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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Heilig Abend - Christvesper, 24.12.2017

(K)eine Weihnachtsbotschaft
Predigt zu Jesaja 9:1-6, verfasst von Thomas Bautz

Das in der Finsternis wandelnde Volk sieht ein großes Licht. Die im Land der Todesschatten wohnen: ein Licht erstrahlt ihnen. Du vermehrst die Freude (Roberts, 144–145, 149), steigerst ihre Freude. Sie freuen sich vor Dir wie man sich freut in der Ernte, wie man jubelt, wenn die Beute verteilt wird.

Denn das Joch ihrer Last und den Stab (auf) ihrer Schulter, den Stab des Antreibers zerbrichst Du wie am Tag Midians (Sieg Gideons über die Midianiter). Denn jeder Stiefel, der dröhnend aufstampft, und (jeder) Mantel, im Blut gewälzt – er wird brennen, ein Fraß des Feuers.

Denn ein Kind ist uns geboren, ein Sohn uns geschenkt, und es liegt die Herrschaft auf seiner Schulter. Seine Namen: „Wunderbarer – Ratgeber des mächtigen Gottes – Vater auf ewig – Friedensfürst". Zur Mehrung der Herrschaft und zum Frieden ohne Ende auf Davids Thron und seinem Königreich, um es zu festigen und zu stützen durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Der Eifer des Herrn der Heerscharen (JHWH Zebaot) wird dies bewirken.

Liebe Gemeinde!

Wer da wohnt, wo es stockfinster ist, wo undurchdringliche Finsternis herrscht, gleichsam in einem „Land der Todesschatten“, wäre froh, wenn ihm nur eine kleine Lichtquelle erschiene: ein Wegweiser und Hoffnungsspender in einer Lage der absoluten Hoffnungslosigkeit. Erstrahlt aber ein glänzendes, gleißendes, großes Licht, könnte man auf Grund der gewohnten Anpassung an die starke Dunkelheit geradezu geblendet werden. Dennoch überwiegt bei Jesaja die Freude über den Wechsel von der Nacht zum Tag, weil das die Finsternis durchdringende Licht politisch als Befreiung von den Lasten einer Fremdherrschaft gesehen wird.

Der historische Hintergrund fällt in den Zeitraum des Königs Hiskia im Südreich als Vasall unter der Herrschaft der Assyrer (727 bis zur am Ende erfolglosen Belagerung Jerusalems 701 und dem Ende des assyrischen Herrschers Sanherib, 681 v.d.Z.). Um das Untragbare der Unterjochung zu betonen, spricht Jesaja wiederholt (in drei Texten: Kap. 9; 10; 14) von Joch, Last auf der Schulter, Stab, Stock und vom Antreiber oder Schläger (Gradwohl, 146–147). Nach vorheriger Eroberung des Nordreichs durch die Assyrer muss das Südreich mit Jerusalem zunächst das Schlimmste befürchten:

Die Krieg treibende Nation unterdrückt und versklavt als Sieger die Verlierer; Jesaja nimmt kein Blatt vor den Mund: der „hohe Schnürschuh“ der Assyrer, der Stiefel, Symbol militärischer Überlegenheit. Der mit Blut besudelte Mantel steht metaphorisch für den Sieger, der den Mantel im Blut der Opfer wälzt (Beuken, 248–249; Gradwohl, 142f). Doch wie so häufig in der Geschichte der Völker, kehrt sich der Spieß um; Sanherib scheitert. Peter Paul Rubens hat das künstlerisch in einem Gemälde (um 1617) ausgedrückt: Die Niederlage Sanheribs (122,7 cm x 97,7 cm, Öl/ Holz, Alte Pinakothek, München).

Historisch wissen wir nicht, warum die Assyrer abgezogen sind. Die biblische Legendenbildung ist – wie es allen Legenden zu Eigen ist – abenteuerlich: ein Engel JHWH (Jahwes) bringt in der Nacht 185.000 assyrische Soldaten um, weshalb Sanherib notgedrungen nach Assyrien zurückkehrt (2 Kön 19,35–37; Jes 37,33–38). Hiskia, der erst seine Hoffnung auf Ägypten setzt (2 Kön 18,19– 25), muss erkennen, dass nur Jahwe (JHWH), der Gott Israels, aus aller Not erlösen kann.

