wie ein Stellvertreter  eines jeden , dem die inneren  Augen aufgegangen sind , der nun seine Lebens-Predigt halten  und so seinen Teil zur Welt-Bibliothek beitragen will. Im Evangelium heißt es darum zuletzt : ‚Es sind noch viele andere Dinge, die Jesus getan hat. Wenn aber eins nach dem andern aufgeschrieben werden sollte, so würde, meine ich, die Welt die Bücher nicht fassen, die zu schreiben wären‘ (21,25).

                                                                                      VIII

Ganz besondere , festliche Tage – stille Zeit, ‚kleine Zeit … und dann gehe ich hin …‘ : Tage des Lesens – Tage des Schreibens .  Unsere katholischen Mitchristen  segnen heute den sog. Johanneswein … der Wein und ein gutes Buch. Eine frohe Christzeit.

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*s. M. Frisch, Tagebücher 1946-1949, 1975,S.19

**vgl. J. Ringleben, Das philosophische Evangelium   Theologische Auslegung des Johannesevangeliums im Horizont des Sprachdenkens , 2016, S. 89

***vgl . H. Thyen , Das Johannesevangelium , 2005, S. 794



Pfarrer Jochen Riepe
Dortmund
E-Mail: Jochen. Riepe@gmx.net

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