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ISSN 2195-3171





Göttinger Predigten im Internet hg. von U. Nembach

Heilig Abend - Christnacht, 24.12.2017

Gott mit uns?!
Predigt zu Jesaja 7:10-14, verfasst von Sven Keppler

  1. Ja, ist das denn nicht verboten? Der Mann will in religiösen Dingen keinen Fehler begehen. Deshalb versucht er sich so zu verhalten, wie die Regeln es vorschreiben.

Er hält sich nicht an die Traditionen, weil er sie liebt. Er spürt nicht die besondere Kraft, die alte Bräuche entfalten können. Wie zum Beispiel jetzt in der Weihnachtszeit: der Weihnachtsschmuck, das Miteinander in Familie und Freundeskreis, die altvertrauten Lieder.

Der Mann versucht auch nicht, die Traditionen lebendig zu halten, indem er sie der Mode anpasst. So wie diejenigen, die den geschmückten Baum schon mitten im Advent aufstellen. Die Platten mit Weihnachtspop hören und für die ein Adventsmarkt eine gut gelaunte Party ist.

Der Mann hat ein ganz äußerliches Verhältnis zu den überlieferten Regeln. Ihm ist Gott im Laufe seines Lebens fremd geworden. Das Beten hat er mit der Zeit verlernt. Kann man wirklich noch an einen Gott glauben, der auf die Worte von Menschen hört? An einen persönlichen Gott, mit dem man eine Beziehung haben kann? Steht das Wort Gott nicht vielmehr für eine abstrakte Ordnungskraft, welche die Welt am Anfang ins Laufen gebracht hat? Eine Macht, ein Prinzip?

Ja, der Mann glaubt schon, dass da irgendetwas ist, was wir uns nicht erklären können. Über das wir aber auch nichts allzu Genaues sagen können. Zu dem wir auch keine lebendige Beziehung gewinnen können. Der Mann will den Glauben der Anderen respektieren. Der beste Weg dazu, denkt er, ist die äußerliche Einhaltung der überlieferten Regeln. Auch wenn ihm das innere Verhältnis dazu fehlt.

 

Der Mann war ein König in Jerusalem. Sein Land wurde bedrängt von Feinden aus dem Norden und Osten. Würde es eine Zukunft geben? Oder würde sein Staat im bevorstehenden Krieg untergehen? Der König war gelähmt vor Angst.

In dieser Situation ermutigte ihn sein Berater Jesaja: „Fordere ein Zeichen von Gott!“ Aber der König, dem Gott fremd geworden war, sperrte sich. „Das ist doch verboten! Wer ein Zeichen von Gott fordert, fordert Gott heraus. Das bringt Unglück. Ich bleibe den überlieferten Regeln treu und sage Nein!“ – „Dann wird der lebendige Gott Dir selbst ein Zeichen geben“, antwortete Jesaja ungehalten. Hören Sie, was das Jesajabuch im 7. Kapitel von dieser Auseinandersetzung berichtet:

Der Herr redete abermals zu König Ahas und sprach: Fordere dir ein Zeichen vom Herrn, deinem Gott, es sei drunten in der Tiefe oder droben in der Höhe! Aber Ahas sprach: Ich will's nicht fordern, damit ich den Herrn nicht versuche. Da sprach Jesaja: Wohlan, so hört, ihr vom Hause David: Ist's euch zu wenig, dass ihr Menschen müde macht? Müsst ihr auch meinen Gott müde machen? Darum wird euch der Herr selbst ein Zeichen geben: Siehe, die junge Frau wird schwanger werden und einen Sohn gebären, den sollst Du nennen ‚Immanuel‘, das heißt: ‚Gott mit uns‘.