In Wirklichkeit leistet Hiskia dem assyrischen König Sanherib Tributzahlungen (nach biblischen und assyrischen Quellen) und sieht gar keine andere Möglichkeit, als sich Sanherib zu unterwerfen. Die als „Rettung“ wahrgenommene Verschonung Jerusalems stellt also nur einen scheinbaren Erfolg dar. De facto hat Juda eine gravierende Niederlage erlitten durch die Reduzierung seines Gebietes auf Jerusalem und das unmittelbare Umland, gemäß der üblichen Strafmaßnahmen der Assyrer. Hiskia regiert nur über Jerusalem als Stadtstaat, seiner wirtschaftlich und verkehrstechnisch bedeutsamen Gebiete beraubt (Schmitz, 107). Häufig werden im Laufe der Geschichte Israels die Hoffnungen des Volkes enttäuscht, die es jeweils in einen König wie Hiskia investiert hat.

Kritisch, mahnend und warnend erhebt sich immer wieder die Stimme eines Propheten wie Jesaja gegen die Art und Weise der Regentschaft eines Königs, im Falle Hiskias – gegen außenpolitische Allianzen, welche Sicherheit und Wohl des eigenen Landes aufs Spiel setzen. Prophetische Weisheit und unbequeme Wahrheit wird allerdings verschleiert durch Legenden, die trügerisch suggerieren, dass nicht nur der König agiert, sondern vielmehr Jahwe durch einen Engel eingreift. Viele Menschen glauben, was sie glauben wollen; vertrauen darauf, dass jemand oder etwas sie entlastet.

Legendenhafter Überlieferung widerspricht das historische Geschehen; doch ist dieser Widerspruch zwischen Fiktion und Tatsachen, Wunschdenken und Realität, in der Religion lebensnotwendig. Den außen- und auch innenpolitischen Widerständen zum Trotz entwickelt die fromme Vorstellungskraft die Botschaft von Geburt und Inthronisation eines Herrschers davidischer Herkunft. Amtsübernahme und Verleihung der Thronnamen sind ägyptischen Vorbildern entlehnt (Beuken, 249–253; Roberts, 150–153). Die Namen zeugen von enormer Erwartungshaltung und unerschütterlicher Hoffnung; sie geben einen Einblick in die Art der Regentschaft:

„Wunderbarer Ratgeber – Mächtiger Gott – Vater auf ewig – Friedensfürst“ (cf. Roberts, 144).

Der erste Name betont des Königs Weisheit als Ratgeber; der zweite Name verleiht der Macht des neuen Königs Ausdruck; der dritte Name verweist auf eine lange Regierungszeit des Königs als Vater und Beschützer seines Volkes, und der vierte Name garantiert Sicherheit und Frieden, verbunden mit dieser Königsherrschaft (cf. Roberts, 151–152).

In Ägypten werden nach der göttlichen Geburt eines Pharao die Namen bei der Krönungszeremonie und Thronbesteigung verkündet; sie sind denen, die Jesaja dem König in Juda verleiht, ungefähr vergleichbar (cf. Roberts, 151). Auch dort erhofft sich das Volk einen Herrscher, der für das Recht einsteht, soziale Gerechtigkeit walten lässt und Kraft seiner Autorität mit Nachbarvölkern Frieden schließt. In jeder Nation sind Menschen angewiesen auf eine Regierung, die es dem Einzelnen und der Gesellschaft ermöglicht, dass Gesetze eingehalten und soziale und wirtschaftliche Grundlagen existieren und bewahrt werden.

Die davidische Dynastie genießt ein hohes Ansehen in der biblischen Überlieferung. Kein Wunder also, dass Jesaja einen Spross aus diesem Herrschaftshaus verkündet: die Geburt eines Kindes – ein Sohn ist uns geschenkt. Nicht der Stock eines versklavenden Antreibers, sondern eigene Macht und Herrschaft ruht auf seiner Schulter. Der Thron Davids und sein Königreich werden erneuert. Wer aber das Kind mit dem amtierenden König Hiskia identifiziert, wird enttäuscht: Er ist zwar ein bemühter, aber kein idealer König; er hat im Letzten die großen Hoffnungen auf eine dauerhafte Stabilisierung eines gerechten und friedvollen Königtums nicht erfüllt. Es fehlt ihm die Persönlichkeit für das hohe Amt. Die von den Weisen Israels empfundene Enttäuschung führt zur Verschiebung der Verheißung des Jesaja auf die „eschatologische“ Ebene, in die Dimension des Letzten (cf. Gradwohl, 154), wovon man hofft, dass es „wie von selbst“ („automatisch“) kommt – religiös gesprochen: aus der Kraft des Höchsten, personifiziert in Gestalt des göttlichen Kindes.

Mit ihm verbinden Judentum wie Christentum eine Herrschaft des Rechts, der Gerechtigkeit, des Friedens und der Toleranz. Doch sind wir von der Verwirklichung dieser Verheißung weit entfernt: Es strahlt kein überirdisches Licht; „die Finsternis auf Erden ist übermächtig“. Wer die Wirklichkeit nicht völlig ausblendet, wird das nicht bestreiten. Verhältnismäßig wenige Menschen wagen es, etwas zu verändern; die meisten verdrängen den Mangel an sozialer Gerechtigkeit, obwohl „jeder es zutiefst beklagt“ (Gradwohl, 155).

Allerdings ist die Frage nach sozialer Gerechtigkeit durchaus abhängig von der Perspektive dessen, der persönlich davon betroffen ist, und es gibt die Ansicht derer, die sich damit beschäftigen. Es gibt wiederum unterschiedliche Gründe und Ursachen, nach sozialer Gerechtigkeit zu fragen, wie es auch verschiedene Einstellungen und Haltungen gegenüber Menschen in Not gibt. Bei der Flüchtlingsfrage liegen Welten zwischen den jeweiligen Sichtweisen, und sogar die Beweggründe differieren allzumal.

Bei aller vorhandenen Komplexität dürfte es unstrittig sein, dass die unmenschlichen Zustände bei Menschen, die unter Diktaturen oder Militärregimen täglich um ihre Existenz fürchten müssen, so viel Furcht um ihr Leben auslösen, dass sie bereit sind, ihre Heimat unter großer Gefahr zu verlassen. Sie riskieren die Überfahrt in völlig überfüllten Schlauchbooten, um der Hölle eines Bürgerkrieges zu entkommen. Die Bereitschaft, solche Flüchtlinge in Deutschland aufzunehmen, ist relativ groß; nur über die Anzahl wird diskutiert; zum Teil reagieren Bundesbürger mit Angst vor zu vielen Migranten.

Umstritten bleibt die Frage nach dem Verbleib der Flüchtlinge, die aus wirtschaftlichen Interessen nach Europa, speziell nach Deutschland kommen. Bundeskanzlerin Angela Merkel schlägt vor, dass die Bundesregierung mit afrikanischen Ländern Kontingente vereinbart, wonach eine bestimmte Anzahl von Menschen hier studieren oder arbeiten kann. Allerdings müssen es vornehmlich Berufe sein, die wir bei uns dringend benötigen, wie z.B. Pflegekräfte. Da wir faktisch schon seit Jahrzehnten Einwanderungsland sind, ist diese Aufnahmebereitschaft im Grunde nichts Neues. Deutschland ist neben den USA inzwischen das zweitbeliebteste Einwanderungsland der Welt. (Guten Überblick und hilfreiche Informationen gibt Die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, 11012 Berlin, www.integrationsbeauftragte.de, Stand Mai 2016.)

Eine Gegenposition vertritt die AfD (Alternative für Deutschland); zwar bildet sie als Partei noch keine wirklich geschlossene Einheit, doch hat sie immerhin den Einzug in den deutschen Bundestag erreicht. Ihre neuen politischen Möglichkeiten wird die AfD nutzen, um noch wirksamer Einfluss zu nehmen auf soziale und wirtschaftliche Unzufriedenheit einzelner Bürger und bestimmter Gruppen in unserer Gesellschaft. Außerdem bilden gewisse Anschauungen dieser Partei oder einiger ihrer Vertreter den Nährboden für nationalistische, rechtsradikale und nationalsozialistische Tendenzen. Durch Parolen wie „Deutschland den Deutschen!“ brachte ein einflussreiches Parteimitglied die AfD in Misskredit und erhielt deswegen eine Abmahnung. Ob die Maßregelung seitens des Bundesvorstandes nun aus Überzeugung erfolgt oder nicht vielmehr einem pragmatischen Kalkül entspricht, sei dahin gestellt.

Es ist eine traurige Tatsache, dass der Antisemitismus in Deutschland seit Jahren wieder arg zunimmt; oft versteckt er sich hinter einer allgemeinen Ausländer- oder Fremdenfeindlichkeit. Konkret wirkt er, indem man jüdische Gräber schändet oder Flüchtlingsheime anzündet. Offiziell grenzt sich eine Partei wie die AfD gegenüber antisemitischen oder gar rassistischen Anschauungen ab, andernfalls hätte sie verfassungsrechtlich ihre Existenz verwirkt. Aber in rechtsextremistischen, nationalistischen Kreisen stößt sie auf Gegenliebe, weil diese sich – mit oder ohne Zustimmung der AfD – bestärkt fühlen. Sie spüren das Potential für eine „sozialpolitische“ Einstellung, die nur „den Deutschen“, nicht aber den Migranten, Asylanten oder Flüchtlingen gilt. Die wirtschaftliche Sicherheit scheint in den Augen vieler Bürger nicht mehr gewährleistet, weshalb ihre Zufriedenheit deutlich abnimmt, in Unmut umschlägt und sich in Aggressionen äußert.