Jesaja sagte aller Kriegsgefahr zum Trotz eine glückliche Zukunft voraus: Das Kind Immanuel war vermutlich der erhoffte Erbe des Königs. Ein Thronfolger sollte geboren werden! Noch bevor dieser Immanuel groß sein würde, sollten die Feinde am Boden liegen. Das Land der Gegner, die jetzt so mächtig waren, würde dann von einer noch stärkeren Macht verwüstet sein. Israel dagegen würde in Sicherheit leben können.

König Ahas stand vor einer Alternative: Entweder er würde sein distanziertes Verhältnis zu Gott behalten. Die Haltung, die auch viele moderne Menschen prägt. Er würde weiter die überlieferten Regeln beachten. Die Form wahren und so seinen mürbe gewordenen Glauben überspielen. – Oder er würde es wagen, sich auf den lebendigen, persönlichen Gott einzulassen. Auf den Gott, der uns auf unerwartete Weise nahe kommen kann. Den „Gott mit uns“. Den Gott, der Rettung verspricht.

 

Musik

 

II.

Wer Gott im Vorhersehbaren sucht, dürfte meistens enttäuscht werden. Der Gott der Bibel ist alles andere als ausrechenbar. In der Regel mag es noch so verboten sein, von ihm ein Zeichen zu fordern. Aber in einem bestimmten Moment fordert er sogar selbst dazu auf.

Der Gott der Bibel ist immer wieder unglaublich unkonventionell. Er lässt einen Hirten zum König werden. Durch eine Prostituierte ermöglicht er, dass Israel das Land Kanaan erobert. Und Gottes Engel begegnet in Gestalt eines Esels.

Die Weihnachtsgeschichte ist das beste Beispiel dafür. So überraschend, ja anstößig kann es zugehen, wenn Gottes Pläne die Erwartungen der Welt durchkreuzen. Da ist eine junge Frau. Ein Teenager. Verlobt mit einem durchaus älteren Mann. Und diese junge Frau wird unerklärlich schwanger.

Das klingt ungut nach den Sitten, von denen heute noch die Flüchtlinge aus dem Nahen Osten berichten: frühe Verlobungen, arrangierte Ehen, jugendliche Mutterschaft. Und dann die Umstände der Niederkunft. Fern der Heimat, in einer Notunterkunft. Kurz danach muss die junge Familie auch noch außer Landes fliehen, weil sie von einem Gewaltherrscher verfolgt wird. Auf diese Weise soll der Messias zur Welt gekommen sein? Der ersehnte Retter? Der große König, durch den Gott mit allen Menschen neu anfangen will?

Dieser unkonventionelle, dieser lebendige Gott wirkt in unserer aufs Spontane gestimmten Zeit wahrscheinlich sogar besonders sympathisch. Aber werden die Berichte von solchen Gotteserfahrungen dadurch glaubwürdiger? Neigen wir da nicht eher zur Skepsis des Königs Ahas?

Man kennt die biblischen Geschichten, in denen Menschen Erfahrungen mit Gott machen. In denen Gott völlig überraschend in das Leben von Menschen eingreift. Sie herausfordert. Manchmal erschüttert. Manchmal beglückt oder befreit. Das Leben dieser Menschen bekommt dadurch oft eine andere Richtung. Einen entscheidenden Anstoß.

Aber sind das nicht Botschaften aus einer untergegangenen Welt? Teile einer Tradition, auf die wir mit aufgeklärter oder sogar ironischer Distanz blicken? Zumindest mit einem irritierten Gefühl von Fremdheit. Die Gottheit soll ein überraschendes Gegenüber sein, mit dem ich persönliche Erfahrungen machen kann?

 

Musik

 

III. Liebe Gemeinde, wir müssen Gott nun einmal so nehmen, wie er ist. Anders bekommen wir ihn nicht. Gott ist nicht ausrechenbar. Er kann in kein System gepresst werden. Weder in eine ausgefeilte Dogmatik noch in eine wohlanständige Moral.

Erfahrungen mit Gott sind eher von der Art, dass man dabei vom Pferd fällt. Dass man sich plötzlich vorkommt, als wäre man blind gewesen. Und dann fällt es einem wie Schuppen von den Augen. Oder man hat sich immer danach gesehnt, Gott zu begegnen. Hat einen Sturm erwartet, der das eigene Leben gründlich durchpustet. Und dann spürt man plötzlich Gottes Gegenwart. Und sie ist wie ein leises, lyrisches Flüstern.

Gewiss, Gott ist auch eine unsichtbare Kraft. Ein Weltprinzip. Aber er ist kein ausrechenbares Gesetz. Auch heute berichten immer wieder Menschen davon, dass sie Gottes Nähe gespürt haben. Und dass sie dann plötzlich gewusst haben: Jetzt ist es Zeit für eine Entscheidung. Jetzt ist der Punkt, wo sich mein Leben verändert. Manchmal ganz grundsätzlich. Manchmal aber auch in einem ganz konkreten, vielleicht sogar eher unscheinbaren Schritt.

Dann stellt sich jedoch die Frage: Ist das wirklich Gott, der mir da gerade begegnet ist? Diese Frage ist erlaubt und berechtigt. Denken Sie an das Beispiel von König Ahas: Woher sollte er wissen, ob es wirklich Gott war, der ihn ermutigte ein Zeichen zu fordern? Hätte es nicht auch der Versucher sein können, der ihm diesen Rat eingefüstert hat?

Liebe Festgemeinde: Wenn Sie sich einmal eine solche Frage stellen, dann denken Sie an die Weihnachtsgeschichte. Die zeigt nämlich, was dann hilft. Von Jesus wurde erzählt, dass er auf wundersame Weise zur Welt gekommen war. Arm, aber doch ein Königskind. Sohn einer geheimnisvollen jungen Frau. Vielleicht sogar einer Jungfrau. Klingt das nicht bedenklich nach den mythischen Helden Griechenlands? Nach Leda und dem Schwan oder Europa und dem Stier? Konnte, sollte man so etwas glauben?

Hier schlug plötzlich die Stunde der Überlieferung. Denn wer mit einem authentischen Anliegen die Tradition befragt, entdeckt ihre lebendige Kraft. Die ersten Christen durchforschten ihre Bibel und fanden die Stelle, die heute unser Predigttext ist. Jesajas Verheißung der geheimnisvollen jungen Frau, die schwanger werden sollte. Keine griechische Götterfabel. Sondern zutiefst biblisch. Und plötzlich wieder brennend aktuell.

Der Sohn dieser Frau soll Frieden und Rettung bringen. In der hebräischen Bibel wird sie eine junge Frau genannt. In der griechischen Übersetzung gilt sie als Jungfrau. In jedem Fall umgibt sie ein Geheimnis, das nicht so einfach zu lüften ist. Und dieses Geheimnis hat mit Gottes Heilswillen zu tun.

Liebe Besucherinnen und Besucher hier im Gottesdienst: Auch Ihnen will Gott nahe kommen. Auch mit Ihnen will er in eine Beziehung treten. Dazu ist er Mensch geworden. Auch Ihnen kann dann die Frage kommen: Ist das jetzt wirklich Gott, der etwas von mir will? Oder steckt dahinter etwas ganz anderes?

Dann können Sie es genauso tun, wie die vielen Christinnen und Christen vor Ihnen. Lesen Sie in Ihrer Bibel. Mit Ihrer ganz eigenen Frage, die Sie gerade bewegt. Hören Sie aufmerksam hin, ob ein Wort Sie anspricht. Ob Sie darin eine Antwort auf Ihre Frage finden. Sie werden auf Dauer nicht ohne Antwort bleiben. Wenn das geschieht, dann sind sie ganz nah dran am Wunder der Weihnacht. Es heißt: Immanuel. Gott ist mit uns. Amen.



Pfarrer Dr. Sven Keppler
Versmold
E-Mail: sven.keppler@kk-ekvw.de

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