Häufig wird gesagt: „Ich habe nichts gegen Ausländer, aber …“ Manche Bürger differenzieren; ihre Ablehnung gleicht keineswegs einem Pauschalurteil. Aber allen Ressentiments ist gemeinsam, dass sie durch Angst und Neid motiviert sind. Dabei spielen Vorurteile und einschlägige Erfahrungen eine wichtige Rolle. Man glaubt, dass Flüchtlingen und Asylanten hier alles von der Regierung geschenkt wird. Deutsche haben für ihren Wohlstand hart arbeiten müssen. Bei uns wird Besitzstandwahrung sehr groß geschrieben. Für viele Bundesbürger ist es unvorstellbar, dass Menschen von weit her bei uns ohne Gegenleistung versorgt werden. Natürlich tut es ihnen leid, was in den Herkunftsländern der Flüchtlinge geschieht; sie seien teilweise aber auch selbst schuld daran, meinen einige Bürger.

Nun sind Recht und Gerechtigkeit zentrale Begriffe der hebräischen Bibel (des Ersten Testaments), und der erwartete Nachkomme Davids soll sein Königreich bereiten und es stützen auf der Basis von Recht und Gerechtigkeit. Nur dann wird für immer Frieden sein. Offensichtlich erhofft sich niemand die Verwirklichung durch einen gewöhnlichen Herrscher; stattdessen belegt man einen imaginären König mit göttlichen Attributen und verschiebt damit die Realisierung dessen, was jetzt dringend notwendig ist, auf ein unbestimmtes Irgendwann.

Entgegen aller gewohnten Harmonisierung zur pflichtgemäßen und freilich auch ersehnten „Frohen Weihnacht“, zur Einstimmung auf das „Frohe Fest“ – allem Festtagsgehabe zum Trotz, wirken Worte des Rabbiners Roland Gradwohl und des Pfarrers Martin K. Reinel desillusionierend: „Das Gotteslicht strahlt nicht, die Finsternis auf Erden ist übermächtig. Keiner kann es bestreiten“ (Gradwohl, 155; Predigtmeditationen im christlich-jüdischen Kontext, 27).

Es ist wichtig, sich weder von den irdischen, materiellen Lichtern zu Weihnachten noch von einem herbeigesehnten göttlichen Licht blenden zu lassen, weil das eine wie das andere die Blicke ablenkt von dem mannigfaltigen Elend in dieser Welt. Nur wo das Licht die Finsternis aufzubrechen vermag, wo uns selbst gleichsam ein Licht aufgeht und wir uns mutig der Düsternis stellen, ist das Licht mehr als ein Symbol. Es gibt Menschen – auch Deutsche, die sich der Opfer des organisierten Hungers und der dadurch an Seuchen und todbringenden Krankheiten Leidenden annehmen, in Afrika und Asien. Vielen Menschen in unserer Wohlstandsgesellschaft fehlt der Wille, aber auch die Widerstandskraft für ein solches Engagement. Kürzlich habe ich aber in der Sendung „Ein Herz für Kinder“ eine ältere Dame erlebt, die mit über 70 Jahren Kindergärten und Schulen in einer Region Afrikas aufbaut, um den Kindern dort Bildung und die Chance eines Studiums zu bieten.

Ein Gedanke Dietrich Bonhoeffers bringt das Entscheidende auf den Punkt (mit meinen Worten gesagt): Bevor ich auf die „letzten Dinge“ schaue, möchte ich zunächst das Vorletzte anpacken. Ich sollte nicht „gläubig“ darauf warten, dass sich irgendwann eine göttliche Gestalt der Probleme dieser Welt annimmt, Frieden schafft, Gerechtigkeit übt und sein eigenes Reich aufrichtet. Bis dahin könnte sich nämlich der größte Teil der Menschheit gegenseitig ausgerottet haben, indem Diktatoren und geldgierige Reiche unseren Planeten bis ultimo ausgebeutet und verseucht haben. Bis dahin hätten sich die mächtigsten Nationen aus gegenseitiger Angst vor der Vorherrschaft der anderen in einen unvorstellbaren Weltkrieg verwickelt, der nur Verlierer hervorbringt.

Es wird immer wieder behauptet, dass der Mensch seine Schwierigkeiten allein, ohne göttliche Hilfe, nicht bewältigen könne. Nun, erstens hat er sie mit „Gott“ seit Jahrtausenden auch nicht gelöst, und zweitens gibt es auch gute Entwicklungen und Fortschritte auf vielen Gebieten. Die Buchreligionen (Judentum, Christentum, Islam) reden sehr anthropomorph (menschenähnlich) von ihrem „Gott“; vermutlich sind „Gott“ und Mensch, Göttliches und Menschliches gar nicht voneinander zu trennen.

Wir sollten unseren Kindern, aber auch uns Erwachsenen untereinander viel mehr Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen vermitteln, als das bisher der Fall war. Gerade zu Weihnachten besteht die Chance, sich daran zu erinnern, dass wir alle, Groß und Klein, bedeutende Lichter sind. Ich muss keine große Leuchte sein, aber ich habe etwas Lichtvolles, Glanzvolles in mir, das Menschen, die einsam oder in Not sind, zu erhellen vermag. In unserer Gesellschaft wird so viel voneinander erwartet und manches sofort heftig kritisiert, wenn es den Erwartungen nicht entspricht. Ein ehrlich gemeintes Kompliment, ein Lob für gelungene Arbeit oder auch einfach für das offenkundige Bemühen – solches, im Grunde nicht weiter schwierige Verhalten würde Licht und Wärme spenden in der Gemeinschaft.

Eine Geste der Wertschätzung auch Menschen gegenüber, die an sich selbst zweifeln; ein offenes, klares Wort, wo Schönreden oder Verdrängen praktiziert wird; zwielichtige Verhältnisse einsehbar und durchsichtig werden lassen, damit man – bei Licht besehen – neue Möglichkeiten erkennt.

Wir in Deutschland, die Europäische Gemeinschaft, die Großmächte, die Nationen auf der ganzen Welt, auch die Militärdiktaturen – wir Menschen als Gattung –, wir müssen noch viel mehr lernen, dass unser Überleben von der Bereitschaft zur gegenseitigen Anerkennung, Wertschätzung und zur Kooperation abhängt. Dazu gehört die gemeinsame Zielsetzung, den blauen Planeten Erde auch für künftige Generationen als bewohnbar zu erhalten.

Gerade weil das göttliche Licht („das Letzte“) noch ausbleibt, ist es bedeutsam, dass wir Verhältnisse schaffen, in denen Unrecht oder Böses nicht verschleiert oder verdunkelt, sondern ans Licht gebracht wird. Man mag mit Recht die Medien wegen ihrer mitunter einseitigen Berichterstattung oder wegen einzelner Kommentare kritisieren, aber oftmals ist ihre Arbeit für die Erhellung der Angelegenheiten wertvoll. Die moralischen Zeigefinger in der Gesellschaft sollten aber nicht nur auf Persönlichkeiten zeigen, die im Rampenlicht der Öffentlichkeit stehen, sondern auch selbstkritisch auf sich selbst.

Weihnachten kann sinnvoll werden, wenn wir anfangen zu akzeptieren, dass wir widersprüchlich sind: Finsternis und Licht in einem. Der Arzt und Gründer der Tiefenpsychologie, Carl Gustav Jung, sprach deshalb vom „Schatten“ im Menschen, den wir annehmen müssen. Wenn ich lerne, mit den dunklen Seiten meines Lebens klarzukommen, vermag ich die lichtvollen Momente zu sehen und erkenne sogar mein eigenes Licht. Wenn jemand dieses Licht in sich spürt, entwickelt er das Bedürfnis, damit denen den Weg zu weisen, die im Dunkeln tappen oder deren Leben von Finsternis durchdrungen ist.

Amen.

Zusätzliche Medien: Übersetzungen n. Zürcher Bibel (2007); Roland Gradwohl: Bibelauslegungen aus jüdischen Quellen, Bd. 2 (1987), 139–155: 139; Willem A.M. Beuken: Jesaja 1–12, HThK AT (2003), Teil II (6.) Der Epilog – Jesaja 8,19–9,6: Ein großes Licht für das Volk in Düsternis (233–257): Übersetzung, 234–235; Jimmy J.M. Roberts: First Isaiah. A Commentary, hg.v. Peter Machinist (2015), 144–156; Barbara Schmitz: Geschichte Israels (2., aktual. Aufl. 2015): König Hiskija, 104–109; Predigtmeditationen im christlich-jüdischen Kontext. Zur Perikopenreihe IV (2005): Heiligabend: Jes 9,1–6 (Martin K. Reinel), 23–28; Melanie Amann: Angst für Deutschland. Die Wahrheit über die AfD: wo sie herkommt, wer sie führt, wohin sie steuert (2017).



Pfarrer Thomas Bautz
Bonn
E-Mail: thomas.bautz@ekir.de

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